Affären und andere Motive

Was gibt es Schöneres als die winterlich-weihnachtliche Adventszeit von Sex und Lügen, Manipulation und Erpressung, Hass und Hetze und Shitstorms und Skandalen begleiten zu lassen? Eben, eben! Glücklicherweise weiß Das Erste uns hier hilfreich zur Seite zu stehen und liefert mit der achteiligen Serie Legal Affairs um die von Lavinia Wilson famos verkörperte Medienanwältin Leo Roth noch eines der späten, dringend benötigten Serienhighlights des Jahres 2021.

Zack – Skandal, Bumms – Tempo, Krach – Image

Eben noch auf dem Roten Teppich einer Filmpremiere (irgendein typischer Teil-2-von-36-Schund) und dann schon wieder am Gruppentisch ihrer Kanzlei – so lernen wir Roth kennen, nicht ohne sie noch von der Premiere aus schnell ein Schreiben diktieren und einen Jungschauspieler-Mandanten (Vincent Krüger aka Herr Kevin aus Sankt Maik) anhören zu sehen. Zack, Zack geht es um den Fall: Ein Busunglück oder eher ein erweiterter Suizid? Die Fahrerin soll nach einem Streit mit ihrer Tochter den Bus ins Unglück und 16 Menschen in den Tod gestürzt haben.

In Berlins schillernder Polit-, Promi- und Medienszene unterwegs und dabei fast immer ganz in Weiß: Staranwältin Leo Roth (Lavinia Wilson) // © ARD Degeto/RBB/Kerstin Jacobsen

Die Boulevardpresse, vor allem verkörpert in Form von Götz Althaus (mit genüsslicher Freude dabei: Stefan Kurt) als Reporter für Der Tag, stürzt sich drauf, der Inhaber der Busfirma begeht den Kardinalfehler, sich ohne Rücksprache mit Anwältin Roth und ihren präsenten Mitarbeiter:innen Elena Caspari (Maryam Zaree) und Cecil Graf von Carlsburg (Niels Bormann) im TV zu äußern. Die Kanzlei wird Pro bono („ist wie ein Boomerang“) die Vertretung des spanischen Witwers der Busfahrerin übernehmen. Wen interessiert in diesem einem Fall schon das Geld, wenn die eigentliche Währung doch eine andere ist: das Image.

Moral oder Reputation?

Legal Affairs, diese Serie, die auf kleinerem Bildschirm große Unterhaltung inszeniert (Regie: Randa Chahoud und Stefan Bühling), vergisst in den acht kurzweiligen aber unbedingt die Aufmerksamkeit der Zuschauer:innen erfordernden Folgen nie, eines deutlich zu vermitteln: Was mehr zählt als die Wahrheit, ist eine gute Story. Das muss nicht immer von Vorteil für Roth und ihre Mandant:innen sein. Zum Vorteil der eigenen Moral ist es ohnehin nicht. Dafür aber sehr zum Vorteil einer komplexen und ambivalenten Hauptfigur, die in den Drehbüchern der Headautor:innen Lena Kammermeier und Felice Götze und ihrer Writer’s Room Autor:innen nie zum Klischee wird.

Boulevard-Reporter Götz (Stefan Kurt) lässt Leo Roth (Lavinia Wilson) bei seinem Chef auflaufen, oder?! // © ARD Degeto/RBB/Kerstin Jacobsen

Auch die einzelnen Fälle, die in den Folgen immer zum Abschluss gebracht werden (was zumindest in den Folgen vier und sechs etwas statisch wirkt und in Folge sieben eine Weiterführung in einer zu wünschenden zweiten Staffel angenehm sein ließe), dürften nicht wenigen aus einem realen Kontext dezent bekannt erscheinen und verlaufen nach dem Schema einer Serie eben wendungsreich bis zum trickreichen Aha-Moment, werden aber nie klischeeüberladen seicht erzählt. 

Fälle, wie aus dem Leben…

Da ist der Fußballer (Slavko Popadic, Bonnie & Bonnie), dessen Karriere an Gerüchten über einen Herzfehler zu scheitern droht; das dreimenschige Satirekollektiv (Odine Johne, Julius Feldmeier, Vincent zur Linden) „Institut für rosige Zeiten“ (Hallo, Zentrum für politische Schönheit!), das nach einer absurden Story über Kannibalen in einem Flüchtlingsheim von der Realität eines Nazi-Mobs eingeholt wird; der aufstrebende Jungschauspieler (Paul Michael Stiehler), von dem ein Video verbreitet wird, das ihn zeigt, wie er einem anderen Mann einen Bowjob gibt und das sich schnell als Deep Fake entpuppt (erwähnte Folge vier); die Investigativ-Journalistin (grandios gebrochen: Jenny Schily, Tatort: Was wir erben), die lieber in den Knast geht, als die Staatsanwaltschaft in Form von Leos Ex-Liebschaft Thilo Hinrichs (Sebastian Hülk) zu unterstützen; die etwas einfältige Lisa (Camille Dombrowsky) aus Brandenburg, die ein Foto mit zwei Jungs aus ihrem Sansibar-Urlaub mit der Caption „Toller Urlaub. Nette Menschen. Hoffentlich krieg ich jetzt kein Aids. 😉“ postet und zu einem veritablen Shitstorm landet (Folge sechs und die schwächste, wenn auch auf hohem Niveau); die rechtspopulistische Politikerin Sabine Leuken (Muriel Baumeister), die aus dem „braunen Milieu“ aussteigen will und wozu die Kanzlei-Ermittlern Mimi (Michaela Caspar) in eben dieses eingeschleust werden muss und zu guter Letzt: ein Fall, in dem Leo Roth selbst vor Gericht steht.

Landgericht: Leo und Elena (Maryam Zaree) verteidigen das Aktions-Trio Bolle (Julius Feldmeier, li.), Saskia (Odine Johne, 3. v. li.) und Max (Vincent zur Linden, 2. v. li.) // Bild: © ARD Degeto/RBB/Kerstin Jacobsen

Denn neben diesen Fall-pro-Folge-Fällen zieht sich noch ein sich immer weiter steigernder Skandal um Leos Schwager, den Berliner Innensenator Kai Fontaine (Rainer Sellien), durch Legal Affairs, der nochmals besonders persönlich für sie ist, da ihre geliebte Schwester Ulli (Annika Kuhl) unter Multipler Sklerose leidet und die Tochter (Amelie Klein) schon als Halbwaise sieht. Außerdem löst das alles bei Leo Roth, die ohnehin ständig telefoniert, schreibt, vermittelt, denkt, führt, Obst isst, seltener auch mal wirft, beschwingt Sonnenbrillen auf- und absetzt zusätzlichen Stress aus. Etwas, das wiederum für eine Kugel, die ihr noch im Kopf steckt, nicht so gut ist.

…nur steiler

Aufregend! Ist es wirklich. Als Zuschauende fiebern wir mit, was nicht nur an den rasant aber nie überstürzt laufenden Folgen, der immer in Bewegung bleibenden Kamera von Julian Hohndorf und Jan Prahl, dem klasse gesetzten Szenenbild von Juliane Friedrich, dem eindrucksvollen Kostümbild von Katrin Unterberger oder den schon erwähnten fast durchweg ausgezeichneten Drehbüchern liegt, sondern auch an dem Ensemble, das die abstrusen und doch sehr greifbaren Fälle  und Wendungen einer Welt der Aufmerksamkeitsökonomie, des Machtstrebens und des konstanten Gewinnwillens, selbstverständlich immer vor den Augen des Boulevards, hervorragend trägt. 

Anwalt Cecil (Niels Bormann, r.e) sucht das Gespräch zwischen Teenie-Star Ben (Paul Michael Stiehler) und dem Schöpfer des Deep-Fakes // © ARD Degeto/RBB/Kerstin Jacobsen

Neben den bereits erwähnten sind unbedingt noch Aaron Altaras (u. a. bekannt aus Mario) als neuer Assistent Adrian Berisha und Jacob Matschenz als ambitionierter Investigativ-Journalist Jonas Lindberg, der den Kontrast zum immer auf der Suche nach Reißern seienden Götz Althaus bildet und in der Affäre um Innensenator Kai Fontaine (der übrigens bei einem drohenden Giftgasanschlag erstaunlich wenig Innensenator-mäßiges macht, was wiederum sehr nah an der Berliner Realität scheint) recherchiert, zu nennen. Aber auch Sophie Rois als, je nach Zuschauer:innen-Perspektive, entweder überzeichnete oder einfach ihre Welt repräsentierende Konkurrentin Claudia Schörnig, die Roth jedoch in Sachen Kompetenz und Eloquenz nicht das Wasser reichen kann.

Kein melodramatischer Kitsch

Dass Legal Affairs sich nicht an den in Deutschland aus dem (Vor)Abendprogramm bekannten Anwaltsserien, sondern sich eher in Richtung amerikanischer Besonderheiten wie Suits, The Good Wife, Boston Legal und Scandal orientiert, ist dabei offensichtlich und wird hoffentlich von der Zuschauerschaft goutiert. Wir meinen vor allem viel Scandal-Season-1 ausgemacht zu haben: Der Fall um die sehr wörtliche und schnell sehr … körperlich abwesende Affäre Kai Fontaines mit Sophie Jessen (Leonie Rainer) lässt Erinnerungen wach werden, wenn sie auch nicht als Kopie daherkommt. 

Gefahr im Verzug: Staatsanwalt Thilo Hinrichs (Sebastian Hülk, re.) droht Elenas (Maryam Zaree, Mitte) Mandantin Heike (Jenny Schily) mit Beugehaft // © ARD Degeto/RBB/Kerstin Jacobsen

Beraten wurden die Macher:innen und auch Lavinia Wilson für ihre Rolle als Anwältin Leo Roth übrigens vom bekannten Medienanwalt Prof. Dr. Christian Schertz, der auch an der Drehbuchentwicklung mitwirkte, Executive Producer ist, einen Gastauftritt in einer Folge hat und beispielsweise die Grünen-Politikerin Claudia Roth gegen die AfD vertrat und auch für eine der betroffenen Frauen im Compliance-Verfahren gegen Ex-BILD-Chef Julian Reichelt tätig wurde. Natürlich ist Legal Affairs dennoch keine 1:1-Abbildung der Realität, doch verzichtet die Serie auf melodramatische Überzeichnungen und stürzt sich stattdessen lieber ins harte Geschehen mit hohem Unterhaltungswert.

Eine Affäre, die wir gern haben

So spart sie auch Konflikte innerhalb der Kanzlei nicht aus, die eben doch nicht nur aufs Image, sondern auch aufs Geld achten muss – oft bedingt hier das eine das andere. Anwältin Caspari und  Kollege von Carlsburg finden außerdem, es sei nun mal Zeit, ihnen die Partnerschaft anzubieten und dann sind da auch noch Inka Bause, Katarina Witt und Günther Jauch. Zusätzlich zu all den genannten guten Gründen, die acht Folgen, die seit gestern Online-First in der ARD-Mediathek zu sehen sind und vom 19. Dezember an in Doppelfolgen (19., 20., 22. und 23.12. jeweils 21:45 Uhr) gezeigt werden, zu schauen, kommt auch mal ein Berlinbild, das über „Lasst uns unbedingt die Oberbaumbrücke zeigen“ hinausgeht (und das, obwohl Roth quasi gegenüber der Brücke wohnt). Der Titelsong (von Tutti Bounce)  ist genauso fein wie die sonstige Musk von David Grabowski und Jonas Nay – ein Soundtrack wird hoffentlich noch veröffentlicht. Das allein schon zeugt wohl vom Interesse aller, hier keinen Einheitsbrei zu kredenzen.

Wir sagten ja: Fast immer ganz in Weiß. Leo lädt Anna Behrmann (Helene Grass) zur Vernehmung // © ARD Degeto/RBB/Kerstin Jacobsen

Legal Affairs bietet famose Unterhaltung: eine nicht ironie-befreite Auseinandersetzung mit dem Einfluss sozialer Medien und reißerischem Journalismus auf die Öffentlichkeit, starke und wunderbar ambivalente Frauenfiguren vorbei an allen Klischees, Bilder die nachwirken und Drehbücher, die uns vor lauter Lachern, die im Halse steckenbleiben, noch mehr schmunzeln lassen und einen tollen Cliffhanger – übrigens fast alles Dinge, die die Serie von einem massiv gehypten Serienevent, das dieser Tage veröffentlicht wurde, unterscheidet, mehr dazu in der kommenden Woche. 

Machen wir’s also im Sinne einer Leo Roth endlich mal kurz: Lasst euch Legal Affairs auf keinen Fall entgehen. 

AS

Mit allen Wassern gewaschen: Kanzleichefin Leo (Lavinia Wilson, re.), ihre Zugpferde Cecil (Niels Borman, li.) und Elena (Maryam Zaree, Mitte li.), Detektivin Mimi (Michaela Caspar, Mitte re.) und Neuzugang Adrian (Aaron Altaras, hinten) // Bild: © ARD Degeto/RBB/Kerstin Jacobsen

PS: Ja, wir wissen, dass „Legal Affairs“ nicht „Legale Affären“ bedeutet, ihr humorbefreiten Streber:innen… 😇

Ausstrahlung im TV: Das Erste am 19.12. Folgen 1+2, 20.12. Folgen 3+4, 22.12. Folgen 5+6 und 23.12. Folgen 7+8 jeweils ab 21:45 Uhr

Legal Affairs; Deutschland 2021; Regie: Randa Chahoud, Stefan Bühling; Headautor:innen: Lena Kammermeier, Felice Götze; Writer’s Room-Autor:innen; Veronica Priefer, Christine Heinlein, Christoph Callenberg, Thomas André Szabó, Florian Wentsch, Yves Hensel; Kamera: Julian Hohndorf, Jan Prahl; Szenenbild: Juliane Friedrich; Kostüm: Katrin Unterberger; Musik: David Grabowski & Jonas Nay (Titelmusik: Tutti Bounce, Vaterthema: Till Brönner); Darstellende: Lavinia Wilson, Maryam Zaree, Niels Bormann, Aaron Altaras, Michaela Caspar, Stefan Kurt, Jakob Matschenz, Rainer Sellien, Annika Kuhl, Amelie Klein, Sebastian Hülk, Sophie Rois, Helene Grass, u. v. a.; acht Folgen, jeweils circa 44 Minuten; bis zum 23.3.2022 in der ARD-Mediathek verfügbar; eine Produktion der UFA Fiction im Auftrag der ARD Degeto und des rbb für die ARD

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