Wofür wir kämpfen

Beitragsbild: © the little queer review/Foto rechts: © Tobias Koch/tobiaskoch.net

Dieses Gespräch ist Teil unserer Superdupermegawahljahr 2021-Reihe. Hier findet ihr noch eine Betrachtung des FDP-Wahlprogramms (wenn wir hier und dort Seiten des Programms angeben, dann meinen wir die .pdf-Version). Angemerkt sei, dass wir weder dieses noch die kommenden Gespräche krawallig geführt haben. Es geht um die Themen, neben manchem Hinweis und der einen oder anderen Einordnung stehen diese so, wie sie geführt worden sind; ihr sollt euch eine Meinung bilden können, ohne dass diese im Vorfeld allzu sehr kuratiert würde.

Jens Brandenburg, Jahrgang 1986, lebt mit seinem Partner in der Kurpfalz, ist seit 2017 Abgeordneter des Deutschen Bundestage und ist queerpolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion. Mit ihm haben wir natürlich über Queerpolitik gesprochen. Aber auch über die klimapolitischen Ideen der FDP, über Bildungspolitik – ein weiteres seiner Themengebiete – und über Generationengerechtigkeit. Zwei Dinge sind dabei deutlich geworden: Der Politikwissenschaftler und Volkswirt Jens Brandenburg ist unglaublich firm und engagiert was Bildungspolitik angeht und es gibt immer mal wieder Momente, in denen der Mensch im Politiker wirklich zu spüren ist.

„Es ist unterirdisch“

the little queer review: Während der letzten regulären Sitzungswochen der 19. Wahlperiode wurden auch diverse queerpolitische Themen debattiert wie beispielsweise die Streichung oder Ersetzung des so genannten, vom Verfassungsgericht als verfassungswidrig beschiedenen, Transsexuellengesetzes oder auch ein Aktionsplan gegen Homo- und Transfeindlichkeit. Nichts davon ging durch, die Regierungsmehrheit stimmte gegen die Änderungen und Vorschläge. Zudem herrschte während der Debatten ein teilweise sehr raues, menschlich gesehen teilweise ganz furchtbares Klima. Was bleibt davon?

Jens Brandenburg: Wir als Freie Demokraten sitzen im Plenum direkt neben der rechtsradikalen AfD und bekommen hautnah mit, was da an Zwischenrufen kommt, das ist schon sehr unterirdisch, weit unter der Gürtellinie.

Was wir an Trans- und Homofeindlichkeit immer wieder gesellschaftlich diskutieren, das hat seinen traurigen Höhepunkt in dieser Fraktion. Da sieht man also auch sehr, sehr stark, wofür man eigentlich kämpfen sollte. Auch aktuell in der politischen Lage.

Was mich aber auch geärgert hat, war, wie sehr die Koalitionsfraktionen aus Union und SPD bei einigen Themen sogar die Abstimmung verhindert haben. Das war sowohl bei der angestrebten Grundgesetzänderung zu Artikel 3 mehrfach so, dass es im Ausschuss von der Tagesordnung gestrichen wurde, also gar nicht zur Debatte und Abstimmung kam. Und beim Nationalen Aktionsplan gegen Homo- und Transfeindlichkeit war es letztlich genauso. Das ist schon ein großes parlamentarisches Foul-Spiel. Es ist natürlich in einer Demokratie in Ordnung, wenn beispielsweise die Union sich entscheidet, dem nicht zustimmen zu wollen. Aber gar nicht erste die Abstimmung und eine öffentliche Debatte darüber zuzulassen, das fand ich schon sehr unterirdisch. 

the little queer review: Woran kann das gelegen haben?

Jens Brandenburg: Mein Eindruck war, dass man sich der öffentlichen Debatte einfach nicht stellen wollte. Gerade jetzt im Wahljahr nicht. Wir hätten auch sehr gern früher debattieren und abstimmen können, es wurde nur auf Wunsch der Koalition immer wieder verschoben. Die hat sich schlicht davor gedrückt, Farbe bekennen zu müssen im Plenum. Bei beiden Themen kommt dazu, dass Union und SPD einfach die Argumente ausgegangen sind, warum sie denn dagegen stimmen würden. Das war ihnen anscheinend sehr unangenehm. 

the little queer review: Das können wir auch auf das Thema der Konversionstherapien und dem Blutspendeverbot beziehen, oder?

Jens Brandenburg: Also fairerweise muss da gesagt werden, dass bei den Konversionstherapien ja schon ein sehr weitgehendes Verbot beschlossen wurde, einer der wenigen Lichtblicke in dieser Legislatur aus queerpolitischer Sicht. Wir wünschen uns natürlich, dass insbesondere auch bei den volljährigen Opfern noch eine Klarstellung eines vollständigen Verbots nachträglich eingefügt wird. Das wäre eine weitere Verbesserung, die noch offen ist. Ansonsten hängt der Erfolg dieses Verbots meines Erachtens nach von der Umsetzung und weniger vom reinen Gesetzestext ab.

Bei der Blutspende: Ja, auch da sind die Argumente ausgegangen. Das haben wir in der Ausschussanhörung gesehen. Nach allem, was wir jetzt aus der Bundesärztekammer wissen, soll es ja eine deutliche Lockerung geben – das ist überfällig. Aber die Diskriminierung als solche, die soll wohl nicht abgeschafft werden. Anders als Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und auch SPD das in den letzten Wochen intoniert haben. Solange heterosexuelle Männer und homosexuelle Männer, oder eben Männer, die Sex mit Männern haben, nach unterschiedlichen Kriterien bewertet werden, ist das natürlich eine Diskriminierung. Erst recht, wenn es wissenschaftlich dafür überhaupt keine Gründe gibt. 

Ablenkungsmanöver der SPD

the little queer review: Apropos SPD: Der queerpolitische Sprecher von deren Bundestagsfraktion, Karl-Heinz Brunner hat in Bezug auf die Abschaffung, beziehungsweise Änderung des sogenannten Transsexuellengesetzes gesagt, dass man dort hätte mehr erreichen können, wenn die FDP und die Grünen sich auf einen gemeinsamen Entwurf geeinigt hätten. Ist da was dran oder fällt das eher in die Kategorie Scharade?

Jens Brandenburg: Das ist ein reines Ablenkungsmanöver. Zumal es sogar so ist, dass bei zwei unterschiedlichen Entwürfen die Koalition sogar die Auswahl gehabt hätte, welchem Aspekt aus welchem Entwurf sie denn zustimmen möchte. Es hätte der Koalition auch durchaus offen gestanden, passende Aspekte aus den Entwürfen in einen eigenen zu packen. Also insofern lag es sicherlich nicht daran, dass da zu viele Entwürfe und Ideen waren [lacht auf], sondern schlicht daran, dass die Koalition sich nicht ansatzweise zu einer Änderung durchringen konnte. Ich fand’s schade, dass die SPD so versucht hat, den Fokus auf andere Dinge zu lenken, wenngleich der Handlungsbedarf, insbesondere im personenstandrechtlichen Regelwerk, in Bezug auf diese demütigenden Gutachten, wirklich groß ist.

Nur Zeichen oder auch Substanz?

the little queer review: Mal so ganz spekulativ: Es ist ja kein Geheimnis, dass die FDP egal in welcher Größenordnung das dann im Detail aussähe, nach der Wahl eine Koalition mit der CDU anstrebt, ob nun Schwarz-Gelb oder Schwarz-Grün-Gelb oder wie auch immer (im ZDF-Sommerinterview vom 15. August 2021 hat der FDP-Vorsitzende Christian Lindner seinem Anspruch gemeinsam mit der CDU zu regieren auch nochmals Ausdruck verliehen). Wie groß ist denn die Wahrscheinlichkeit, dass die FDP als einer der kleineren Partner in einer Koalition solche Dinge durchbekäme?

Jens Brandenburg: Da hängt natürlich sehr viel vom Wahlergebnis ab. Eine Fünfzehn-Prozent-FDP kann sicherlich mehr umsetzen als eine Sieben-Prozent-FDP. Ich glaube auch gerade in einer Konstellation, wo wir mit den Grünen oder möglicherweise auch mit der SPD gemeinsam regieren, hätten wir in vielen dieser queerpolitischen Fragen schon mal Partner, quasi ein doppeltes Gewicht in der Waagschale. Aber klar – das hängt alles vom Wahlergebnis ab und gerade jetzt im Wahlkampf geht es darum, bei all diesen Themen dafür zu streiten und dann in den Koalitionsverhandlungen genau diese Schwerpunkte zu setzen. Ich bin recht zuversichtlich, dass es gelingen kann bei der Grundgesetzänderung beispielsweise zu Verbesserungen zu kommen. Da war der Widerstand in der Union beim Selbstbestimmungsgesetz und auch bei vielen familienpolitischen Fragen, wo wir auch noch viel Diskriminierung erleben, und Reformen sehr, sehr groß. Da wird man sehr hart verhandeln müssen.

the little queer review: [lachen] Ja, vermutlich. Ein anderer Punkt, der wohl hart verhandelt werden dürfte, nicht nur im Rahmen eines Koalitionsvertrages, ist sicherlich die im FDP-Wahlprogramm vorgeschlagene Konvention für LSBTI-Rechte auf Ebene der Vereinten Nationen nach dem Vorbild der Frauenrechtskonvention (vgl. Wahlprogramm S. 73; ebenfalls findet ihr hier die queerpolitischen Forderungen). Wenn wir uns ansehen, wer alles Mitglied der Vereinten Nationen ist (zum Beispiel Polen, Qatar, Saudi-Arabien, der Iran, Afghanistan unter den Taliban) – ist so etwas realistisch?

Jens Brandenburg: Das stimmt. Aber zum einen gab es zu einer queerpolitischen Erklärung vor einigen Jahren fast eine Mehrheit, also ausgeschlossen ist das ja nicht. Und zum anderen ist solch eine UN-Konvention natürlich nichts, was mal eben über Nacht beschlossen wird. Das ist sicher ein Verhandlungs- und Diskussionsprozess über einen längeren Zeitraum. Aber, eben nach dem Vorbild der Frauenrechtskonvention, die auch einen starken politischen Charakter hat, sollten wir das nehmen, um uns weltweit unter den Staaten zu verpflichten, die Rechte von LSBTI* überhaupt erst einmal festzuschreiben.

LSBTI-Verfolgung darf nicht finanziert werden

the little queer review: Ebenfalls im Programm steht zur Stärkung von LSBTI-Rechten: „Bei Strafverschärfungen gegen LSBTI muss Deutschland die Entwicklungszusammenarbeit im Dialog mit Nichtregierungsorganisationen vor Ort auf den Prüfstand stellen, gegebenenfalls die Budgethilfe streichen und die Zusammenarbeit mit staatlichen Einrichtungen beenden.“ Könnte sich so etwas nicht auch auf kontraproduktiv von queere Menschen und NGOs auswirken?

Jens Brandenburg: Für uns Freie Demokraten ist wichtig, dass man erst einmal genau hinschaut. Deswegen sagen wir ja auch, dort wo Strafverschärfungen oder ähnliches vorkommen, Budgetkürzungen genau zu prüfen. Ganz konkret Budgetkürzungen, weil wir sagen, es ist nicht in Ordnung, dass der deutsche Staat mit deutschem Steuergeld die Regime, die dann aktiv Menschenrechtsverletzungen vorantreiben, subventioniert. Was natürlich nicht passieren darf, ist, dass man dann ausgerechnet die NGOs trifft, die sich für die Menschenrechte vor Ort einsetzen. Wir haben aber in der Vergangenheit festgestellt, dass da auch direkt Gelder an Regierungen oder vielleicht Organisationen geflossen sind, die sich an der Verfolgung von LSBTI beteiligt haben und das darf natürlich nicht passieren. Da ist es viel wert, wenn eine deutsche Bundesregierung als großer Geldgeber auch im Dialog mit diesen Staaten signalisiert, wenn diese Werte verletzt werden, dann kann es eine finanzielle Kooperationen auf der Basis nicht ohne Weiteres weiter geben. Das ist ein starker Anreiz, in den Staaten Menschenrechte dann doch wieder zu achten; das ist einer von vielen Hebeln, natürlich neben diplomatischen Mitteln, die Deutschland nutzen sollte um LSBTI-Rechte weltweit weiter zu stärken. 

the little queer review: Geld funktioniert beinahe immer – siehe Polen. Nachdem sich hier Partnerstädte trennten, Geld- und Förderflüsse stoppten, nahmen einige polnische Gemeinden ihre Bezeichnung als LGBT-freie-Zone zurück. Die EU engagiert sich stärker, auch was die sogenannten Justizreform in Polen angeht. Kürzlich rief die EU die Freiheitszone für queere Menschen aus. Ist das was, kann das was? Bedeutet das scheinbar entschlossene Vorgehen gegen menschenrechtlich mindestens bedenkliche Methoden und Gesetze in Polen oder auch Ungarn, dass man es mit der Freiheitszone ernst meint und nicht nur schöne Sprüche klopft?

Jens Brandenburg: Ja, die Europäische Union ist eine Wertegemeinschaft, deshalb find ich’s so gut, dass die Europäische Kommission die Vertragsverletzungverfahren sowohl gegen Polen als auch gegen Ungarn eingeleitet hat, weil dort LSBTI-Rechte verletzt werden. Diese angeblich LGBT-freien-Zonen in Polen, also zwangsverpflichtend heterosexuelle Landkreise, das ist natürlich ein Angriff gegen die Würde des Menschen, gegen die sexuelle Selbstbestimmung. Genau so wie in Ungarn, wenn systematisch queeres Leben aus der Öffentlichkeit verbannt und das dann auch rechtlich verfolgt wird – das sind Angriffe gegen die Selbstbestimmung von Menschen, das dürfen wir in Europa nicht einfach tolerieren. Deshalb ist es richtig, dass die Europäische Union jetzt entschlossen dagegen vorgeht. Es kann eben auch nicht sein, dass man immer fleißig die wirtschaftlichen Vorteile der Union nutzt und dann bei den Menschenrechten so tut, als hätte man damit nichts zu tun. 

Ich würd mir vor allem wünschen, dass die deutsche Bundesregierung auch im bilateralen Austausch mit den Mitgliedstaaten solche Themen sehr viel intensiver in den Fokus rückt. Die Staaten sollten verstehen, dass es mit europäischen Werten und einer künftigen Zusammenarbeit schlicht nicht vereinbar ist, wenn im eigenen Land LSBTI so systematisch verfolgt werden. Das ist ja teilweise regelrecht ne mittelalterliche Hetzjagd, was wir da erleben. 

LSBTI-Rechte sind Menschenrechte

the little queer review: Gleiches Thema, aber mal raus aus der EU: Georgien. Die georgische Regierung spricht sich gegen einen Pride aus, untersagt ihn quasi, da es heißt, man könne die Teilnehmenden nicht schützen; dann brandschatzt da ein wütender Mob, teils vermutlich engagierte Kräfte, die zündeln sollen und ein Kameramann erliegt seinen Verletzungen, nachdem er geschlagen und malträtiert wurde. Dieser Mob hingegen wird geschützt. Wieso kommt dazu kein Ton aus dem Außenministerium? Wieso schweigt ein Außenminister Heiko Maas so beharrlich zu so eindeutigen Verstößen gegen die Menschenrechte. Diese Stille irritiert doch, oder?

Jens Brandenburg: Ja, das teile ich absolut. Es ist erschreckend, wie sich das in Tiflis zugespitzt hat um den dortigen Pride und dass es den Tod eines Menschen nach sich zog. Das ist ein Ausmaß der homo- und transfeindlichen Gewalt und übrigens auch der Angriffe auf die Pressefreiheit, das dürfen wir natürlich auch von europäischer Seite nicht hinnehmen, vor allem nicht, wo Georgien ja anstrebt, Mitglied der Europäischen Union zu werden. Da hätte ich mir deutlichere Signale auch von der deutschen Bundesregierung gewünscht. Zumal es keine neue Entwicklung in Georgien ist, das Ausmaß der Gewalt sicherlich, aber bereits vor zwei Jahren hatten wie genau die selbe Auseinandersetzung. Da war auch der Pride in Tiflis bedroht und die staatlichen Behörden sagten: „Wir können sie nicht schützen, wir können die Sicherheit nicht garantieren.“ Zwischen den Zeilen war aber sehr deutlich erkennbar, dass die staatlichen Sicherheitsbehörden die Sicherheit der Demonstration gar nicht erst garantieren wollten. 

Community und Engagement – reden wir über das TSG

Da wird also von öffentlicher, von politischer Seite, auch von der Regierung in Tiflis selbst, dieser Mob, diese Gewalt, dieser Hass gegen sexuelle und geschlechtliche Vielfalt noch angestachelt. Ich glaube auch, dass in Georgien noch deutlich thematisiert werden muss, welche Rolle denn dort die orthodoxe Kirche spielt. Denn es kommt ja aus einem sehr religiösen Umfeld und mein Eindruck ist, dass die Regierung, aber auch Teile der Öffentlichkeit, diese Auseinandersetzung mit der orthodoxen Kirche scheuen. Mir geht’s hier nicht um Religionsfeindlichkeit, im Gegenteil – da brauchen wir mehr Dialog. Aber einfach wegzuschauen, nur weil das gesellschaftliche Akteure sind, die in Georgien einen gewichtigen Einfluss haben, das kann natürlich keine Lösung sein. 

the little queer review Kommt die Stille der deutschen Bundesregierung, aber auch anderer politischer Akteure, vielleicht auch daher, dass es bei diesen Dingen noch an der eindeutigen Erkenntnis mangelt, dass LSBTI*-Themen eben auch wirklich Menschenrechtsthemen und nicht irgendwelche „weichen Nischenthemen“ sind?

Jens Brandenburg: Da ist leider diese „Das sollen alle Kulturen selbst entscheiden“-Haltung in der Politik, aber auch in Teilen der Öffentlichkeit, weit verbreitet. Wenn also manche Staaten und Gesellschaften etwas konservativer sind, dann sei das schon in Ordnung. Das finde ich sehr gefährlich. Menschenrechte sind kein nettes Add-On, was man irgendwie haben kann oder auch nicht, sondern das sind die Grundwerte, auf die wir uns nicht nur in Deutschland, sondern auch international verpflichtet haben. Daraus ergibt sich auch die Verpflichtung diese immer wieder einzufordern.

Politisch gesehen, auch in der aktuellen Regierung, ist das Bewusstsein sehr unterschiedlich verteilt. Wenn ich zum Beispiel an Staatsminister Michael Roth im Auswärtigen Amt denke, da gibt es durchaus SPD-seitig jemanden, der das immer wieder deutlich anspricht. Aber man sieht am LSBTI-Inklusionskonzept, das aus dem von Gerd Müller (CSU) geführten Entwicklungsministerium über Jahre hinweg blockiert wurde, wie lange es braucht, für die deutsche Außen- und Entwicklungspolitik ein Konzept zum Schutz von LSBTI weltweit auf den Weg zu bringen. Nun gibt es inzwischen glücklicherweise dieses Papier und da wird sich die Regierung natürlich dran messen lassen müssen, ob das, was da auf Papier vereinbart wurde, in den nächsten Jahren auch in die Tat umgesetzt wird (die aktuellen Entwicklungen in Afghanistan zeigen ja, mit welcher Konsequenz die deutschen Außen- und Entwicklungspolitik Menschenrechte gern vergisst, Anm. d. Red.) Aber es gab große Widerstände und hat viel zu lange gedauert, dieses längst gemachte Versprechen endlich einzulösen.

„Das fand ich schon sehr verletzend“

the little queer review: Das ist wohl wahr. Gehen wir normal ins europäische Ausland, mit Blick auf die Fußball-Europameisterschaft und das aufgebrachte Wort der „etwas konservativeren Gesellschaft“. Konservativ – meinetwegen. Aber zu versuchen Leute anzuzünden und Regebogenflaggen zu verbrennen sehe ich jetzt nicht unbedingt als solide Äußerung einer konservativen Haltung. Anyway – die UEFA hat es versucht da irgendwie zweigleisig zu fahren: Stadion anstrahlen nein, Regenbogen-Fähnchen dürft ihr mit ins Stadion nehmen, Sponsoren sollen aber nicht mehr „bunt“ werben und so weiter. Alles irgendwie ein Trauerspiel, sowohl menschlich als auch vom Sportsgeist her gedacht. So ist es ja überhaupt frustrierend: Wenn es gerade opportun ist, hebt man „uns“ aufs Schild, schwingt unsere Flagge und dann ist wieder gut, werden wir wieder versteckt, sollen uns wieder verstecken. Das ist zwar nun nicht direkt Aufgabe der Politik, aber auch als Bundestagsabgeordnete*r ist mensch ja Mensch, so heißt es [lachen]. Das muss einem doch, gerade als schwulem Politiker, manchmal wehtun, sowohl im Kopf als auch im Herzen.

Jens Brandenburg: Oh ja. Das hat mich auch sehr geärgert, dass die UEFA da so rumgeiert ist. Ich denke auch, dass das eine vertane Chance für die UEFA und auch scheinheilig war. Denn die UEFA war im Vorfeld nicht einfach bekenntnislos oder neutral unterwegs, sondern hat von sich aus eine Equal-Game-Kampagne gestartet und immer wieder suggeriert, dass sie wirklich für Gleichberechtigung, Toleranz und Weltoffenheit steht. Und ich sag mal, wenn man diese Werte immer wieder proklamiert, muss man natürlich dazu stehen, auch in schwierigen Situationen. Dass die UEFA da politisch so einknickt vor Viktor Orbáns Regime, aus falscher Angst, da irgendwelche Gefühle oder Sponsoren zu verletzen, ihre lautstark proklamierten Grundwerte einfach wieder einrollt, das fand ich schon sehr verletzend.

Es hätte niemandem wehgetan, mit Regenbogenflaggen überall beispielsweise in der Münchener Allianz Arena ein klares Zeichen zu setzen. Anders als die UEFA es darstellt wäre das auch kein politisches oder gar parteipolitisches Zeichen gewesen, sondern es wäre ein Signal der Solidarität mit der gesamten Community gewesen. Gerade an die Community in Ungarn, die sich in großen Teilen gerade nicht traut geoutet in irgendwelche Stadien zu gehen. Das fand ich wie gesagt sehr erschreckend und scheinheilig. Gleichwohl freue ich mich sehr, dass aus dem deutschen Fußball heraus manche Signale deutlicher und auch lauter werden. Wenn ich da an Regenbogenarmbinden oder manche Interviews denke, da tut sich doch was. Ich würde mich natürlich sehr freuen, wenn wir dann auch bald die ersten Profifußballer und -fußballerinnen erleben könnten, die sich für den Schritt entscheiden, sich zu outen. Ich glaube das wäre sehr wichtig, nicht nur für die mediale Berichterstattung, sondern vor allem weil die Profisportler natürlich wichtige Vorbilder sind für die vielen Jugendlichen die im Amateurfußball oder Amateursport aktiv sind.

the little queer review: Definitiv wünschenswert. Wenn wir uns auch einmal anschauen, wie die Reaktionen auf ein Coming-out im Sport dann ausfallen, das ist ja meist doch nicht so negativ wie viele es meinen oder befürchten. Gerade beim Fußball mag das wirklich eher ein quasi sportinternes Problem sein. Also etwas, das eher in diesem Phänomen „Fußball“ als problematisch stattfindet und nicht außerhalb dessen, quasi in der echten Welt. Das mal als Randnotiz. 

Jens Brandenburg: Ich kann das auch sehr gut nachvollziehen und das ist ja kein Vorwurf an diejenigen, die sich entscheiden, sich (erstmal) nicht zu outen. Das geht vermutlich auch jeder und jedem in der Community so, dass man in bestimmten Situationen, auch wenn vielleicht manche Angst unbegründet ist – bei einem neuen Arbeitgeber, ob man sich outet oder nicht; oder im Umfeld neue Nachbarschaft, wo man noch nicht weiß, wie reagieren die – natürlich sind da immer Befürchtungen mit verbunden. Das ist ein Schritt, der immer wieder viel Mut erfordert. Ich würde mich nur freuen, wenn sich dann doch der eine oder andere, der wirklich Vorbild für Generationen sein könnte, dann eben auch mal diese Vorbildrolle einnähme. Also, ich bin mal gespannt [lacht leicht].

Netzwerke fördern

the little queer review: Ja, ich beziehungsweise wir auf jeden Fall auch. Vielleicht sehen wir’s ja in diesem Jahrzehnt der goldenen Zwanziger noch [lachen]. Uhm, Sie haben es schon angesprochen: Coming-out im Beruf. Kürzlich fand die Sticks & Stones, eine LGBTIQ*-Karrieremesse, statt, das wissen Sie natürlich, auch weil Sie da an einem digitalen Panel teilgenommen haben. Ich hab neulich das Buch Gayme Changer von Jens Schadendorff gelesen, in dem es auch um Betrachtungen von Initiativen für queere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter seitens der Unternehmen und Arbeitgeber geht. Im Schnitt stellt der Autor fest, dass das gut ausgebaut, bewusster und besser wird. Dennoch entsteht bei manchen der Eindruck, das wäre eher Makulatur, was natürlich auch einen Lernprozess in Gang setzen kann. Häufig ist aber doch noch zu hören: „Mein Stand in der Firma ist noch nicht so fix, als dass ich mich jetzt outen wollen würde.“ Klar gibt es auch jene, die machen das schon in den Bewerbungsgesprächen klar und das ist sicherlich auch branchenabhängig. Meinen Sie, wir sind da im Gesamten auf einem guten Weg? Es scheint ja doch einen schwer auflösbaren Widerspruch zu geben. Und kann und sollte die Politik da etwas machen oder das den privatwirtschaftlichen Unternehmen selbst überlassen bleiben?

Jens Brandenburg: Also ich glaube, die Frage Diversity am Arbeitsplatz hängt sehr stark an wirtschaftlichen und auch unternehmensinternen Initiativen, die übrigens zumeist ehrenamtlich sind. Mitarbeitende, die sich zu queeren Netzwerken zusammenschließen – gerade in den größeren und internationalen Unternehmen gibt es da mittlerweile hervorragende Beispiele. Oder auch PROUTATWORK als Netzwerk, die da große Verdienste erreicht haben. Ich glaube, das ist auch in diesen Zeiten immer noch sehr wichtig. Es gibt zwar manche Leute, die glauben, nach der Ehe für alle sei da alles geklärt. Aber wir sehen ja, dass persönliche Ansprechpersonen aus solchen Netzwerken wichtig sind, wenn man sich noch im Outing-Prozess befindet oder auch schon während des Bewerbungs- oder Recruitingprozesses. Ebenso auch, das darf man glaube ich nicht unterschätzen, um derlei Themen auf die Agenda zu setzen durch solche Netzwerke. Themen, die vielleicht im Vorstand gar nicht so gesehen werden.

Also beispielsweise die Frage, wie erleben denn transgeschlechtliche Personen im Unternehmen tatsächlich die Gleichbehandlung? Thema Umkleiden, Kleidungsvorschriften. Themen, die gar nicht bewusst diskriminierend vom Vorstand nicht wahrgenommen werden, sondern weil man andere Themen im Blick hat, gar nicht erst ins Bewusstsein geraten. Ich denke, es ist sehr wichtig, dass sich solche Netzwerke vermehrt gründen.

Und von politischer Seite ist meines Erachtens vor allem wichtig, dass wir im öffentlichen Dienst mit einem guten Vorbild vorangehen. Also zum Beispiel in den Bundes- und Länderpolizeien, da gibt es an vielen Stellen Ansprechpersonen für LSBTI, aber noch nicht überall; bei der Bundeswehr gibt es die zentral, aber nicht dezentral, wie es sinnvoll und in den Ministerien und anderen öffentlichen Behörden verstehen sich die Gleichstellungsbeauftragten auch eher als Beauftragte für das binäre Mann-Frau-Geschlechterverhältnis und nicht für Diversity im gesamten Sinne. Also da gibt es zu tun. Zudem ist es politisch eine große Aufgabe gerade im Mittelstand, wo die allermeisten Menschen in Deutschland arbeiten und nicht in großen weltumspannenden Konzernen, sondern in kleinen und mittleren Betrieben, die keine große HR-Abteilung haben, da bessere Unterstützung, Know-How und Netzwerkaustausch zur Verfügung zu stellen. 

the little queer review: Wie sieht es denn direkt in der Politik aus? Da wird ja auch manches Mal der Eindruck vermittelt, wenn du nicht Frau und einskommairgendwas Kinder hast, fällt es dir auch schwer gewählt zu werden. Kommt sicherlich auch auf den Wahlkreis und das persönliche Standing in der Gegend an. Ist das, unabhängig von einzelnen Abgeordneten, denen mensch dann im Bundestag ohnehin aus dem Weg gehen will, eine Problematik? Also würden mehr queere, ob nun schwul, lesbisch, trans oder nicht-binäre Personen antreten, wenn eine andere Kultur herrschte? Nun kandidiert zwar Tessa Ganserer für die Grünen, aber da geht’s in der Verurteilung auch teilweise heftig zu. Oder ist die Einstellung eigentlich allgemein ganz gut und jede und jeder macht halt wie sie oder er kann?

Dr. Jens Brandenburg spricht im Plenum des Deutschen Bundestages über armutsfeste Bildungsförderung // © Deutscher Bundestag/Achim Melde

Jens Brandenburg: Ich glaube, wie Sie schon sagen, das ist sehr unterschiedlich, je nach Region und Umfeld. Also ich bin von Beginn meines politischen Engagements an immer geoutet gewesen. Es ist zwar nicht immer das erste, was ich Menschen erzähle [lacht leicht], aber ich hab nie ein Geheimnis draus gemacht. Erst recht nicht jetzt als Queerpolitiker. Auch in meinem Wahlkreis, einer im Teil recht ländlichen Region in Baden-Württemberg, stehe ich dazu und hab bisher direkt wenig negatives Feedback bekommen. Ich würde auch allen anderen raten, diesen Schritt mutig zu gehen, ich weiß aber auch, dass viele Kollegen und Kolleginnen in mehreren Fraktionen im Deutschen Bundestag eben nicht geoutet sind, eben wegen Befürchtungen, wie denn die eigene Partei und auch die eigene Wählerschaft reagieren würde. Also ist das auch in der Politik noch nicht ganz geklärt oder gelöst. Es hängt aber auch sehr von der Fraktion und der Partei ab. Zumindest in meiner eigenen Fraktion, den Freien Demokraten, hab ich da nie negative Reaktionen bekommen, ganz im Gegenteil. Das ist ja auch Teil der liberalen Agenda. Wenn man sich manch andere Fraktion anschaut, kann man schon nachvollziehen, warum dieser Schritt manchen Leuten etwas schwerer fällt. 

the little queer review: [lachen] Ja, das ist wohl wahr…

Jens Brandenburg: …auch da, es ist kein Vorwurf, das muss jeder selber entscheiden. Aber wir sind weit entfernt von einer so liberalen Gesellschaft, dass das keine Rolle mehr spielt.

Lebenslanges BAföG?

the little queer review: Absolut. Was uns eine gute Brücke baut, denn sowas kann ja auch im Bildungsbereich vermittelt werden. Als ich, wie ich kleiner Streber es gern tun [lachen], das Wahlprogramm der FDP gelesen habe, sind mit die verschiedenen BAföGs aufgefallen (im Programm bspw. ab Seite 18; Kernforderungen hier, Anm. d. Red.). Das klingt erstmal recht viel, auch bürokratisch schwer machbar. Oder soll das nach einem Baukastenprinzip, so wie auch eines der Konzepte es im Namen trägt, funktionieren und man schaut nach der Wahl, was sich mit potenziellen Koalitionspartnern machen ließe? So jedenfalls klingt es erstmal nach großem verwaltungstechnischem Aufwand.

Jens Brandenburg: Also es sind sehr, sehr unterschiedliche Zielgruppen. Alles so ein wenig unter dem Begriff BAföG gesammelt, weil der eben etabliert ist im Bereich der Bildungsförderung. Das eine ist das Studierenden- und Schüler-BAföG, das gibt es ja bisher schon. Insbesondere das für Studierende ist aber extrem kompliziert, sodass zu Beginn eines Antrags niemand seriös sagen kann, was am Ende an Anspruch herauskommt und dadurch fallen sehr viele Menschen, die Förderbedarf haben, durchs Raster. Das wollen wir radikal vereinfachen, um auch dafür zu sorgen, dass mehr Studierende gefördert werden und jeder und jede sich elternunabhängig das Studium auch leisten kann. 

Das zweite ist das Aufstiegs-BAföG, auch das gibt es schon, hieß mal „Meister-BAföG“ und ist für die berufliche Fortbildung, also wenn jemand zum Beispiel den Meister machen möchte. Auch bei dem sehen wir noch Verbesserungspotenzial. Was Teilzeitfortbildung angeht, was mehrere Fortbildungen auf ein und derselben Stufe angeht. 

Und das dritte, das ist das Midlife-BAföG, das gibt es in der Form noch nicht, weil unser Bildungssystem bisher viel zu stark einseitig auf die Erstausbildung ausgerichtet ist. Wir sehen, dass man sich vor allem in Bezug auf die Digitalisierung alle paar Jahre immer wieder neu erfinden sollte und wir wollen den Zugang zu Weiterbildung für alle unabhängig vom Geldbeutel ermöglichen. Dafür dient dann das Midlife-BAföG, um sozusagen in der Mitte des Lebens nochmal einen Bildungsgutschein zu bekommen, um sich auch die Fortbildung leisten zu können, an der der eigenen Arbeitgeber vielleicht nicht unmittelbar Interesse hat. Oder auch in allgemeine Weiterbildung zu investieren. 

Packen wir’s an und so

Also drei unterschiedliche, nötige Dinge, alles Baustellen mit großem Handlungsbedarf.

the little queer review: Wäre es da nicht schön, hätte man ein Bildungsministerium, in dem man sich auf verschiedenen Ebenen abspräche und das noch mit Forschung kombinierte? 

Jens Brandenburg: [wir lachen] Das wäre auf jeden Fall gut…

the little queer review: Eine Sache, die noch stutzig machte: Wenn im Programm steht, die Autonomie der Schule solle gestärkt werden, föderales Bildungssystem und so, klar. Aber mir scheint, dass beispielsweise das Zentralabitur aufgrund sehr unterschiedlich ausgerichteter Lehrpläne und inkongruenter Fokussierungen der Schulen allein schon problematisch ist. Autonomie stärken klingt gut, auch das Modulsystem, das im Wahlprogramm steht, klingt interessant, aber müsste man sich dann nicht sinnvollerweise vom Zentralabitur verabschieden?

Jens Brandenburg: Nee, das glaube ich nicht. Wir sehen auch im internationalen Vergleich, dass eher die Länder erfolgreich sind, die gemeinsame und dann auch wirklich verbindliche Ziele vereinbaren auf oberer Ebene, was bei uns die Bundesebene wäre, aber in der Umsetzung sehr viel mehr Freiheit vor Ort gewähren. Das sehen wir in Skandinavien, den Niederladen, Neuseeland. Also unsere Idee einer Modernisierung des Bildungsföderalismus ist jetzt nicht, lasst uns alle Kompetenzen nach Berlin zu Frau Karliczek (Anja Karliczek, CDU, derzeitige Ministerin für Bildung und Forschung, Anm. d. Red.) packen [ich lache los] und sie für die Lehrerauswahl zuständig sein lassen, dadurch würde nichts besser. Aber wir sollten dafür sorgen, übrigens auch für Familien, die mal das Bundesland wechseln und natürlich nicht wollen, dass die eigenen Kinder wegen nicht aufeinander abgestimmter Lehrpläne erstmal ein Schuljahr wiederholen müssen, dass einige Dinge bundeseinheitlich geregelt werden. 

Ich glaube schon auch, dass Abschlussprüfungen als ein notengebendes Element sinnvoll wären, um das auch gemeinsam zu kalibrieren. Weil was aktuell passiert, ist sehr viel ungerechter. Aktuell ist es so, dass, wenn ich in manchen Bundesländern Abitur mache, ich es sehr viel schwerer habe, einen Studienplatz zu finden, weil das quasi sofort vom Numerus Clausus abgezogen wird. Selbst das Bundesverfassungsgericht hat ja inzwischen geurteilt, dass die Abiturnoten zwischen den Ländern nicht mehr vergleichbar sind. Und das kann natürlich nicht sein, dass die Startchancen jetzt davon abhängen in welchem Bundesland ich aufwachse.

 

Vor Ort ist gut, über den Filter reden wir nochmal…

Die Kehrseite davon ist dann im Grunde die Umsetzungsfreiheit vor Ort. Da haben wir eigentlich in allen Bundesländern ein viel zu enges Korsett. Das merken gerade die hochmotivierten Lehrkräfte, die mit neuen Ideen da rangehen und dann sehen, dass vieles schon von der Kultusbürokratie ausgebremst wird und man auf den eigentlichen Bedarf vor Ort viel zu wenig reagieren kann. Auch da zeigt ein Blick nach Neuseeland, dass, wenn die Lehrkräfte die Möglichkeit und eine starke Ausbildung und vor allem bessere Weiterbildungschancen haben als hier in Deutschland, sie viel besser auf die individuellen Bedürfnisse der Schüler und Schülerinnen eingehen können. 

Geld und Exzellenz

the little queer review: Apropos Lehrkräfte: Da auch ein wenig am Gehalt drehen? Höheres Einstiegsgehalt? Vielleicht gar in Bezug auf Schulen das Beamtentum abschaffen?

Jens Brandenburg: Also das Beamtentum abschaffen ist eine große Diskussion. Da kann man sich leidenschaftlich streiten. Der Fairness halber wird es aber immer an den Haushaltspolitikern scheitern. Weil die natürlich auch künftig ein attraktives Angebot machen wollen. Da dann die Vorteile, die man eben hat, wie eine recht üppige Pension, die dann im Gehalt vielleicht stärker ausgleichen müsste. Die Haushaltspolitik macht es sich da manchmal ein bisschen einfach, die wahren Kosten für Lehrkräfte einfach mal auf die künftigen Generationen zu verschieben. Das ist also eher eine finanzielle Diskussion, die wir da haben, meine ich. 

Ansonsten muss man schon sagen, weltweit gesehen, kaum irgendwo verdienen Lehrkräfte so gut wie in Deutschland. Es ist nicht so, dass Lehrkräfte bei uns am unteren Ende unterwegs seien. Im weltweiten Vergleich verdienen sie wirklich besser als die anderen, sind aber zu einem relevanten Teil weniger motiviert und weniger gut weitergebildet. Ich denke, wenn wir die besten Kräfte für den Lehramtsberuf gewinnen wollen, dass wir dann eher auf die anderen Ebene setzen sollten: Mehr Freiheit im Beruf, weniger mit bürokratischen Vorgaben zu tun haben müssen, bessere Förderung, gegenseitiges Peer-Feedback, um auch eine Fehlerkultur zu stärken und so den Lehrerberuf an sich attraktiver zu machen. Damit wäre sicherlich mehr geholfen als mit reinen Gehaltsdiskussionen.

the little queer review: Kurz zum Thema Exzellenzinitative. Im Wahlprogramm (Seite 19, Anm. d. Red.) steht: „Ein bundesweiter Exzellenzwettbewerb soll die besten Ideen zur Zukunft der beruflichen Bildung mit hochrangigen Auszeichnungen und mehrjährigen Zuschüssen fördern.“ Dazu mal etwas allgemeiner: Auch die Idee der Exzellenz-Universitäten war im Grunde ja eine gute, wenn dann auch wieder ins Absurde abgeglittene Nummer, sind wir, ist Deutschland, ein Land für Exzellenzinitiativen? Mal abgesehen von aller Liebe zum Bürokratischen bei uns hab ich immer mehr den Eindruck, wir seien eine weniger kompetitive, dafür eher neidische Gesellschaft. Sobald irgendwo das Wort „Exzellenz“ draufsteht, denken wir uns doch immer gleich: „Ah, nee, das ist sicher teuer und nur was für andere. Vielleicht für Frau Maier von nebenan, die hat ja auch den Rasen grüner.“ Ich hab den Eindruck, solche Dinge haben es schwer, weil die Leute das in Deutschland irgendwie ablehnen oder dem zumindest sehr skeptisch gegenüberstehen.

Jens Brandenburg: Ja, das ist bei vielen Menschen in Deutschland so und ich glaub auch politisch gibt es da viele Unterschiede. Wir Freie Demokraten sind große Anhänger einer Leistungsbereitschaft und das gar nicht im Sinne von Leistungsdruck, sondern von Freude daran, Dinge zu bewegen, voranzubringen, sich zu engagieren und auch einfach persönlich besser zu werden. Das sind für uns persönlich sehr gute Werte und wir möchten, dass wir in der Hochschullandschaft aber auch in der beruflichen Bildung weltweit noch weiter vorn mitspielen und einfach besser werden. 

Das Wasser ist braun… was sagten wir zum Filter?

Es gibt viele, gerade im linken politischen Spektrum, die das sehr ablehnen und meinen: Hauptsache erstmal gleich und wir brauchten keine Spitzenförderung, Hauptsache in die Breite. Und ich meine, wir brauchen beides und uns geht es bei der Exzellenzinitative Berufliche Bildung darum, sehr klar zu machen, dass Exzellenz und Talente eben nicht nur an den Hochschulen zu finden sind, sondern auch in der beruflichen Aus- und insbesondere Weiterbildung. Da gibt es Menschen hier in Deutschland, die beispielsweise im Mittelstand Dinge entwickeln, die weltweit verkauft werden und weltweit Innovationen vorantreiben. Das wollen wir stärker ausbauen und fördern. 

Dazu gehört genau ein solcher Exzellenzwettbewerb, um ähnlich wie an den Hochschulen mit einer starken finanziellen Förderung und öffentlichem Prestige innovative Projekte in der beruflichen Bildung voranzutreiben. Da geht’s natürlich nicht nur um Forschung, das kann auch ein Projekt sein, das besonders stark auf Inklusion setzt, das Menschen, die sonst durchs Raster fallen, einen Weg ebnet, die berufliche Qualifizierung überhaupt erstmal zu beginnen. Das können ganz unterschiedliche Dinge sein. Das reicht dann bis zur Talentförderung. Ich verstehe beispielsweise nicht, wieso wir die 13 Begabtenförderwerke des Bundes, die parteinahen Stiftungen, ausschließlich für Studierende öffnen. Wo es doch Talente auch in der beruflichen Bildung gibt. Darum ist eine unserer Forderungen auch, lasst uns Stipendien – und zwar gleichwertige Stipendien – doch auch den Begabten im Bereich der beruflichen Bildung geben. 

Da gibt es große Vorbehalte, gerade von vielen, die auch politisch gern in diesem Elfenbeinturm bleiben wollen und die Gleichwertigkeit immer nur in Sonntagsreden erwähnen.

Wie finanzieren wir Generationengerechtigkeit?

the little queer review: Ein Stück weit sind wir damit auch beim Thema der Generationengerechtigkeit. Auch dazu gibt es im FDP-Programm einige Ideen. Wie beispielsweise den Vorschlag, Gesetzesvorschläge und Gesetze auf auf Zukunftsfähigkeit und Generationengerechtigkeit zu prüfen (etwas, das auch Friedrich Merz in seinem Buch vorschlägt, der Mann ist also nicht nur entsetzlich, Anm. d. Red.). Was, lieber Jens Brandenburg, ist Ihnen denn da am Wichtigsten? In diesem Punkt, oder wie eigentlich generell, sollte Politik ja nun wirklich mal für die Zukunft und nicht immer nur für eine Legislaturperiode gestaltet und gemacht werden. Da geht es auch um Absicherung, um Verlässlichkeit, vom Klima mal gar nicht zu sprechen. Aber wir bezahlen die Renten jetzt, wir werden sie in den kommenden Dekaden tragen, wer dann unsere zahlen soll, ist eine große Frage. Die Sozialkosten steigen und steigen und steigen. Da braucht es doch eine Idee, die wirklich mal etwas kann, die auch etwas bewegt und nicht einfach nur erstmal schön klingt und das war es dann eben auch. 

Jens Brandenburg: Klar. Das Thema „Generationengerechtigkeit“ zieht sich ja quer durch alle Politikfelder. Das fängt schon an bei der aktuellen Corona-Politik der letzten Monate, wo die Jugend immer wieder völlig vernachlässigt wurde. Das wäre der erste Punkt: Überhaupt erstmal alle Generationen politisch stärken in den Blick zu nehmen. 

Zweitens, auch inhaltlich, die Haushaltspolitik. Wenn ich beispielsweise sehe, dass die Grünen in den letzten Jahren immer wieder stärker an der Schuldenbremse, die ja keine Schwarze Null ist, sondern in schwierigen Zeiten durchaus Schuldenaufnahme erlaubt, aber eben auch den Schuldenabbau in besseren Zeiten fordert, rütteln, halte ich das für schwierig. Es ist ganz wesentlich, in der nächsten Koalition die Schuldenlast auch für künftige Generationen im Blick zu behalten und auch da generationengerecht zu handeln.

Dritter Punkt, Sie haben’s ja angesprochen, die Rente. Kein Mensch weiß im Moment wie die Rente ab 2030, wenn die Babyboomer in Rente gehen, noch finanziert werden soll und in den letzten Legislaturperioden wurde immer mit Blick auf die ältere Wählerschaft und die nächste Wahl die große Schatulle geöffnet und auf Kosten der nächsten Generationen an jene, die eigentlich oftmals eine gute Rente haben, noch mehr ausgeschüttet. Bei der Rente ab 63 genau das selbe Spiel: Zulasten einer Generation der anderen wieder mehr gegönnt, mit dem Gedanken an die Wahlurne. 

Ich glaube, das muss enden. Wir müssen schauen, wie kommen wir da raus. Unser Vorschlag ist beispielsweise in der gesetzlichen Rente eine Aktienrente, so wie wir es aus Skandinavien kennen, zu integrieren. Also einfach mal sagen: Lasst uns doch 2 %, also nicht alles aus der umlagefinanzierten Rente, sondern 2 % der Beitragszahlung nutzen und sie auf dem Aktienmarkt anlegen. So wie das Norwegen breit gestreut über einen langen Zeitraum macht, so ist das Risiko auch minimal und im Schnitt können so 8 % Zinsen erreicht werden. Wenn das ein Baustein ist, kann das dazu führen, dass, wenn unsere Generationen später in Rente gehen, deutlich, deutlich mehr angespart ist und gerade die mit kleinen und mittleren Einkommen noch gut dastehen. Das halte ich für ganz wesentlich. 

Ansonsten natürlich Klimaschutz, eines der ganz wesentlichen Themen der Generationengerechtigkeit. Ich hoffe, wir kommen endlich, endlich mal von diesen nervigen Symboldebatten weg, wo der Eindruck entsteht, Klimaschutz ist dann gut, wenn er wehtut. Denn Klimaschutz ist dann gut, wenn er möglichst viel wirkt und möglichst wenig wehtut. Mit Emissionszertifikatehandel haben wir ein solches Instrument. In den betroffenen Branchen sind 100 % der Klimaziele auf europäischer Ebene der letzten Jahre eingehalten. Aber große Sektoren wie Landwirtschaft und Gebäudewärme sind einfach nicht drin, das muss sich ändern. Dann brauchen wir auch keine einzelnen Flugverbote oder sonst was, sondern ein einzelnes Instrument, was wirklich ein fixes CO2-Limit setzt.

Und zu guter Letzt, wir haben ja eben drüber gesprochen, die Bildungspolitik. Wir haben uns in Deutschland viel zu lange drauf verlassen, dass das mit Bildung sowieso alles ganz gut läuft und rutschen inzwischen ab auf mittlere Plätze. Die Abhängigkeit der Bildungschancen von der sozialen Herkunft ist in Deutschland größer als in anderen vergleichbar entwickelten Staaten und das sollte uns zu denken geben. Auch das ein Thema der Generationengerechtigkeit.

Wir brauchen im Herbst einen Koalitionsvertrag, der die Generationengerechtigkeit sehr viel stärker in den Fokus rückt und zwar, wie Sie auch sagen, über die nächsten vier Jahre hinausgedacht, nicht nur bis zur kommenden Wahl. Das ist auch unser Anspruch als Freidemokraten.

Jetzt aber mal persönlich…

the little queer review: Gut, gut. Nun, zum passenden Abschluss die großen Fragen [wir lachen]. Ein Film, ein Buch, ein Musikstück und eine Speise, die ganz weit oben stehen. Es muss nicht der liebste Film und so weiter sein, aber etwas, das eine Rolle im Persönlichen spielt.

Jens Brandenburg: Also als Film fand ich Inception immer beeindruckend, mit diesen mehreren Ebenen, zwischen denen man springt. Und auch einfach, weil es ein Film war und ist, den man sich in kürzerer Zeit mehrmals ansehen kann und immer wieder neue Zusammenhänge entdeckt, das fand ich sehr, sehr spannend. 

Solide Musik findet ihr auch hier und so…

Buch – Der Medicus. Ich liebe historische Romane und Der Medicus war der Roman, der mich auf den Geschmack gebracht hat. 

the little queer review: Ach ja, ich glaube das geht mit dem Buch vielen so.

Jens Brandenburg: Ja, vermutlich. Musik, ich würd sagen „Happy“ von Pharrell Williams, einfach deshalb, weil [lacht], wenn ich mal schlecht gelaunt bin, hilft der mir sehr gut wieder gute Laune zu bekommen. Einfach in Dauerschleife.

Und Speise… also „die“ liebste Speise gibt es so nicht. Aber ich mag selbstgegrillte Pizza in allen Variationen liebend gern, das macht auch immer Spaß [lacht wieder].

the little queer review: So aus dem Ofengrill?

Jens Brandenburg: Genau Grill, beziehungsweise mit so einem heißen Stein dann…

the little queer review: …ah ja, cool…

Jens Brandenburg: …also jetzt nicht Tiefkühlpizza, sondern schön kross und selbstgemacht und so.

the little queer review: Ja, der arme Stein. Sehr fein, vielen Dank und alles Gute.

Jens Brandenburg: Sehr gern, danke und bis bald.

In der übernächsten Woche, am 17.9., befassen wir uns mit dem Programm von Bündnis 90/Die Grünen und veröffentlichen ebenfalls unser Gespräch mit den queerpolitischen Sprecher*innen Ulle Schauws und Sven Lehmann.

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