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Wenn sich die Vergangenheit nicht abschließen lässt

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Pünktlich zum Einheitswochenenede fährt die ARD heute mit einem Berliner Tatort auf. Natürlich geht es neben dem Mordfall in der einst geteilten Stadt auch um die deutsche Teilung. Aber der Tatort Ein paar Worte nach Mitternacht mit dem Team Rubin und Karow geht weiter: weiter zurück, nämlich dahin, wo die deutsche Teilung eigentlich herkommt: Es geht in die Endzeit des Zweiten Weltkriegs. Aktuelle Themen wie das Erstarken der Rechten oder zunehmender Antisemitismus werden dabei ebenfalls nicht ausgeklammert.

Der Tod eines Bauunternehmers enthüllt viele Verstrickungen

Zur Handlung: Nach dem Mord am (West-)Berliner Bauunternehmer Klaus Keller (Rolf Becker) steht das Ermittlerteam vor einem Geflecht verschiedener Interessen und möglicher Ermittlungsrichtungen. Nina Rubin (Meret Becker) will den Fall gleich zu Beginn abgeben, als sie denkt, dass es sich um einen rechtsradikalen Anschlag handeln könnte, denn Kellers Firma ist dabei, mit einem Dokumentationszentrum über die Shoa in Israel eines seiner Herzensprojekte zu erfüllen. Keller setzte sich lange für eine Aussöhnung mit dem israelischen Volk ein. Aber so einfach ist es in dem Fall dann doch nicht.

Nina Rubin (Meret Becke, re.) erfährt von Kellers Witwe Else (Katharina Matz), dass ihr Mann bei der Hitlerjungend war. // © rbb/Stefan Erhard

Der Mord geschah nämlich genau an Kellers 90. Geburtstag. Zuvor am Abend gab es eine große Familienzusammenkunft, die Kellers Enkel Moritz (Leonard Scheicher) in einem Video dokumentierte. Keller deutete in einer Rede an, dass heute seine „Reinschrift“ anstehe. Wollte er sich etwa von einer alten Schuld befreien? Und was hätte das für seine Familie bedeutet?

Die Welt ist komplex – und das zieht auch den Tatort in die Länge

Auf all diese Fragen werden Rubin und Karow im Verlauf der Folge stoßen. Die beiden sind dabei wie gewohnt herrlich garstig zueinander und zu den Leuten denen sie begegnen – typisch Berlin halt. Gleichzeitig schleichen sich immer wieder Momente ein, in denen die beiden auch Mensch sein dürfen. Rubin mit ihrem Lover in der Badewanne, Karow (Mark Waschke) beim traditionellen Tafelspitzessen in seinem Elternhaus, zu dem er die Bedienung Ruth (Victoria Schulz) aus dem Restaurant von Kellers Familienzusammenkunft mitnimmt. Eine Reihe von Querverweisen auf Kunst und Literatur aus der Zwischenkriegszeit leistet ebenfalls guten Dienst in der Handlung. All diese Irrungen und Wendungen führen aber auch dazu, dass dieser Tatort sich ein wenig zieht. Wir haben nach ca. 25 Minuten unsere erste von mehreren obligatorische Pinkelpause eingelegt und dachten, dass wir schon etwa bei der Hälfte sein dürften. Nüscht war.

Robert Karow (Mark Waschke, li.) sucht Moritz Keller (Leonard Scheicher) beim Holocaust Mahnmal auf. // © rbb/Stefan Erhard

Es geht um Krieg und Schuld und Verbrechen. Es geht um eine Familie, die von der deutschen Teilung auseinandergerissen und von der deutschen Einheit nicht wieder zusammengeführt wurde. Es geht um die Parallelwelten, in denen viele in einer Stadt und einem Land leben, die zwar keine Wunden, aber noch immer Narben trägt. Ein paar Worte nach Mitternacht ist thematisch sehr vollgepackt, bietet aber dennoch eine gute Unterhaltung, die auch zum Nachdenken über die eigene Vergangenheit anregt und somit getrost auch das Label Bildungsauftrag bekommen kann. Leider nimmt einer der letzten Sätze Karows die emotionale Wucht aus der Auflösung. Dennoch gibt es von uns eine klare Empfehlung.

Der Film läuft heute um 20:15 Uhr und ist anschließend sechs Monate in der ARD-Mediathek verfügbar. 

Tatort – Ein paar Worte nach Mitternacht; Deutschland 2020; Regie: Lena Knauss; Drehbuch: Christoph Darnstädt;  Kamera: Eva Katharina Bühler; Musik: Moritz Schmittat; Darsteller: Meret Becker, Mark Waschke, Jörg Schüttauf, Leonard Scheicher, Victoria Schulz, Stefan Kurt, Marie-Lou Sellem, Katharina Matz, Rolf Becker; Laufzeit: ca. 88 Minuten; Eine Produktion der REAL FILM Berlin GmbH (Produzentin Sibylle Stellbrink) im Auftrag von ARD Degeto und rbb

HMS

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