Wie es der Zufall will

Erwin Schrödingers Gedankenexperiment ist vielen spätestens seit The Big Bang Theory bekannt. Kiste zu, Katze tot. Oder auch nicht. Jedenfalls greift der Münchener Polizeiruf 110: Frau Schrödingers Katze diese Thematik gekonnt auf und bietet eine überraschend kurzweilige Unterhaltung für einen heißen Sommerabend.

Pandora macht die Büchse auf

Worum geht es? Die alte, leichtgläubige und dement, äh dezent verwirrte Frau Johanna Schrödinger (Ilse Neubauer) öffnet die Büchse der Pandora als sie auf der Polizeiwache aufschlägt, denn ihre Katze – benannt nach besagter Büchsenbesitzerin – ist verschwunden. Leider können die Beamten nicht helfen, aber Elisabeth „Bessie!“ Eyckhoff (Verena Altenberger) nimmt sich der Thematik an. Sie hängt Zettel auf, um auf die verschwundene Katze aufmerksam zu machen. Und damit nimmt die unvorhersehbare und unerwartete Kettenreaktion ihren Lauf.

Elisabeth „Bessie!“ Eyckhoff (Verena Altenberger) sucht nach Pandora // Bild: © BR/Geißendörfer Pictures/Hendrik Heiden

Es gibt hier nämlich erstaunlich viele Handlungsstränge, die per se nichts miteinander zu tun haben, aber am Ende ineinandergreifen (ähnlich wie übrigens Fang Fangs Roman Weiches Begräbnis). Frau Schrödinger soll nämlich sterben, denn ihre raffgierige Haushälterin, Frau Meyer (bestens boshaft: Lilly Forgách), und ihr Mann Michael (Ferdinand Dörfler) wollen deren Haus versilbern. Der von ihnen konsultierte Notar Leopold Gaigern (schön schmierig: Florian Karlheim) riecht den Braten und möchte selbst auch einen Teil davon abhaben. Die im Drogenmilieu aktive Vicky Neumann (Luna Jordan) findet Pandora und möchte sie gegen entsprechendes Entgelt gerne zurückgeben. Und als das ordentlich schiefgeht, beschließt ihr Freund Gordon (Valtenino Fortuzzi), hier noch weit mehr rauszuholen. Und Elisabeth trifft zufällig auf den Physiker Adam Millner (Camill Jammal), der nur kurz in der Stadt ist und am Ende die exogenen Impulse liefert, die zur Lösung des Rätsels beitragen werden.

Die Welt ist halt komplex

Das klingt alles ziemlich komplex und ein wenig wirr, fast wie Frau Schrödinger eben. Oder wie die Welt draußen einfach ist. Sie ist allzu oft vom Zufall bestimmt und wie in der Physik, wenn eine Kettenreaktion in Gange kommt, dann kann sie unvorhersehbare Folgen haben. Die Welt ist eben weit komplexer als es die einfachen Gemüter von Elisabeths Kollegen oder die gute Frau Schrödinger eben auf den ersten Blick erkennen.

Karin (Lilly Forgách, Mitte) und Michael Meyer (Ferdinand Dörfler, rechts) hoffen, dass Frau Schrödinger (Ilse Neubauer, links) doch nicht nur schläft. // Bild: © BR/Geißendörfer Pictures/Hendrik Heiden

Umso wichtiger ist es eigentlich, genau zu beobachten, genau zu analysieren und die richtigen Schlüsse zu ziehen. Die Forscherin Mai Thi Nguyen-Kim hat dies in ihrem Buch Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit beschrieben und eben diese Aufmerksamkeit zeichnet gute Forschung – oder hier eben gute Ermittlungsarbeit – aus. Auch wenn Elisabeth von ihren Kollegen und Vorgesetzten vielleicht ein wenig verspottet und kleingehalten wird, ihre fast schon stoische Ruhe beeindruckt und die Auflösung des Falls ist am Ende ausschließlich ihr und ihrer Akribie zu verdanken.

Eine Parabel auf die Physik

Der Polizeiruf 110: Frau Schrödingers Katze ist also eine sehr unterhaltsame Parabel – ein Genre, beziehungsweise Stilmittel, das man heute leider bei kaum einem Tatort oder Polizeiruf findet – auf die Komplexität der Welt, die Macht des Zufalls und zudem mit bitterböser Ironie getränkt. Denn – Achtung: Spoiler – statt Frau Schrödinger stirbt im Verlauf der Sendung so mancher Charakter, der hier gar nicht zum Opfer hätte werden müssen, hätte niemand das unkontrollierbare Experiment gestartet.

Bessie (Verena Altenberger) und Adam (Camill Jammal) nähern sich bei einem Spaziergang an // Bild: © BR/Geißendörfer Pictures/Hendrik Heiden

Gut aber, dass Frau Schrödinger und ihre Katze Pandora (fantastisch flauschig: Zippo) es den Zuschauerinnen und Zuschauern nicht einfach machen und den Silberlöffel abgeben (selbst wenn ihr Tafelsilber einmal in Gefahr ist). Denn das führt zu einem der witzigsten, ironischsten und wohl komplexesten Folgen des Polizeiruf 110 seit Langem. Auch für Nicht-Physiker gilt also: Unbedingt ansehen! 

HMS

Polizeiruf 110: Frau Schrödingers Katze: Sonntag, 20. Juni, um 20:15 Uhr im Ersten, um 21:45 Uhr auf one und für bis zum 20. Dezember 2021 in der ARD-Mediathek verfügbar.

Polizeiruf 110: Frau Schrödingers Katze; Deutschland, 2021; Regie: Oliver Haffner; Drehbuch: Clemens Maria Schönborn; Musik: Arash Safaian; Darsteller*innen: Verena Altenberger, Ilse Neubauer, Luna Jordan, Lilly Forgách, Ferdinand Dörfler, Stephan Zinner, Heinz-Josef Braun, Camill Jammal, Florian Karlheim, Zippo; Laufzeit ca. 89 Minuten; Eine Produktion der Geißendörfer Pictures GmbH im Auftrag des Bayerischen Rundfunks 

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