Veggie: Klischeefrei

Bild oben, v. l. n. r.: Die tollen Kräuter-Pitas (nachgebacken, © the little queer review), das Buchcover, Rote-Bete-Meerettich-Dip und Rucola-Pistazien-Pesto (© Maria Brinkop)

Auch wenn vegetarische und vegane Kost inzwischen ein wenig den Mantel des unerträglich faden, einfallslosen und bestenfalls scheiternden Fleischersatz-Versuches losgeworden sind, gibt es natürlich nach wie vor dennoch so einige Klischees, die einem begegnen, wenn man erzählt, dass man auch gern mal auf Fleisch und Fisch verzichtet und sich stattdessen eine Alternative abseits von Salat zubereitet. Aber es muss eben nicht seitanlastiger Vebap statt Kebap sein. Dieser Sicht ist sich auch Florian Sehn bewusst, der mit seinem Kochbuch Veggie Streetfood – 70 superleckere & supergesunde Fast-Food-Rezepte. Ohne Tofu, Seitan und Soja das Feld der Veggie-Kochbücher um einen liebevollen und kreativen Beitrag erweitert.

Liebevoll und kreativ

So leitet der Grafikdesigner sein gut sortiertes Buch zu vegetarischem Streetfood nicht nur mit einer persönlichen Notiz ein, in der er diesen Gedanken gleich einmal aufnimmt, sondern er erläutert auch die Möglichkeiten aromatischer Ersatzvarianten abseits „industriell hergestellter Tofumasse“ und verspricht Rezepte, die mit einer übersichtlichen Zutatenliste schnell zubereitet sind. Dem folgen die Definition von Streetfood und eine kurze Geschichte des Vegetarismus und wie dieser auch ins Fast Food-Business, der schnellen Esskultur, vordrang.

Pizzakartoffeln – f**cking yummy // © Maria Brinkop

Und in der Tat schummelt Sehn, der übrigens auch zur LGBTQ*-Community gehört, nicht, wenn er von übersichtlichen Zutatenlisten und primär schnell zubereitbaren Rezepten schreibt. Die in den sechs Kategorien, die von „Sandwiches & Co.“ über „Pommes, Fingerfood & Co.“, „Dips, Saucen & Co.“ bis zu „Burger & Co.“ reichen, vorgestellten Rezepte sind in der Tat größtenteils frei von weniger leicht zu erwerbenden Zutaten und durchaus fix zubereitet. Ein wenig Küchenerfahrung hilft natürlich beim Thema Effizienz.

Sehr schnell gemacht sind beispielsweise die Apfel-Zwiebel-Crostini mit roten Zwiebeln, Apfel, Ziegengouda und Thymian auch das Artischocken-Zitronen-Butter-Baguette ist fix zubereitet und sollte etwas Butter übrig sein, empfiehlt Florian Sehn diese zu einer Portion Pasta. Wozu natürlich auch ganz ausgezeichnet das Pesto Alla Genovese oder auch das wirklich, wirklich fabelhafte Rucola-Pistazien-Pesto passt. Apropos: Es empfiehlt sich, das schreibt auch Sehn, einen Universalzerkleinerer und immer gut geschärfte Messer im Haus zu haben. Das gilt jedoch auch ganz allgemein, für alle, die ihren Ofen nicht als Bücherschrank nutzen. Und selbst für Suppen sind diese Utensilien mehr als brauchbar.

Dogs, Dips und Breads

Und zum Käse, der in einigen Rezepten auftaucht, sei gesagt, auch das schreibt Florian Sehn, dass sich natürlich mittlerweile viele vegane Alternativen finden und niemand am Ende echten Gouda oder ähnliches nehmen muss. So sind die einzelnen Rezepte auch als „vegan“, „leicht zu veganisieren“ und „Veganisieren erfordert ein komplett neues Rezept und/oder ist zu zeitaufwendig“ gekennzeichnet. Das ist nicht nur hilfreich, sondern kann uns natürlich auch kreativ werden lassen. 

Kreativ ist in jedem Fall der Karrot Dog – ein Hotdog mit einer Karotte. Ihr mögt es nicht glauben wollen: Fantastisch! Hierfür wird die Karotte einfach ein paar Minuten gekocht, wer mag kann auch die Röstzwiebeln selber zubereiten (was wir beim ersten Mal taten, beim nächsten Mal griffen wir auf gekaufte zurück) und als Sauce empfiehlt Sehn seinen Dijon-Aprikosen-Dip, der aromatisch toll passt. Wir haben sie aber auch einmal mit einem selbstkreierten Zwetschgen-Birnen-Chutney gemacht, auch das war schmackhaft.

Ebenso simpel wie schmackhaft sind die Pizza-Kartoffeln, zu denen Sehn schreibt: „Pommes oder Pizza? Sie können sich nicht entscheiden? Versuchen Sie doch mal meine Pizza-Kartoffeln.“ Haben wir gemacht und vor allem seine Blizza-Sauce mit Knoblauch, passierten Tomaten und Honig oder Agavendicksaft lässt sie wunderbar aromatisch sein. Übrigens wird jedes der siebzig Rezepte mit ein paar Worten des kreativen Grafikdesigners eingeleitet. Zwar stutzten wir zuerst ein wenig, dass er seine Leser*innen siezt, insbesondere mit Blick auf das Thema, aber was soll’s.

Cookies, Burger und Basics

Unbedingt zubereiten solltet ihr auch die Feta-Cookies, wenn auch nicht veganisierbar, sind sie eines der Häppchen-Highlights des Buches. Zubereitet mit Zitrone, Feta (Überraschung), Oliven und Kapern kommen in den kleinen Dingern so viele Aromen zusammen – einfach toll. Auch die Kartoffelspalten mit Rosmarin und Parmesan sind fein, wie auch die „Kichernden Rösterbsen“ mit Chili-, Kurkuma- und Ingwerpulver. Oder der herzhafte French-Toast, ebenfalls mit Ingwer, Koriander und Kurkuma. Auch hier gilt: Wer seine Küche dahingehend bestücken muss, sollte das tun. Mit ein paar dieser Gewürze lassen sich so viele Dinge wunderbar verfeinern und zu etwas Besondererem machen.

© Maria Brinkop

Eines der Highlights von und für Florian Sehn ist nach eigener Aussage übrigens der Pilz-Walnuss-Burger mit Radicchio und Gorgonzola, der in der Tat famos klingt, den wir aber leider noch nicht zubereitet haben. Es gibt hier eine recht ausgeprägte Pilzaversion. So haben wir auch den Pfifferlings-Döner noch nicht probiert. Dafür aber den speziellen, etwas aufwendigeren, aber lohnenswerten Rochus-Burger mit Hokkaido-Kürbis, Apfel, Feldsalat und derlei im Burger-Brötchen, für das sich natürlich auch ein Rezept findet. 

Wie auch für einige andere Brot- und Teigbasics: Kräuter-Pitas, Laugenbrötchen, Bagels, … Vieles davon auf Grundlage seines Allround-Teigs, der, dadurch dass Sehn ihn für schnelle Verwendung nicht lange gehen lässt, fix zubereitet und verwertbar ist. Viele kleine Dips oder auch Erbsen-Hummus laden dazu ein, sie sich einfach mal aufs oder ins frische Pita zu schmieren. Yummy!

Schön und lecker

Erst recht Lust auf all das machen die tollen, aber nicht überstilisierten Fotografien von Maria Brinkop. Und zwar die jeder einzelnen der kreativen und vielfältigen Speisen – kein Rezept ohne leuchtendes Bild. So kommt das im Christian Verlag erschienene Buch also in der gewohnt farbenfrohen und hochwertigen Aufmachung, was den Preis von 16,99 Euro erst recht wie ein Schnäppchen klingen lässt. 

Als wir das Buch bekamen, dachten wir in der Tat nicht, dass wir davon so angetan sein würden. Keines der bisher zubereiteten Rezepte misslang oder enttäuschte, nachwürzen und abschmecken sind natürlich im wahrsten Sinne des Wortes Geschmacksache. Und nun: Gibt es noch mehr zu probieren. Zum Beispiel die Karibischen Frühlingsrollen oder das No-Tuna-Sandwich. 

JW

Florian Sehn: Veeggie Streetfood – 70 superleckere & supergesunde Fast-Food-Rezepte. Ohne Tofu, Seitan und Soja; 1. Auflage, Januar 2021; Hardcover, gebunden, 160 Seiten; ca. 90 Abbildungen (Fotografin: Maria Brinkop); Format: 16,8 x 24,1 cm; ISBN: 978-3-95961-533-4; Christian Verlag; 16,99 €

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