This Drag might not be for us

Puh… das war eine Reise auf einer sehr holprigen Straße. Die neue ZDFneo-Sitcom The Drag and Us, die seit heute Vormittag in der ZDF-Mediathek verfügbar ist und ab heute Nacht auch linear auf ZDFneo ausgestrahlt werden wird, ist… schwierig. Zunächst einmal ist es begrüßenswert, dass auch eine als klassische Sitcom angelegte Serie sich einer queeren Thematik und Hauptfigur widmet und dies nicht nur Programme tun, die eine sehr eng definierte Zielgruppe haben. Dann wiederum ist dieser Sitcom-Versuch leider oft unlustig, krampfig und an mancher Stelle schlicht ärgerlich.

Ausgangslage mit Potenzial

Die Ausgangslage der Geschichte ist dabei eine eigentlich recht witzige mit viel Potenzial: Teenager Nikki (Frederic Balonier) vermietet während einer vermeintlichen Klassenfahrt sein Zimmer unter, nicht wissend, dass er es an Dragqueen Cathérine (Ralph Kinkel) gibt. Auch Mutter Franziska (Paula Paul), die nichts von der Vermietung wusste, und sein jüngerer Bruder Freddy (Marwin Haas) staunen nicht schlecht über die neue Untermieterin…

Gekommen, um zu bleiben: Cathérine (Ralph Kinkel) // © ZDF/Walter Wehner

Das Konzept einer mehr oder weniger unerwünschten Person, die in einen Haushalt kommt, ist zwar nicht neu, aber wie erwähnt grundsätzlich eine schöne Basis, um absurde Geschichten, witzige Vorfälle und verrückte Begegnungen zu inszenieren. So haben wir auch nach Sichtung der ersten zwei Folgen vor gut einem Moment geschrieben, dass The Drag and Us zwar noch nicht „Hurra“ rufen lässt, ebensowenig aber auch Entsetzen hervorruft.

Nun, die ersten zwei Folgen waren in ihrer Gesamtheit dann die Erträglichsten, oder geschmeidiger: die Besten. Dabei stören wir uns gar nicht einmal an dem von einigen schon abgeurteilten Sitcom-Konzept mit vom Band kommenden Lachern, so be it, und bei Friends– und How I Met Your Mother-Wiederholungen schalten die Leute ja doch ein. Mal abgesehen von einem recht starken Humormangel ist es jedoch störend bis verstörend, wenn auch an Stellen Lacher eingeblendet werden, an denen einige der Charaktere sich stark homophob bis homofeindlich äußern.

Chaos allenthalben: Christian/Cathérine (Ralph Kinkel), Mutter Franziska (Paula Paul), die Teenager Nikki (Frederic Balonier) und Freddy (Marwin Haas) // © ZDF/Walter Wehner

Ressentiments und Antipathie

Zwar versucht die Serie das in einen Lern-Kontext zu stellen und, wie auch Hauptdarsteller Ralph Kinkel in einem Gespräch erläutert*, ziehen jene am Ende den Kürzeren oder lernen dazu (was aber nicht konsequent umgesetzt wird). Doch hätten die Macher*innen die Möglichkeit gehabt, bei Sprüchen wie jenem von Teenager Nikki „Mutter, der, die, das… hat eine Woche in meinem Bett gepennt?!“ (was noch zu den seichteren Anwürfen der Serie gehört) statt eines semi-verhaltenen, Wir-wollen-doch-wir-können-nicht-so-Lachers auch das berühmte entsetze „Ooooh“ einzuspielen.

Dass diese Chance vertan oder auch ganz bewusst verworfen wurde, lässt unweigerlich den Eindruck entstehen, dass hier eben doch auch mithilfe tiefsitzender Ressentiments Aufmerksamkeit und Unterhaltung gemacht werden soll. Das ist bitter. Sicherlich sollen auch queere Menschen über sich selbst lachen können und ein Klischee gut geschrieben und getimt auszuspielen ist durchaus witzig (da gibt es bei The Drag and Us gerade im Zusammenspiel mit Cathérine und anderen Dragqueens wie Pinay Colada und Barbie aka Catherine Leclery durchaus kleine, feine Momente), doch hier wird mit dem angeranzten Vorschlaghammer teils auf die unterste Schublade gehauen. 

Guten Tag, ich bin der Humorbeauftragte: Hausmeister Volker (Martin Luding, M.) // © ZDF/Walter Wehner

Dazu kommt, dass es so gut wie keine Entwicklung der handelnden Personen gibt. Es scheint immer mal wieder so, aber für die nächste platte „Oh! Cathérine“-Nummer muss die Uhr dann wieder zurückgedreht werden. Der Screwball-Charme, den man hier wohl wollte, stellt sich so nie ein. Denn auch für die abgedrehtesten und abgebrühtesten Geschichten ist es wichtig, seine eigenen Charaktere zu kennen und zu schätzen; das scheint kaum der Fall. Dass Christian/Cathérine dazu noch immerfort der Punching-Ball für die ungelösten, teils imaginierten Probleme der immerfort überforderten, beruflich danebenliegenden, aber auch stark mit ihrer eigenen Unzufriedenheit und einer „Alle sind kacke“-Attitüde befassten Mutter Franziska und der zwei in Ansätzen schrullig-witzigen, im Grunde aber einfach nur entsetzlichen Teenager-Kinder ist, ist zusätzlich ärgerlich. Es erstaunt, dass Christian/Cathérine es nicht vorzieht, in einem Einkaufswagen auf einem stillgelegten Parkplatz zu leben.

Es ist ja nicht alles schlecht…

Vergleichen wir das mit Sitcoms wie Alf oder auch Two and a Half Men, da gab es wenigstens einen Kern an Selbsterkenntnis und vor allem bei Alf auch jenen hier fehlenden Respekt vor den Charakteren UND, ganz wichtig für so eine Familiennummer, sich entwickelnde Zuneigung. Das fehlt hier völlig. Auch die Familie scheint sich untereinander eigentlich nicht zu mögen. Das gibt es zwar, aber dann doch eher in anderen Formaten.

Etwas, das The Drag and Us fehlt: Liebe // © ZDF/Walter Wehner

Was hingegen ein Fest ist, und uns auch über die teils sehr langatmigen, inkongruent geschriebenen acht Folgen getragen hat, ist zum einen die schauspielerische Leistung von Ralph Kinkel, der sowohl als Christian (den wir seltener sehen) als auch als seine Drag-Persona Cathérine überzeugt. Zum anderen sind die Outfits und auch das Make-Up zumeist ganz fantastisch und perfekt inszeniert. Charmant ist auch, dass im Stile der famosen britischen Sitcom Miranda am Ende einiger Folgen zu Dancefloor-Klassikern (nein, wir stören uns nicht daran, dass hier Gloria Gaynor und Co. zum Einsatz kommen, es sind eben Floorfiller) die Beteiligten der Folge mitsingen, tanzen und winken. Wieso aber wird das nicht durchgezogen? Ein Kneipenabend mit Mutter Franzi und Cathérine ist auch recht witzig umgesetzt. Daran ist durchaus zu sehen, dass sicherlich mehr in der ganzen Nummer gesteckt hätte. An mangelnder Begeisterung vieler Beteiligter scheint es nicht gelegen zu haben.

So wird auch Produzentin Gabriele M. Walther, die die Idee zur Serie wohl nach einer Begegnung mit der erwähnten Dragqueen Catherine Leclery** hatte, davon begeistert gewesen sein, hier eine lustige, abstruse Nummer zu kreieren. Nun hat am Drehbuch auch Tom Gerhardt mitgewirkt (bei welchem sie Leclery begegnete) und ja, nun – Hausmeister Krause und so. Und da muss dann doch mal gesagt werden: Die Zeiten Krauseschen Humors sind wohl doch vorüber. Es gibt eben einen Unterschied zwischen altmodisch-retro und gestrig.

Unterm Strich bleibt also eine grundsätzlich charmante Idee, auch jene, ein Publikum an manches heranzuführen, das diesem vielleicht fremd ist. Dass dies unlustig für eine schenkelklopfende Brut im Geiste einer Gerhard Schröder-Gartenparty-Ära gestaltet, oft schlecht getimt (Regie: Franziska Meyer Price) und mit nur wenigen Lichtblicken inszeniert wurde… nun ja. 

QR

* Ein ausführliches Gespräch mit Ralph Kinkel, in dem wir auch über den Ton der Serie, den Aufwand aus ihm Christian und Cathérine zu machen und den Spaß, den es beim Dreh immerhin gab, reden, veröffentlichen wir am Sonntag.

Barkeeperin Pina Colada (Jay Miniano, l.), die glamouröse Cathérine (Ralph Kinkel, M.) und Sängerin Barbie (Catherrine Leclery, r.) // © ZDF/Walter Wehner

** Es freut durchaus, dass wir hier noch ein paar anderen Dragqueens begegnen. Es ist komisch mit The Drag and Us, da so vieles irgendwie nicht zusammenpasst: Eine im besten Sinne teils sehr campy Attitüde, der erwähnte Aufwand bei Make-Up und Kostümen, auf der anderen Seite dieser teils nicht nur plumpe, sondern wirklich triste und ungeniert boshafte „Witz“. Die Beteiligung queerer Personen und doch diese unsaubere Gestaltung queeren Lebens. Sagen wir mal, mit den richtigen Autor*innen könnte mensch da nochmals ran. Wir hätten übrigens Donnerstag und Freitag von fünfzehn bis neunzehn Uhr Zeit. 

The Drag and Us – ab 31.8. in der ZDF-Mediathek und auf ZDFneo // © ZDF/[F] Walter Wehner/[M] Marketing

Die ersten zwei Folgen von The Drag and Us werden heute Nacht ab 23:45 Uhr bei ZDFneo gezeigt, die weiteren sechs Folgen dann jeweils in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch (00:15 Uhr); alle Folgen sind bereits in der ZDF-Mediathek verfügbar.

The Drag and Us; Deutschland, 2021; Regie: Franziska Meyer Price; Drehbuch: Martin Duffy, Gabriele M. Walther, Tom Gerhardt; Kamera: Holger Gatterdam, Silvia Hoffmann, Sylvia Laubscher; Musik: Marco Meister; Kostüme: Ute Pfaffendorf, Annina Goldfuß; Maskenbildnerin: Anna Kunz Darstellende: Ralph Kinkel, Paula Paul, Frederic Balonier, Marwin Haas, Lily-Chi Lück, Robert Lohr, Martin Gruber, Katja Sieder, Pinay Colada/Jay Miniano, Catherine Leclery, Martin Luding, Rüdiger Bach, u. v. a.; 8 Folgen, jeweils ca. 25 Minuten

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