Ungerechtigkeit verleiht Flügel

Atmosphärisch dicht, mal beklemmend und mal locker leicht, hin und wieder schaurig und dann schallend lachend zu erzählen mag für manche auf kurzer Strecke funktionieren, vielen Schreibenden jedoch entgleitet dieses Konzept auf halber Strecke. Ebenso das Wechselspiel zwischen Ankündigung eines Unheils und der allmählichen Preisgabe desselben. Nicht so der in Bukarest geborenen und in der Schweiz lebenden Autorin Dana Grigorcea in ihrem dritten Roman Die nicht sterben, der in diesem Jahr für den Deutschen Buchpreis nominiert ist.

„Sie werden sich nach Vorboten fragen“

Die Geschichte entfaltet von Beginn an eine Wirkung, die das Dunkle zu verkünden scheint, ohne zu betonen, dass das alles hier ganz entsetzlich ausgehen wird, ja muss (zumal dies immer im Auge der Betrachtenden liegt). Denn das Dunkle steht einer menschlichen, wenn auch scheinbar eine andere Form annehmenden, Erzählerin gegenüber, die neben einem ausgeprägten moralischen Kompass auch einen guten Bullshit-Detektor hat.

„Zu Hause ist man da, wo man Gastgeberin ist“: Die Schriftstellern Dana Grigorcea // © Mardiana Sani

Die namenlose Ich-Erzählerin kehrt nach ihrem Kunststudium in Paris zurück in den Ort B., irgendwo in den Karpaten. Hier lebt sie bei ihrer Großtante Margot, genannt Mamargot, die ihre durch das kommunistische Regime unter Nicolae Ceaușescu enteignete Villa nach dessen Zusammenbruch zurückerhielt (in Zeiten des Regimes mietete die Familie sie für ihre Urlaube, immer wurden die alten Möbel mitgenommen, der Kommunistenkitsch rausgeräumt und die Zeit genossen). 

Damals wie heute ist es ein stetes Kommen und Gehen in Mamargots Heim – „Zu Hause ist man da, wo man Gastgeberin ist“, sagt sie -, geprägt von einer Großbürgerlichkeit, auf die viele im Ort schon immer mit Neid schauten. Mit Angst schauen sie schließlich auf sie, als in der Familiengruft eine grausam entstellte Leiche gefunden wird. Ganz so, als sei sie von Fürst Vlad aka Dracula zugerichtet worden. Dass sich das Grab des auch Vlad III., der Pfähler genannten Fürsten ebenfalls in der Gruft befindet, bringt einige Unruhe ins Geschehen. 

Die Protagonistin rätselt, fragt sich nach Herkunft und Bedeutung, stellt Veränderungen fest: Ihre Sinne werden schärfer, ihre Bewegungen fließender. Der Bürgermeister des Ortes, der gleiche seit Dekaden, wittert Chancen für den Tourismus und neben allem lästern Gäste und Bewohner über dies und das, haben sich aber doch eingerichtet.

„Ein zynischer Verhinderer allen Lebens“

Dana Grigorceas im Penguin Verlag erschienenes Die nicht sterben ist im Grunde eine Parabel. Eine, die einen Bogen schlägt von den Jahren der Diktatur hin zu den direkten Nachwirkungen und den möglichen Aufbrüchen in postkommunistischen Zeiten, der Wahl sich zu finden, bis hin zu den Verlockungen aber auch – menschlichen – Herausforderungen des Kommunismus. Immer wieder geht es um die Frage von Möglichkeiten, vom Nutzen dieser, vom in die Ferne gehen und die Heimat vermissen, sie aber nicht von hier aus allein aufbauen zu können. Es geht um Moral, die Interpretation von „Gut“ und „Schlecht“, oder auch welcher Zweck heiligt welche Mittel. Wer sind denn eigentlich die Vampire? Wer kann noch in den Spiegel sehen?

Und auch wenn Grigorcea dem Buch ein Zitat aus Bram Stokers bekannter Dracula-Erzählung voranstellt, bedient sie sich nicht dessen Motiven, sondern baut ihre Geschichte um die Ahnenfolge von Vlad III., einem so grausamen wie nach wie vor beliebten Fürsten des 15. Jahrhunderts, der für regionale Unabhängigkeit steht, gegen die Ungarn und die Türken für die Walachei kämpfte. Außerdem steht er für Rückgrat: Den Beinamen „der Pfähler“ erhielt er, weil er Feinde, Korrupte, alle Nichtaufrechten pfählen ließ und sie so sprichwörtlich aufrecht wurden: „Gerechtigkeit ist der senkrechte Pfahl des Kreuzes, er verbindet Himmel und Erde.“

Sehr bildlich beschreibt sie auch die Geschichte von Vlad III., teils unter Zuhilfenahme des rumänischen Nationaldichters Mihai Eminescu. Übrigens begegnen wir nicht wenigen rumänischen Berühmtheiten, auch hier bildet uns Grigorcea. Während des Lesens lief viel Musik von George Enescu; habe ich versucht Aufnahmen von Hariclea Darclées zu finden und mich mit der Malerei von Nicolae Grigorescu beschäftigt. So wie die namenlose Erzählerin ihr Verhältnis zu dessen Bildern und die Gedanken- und Entstehungsprozesse ihrer eigenen, so malt auch Grigorcea ihre Sprache.

„Eigensinnig in dieses protzige Elend gestürzt“

Auffällig ist dabei, mit welch romantischer Naturnähe, Zuneigung zu Blumen, auch Vögeln, sie das teils kalte Geschehen und auch die Entfremdung der Protagonistin kontrastiert. Denn als sie 2004 vom Studium aus Paris in Mamargots Haus in B, zurückkehrt, empfindet sie dort nicht mehr die Wärme, mit der sie es aus Kindertagen beschrieb. Das liegt nicht an Mamargot oder einem schlechten Empfang (außer was das Internet angeht), sondern daran, dass in der postkommunistischen und quasi neokapitalistischen Zeit der Ort verwittert, man ihn seinem Verfall überlässt und lieber über Fortgegangene schweigt und manch Hiergebliebene herzieht.

Sinngemäß schreibt Grigorcea an einer Stelle, lässt es ihre Erzählerin sagen, sie könne einfach schweigen und dann wüssten wir von nichts. Es dränge sie aber zum Geständnis; ihretwegen, aber bestimmt auch unseretwegen. Das ist nur einer von vielen Momenten, in denen nicht nur die Erzählerin mit uns kommuniziert, sondern sie doppelbödig die Motive ihrer Erzählung offenlegt. Das Nichtwissen können wir auch leicht mit der Ignoranz in Bezug auf historische Gegebenheiten, Zusammenhänge und das Unvermögen des Verstehens von Folgen beziehen.

Auch wenn steht, es gehe nicht um Ursache und Wirkung, sondern etwas Größeres, um Schicksal. Selbst, eher vor allem, im Schicksal bleibt kein Wirken folgenlos. Solche Folgen beschreibt Grigorcea im Buch ganz wunderbar, mal mit einem Augenzwinkern, mal mit bitterer Ironie und mal mit deprimierendem Ernst. Die Nachwirkungen des Ceaușescu-Regimes sind auch 2004 noch deutlich spürbar, exekutiert oder nicht. Es gibt sie, diese Haltungs-Formwandler, wie eben den Bürgermeister und dessen Sohn, früher überzeugte Nationalkommunisten, nun aufrechte Was-Auch-Immers, Hauptsache die Kasse in der eigenen Tasche klingelt.

Darum soll auch der Dracula-Park in B. entstehen; etwas, das tatsächlich einmal geplant war. Dana Grigorcea holt immer wieder die Realität in ihre immer phantastischer werdende Geschichte. Was vor allem im Zusammenspiel mit der oft sehr sinnlichen und spürbaren Sprache interessant ist, entspinnt sich so doch mehr und mehr ein ganz besonderer Lesesog. Ein famoses Buch. 

JW

Die nicht sterben von Dana Grigorcea

PS: Bei allen Büchern, die wir besprechen und die für den Deutschen Buchpreis nominiert sind, wollen wir uns die Frage stellen: Sollte dieses Buch in der Breite gelesen werden? Diese Frage ist für Die nicht sterben mit einem JA! eindeutig beantwortet. Hinzu kommt, dass es ein wunderbar lesbares Buch ist. Nicht verschwurbelt, nicht sperrig, nicht prätentiös. Das erhöht den Wert um einiges.

PPS: Ein Satzauszug hat es aus Platzgründen leider nicht mehr in die Überschriften geschafft, aber, hach ja: „[…] auf antiquierte Art fast schon lieblich.“

PPPS: Es sei noch einmal gesagt, wie sehr wir uns freuen, dass das Buch für den Deutschen Buchpreis 2021 nominiert ist, schien es zur Veröffentlichung doch ungerechterweise etwas unterzugehen (und auch wir haben zu lange mit der Besprechung gewartet…).

Eine Leseprobe findet ihr hier.

Dana Grigorcea: Die nicht sterben; 1. Auflage, März 2021; 272 Seiten mit Lesebändchen; Hardcover mit Schutzumschlag; ISBN: 978-3-328-60153-1; 22,00 €; auch als eBook erhältlich

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