Blech für Bach

Schneller Geld scheffeln, höhere Einnahmen erzielen und so geht es immer weiter. Diese Verballhornung und dennoch nicht unwahre Abwandlung des olympischen Mottos scheint in den letzten Jahren immer mehr das Bild dieser größten Sportveranstaltung der Welt zu prägen. Denn während wir dieser Tage alle im Fußballtaumel der Heim-EM schwelgen, steht in Frankreich in wenigen Wochen bereits das nächste sportliche Großereignis bevor: die Olympischen Sommerspiele.

Neben der ewigen Rekordjagd zeichnet den Sport und den olympischen Geist noch ein Gedanke aus, der zum heutigen Olympischen Tag – dem Tag der Gründung der Olympischen Bewegung vor 130 Jahren – nicht eingemottet bleiben soll: die Fairness. Fair geht es nämlich in der olympischen Familie bereits seit mehr als 40 Jahren nicht mehr zu und wiederholte Skandale illustrieren dies umso besser. An der Spitze all dessen steht der Deutsche Thomas Bach, Vorsitzender des Internationalen Olympischen Komitees (IOC).

Eine große Recherche

Diesem Mann, seiner Organisation und deren Verhalten widmen sich die beiden Journalisten Johannes Aumüller und Thomas Kistner in ihrem Buch Putins Olygarch – Wie Thomas Bach und das IOC die Olympischen Spiele verraten. Dieses ist im April bei dtv erschienen und es könnte kaum eine bessere Lektüre zum heutigen Olympic Day geben.

Der überaus plakative Titel verrät es bereits, es geht bei Aumüller und Kistner um die Geschäfte und das Handeln des IOC-Präsidenten und vor allem um dessen Verstrickungen mit dem russischen Machthaber und Aggressor Wladimir Putin. In fünf Kapiteln zuzüglich Vorwort, Pro- und Epilog sowie einem umfangreichen Anhang aus Verweisen auf überwiegend journalistische Quellen arbeiten sich die beiden Autoren durch die Skandale um Bach, das IOC und den organisierten Sport der letzten Jahrzehnte.

„Vielfältige Lebenssachverhalte“

Sie beginnen allerdings bereits deutlich früher, nämlich bei Horst Dassler, lange Zeit mächtiger Mann im Adidas-Konzern und der Mann, der die Kommerzialisierung des Profisports bis zu seinem unerwarteten Tod 1987 entschieden vorangetrieben hat. Bach war zu jener Zeit bereits ein Zögling Dasslers, aber als eine Art Schüler und Erbe Dasslers hat er 2013 den Olymp bestiegen.

Wie ihm dabei die von Dassler geformte olympische und sportpolitische Welt – allen voran der frühere russophile IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch sowie manch ein Potentat – unterstützt haben, wie dieser Aufstieg vonstattenging und wie auch die „vielfältigen Lebenssachverhalte“ (O-Ton-Bach und Buch) hierzu beigetragen haben, wird in den beiden folgenden Kapiteln dargelegt. Die beiden letzten Kapitel befassen sich wiederum mit der Regentschaft Bachs über die globale Sportwelt, die Skandale seiner Amtszeit und wie der Sport zwar seine Autonomie inszeniert, aber am Ende doch immer politisch ist.

Gekauft und gedopt

Auf die Verstrickungen mit undemokratischen Mächten und allen voran Putins Russland kommt das Autorenduo dabei immer wieder zu sprechen. Die Vergabe einer Reihe von Spielen war politisch motiviert, finanziell beeinflusst und vermutlich alles andere als einfach nur fair. Russlands Staatsdoping führte zwar zu einem Beben im internationalen Sport, der sich aber als – für Russland – seismisch erstaunlich solide und belastbar entpuppte. Wirklich schmerzhafte Sanktionen konnten (wohl auch) dank des Wirkens Bachs immer wieder abgewendet werden.

Und Stichwort Sanktionen: Auch der Angriffskrieg gegen die Ukraine hat im Westen außerhalb Ungarns zu einer Ächtung Russlands (und seines willfährigen Gehilfen Belarus) geführt – zumindest kurzfristig. Für Paris in wenigen Wochen und auch darüber hinaus scheint es, dass die Sanktionen des IOC mindestens ähnlich viele Schlupflöcher bereithalten wie die der EU gegen russische Importe. Bestrafung? – Fehlanzeige!

Ungereimtheiten und Mauscheleien

Dies und noch viel mehr arbeiten Aumüller und Kistner sehr überzeugend und eindrücklich heraus. Die olympische Historie seit der Machtübernahme Samaranchs ist eine einzige Geschichte von Korruption, Günstlingswirtschaft und so politisch wie nie zuvor. Anders als der allzu plakative Titel jedoch Glauben machen will, sind es nicht nur die Machenschaften Bachs und Putins, sondern auch vieler anderer Akteure, die hier aufgearbeitet werden. 

Das ist gut, denn so wird Putins Olygarch zu einer gar nicht so kleinen Chronik der vielen Ungereimtheiten und Fehltritte, der Korruption und Mauscheleien, die Olympia nun schon seit Langem auszeichnen. Dass der Titel dabei sehr emotionalisierend und spalterisch wirkt und der Inhalt eigentlich deutlich darüber hinausgeht, kann mensch begrüßen, aber im Zweifel eben auch als eine Art Etikettenschwindel bezeichnen.

Männerdomäne

Es ist ja nicht nur Putin, um den es hier geht, sondern auch kuwaitische Scheichs, die Kataris oder auch manch europäischer Funktionär, der hier (zurecht) behandelt wird. Übrigens fällt auf, dass bis kurz vor Schluss kaum eine Frau in verantwortlicher Position unter die Lupe genommen wird. Das mag entweder daran liegen, dass Frauen ihre Geschäfte eben dezenter abwickeln oder (und wahrscheinlicher), dass es schlicht und einfach noch immer eine von Männern und Testosteron immer noch dominierte Arena ist, von der wir hier sprechen. Auch das wird bei der Lektüre von Putins Olygarch mindestens subtil deutlich.

Zwei bereits angedeutete Schwächen lassen sich bei Putins Olygarch aber doch ausmachen: Erstens geht es sehr stark auch auf erweiterte Kriegsschauplätze ein und könnte daher als zu wenig fokussiert betrachtet werden. Der gesamte Hintergrund zu Horst Dassler, die Verstrickungen mit den Machthabern in China, Kuwait, dem demokratischen Südkorea etc. oder auch zu Sponsoren oder Profiteuren wie Siemens sind auf alle Fälle aufschlussreich und erhellend.

Aber – und da sind wir bereits beim zweiten Kritikpunkt – zum Titel passen sie dann nicht mehr so sehr. Putins Olygarch, da wird seitens der Autoren und des Verlags direkt die – durchaus begründete – Aufmerksamkeitsheischerei betrieben, dass hier dunkle Machenschaften und geheime Absprache enthüllt werden. Zu einem Teil ist das auch so, aber das hätte eben auch auf 160 statt 280 Seiten geschehen können.

Olympiavorbereitung

So ist Putins Olygarch von Johannes Aumüller und Thomas Kistner zwar eine sehr umfangreiche und kritische Aufarbeitung dessen, was im globalen Spitzensport in den vergangenen 40 Jahren falsch gelaufen ist. Das ist viel und das ist unglaublich wertvoll und erhellend, gerade jetzt, wo das Spektakel in wenigen Wochen wieder bevorsteht. Gleichzeitig überfrachten sie ihre Chronik auch mit ihren umfangreichen Ergebnissen aus Jahren und Jahrzehnten mühsamer Recherche. Der Titel gibt eigentlich ein sehr konkretes Thema vor, das bis in die Tiefe behandelt wird. Allerdings nehmen die beiden Autoren dabei viele (gleichsam informative) Umwege in Kauf.

Was sie nicht bieten, sind Informationen über die Perspektiven des Kremls und dem direkten Umfeld Putins. Vieles, was wir beispielsweise über die Kriegsziele in der Ukraine wissen, basiert auf Einschätzungen „westlicher“ Expertinnen und Experten. Solche Einschätzungen bietet Putins Olygarch auch, wirklich gesicherte Erkenntnisse hingegen nicht. Lesenswert ist das Buch dennoch, denn es zeigt sehr plastisch, woran das olympische System krankt.

HMS

Eine Leseprobe findet ihr hier.

Johannes Aumüller, Thomas Kistner: Putins Olygarch. Wie Thomas Bach und das IOC die Olympischen Spiele verraten; April 2024; 320 Seiten; Paperback; ISBN: 978-3-423-26392-4; dtv; 20,00 €

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