Über Kolonialismus – auch 2021 noch

Der französische Autor und Politiker Aimé Césaire befasste sich bereits 1950 intensiv mit dem Kolonialismus und der Bedeutung kolonialer und Schwarzer Kultur. Sein Werk Über den Kolonialismus ist auch 70 Jahre später noch von brennender Aktualität.

Der Kolonialismus ist ein überaus unrühmlicher Teil europäischer und globaler Geschichte. Umso wichtiger ist es, sich intensiv mit dieser Zeit auseinanderzusetzen, mit den Gräueltaten, die von den Kolonialmächten ausgeübt wurden und mit der Unterdrückung, die die kolonialisierten Völker zu erdulden hatten.

Anfang der 1950er-Jahre verfasste der aus dem französischen Überseedepartement Martinique stammende Autor und Politiker Aimé Césaire sein Traktat Über den Kolonialismus. Bereits 2017 erschien dieses in einer kommentierten Neuausgabe mit einer Vorbemerkung und Anmerkungen von Heribert Becker im Alexander Verlag Berlin. Teil des kleinen Bandes ist darüber hinaus Césaires Rede zur von ihm mitinitiierten Négritude bei der ersten Hemisphärenkonferenz der schwarzen Völker der Diaspora am 26. Februar 1987 in Miami.

Eine kritische Perspektive über den Kolonialismus

Es ist nicht schwer zu erraten, womit sich der 2008 verstorbene Césaire in seinem Pamphlet beschäftigt. Auf hier rund 60 Seiten befasst er sich mit der Rolle und dem (Selbst-)Verständnis von Kolonisatoren und Kolonisierten, mit der Perspektive, mit der vor allem europäische Denker (Frauen schienen im Diskurs Anfang der 1950er-Jahre ohnehin nicht oder zumindest kaum stattzufinden) und mit den Gräueln, die in den damals noch in großer Zahl existierenden Kolonien begangen wurden. Sein Beitrag ist somit eine bedeutende Aufarbeitung der damaligen Debatte und des abfälligen Blicks, mit dem Kolonien aus ihren „Mutterländern“ betrachtet wurden. Gleichzeitig beschäftigt er sich mit den Widerstandsbewegungen gegen die Kolonisatoren, mit dem Erfordernis der Unabhängigkeit und mit der Rolle der Kultur in kolonialem Kontext.

Ganz im Zeichen der Zeit nahm er dabei eine sehr kritische (also sozialistische) Perspektive ein und sieht konsequenterweise nicht zuletzt den Kapitalismus als eine wesentliche Wurzel kolonialen Unheils. Da Martinique, deren Hauptstadt Fort-de-France er von 1945 bis 2001 als Bürgermeister vorstand und das er von 1946 bis 1991 in der Französischen Nationalversammlung für die Kommunistische Partei Frankreichs (KPF) vertrat, bis heute französisches Überseegebiet ist, liegt sein Fokus auf den Kolonien der Grande Nation. Für Frankreich, das bekanntermaßen nur wenige Jahre zuvor selbst von Hitler-Deutschland unterjocht wurde und durch das Vichy-Regime bereits im Mutterland enorme Unterdrückung erfuhr, ist sein Unverständnis über den bis dahin fortgesetzten Kolonialismus umso größer. Dass ganz Europa und die „westliche Welt“ in Über den Kolonialismus nicht gut wegkommen, dürfte klar sein.

All dies wird eingerahmt von einer fabelhaften zeithistorischen Einordnung von Heribert Becker sowie Césaires Perspektive knapp 40 Jahre später in seiner kurzen Rede über die Négritude. Bei letzterer gab es zwischenzeitlich große Erfolge im Streben der Kolonien nach Unabhängigkeit, aber beispielsweise das Apartheidsregime in Südafrika (das bekanntermaßen auch nur noch eine kurze Restlebenszeit hatte) sah er weiter als Menetekel im Bestreben nach Selbstbestimmung. Allerdings handelt es sich hier um alles andere als ein Einsteigerwerk, denn die Tiefe, mit der er die Debatte führt, erfordert ein gewisses Vorwissen, um die volle Tragweite seiner Worte tatsächlich erfassen zu können.

Auch heute Alltag, aber in anderer Form

Die Welt hat sich seit 1950 deutlich fortentwickelt und der Kolonialismus ursprünglicher Form existiert heute nicht mehr. Dennoch besitzt Césaires Werk auch heute noch bedeutenden Erkenntnischarakter und ist es auch mehr als 70 Jahre nach seinem ersten Erscheinen wert, gelesen zu werden. Ein Schwarzer Präsident in den USA hat es nicht geschafft, tatsächliche Gleichheit zwischen Schwarzen und Weißen herzustellen – Schicksale, wie das eines George Floyd, belegen das eindrücklich. Aber auch hierzulande wird immer wieder über den Umgang mit der kolonialen Vergangenheit debattiert. Ob es die Benennung von Straßen ist oder die Frage der Rückgabe von kolonialem „Kulturgut“. Die Debatte ist bei uns im Alltag vorhanden. Das manifestiert sich in aller Deutlichkeit darin, dass der Deutsche Bundestag, also die Volksvertretung, sich in der kommenden Woche in einer Debatte damit befassen will.

Gleichzeitig geht es stets um neue Formen kolonialer Machtausübung. Die meisten vormals kolonialisierten Länder können im Moment nicht einmal ansatzweise daran denken, wann für sie und ihre Bevölkerungen ein Impfstoff gegen Corona zur Verfügung steht, da die Industrieländer die verfügbaren Dosen bis auf Weiteres für sich beanspruchen. Oder wenn es einfach nur um das in der vergangenen Woche im Entwurf vorgestellte Lieferkettengesetz der Bundesregierung ist, das in „Entwicklungsländern“ bessere Arbeitsbedingungen und die Einhaltung von Menschenrechten sicherstellen soll. China, ein vormals selbst kolonialisiertes Land, hat mit seinem Infrastrukturprojekt „Neue Seidenstraße“ eine Reihe von Staaten in Asien, Europa und Afrika an sich gebunden und schafft über dieses und weitere kulturpolitische Mittel ein zunehmendes Abhängigkeitsverhältnis.

Auch wenn Césaire all diese Entwicklungen damals noch nicht absehen konnte, mit seinem Beitrag Über den Kolonialismus und den darin enthaltenen Perspektiven auf koloniale und vor allem Schwarze Kultur und Identität liefert er einen wichtigen Beitrag, der die Debatte im amerikanischen Black History Month, aber auch weit darüber hinaus massiv bereichert. Dennoch, um mit einem Satz aus seiner Rede über die Négritude zu schließen: „Denn wie soll man schließlich den zurückgelegten Weg richtig beurteilen, wenn man weder weiß, woher man kommt, noch wohin man will“ (S. 113).

Eine Leseprobe findet ihr hier

Aimé Césaire: Über den Kolonialismus; 2017; Aus dem Französischen und kommentiert von Heribert Becker; 120 Seiten; Broschur; ISBN: 978-3-89581-453-2; Alexander Verlag Berlin; 15,00 €

Anmerkung der Redaktion: Das Adjektiv schwarz wird von uns großgeschrieben, wenn wir es im Zusammenhang mit nichtweißen Menschen gebrauchen. Mit der Großschreibung wollen wir markieren, dass das Adjektiv nicht allein oder in erster Linie die Hautfarbe meint, sondern vor allem auf eine vielfältige Kultur und auf zugeschriebene Eigenschaften verweist. 

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