Vom Bälle zuspielen in der Dunkelheit

Unterdrückte Begierde und ein unterdrücktes Selbst, zusätzlich von Scham behaftet und mit nicht wenig Neid erfüllt, dass andere ausleben und sein können, was man selber nicht sein kann. Das klingt recht bitter. Ist es auch. Im dem episodenhaften Film The Pass wird dieser persönliche Konflikt sehr aufschlussreich, schauderlich, einfühlsam und fantastisch gespielt geschildert.

Ein Pass oder Egoismus?

Wir beginnen in einem Hotelzimmer, wo die beiden 19-jährigen Fußballspieler Jason (Russel Tovey, Years and Years) und Ade (Arinze Kene), die seit Jahren auf ihren großen Traum hin trainieren – feste Spieler in der Premier League zu sein – am Vorabend ihres ersten großen Spiels der Champions League zu aufgedreht sind, um zu schlafen. Halbnackt ziehen sie einander auf, reden über Mädchen, Teamkollegen, raufen miteinander. Sie wissen aber auch, dass wohl nur einer von ihnen als feste Größe übernommen werden wird. Die sexuelle Anspannung ist die gesamte Zeit über zu vernehmen und es überrascht kaum, als es zu einem – zufälligen? – Kuss kommt. 

Blödeleien unter besten Freunde? // © Salzgeber

Zeitsprung fünf Jahre in die Zukunft: Einer der beiden ist nun beliebter und erfolgsverwöhnter Spieler, dessen Ehe jedoch am Ende scheint und den Gerüchte um seine Homosexualität begleiten. So lässt er sich auf ein riskantes Spiel mit einer jungen Frau (Lisa McGrillis) ein, die ihrerseits eigene Vorstellungen vom Abend hat. 

Und nochmal fünf Jahre in die Zukunft: Es geht auf das Karriereende zu und die beiden verhinderten Geliebten treffen erneut aufeinander, wieder in einem Hotelzimmer und wieder ist die Stimmung angespannt und aufgeladen. Was war passiert? Wurde ein Verrat auf dem Platz begangen? War es die Nacht vor zehn Jahren und was geschah in dieser?

Nicht gefühlsduselig, dafür ehrlich

Bei The Pass lässt sich feststellen, wie ein hochsensibles und nicht minder emotionales Thema in eine kühl erzählte, aufwühlende, aber nicht kitschige Geschichte gegossen werden kann. Das liegt zum einen daran, dass der Film wie ein Kammerspiel funktioniert und alle drei Episoden jeweils in einem Hotelzimmer stattfinden mit nie mehr als drei Personen zur gleichen Zeit. Ebenfalls lässt der Film uns zwar mit den Protagonisten mitfühlen, durch den seinen Frust und seine Unsicherheit aber hinter einer unglaublich selbstgerechten Maske versteckenden Profispieler halten wir auch immer Abstand zu ihm.

Shirts sind eben unnatürlich. // © Salzgeber

So wird das ernste, nicht selten schmerzhafte und zuletzt wieder in nahezu beschönigender Weise Teil der Debatte seiende Problem Homophobie im (Profi-)Fußball hier solide bearbeitet. Inhaltlich bleibt dem wenig hinzuzufügen und beinahe groß ist es, wie dieser Komplex an einer gebrochenen Person ohne Klischees gespiegelt wird, die dazu noch mehr oder weniger absichtlich versucht, weitere Menschen mit ins tiefe Loch zu nehmen. Vermutlich nicht einmal aus Boshaftigkeit, sondern eher weil sie dann wenigstens nicht mehr allein wäre. Dass alle Beteiligten hier spielen als ginge es um ihr Leben, verfeinert den Eindruck nur. Insbesondere im letzten Teil ist der Raum zum Bersten mit Anspannung und Testosteron gefüllt und das liegt vor allem an der ausgezeichneten Performance von Tovey, Kene und Nico Mirallegro.

Nach The Pass mag man sich ein wenig seltsam und befremdet fühlen. Es ist ein emotional komplizierter Film, der keinen Hehl daraus macht, keine Feel-Good-Geschichte aber ein authentisches Drama zu erzählen. Mit wenig Licht, dafür aber vielen wichtigen Einblicken. Es ist okay, sich danach komisch zu fühlen.

The Pass; Großbritannien 2016; Regie: Ben A. Williams; Drehbuch: John Donnelly; Kamera: Chris O’Driscoll; Darsteller*innen: Russel Tovey, Arinze Kene, Lisa McGrillis, Nico Mirallegro; Laufzeit: ca. 86 Minuten; FSK: 12; Edition Salzgeber; englisches Original mit deutschen Untertiteln; erhältlich auf DVD (ca. 16,00 €), als VoD und Download

Seht hier den Trailer:

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