Wie schön, dass es nicht so einfach ist

Es war einmal ein kleines Dorf, irgendwo im russischen Nirgendwo. Idylle am Fluss, überschaubare Probleme, eine Handvoll Menschen, die sich fast nur umeinander kümmern; was der oder die andere tut, welche Eigenheiten er oder sie hat und warum sowieso alles komisch ist, was sie machen. Eigentlich alles ganz einfach, aber irgendwie eben doch nicht.

Das könnte heute sein, aber auch voretwahundert Jahren. Die Autorin Yulia Marfutova hat sich für letzteres entschieden. Ihr bei Rowohlt erschienenes Buch Der Himmel vor hundert Jahren spielt in einem kleinen russischen Dorf, weit von der Außenwelt abgeschieden. Der Erste Weltkrieg ist in seinen letzten Tagen oder schon vorbei, man weiß es nicht. In St. Petersburg und Moskau scheint auch etwas los zu sein, aber auch das weiß man nicht. Und es ist auch egal, denn die materiellen und die ideellen Schlachtfelder sind weit weg, hier kommt bestimmt keiner in schlechter Absicht vorbei.

Wenn die Messer fallen und gewetzt werden

Oder etwa doch? Ein fallendes Messer kündigt Besuch an. Wadik kommt in das Dorf und er scheint ein großes Geheimnis zu sein. Wer ist er? Woher kommt er? Warum kann er das, was er kann? Was macht er hier? Das sind die Fragen, die die Dorfbewohner um die Alten – Ilja mit seinem neuen, flüssigkeitsgeladenen Röhrchen und Pjotr – die Mittelalten – Marfa Iwanowna, Inna Nikolajewna und Warwara, die Verrückte – und die Jungen – Annuschka, bzw. später Anna – umtreiben und nicht, ob da irgendeine Weltrevolution oder gar ein Weltenbrand im Gange ist, die sie nicht einmal in ihren ikonischsten Träumen betrifft.

Wadik kommt und bleibt, eine neue Realität aber auch. Die ist zwar irgendwann vorbei, aber sie hinterlässt ihre Spuren, so wie alle Geschehnisse der Welt. Mit Beispielen wie diesem illustriert Yulia Marfutova das Leben irgendwo in Russland. In Der Himmel vor hundert Jahren passiert nicht wirklich viel, es ist auf der Handlungsebene ein recht unspektakuläres Buch und gleichzeitig dennoch voller Inhalt, Geschehnisse und Spannung. Das einfache Leben im Dorf geht weiter, aber ganz abschotten vom Lauf der Welt kann es sich auch nicht, jedoch fast ohne zu merken, dass der Wandel sich vollzieht.

Wir wollen’s einfach.

Zu dem einfachen Leben passt die einfache Struktur. Die Figuren werden nach und nach eingeführt, jede hat ihre Eigenschaften und ihre Rolle. Die Alten und Weisen, manchmal ein bisschen Bekloppten und die Jüngeren und Naiven – die Dorfbewohnerinnen und -bewohner spiegeln unwissend alles wider, was man auch jenseits des Dorfes finden kann.

43 kurze Kapitel, meist nicht viel länger als etwa fünf Seiten, illustrieren diese Einfachheit, ebenso die Sprache. Yulia Marfutovas Roman besteht fast nur aus kurzen und prägnanten Hauptsätzen; einige wenige Ausnahmen an den passenden Stellen bestätigen diese Regel und illustrieren, wie das komplexe Leben des Systems eben doch in die Einfachheit vordringt.

So einfach ist es halt doch nicht.

Denn sie ist durchaus da, diese Komplexität. Versteckt in vielen Metaphern und Symbolen geht es um weit mehr als nur das einfache Leben auf dem Dorf. Die Nachwehen des ersten Weltkriegs sind zu spüren, die Revolution der Bolschewiki, die das Weltgeschehen entscheidend beeinflussen sollte oder auch schon erste Anzeichen und Vorboten des Terrorregimes, das Lenin, Stalin und ihre Nachfolger in Russland und der Sowjetunion errichten sollten. Einem Regime, das mit harter Hand zwanzig Jahre später eine Seuche bekämpfen kann, aber eben auch das Leben so vieler einfacher Menschen entscheidend und gewaltsam prägen soll.

Es geht um nicht weniger als den beginnenden Kampf um Freiheit und Demokratie, um Diktatur und Gefangenschaft. Nur wissen es die Bewohnerinnen und Bewohner des Dorfes nicht. Es geht um eine Episode, die in Deutschland wenig bekannt ist, weil wir unsere eigene schwierige Geschichte aus jener Zeit haben. Aber dennoch ist sie von enormer Bedeutung und das schafft Yulia Marfutovas Roman: auf diese Geschehnisse und Perspektive ein Licht zu werfen. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann haben die Tschekisten (oder später der NKWD bzw. noch später der KGB) sie mitgenommen.

Deutscher Buchpreis: Leider kein Shortlist-Kandidat

Der Himmel vor hundert Jahren ist ein Buch voll mit verschiedenen Eindrücken und Handlungsebenen und das macht es trotz seiner offenbaren Einfachheit sehr komplex. Die Jury des Deutschen Buchpreises hat es für die diesjährige Longlist nominiert, aber auf die Shortlist hat es der Roman leider nicht geschafft. Es wäre ein verdienter Kandidat gewesen, auch wenn es vermutlich nicht für die tatsächliche Auszeichnung gereicht hätte.

Wer über die Geschichte der Sowjetunion, ihre Gründung und den Kalten Krieg informiert ist, wird Der Himmel vor hundert Jahren als ein sehr aufregendes und anschauliches Buch erleben. Wer dieses Vorwissen nicht hat, der oder die könnte allerdings auch ein wenig enttäuscht sein, denn, wie gesagt, wirklich „passieren“ tut in Yulia Marfutovas Roman eigentlich nicht viel. Diese Personen, so die Gefahr, sind vielleicht nicht unbedingt angetan und legen das Buch eher zur Seite. Wir fanden die Lektüre allerdings sehr erbaulich, anschaulich und aufschlussreich und haben uns sehr gut mitgenommen gefühlt.

HMS

Yulia Marfutova: Der Himmel vor hundert Jahren; 1. Auflage, April 2021; 192 Seiten mit Lesebändchen; Hardcover mit Schutzumschlag; ISBN: 978-3-498-00189-6; 22,00 €; auch als eBook erhältlich

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