Täter im Rausch

Eine Frage, die die Menschheit seit Ewigkeiten beschäftigt, auf gruselige Weise fasziniert und immer wieder erfolgsversprechende Veröffentlichungen, zuletzt unter anderem durch diverse True-Crime-Podcasts und -Dokumentationen, samt begleitender Bucherscheinungen hervorbringt, ist jene nach dem „Warum?“ Warum wird ein Mensch zum Täter, zur Täterin; zur Mörderin oder häufiger zum Mörder. Diese Frage stellt im Hintergrund auch der bislang letzte Spielfilm von Rosa von Praunheim Darkroom – Tödliche Tropfen, der auf dem wahren Fall des so genannten Berliner Darkroom-Mörders aus dem Jahr 2012 basiert. 

Mord durch Zufall

Dabei folgt der Film vor allem der Perspektive des Täters Lars (Božidar Kocevski), einem Krankenpfleger aus Saarbrücken. Dort lernt er, der bei seiner erzkonservativen und ihn vereinnahmenden Großmutter (Christiane Ziehl) lebt, in der Schwulenbar „Madame“ den gelockten und singenden Roland (eher schwach: Heiner Bomhard) kennen. Die beiden verlieben sich ineinander und ziehen nach einiger Zeit gemeinsam nach Berlin, wo sie eine offene Beziehung führen. Bei einem Quickie im Park kommt Lars in Berührung mit GBL/Felgenreiniger, was ohne Alkohol einen soliden Rausch auslöst, mit Alkohol jedoch schnell tödlich ausgehen kann.

Lars lernt im Saarbrücker Szenelokal „Madame“ Bastian (Bardo Böhlefeld, re.), Manuel (Lucas Rennebach, li.) und Roland (Heiner Bomhard, Mi.) kennen, mit dem er eine Beziehung eingeht. // © missingFILMs/Foto: SR

Seinen ersten Mord in diesem Zusammenhang verübt Lars kurz darauf an Bastian (überzeugend: Bardo Böhlefeld), einem ehemaligen und wenig geschätzten Bekannten; im Anschluss sollen es eher Zufallsbekanntschaften sein, die er in kurzer Zeit tötet oder versucht sie zu töten. Die Polizei ermittelt zügig, doch Lars kann sich nicht mehr stoppen und geht weiter seinen dunklen Weg, bis er schließlich gefasst und vor Gericht gestellt wird.

Ambivalenzen allerorten

Darkroom – Tödliche Tropfen spielt auf verschiedenen Zeiteben, springt immer mal hin und her. Da sind die Zeit in Saarbrücken, der Beginn in Berlin, die Zeit des Mordens und die Gerichtsverhandlung, in der Katy Karrenbauer als Staatsanwältin eine Leistung bringt, die irgendwo zwischen Kammerspiel-Karikatur und Thriller angelegt ist und definitiv zu unterhalten weiß. Wie auch der ganze Film in seinem Stil zwischen natürlichem Thriller-Drama und an Derek Jarman erinnernder überstilisierter, bühnenhafter Künstlichkeit wechselt. 

Lars (Bozidar Kocevski, li.) findet seine Opfer (Pierre Emö, re.) im Berliner Nachtleben und im Netz // © missingFILMs/Foto: SR

Das jedoch nicht planlos, der Wechsel zwischen „offenen“ und „geschlossenen“ Szenen ergibt Sinn und fügt sich in das nicht chronologische, aber doch aufschlussreiche Narrativ, in welchem Lars an mancher Stelle auch als Erzähler agiert und zwar in einer Form, als würde er im Kopf Selbstgespräche führen. Rosa von Praunheim, der gemeinsam mit Uta Eisenhardt, die 2012 über das Gerichtsverfahren berichtete und eine unveröffentlichte Reportage zu dem Fall verfasste, das Drehbuch schrieb, tappt jedoch nicht in die Falle einer Überpsychologisierung des Ganzen. Er lässt Raum für eigene Interpretationen und so manche Ambivalenzen.

Gerade in Momenten, in denen wir Zuschauende feststellen, dass auch Lars nicht begeistert von seinen Taten zu sein scheint, aber ebenso wenig aufhören kann, beinahe erstaunt über sein Handeln ist (und auch Fehler begeht, die so wirken, als wolle da jemand gefasst werden), fragen wir uns sicherlich: Wie viel Verzweiflung über die eigene seelische und menschliche Dunkelheit ist da in ihm?

Was ist die Motivation für Lars‘ (Bozidar Kocevski) Handeln? Warum sollte ein Mann, der ein perfektes Leben führt, so etwas tun? Nicht alles ist so, wie es scheint // © missingFILMs/Foto: SR

Herausfordernd und sehenswert

Natürlich lässt sich all dies nicht mit einer schweren Kindheit und Jugend, einer teils nahezu toxisch anmutenden Beziehung (sein Partner Roland ist durchweg unsympathisch und wenn er am Ende sagt, er kannte diesen Täter-Lars nie, dann ist da so viel Verdrängung wie ein Es-Sich-Einfach-Machen dabei) und der Unzufriedenheit mit der eigenen Mittelmäßigkeit erklären. So deutet auch Darkroom immer nur an, wo die Wurzel des Übels liegen könnte, nicht zuletzt auch im Plädoyer der Staatsanwältin, wenn sie sagt: „Das Einzige, was er bedauert, ist seine Person.“ Entschuldigend ist der Film nie, aber er zeichnet auch nicht einfach nur ein Monster an die Wand.

Eine weitere Ebene hat der Film, wenn Freunde und Verwandte der Opfer oder Überlebende zu Wort kommen. Das geschieht natürlich in der Gerichtsverhandlung, aber auch in Interviewszenen, die beinahe dokumentarischen Charakter haben (ein weiteres Formspiel von Praunheims). Durch diese Perspektive werden wir ein wenig herumgewirbelt, sehen wir doch die anderen gut Zweidrittel des Films eben aus der Perspektive des Täters.

Die Staatsanwältin (Katy Karrenbauer) fordert eine lebenslange Haftstrafe für Lars // © missingFILMs Foto: SR

Damit arbeitet Rosa von Praunheim in Darkroom immer wieder mit Nähe und Distanz, gibt den Taten und ihrer Wirkung noch eine weitere emotionale Nuance und uns mehr zum Nachdenken, ja Verarbeiten. Denn die Vielschichtigkeit, beziehungsweise die erwähnten Ambivalenzen, müssen ausgehalten werden wollen. Für jene, die das können und wollen, ist Darkroom ein empfehlens- und sehenswerter Film.

JW

Darkroom  – Tödliche Tropfen läuft am 20. Oktober um 23:00 Uhr als Erstausstrahlung bei arte. In der arte-Mediathek ist er vom 19. Oktober bis zum 18. November 2021 verfügbar

Darkroom – Tödliche Tropfen; Deutschland, 2019; Regie: Rosa von Praunheim; Drehbuch: Rosa von Praunheim, Nico Woche, Uta Eisenhardt; Kamera: Lorenz Haarmann; Musik: Heiner Bomhard, Andreas Wolter, Lars Niekisch; Darstellende: Božidar Kocevski, Heiner Bomhard, Lucas Rennebach, Bardo Böhlefeld, Katy Karrenbauer, Christian Dieterle, Christian Ziehl, Konstantin Bez, Bastian von Bömches, Janina Elkin, Hendrik Heutmann, Henry Morales, Marina Erdmann; Laufzeit: 89 Minuten; FSK 16; Rosa von Praunheim Filmproduktion in Koproduktion mit SR, RBB, ARTE gefördert von BKM

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