Von Sympathie und Antipathie kurz vor der Pathologie

Mit der Familie ist es ja so eine Sache. Mal freut man sich, wenn man sie sieht, aber sie kann einem eben auch auf die Nerven gehen. Meist weiß man aber, was man an ihr hat. Gerade wenn man von einem (Eltern-)Teil vielleicht bald Abschied nehmen muss. Besonders dann lohnt es sich, das Leben noch einmal miteinander in vollen Zügen zu genießen.

Eine schrecklich nette Familie

Etwa so lässt sich der Roman Eurotrash charakterisieren, der bei Kiepenheuer und Witsch erschienen ist und scheinbar so manchen autobiografischen Bezug des Verfassers trägt. Christian Kracht war mit dem Buch für den Deutschen und den Schweizer Buchpreis 2021 nominiert, erhielt aber keinen von beiden (wobei er seine Nominierung in der Schweiz am Tag der Bekanntgabe der Nominierten zurückgab).

Der Protagonist – ähnlich wie bei KATAPULT-Gründer Benjamin Fredrich trägt er in Eurotrash ebenfalls den Namen des Autoren – reist in die Schweiz, seine achtzigjährige, sich nicht mehr auf der Höhe ihrer geistigen Fähigkeiten befindliche Mutter hat ihn einbestellt. Wenig motiviert macht sich Roman-Kracht auf den Weg, spult auf dem Weg zu ihr Schlaglichter aus der Familiengeschichte in seinem Gedächtnis ab.

Der Großvater aus Norddeutschland bei der SS (wir fühlen uns an Siegfried Lenz‘ Deutschstunde erinnert), der Vater als enger Mitarbeiter von Axel Springer, die teils unrühmliche Vergangenheit zu großen Teilen begraben. Bei der im Kopf nicht mehr ganz klaren Mutter angekommen beschließen sie eine letzte Reise zu unternehmen.

Familienausflug mit Wodka und Barbituraten

Roman-Kracht und seine mit künstlichem Darmausgang versehene Mutter machen sich samt Großpackungen von Betäubungsmitteln und Wodka auf zur Bank, heben mehrere hunderttausend Franken aus einer Anlage in Rüstungsgüter ab, um sie zu verjubeln. Ein Taxifahrer kutschiert sie durch die halbe Schweiz, denn ein neurechtes Hotel (wo Roman-Kracht in bester Ironie mit Daniel Kehlmann verwechselt wird) und ein Flugplatz sollen angesteuert werden. Sie begeben sich auf die Suche nach wildem Edelweiß, essen Forelle und überlegen noch nach München, Sylt oder Afrika zu fahren.

Heimlicher Held der ganzen Geschichte ist ohnehin der Taxifahrer, aka Chauffeur. Er muss sich die Anekdoten und Lebensgeschichten von Roman-Kracht und seiner Mutter anhören, wie sie sich gegenseitig necken und angiften, welch teils überaus prätentiösen Gedanken und Stories aus ihren Mündern kommen. Nicht zu Unrecht wird er nach der letzten Station der beiden Fahrgäste gut entlohnt.

Zuneigung kennt viele Formen

Denn, das wird den Leserinnen und Lesern von Eurotrash schnell bewusst, Roman-Kracht und seine Mutter sind alles andere als Sympathieträger. Anders als in Fang Fangs Roman Weiches Begräbnis kümmert sich der Sohn zwar um das Wohlergehen seiner Mutter, aber die Liebe und Hingabe eines Qinling hat er nicht vorzuweisen. Das wäre allerdings auch viel verlangt, denn seine Mutter ist tatsächlich alles andere als nett, demütig und zuvorkommend. Und da Kinder die Produkte der Erziehung ihrer Eltern sind, ist bei Roman-Kracht nicht unbedingt viel offene Emotion oder Zuneigung zu erwarten.

Unbenommen dessen kümmert sich der Protagonist gut und so liebevoll es halt geht um seine Mutter, gibt ihr aber auch mal Contra, wo es sein muss. Gerade in solchen Momenten wird doch deutlich die Zuneigung zu ihr spürbar. Dass er die nicht ganz so arme, alte Dame ohne Umschweife einpackt, ihr ihre letzte Reise durch die Schweiz ermöglicht und sie dorthin begleitet, wo sie hinwill, manchmal auch dorthin, wo sie hinsoll, ist alles andere als selbstverständlich.

Das nämlich spart Real-Kracht nicht aus: die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Immer wieder kommen seine Romanfiguren auf diese zu sprechen, der Sohn mehr als die Mutter. Die SS-Vergangenheit des Groß- bzw. Schwiegervaters wird tangiert, die Aufarbeitung so manch offener Punkte und Auseinandersetzung mit der eher unschönen Vergangenheit vorangetrieben. Durch die Interaktion zwischen Mutter und Sohn schafft es der Autor, eine bewegende Geschichte zu erzählen.

Die eigene Vergangenheit ist die schwerste

All dies bindet Real-Kracht in wohlkonstruierte Sätze und Situationsbeschreibungen ein. Ähnlich wie es die Gewinnerin des Deutschen Buchpreises 2021, Antje Rávik Strubel in Blaue Frau geschafft hat, schafft auch Real-Kracht, Situationen und Emotionen durch seine Schilderungen greif- und erlebbar zu machen. Der bereits erwähnte Daniel Kehlmann scheint diese Einschätzung zu teilen, wenn man seinem Statement auf dem Buchrücken Glauben schenken mag.

Und auch an Monika Helfers Vati fühlen wir uns wohlig erinnert. Eurotrash reiht sich somit in eine Phalanx von Büchern ein, die eine intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit und der der Familie bietet. Es sticht aus dieser vielleicht nicht unbedingt heraus, ergänzt aber die Titel der diesjährigen Nominierten sehr gut.

Eurotrash ist also eine Geschichte, die vielleicht nicht herausragend ist – Blaue Frau ist zurecht der Preisträger-Titel – aber dennoch gute Unterhaltung und den einen oder anderen Anstoß zur Reflexion bietet. Sollte es daher breit gelesen werden: Ja, gerne, aber die Leserinnen und Leser sollten auch kein Meisterwerk erwarten.

HMS

PS: An der Schaubühne Berlin feierte am 18. November 2021 das von Jan Bosse als Zwei-Personen-Aufführung mit Joachim Meyerhoff und Angela Winkler inszenierte Theaterstück Premiere. Weitere Termine findet ihr hier.

Christian Kracht: Eurotrash; 1. Auflage, März 2021; Hardcover mit Schutzumschlag; 224 Seiten; ISBN: 978-3-462-05083-7; Kiepenheuer & Witsch; 22,00 €, auch als eBook erhältlich

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