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Wenn Jarmans Caravaggio schwanger gewesen wäre, dann…

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Zuletzt aktualisiert am 30/07/2020

Hommage oder alles nur liebevoll geklaut? Das ist manchmal gar nicht so leicht zu beantworten. So auch beim zweiten Film nach 25 Jahren des Regisseurs Steve McLean – Postcards from London steckt voller Referenzen und Zitate und kann so als ganzes sicherlich als eine schwungvolle und selbstbewusste Verneigung vor Kunst und Künstler queerer Gattung verstanden werden. 

Der 18-jährige Jim (Harris Dickinson, Beach Rats) hat nicht vor, länger in den engen vier Wänden seiner Essexer Heimat zu bleiben. Es drängt ihn nach London, genauer: Soho. Dort wo das Leben tobt und Großes auf ihn wartet, was auch immer das genau sein sollte. Mit ein wenig Geld und dem nicht ganz überzeugten Segen seiner Eltern macht er sich auf in die große, bunte Stadt. Allerdings wird er gleich in der ersten Nacht ausgeraubt, was scheiße ist. Aber Rettung naht: In einer Kneipe lernt eine Gruppe von vier Jungs – David (Jonah Hauer-King, World on Fire), Jesus (Alessandro Cimadmore), Marcello (Leonardo Salerni) und Victor (Raphael Desprez) – kennen; sie nennen sich die Raconteurs. Eine Gruppe von semi-intellektuellen Callboys, die dank einer Menge angelesenen Wissens und einer entsprechenden Attitüde ihre Dienste nicht nur im Bett, sondern auch für die geistvolle Konversation davor und danach anbieten. Jim schließt sich ihnen an, steigt auf, wird sogar Muse des eigenwilligen Malers Max (Richard Durden). Doch auch jemand anders hat ein Auge auf Jim, der unter dem Stendhal-Syndrom leidet, geworfen um sich genau diese seltene Erkrankung zu Nutze zu machen.

Queere Kultur-Geschichte in bunten Bildern

Das klingt alles ein wenig verworren und seltsam, was es irgendwie auch ist. Das allerdings spielt kaum eine Rolle, denn die Handlung um den Jungen aus der Provinz, der in der großen Stadt irgendwie zu sich selbst finden will, dient lediglich als Rahmen um möglichst viele Referenzen an Bildkunst, Künstler, Literatur und Filmkunst, hier insbesondere das New Queer Cinema, anzubringen. Postkarten eben. Das Ganze geschieht größtenteils in einer derart hohen Geschwindigkeit und dabei ist so zauberhaft bunt, dass man nur relativ wenig Zeit zum Durchatmen hat. 

Jim & die „Raconteurs“ / © Salzgeber

Leider ist das nicht immer von Vorteil. Zum einen lenken hier die auch schon voller Zitate und Referenzen steckenden Bilder gern von den zackig rausgehauenen Referenzen ab; zum anderen ist klar im Nachteil wer nicht wenigstens ein Mindestmaß an New Queer Cinema Erfahrung mitbringt. Rainer Werner Fassbinder (Querelle – Matrosen!), Gus van Sant (My Own Private Idaho), Derek Jarman (Caravaggio (!), Sebastiane, The Last of England) und auch Pier Paolo Pasolini sollten einem schon ein Begriff sein, wenn man nicht Gefahr laufen möchte, sich ein wenig zu langweilen. Schon einmal in einem Museum und nicht völlig angeödet gewesen zu sein schadet auch nicht. 

Caravaggio und seinen Werken kommt in Postcards from London neben all den vielen anderen Elementen eine ganz besondere Bedeutung zu. Nicht nur ist er quasi der Künstler für Jim schlechthin, sondern auch derjenige, dessen Gemälde zum Leben erwachen und der sich ihm auch zeigt, wenn Jim mal wieder seines Stendhal-Syndroms wegen in Ohnmacht fällt. Was tatsächlich äußerst unterhaltsam ist, da hier quasi doppelt zitiert und eine Metaebene geschaffen wird. Nicht nur nutzt David McLean die Werke und die Geschichte Caravaggios, sondern ebenso die von Derek Jarman erzählte Geschichte des Künstlers, wie auch dessen Bildsprache. Und schon Jarman übersetzte in seiner kongenialen Erzählung die Gemälde von Caravaggio letztlich ins Filmische. Das ist etwas nerdig, macht aber Freude. 

Sexy & pfiffig bis aufdringlich

Jim (Harris Dickinson) hat die Haare schön / © Salzgeber

Wie überhaupt der gesamte Film großen Spaß machen kann – er ist grandios gekonnt fake-opulent ausgestattet. Obwohl alles im Studio gedreht wurde und die heiße Soho-Szene nur durch Farben und Neon-Lichter präsentiert wird, kommt die richtige Stimmung rüber. Genau genommen passt dieser Ansatz perfekt. Es ist eben ein Gemälde, eine riesengroße Postkarte. Die Bilder, die Kamerafrau Annika Summerson hier schafft, beeindrucken nachhaltig. Kleiner optischer Orgasmus ist da drin. 

Die Dialoge sind größtenteils pfiffig, auch dann wenn sie nicht entweder queere oder historische oder pop-kulturelle Andeutungen enthalten. Neben dem ohnehin ausnehmend hübschen Harris Dickinson und dem ebenfalls mehr als ansehnlichen Jonah Hauer-King, weiß auch der Rest des Casts optisch zu gefallen und fügt sich somit in die perfekt künstliche Umgebung ein. Die Musik, primär von Julian Bayliss, weiß ebenso zu gefallen.

Der Film kommt mit einem gesunden Selbstbewusstsein daher, was sich mit der Entwicklung und zunehmenden Emanzipation seines Protagonisten deckt. Allerdings auch an der einen oder anderen Stelle ein wenig übertrieben wird, zum Beispiel in einer Szene, in der Jim sich in seiner Ohnmacht mit Caravaggio im Gespräch sieht. Da wird es ein wenig unfreiwillig komisch und fast schon aufdringlich großschnäuzig reflexiv. Das lässt sich verschmerzen. Ansonsten sorgt der Film für einige freiwillige Lacher, an die man sich auch später noch gern erinnert.

© Salzgeber

Es lohnt sich diesen knallig-fiebrigen Film anzuschauen. Ein wenig Vorkenntnis aus dem queeren Kunst- & Kulturbereich sind ratsam, denn es erhöht schlicht den Spaß und die Identifikationsmöglichkeiten. Stichwort: Hommage. Andernfalls droht Verwirrung und Langeweile, schlimmstenfalls empfindet man Postcards from London dann als ärgerlich. Oder doch als Anstoßpunkt, um sich ins Thema zu stürzen?!

Postcards from London; UK 2018; Regie & Drehbuch: Steve McLean; Musik: Julian Bayliss; Kamera: Annika Summerson; Darsteller: Harris Dickinson, Jonah Hauer-King, Richard Durden, Silas Carson, Ben Cura, Raphael Desprez, Stephen Boxer, Trevor Cooper; Laufzeit: ca. 90 Minuten; FSK: 12; Edition Salzgeber; OmU; erhältlich auf DVD (ca. 17,00 €), als VoD und Download

AS

Seht hier den deutschsprachigen Trailer:

Beitragsbild: Jim (Harris Dickinson) nicht wie raus aus diesem Setting! / © Salzgeber

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