Und, wie war ich?

Wenn man jung ist, freut man sich noch älter zu werden. Alkohol und Führerschein mit 18, darauf fiebert fast jeder und jede hin. Danach aber, viele dürften es bestätigen, geht es bergab. Der Job ist scheiße, die Karriereaussichten sowieso, die Freundin oder der Freund passen auch nicht so wirklich zu einem selbst und die Zeit verrinnt sowieso viel schneller. Und Falten, Bauch und Zellulitis arbeiten mit (Blut-)Hochdruck daran, endlich die Kontrolle zu übernehmen.

Etwa so kann man sich die Atmosphäre in Heinz Strunks Roman Es ist immer so schön mit dir vorstellen. Das im Rowohlt Verlag erschienene Buch ist auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2021 und wurde uns als Patenbuch zugelost. Und obwohl wir anfangs ein wenig skeptisch waren: Wir haben uns der Herausforderung gestellt und uns eingehend mit Strunks Buch befasst. Allerdings sollte uns unser erster Eindruck nicht täuschen – unser Buch ist es leider nicht.

Ein Abenteuer

Zum Inhalt: Ein namenloser Ich-Erzähler (wie bei der ebenfalls nominierten Dana Grigorcea mit ihrem Roman Die nicht sterben) ist der Hauptcharakter des Buchs. In unseren Deliberationen nannten wir ihn liebevoll Hermann-Egon, der Name erschien uns angemessen. Hermann-Egon jedenfalls geht es nicht gut. Er ist Mitte/Ende 40, seine Karriere als Musiker ist lange vorüber und er vertont alles, was es so zu vertonen gibt. Hörbücher zum Beispiel. Ein Job, der zwar nicht fett ist, aber ihn zumindest satt macht.

Hermann-Egon ist aber auch im Privaten unglücklich. Die langjährige Beziehung mit seiner Partnerin Julia ist auch nicht mehr fett, eher ist sie es geworden (zumindest in seinen Augen). Er findet sie nicht mehr attraktiv, begehrt sie nicht mehr. Eines Tages lernt er Vanessa kennen, eine junge Schauspielerin, die in die eingangs beschriebene Alkohol-und-Führerschein-Kategorie passt. Hübsch, wild, aufregend und – wie wir später erfahren sollen – eine Bombe im Bett. Hermann-Egon bemüht sich erst etwas unbeholfen um Vanessa, sie lassen sich aufeinander ein und er lässt es bald mit Julia sein, denn Vanessa weckt so manchen Lebensgeist in ihm (auch mancher andere obstbasierte Geist mag in der Geschichte vorkommen).

Beziehungsstatus: Es ist kompliziert

Doch auch die Beziehung zu Vanessa gestaltet sich als nicht stolperfrei. Vanessa hat mit Essstörungen zu kämpfen, mit Rast-, Ziel- und Planlosigkeit und Hermann-Egon scheint sich ebenfalls zu verlieren. Wieso kriegt nur Vanessa ihr Leben nicht auf die Reihe, er schaffe das ja auch? Und muss es jetzt auch noch für sie beide tun. Ogottogott, ist das anstrengend. Es war mal so schön mit ihr, aber Schritt für Schritt stellt sich heraus, dass es das doch nicht ist. War es mit Julia vielleicht doch schöner?

Das klingt nach viel Beziehung und Problem. Miteinander scheinen Hermann-Egon und Vanessa nicht zu können, aber ohneeinander geht es halt auch nicht, fast wie in Sally Rooneys (ebenfalls eher überbewertetem Roman Normale Menschen). Und schuld sind sowieso die anderen. Heinz Strunk macht bei seinem Ich-Erzähler mehr als deutlich, dass für diesen die anderen schuld sind. Wenn überhaupt. Also jedenfalls nicht er selbst. Auf die Idee kommt er gar nicht. Und es stimmt schon, für das verstörende Essverhalten der Vanessa kann er tendenziell erst einmal nichts, zumindest nicht unmittelbar. Er schafft es aber gleichzeitig auch nicht, sie entweder aus ihrer Welt herauszuholen oder eben aus seiner auszubrechen.

Ich, ich, ich

Dafür fehlt ihm die kritische Reflexion. Es ist wie erwähnt kompliziert und dass es an ihm liegen kann, auf die Idee kommt Hermann-Egon nicht. Stattdessen beklagt er sich in seinen Dialogen oder auch den im Rahmen des Buchs zu Papier gebrachten Gedanken über dies und jenes und alles, lässt kein gutes Haar an irgendwem, aber er selbst halt wirklich nicht schuld! Das bekommt sehr satirische, manchmal auch zynische Züge, die sich zwar amüsant lesen lassen – vor allem, wenn man selbst einen Hang zum Zynismus hat – aber auf die Dauer auch ein wenig anstrengend.

Strunk verwendet für seinen Charakter sehr passend eine recht einfache Sprache, einfachen Satzbau, oftmals auch bewusste Wortwiederholungen und teils absurde Steigerungen von Einschätzungen und Beschreibungen. Dies legt sehr eindrücklich dar, wie sehr sich Hermann-Egon in so manche Situation hineinsteigert, wie einfach er aber doch auch gestrickt ist. Er scheint der Prototyp des in Verruf geratenen etwas dümmlichen „alten, weißen Mannes“ zu sein, ohne ein Übermaß an Bildung und Kritikfähigkeit, sondern einfach gefangen in seiner Blase (bei schwacher Blase helfen Kürbiskerne – wir empfehlen die Suppe von Susann Kreihe!) und dem linearen Denken verhaftet.

Asexuell, unpolitisch und dumm – wie schön wär’s doch…

Der Titel unterstreicht das: Es ist immer so schön mit dir… Ja, so schön, weil man es sich vielleicht ein bisschen einfach macht. Aber das Leben ist eben nicht einfach. Von Politik und Gesellschaft einmal ganz abgesehen, auch im Privaten ist das oft nicht anders. Auch hier erschließt sich oft eine ganz andere Ebene der Komplexität, mit der aber wohl nicht jede und jeder umgehen kann und eben sein oder ihr Glück auch nicht findet. Hermann-Egon scheint in diese Kategorie zu fallen und als halbwegs reflektierter Mensch ist man ob des Charakters durchaus ein wenig zur Fremdscham animiert.

Ein Freund sagte einst, dass sein Leben so einfach wäre, wäre er asexuell, unpolitisch und dumm. Er hat recht, das Leben vieler Menschen wäre dann viel einfacher, vielleicht gar langweilig. Hermann-Egon ist – in dem Ausschnitt, den wir von ihm präsentiert bekommen – unpolitisch und vielleicht auch ein wenig dumm, aber alles andere als asexuell. Und irgendwann möchte man Es ist immer so schön mit dir vermutlich in die Ecke werfen, denn der Hauptcharakter ist einfach so unsympathisch. Und dennoch dürfte er vermutlich vielen einfacheren Gemütern aus der Seele sprechen.

Ist das Buch schon ruiniert…

Somit lässt sich wohl festhalten: Es ist immer so schön mit dir ist ein Buch, das vermutlich nicht für jeden gemacht ist. Leichtere und einfacher gestrickte Gemüter mögen sich hier wiederfinden, Leserinnen und Lesern, die Bücher wie Tommy Jauds Vollidiot (oder auch Christian Busemanns Easy nach Assisi) mochten, werden von einem großen Online-Versandhändler vielleicht auch Es ist immer so schön mit dir als Empfehlung angezeigt bekommen – und damit sogar glücklich werden. Jene, deren Gehirn aber ein paar Windungen mehr hat, dürften höchstens mit der übertrieben bissigen Sprache und den hohen Anteil an Satire und Zynismus ein wenig ihre bio- und psychologischen Triebe befriedigen, wenn sie zu diesem Buch greifen.

Es ist immer so schön mit dir hat es letzte Woche nicht auf die Shortlist des Buchpreises geschafft. Das ist wohl auch besser so. Es ist ein Buch, wie man es vielleicht in den 1980er-Jahren geschrieben hat oder dann liest, wenn man in diesen noch verhaftet ist. Unser Favorit war Heinz Strunks Roman von Beginn an nicht und deshalb unterstützen wir diese Entscheidung. Breit gelesen muss es nicht werden, da bieten sich von der Short- oder auch der Longlist einige andere Titel an.

HMS

PS: Was unsere Laune bei unserer ersten Einschätzung zu Es ist immer so schön mit dir ein wenig hob, war die Aussicht auf Pinguine. Aber ähnlich wie in Bernhard Hecklers Das Liebesleben der Pinguine kommen die kleinen Frackträger an den beiden Stellen, in denen sie Strunks Buch „bereichern“ nicht gut weg. Setzen, sechs 😉

PPS: Bei der Aufnahme des Bildes sind keine Menschen, Socken oder Haare zu Schaden gekommen, bei der Lektüre des Buches unter Umständen schon.

Heinz Strunk: Es ist immer so schön mit dir; 2. Auflage, August 2021; 288 Seiten mit Lesebändchen; Hardcover mit Schutzumschlag; ISBN: 978-3-498-00198-8; 22,00 €; auch als eBook erhältlich

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