Wollen wir doch mal ehrlich sein


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Wenn die Aktivistinnen und Aktivisten von Fridays for Future heute ihren globalen Klimastreik begehen, dann passiert dies in der stetigen Annahme und Hoffnung, dass das Weltklima noch zu retten und der Klimawandel aufzuhalten sei. Ob dem tatsächlich so ist, ist mehr als unklar. Aber nicht nur so genannte „Klimaleugner“ zweifeln dies an, sondern auch manch kritische und dennoch vernünftige Stimme, die davon ausgeht, dass es für eine Rettung des Klimas bereits zu spät sein könnte.

Eine solche Stimme is der amerikanische Autor Jonathan Franzen. In seinem bei Rowohlt erschienenen kleinen Büchlein Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen? – Gestehen wir uns ein, dass wir die Klimakatastrophe nicht verhindern können argumentiert er – angesichts des Titels wenig überraschend –, dass der Klimawandel bereits sehr weit fortgeschritten sei, wir uns vieles noch immer schönredeten und uns besser einmal ehrlich machen sollten, nicht zuletzt, um uns mit realistischen Maßnahmen, statt mit Utopien zu beschäftigen.

Kein Fortschritt in der Debatte

Insgesamt besteht das Büchlein aus drei Teilen: Einem einleitenden und einordnenden Vorwort, dem „Hauptteil“, einem Essay, der im September 2019 im US-Magazin The New Yorker erschien, sowie einem kurz zuvor in der Literarischen Welt publiziertes, thematisch eng mit dem Essay verbundenes Interview mit Wieland Freund. Bei gerade einmal etwa 60 Seiten lässt sich das Buch auf fast jeder Bahnfahrt – nicht nur zu oder von Klimastreiks – lesen und öffnet vielleicht so manches Auge.

Franzen argumentiert nämlich, dass die ernst gemeinte Position, dass es für effektiven Klimaschutz zu spät sein könnte, im öffentlichen Diskurs gar nicht stattfinde. Damit hat er nicht unrecht und nennt aber auch Gründe hierfür. Wer wäre denn motiviert, noch irgendwie Klimaschutz zu betreiben, wenn die Klimakatastrophe oder der Weltuntergang ohnehin bereits unabwendbar wären? Vermutlich niemand und eine ganze (Empörungs-)Industrie würde von heute auf morgen ihrer Geschäftsbasis beraubt.

Was wären wir ohne die Hoffnung?

Gleichzeitig wäre aber auch die gesamte Hoffnung weg und auf dieser beruht eigentlich das gesamte System. Dennoch blockiere sie aber auch manch andere Maßnahme. Durch die Hoffnung begründet stellen die Aktivistinnen und Aktivisten von Fridays for Future nämlich immer Maximalforderungen mit einem minimalen Willen zum Kompromiss. Nicht nur der frühere FfF-Aktivist Clemens Traub kritisierte diese Attitüde in der Vergangenheit.

Kleinere, leichter erreichbare Ziele, die an manchen Stellen vielleicht zumindest Linderung brächten, Kipppunkte nach hinten verschöben oder uns zumindest etwas Zeit erkaufen könnten, werden in der Tat von Vertreterinnen und Vertretern der Klimabewegung gerne als zwecklos bewertet – so beispielsweise von Luisa Neubauer in ihrem jüngsten Gesprächsband mit dem ZEIT-Journalisten Bernd Ulrich Noch haben wir die Wahl (womit Franzens kleiner Band ihr nun diametral gegenübersteht). Gerade aber kleinere Einschränkungen – Katarina Schickling hat beispielsweise 100 Eco-Hacks zusammengestellt, die zumindest einen kleinen Teil beitragen könnten – hätten das Potential, ein wenig Linderung zu schaffen und sukzessive ein anderes Bewusstsein in der Gesellschaft zu schaffen.

Mehr Ehrlichkeit und Offenheit in der Debatte

Vogelliebhaber Jonathan Franzen appelliert daher zu mehr Ehrlichkeit und Offenheit in der Debatte. Durch übertriebenen Aktivismus werde die Sicht auf das, was möglich sei, leider gerne vernebelt und tatsächlich umsetzbare kleinere Fortschritte beim Arten- oder Pflanzenschutz erschwert oder gar verhindert. Das ist sehr schade und in diesem Sinne wäre es wünschenswert, würden wir uns alle ein wenig ehrlicher machen.

Auch wenn es manche als Preisgabe der letzten Hoffnung und einer fast schon fatalistischen Perspektive erscheinen mag, sein Buch Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen? bietet auf jeden Fall einen willkommenen Anlass, uns, unser Verhalten, unsere Maßnahmen gegen den Klimawandel und auch unsere öffentliche Debatte ein wenig kritisch zu hinterfragen. Zur Bundestagswahl und auch darüber hinaus sollten wir uns manch unbequemer Wahrheit stellen und die nötigen Maßnahmen ergreifen.

HMS

Jonathan Franzen: Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen? – Gestehen wir uns ein, dass wir die Klimakatastrophe nicht verhindern können; Übersetzt von: Bettina Abarbanell; 4. Auflage, August 2021; 64 Seiten; Taschenbuch; ISBN: 978-3-499-00440-7; Rowohlt; 8,00 €; auch als eBock erhältlich

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