Bunte, queere und liebevolle Verrücktheit

Vor exakt einem Jahr, zum Ende des Pride Month 2021, haben wir euch den Trailer zur queeren, animierten NetflixAgenten*innen-Comedy Q-Force vorgestellt und waren einigermaßen hibbelig, was uns im September 2021 erwarten würde. Natürlich haben wir die zehn Folgen der Adult Animated Comedy geschaut und nein, dass unsere Besprechung so lange auf sich warten ließ, soll unserem Fazit nicht vorgreifen. 

Abgeschoben ist nicht weggelogen 

Kreiert und geschrieben wurde die Serie von Gabe Liedman, der unter anderem auch an Broad City, Brooklyn Nine-Nine und PEN 15 mitwirkte, produziert dazu von niemandem weniger als Michael Schur (Parks and Recreation, B99) und dem wohl uns allen bekannten Sean Hayes (Will & Grace), der hier auch die Hauptfigur Agent Steve Maryweather spricht. 

Mary (Sean Hayes), Stat (Patti Harrison), Deb (Wanda Sykes), Twink (Matt Rogers) und V (Laurie Metcalf) // © Courtesy of NETFLIX/NETFLIX ©2021

Dieser galt als Vorzeigeagent der American Intelligence Agency (AIA), bis er sich als schwul outet. Das geht natürlich nicht, nee, nee, nee. Die AIA kann ihn jedoch nicht entlassen, also wird „Agent Mary“ nach West Hollywood versetzt, um dort zu versauern. Daran denkt er jedoch gar nicht und stellt sein eigenes, dezent schräges Team zusammen. Zu „seinen“ LGBTQ*-Genies zählen die begnadete und absolut loyale Mechanikerin Deb (Wanda Sykes), die Drag- und Verwandlungskünstlerin Twink (Matt Rogers) und die Hackerin Stat (Patti Harrison), süchtig nach einer Soap, die eine eigene Sendung verdient hätte. Zusammen bilden sie nun die Q-Force.

Ein Jahrzehnt muss die Truppe jedoch ausharren, da die AIA der Q-Force keine Aufträge zuweist. Erst als Mary und Team auf eigene Faust einen Fall lösen, werden sie von der Agency anerkannt und offiziell zu aktiven Geheimagent*innen ernannt. Nichts kommt jedoch ohne einen Preis: Sie müssen von nun an mit einem neuen Mitglied in ihrer Gruppe klarkommen – Agent Buck (David Harbour). Und der ist hetero. So extrem proll-hetero und soll eigentlich im Sinne des Direktors der AIA Dirk Chunley (Gary Cole) dafür sorgen, dass die Truppe untergeht. Doch Hilfe erhalten sie immer mal wieder von V (Laurie Metcalf), der stellvertretenden Direktorin.

Verrücktes und buntes Universum

Zugegeben, so mancher Witz in Q-Force zieht nicht, fühlt sich etwas altmodisch an. Doch bekommt hier jede Figur ihr eigenes Wesen, ihre eigenen Ticks und gar eigene Empfindungen, die herzlich wirken. Ebenso wächst die Serie mit ihren Folgen, was auch daran liegt, dass sich viele Handlungsmomente über zwei, drei Folgen ziehen und es gar einen roten Faden gibt, der uns die Staffel über begleitet, an dieser Stelle aber nicht verraten werden soll, da er eine größere und in der Tat spannende Wendung zur Mitte der Staffel darstellt.

Die Prinzessin von Gyenorvya, Mira Popadopolous (Stephanie Beatriz), versteht zu leben // © Courtesy of NETFLIX/NETFLIX ©2021

Nebenfiguren wie Mira Popadopolous (Stephanie Beatriz), Prinzessin von Gyenorvya, einem Land, in dem eine ESC-ähnliche Veranstaltung für eine großen Anschlag genutzt werden soll, Chasten Barkley (Dan Levy, Schitt’s Creek), ein durchgeknallter Milliardär, der seine schwulen Freunde für eine ganze besondere Sache braucht, Benji (Gabe Liedman), Love-Interest von Steve Maryweather oder Caryn (Niecy Nash) als V’s frühere Partnerin, schaffen ein kleines, feines, verrücktes und sehr buntes Universum.

Queer und querbeet – vor und hinter den Kulissen

Nicht nur in der Serie ist das so, sondern auch was die Sprecher*innen im Original (das dringend empfohlen wird) angeht. Ob nun die uns allen für ihr Engagement bekannte Wanda Sykes (aktuell bei The Other Two zu bestaunen) oder die Schauspielerin und Trans*aktivistin Patti Harrison, ebenso sprechen Niecy Nash und Fortune Feimster wunderbare Nebenrollen. Insofern überrascht die harsche Kritik aus den USA etwas, dass es sich um eine sehr cis-männliche, weiße Sicht auf Queerness handelt; sicherlich sind die augenscheinlichen Macher*innen weniger divers als mensch es sich wünschen könnte. Doch darf davon ausgegangen werden, dass weder Nash noch Harrison und schon gar nicht Sykes, Sätze aufsagen, die ihnen nicht zusagen.

Twink (Matt Rogers) gibt alles // © Courtesy of NETFLIX/NETFLIX ©2021

Es muss aber natürlich immer etwas gefunden werden, das nicht gemocht werden kann, doch gerade bei dieser Animationsserie für Erwachsene ist das schade. Denn sie ist in der Tat unapologetically queer, also wirklich durch und durch queer. Dazu bringt sie Freude, weiß wunderbar zu unterhalten, die Witze wachsen mit den Figuren, zwischen denen auch die Chemie stimmt und zusätzlich steigert sich die Spannung kontinuierlich, wie bereits angedeutet. Dazu werden wärmstens Themen wie Liebe zu Künstlicher Intelligenz, die Unmöglichkeit eines Doppellebens, Verlust und Verlustangst, Anpassungsunwillen, etc. behandelt.

Leider dumm

Q-Force verknüpft gelungenen Witz und Story (mensch denkt hier tatsächlich manches Mal an Brooklyn Nine-Nine, wenn der Ton auch ein gänzlich anderer ist). Das Ende schließt dazu einen Themenkomplex ab und öffnet gleichsam einen wesentlichen größeren Neuen. Hier nun der Wermutstropfen: Matt Rogers aka Twink hat im Attitudes!-Podcast vom 5. Mai bekanntgegeben: „It did not get a second season“ – „Es hat keine zweite Staffel bekommen.“

Twink (Matt Rogers), Mary (Sean Haynes) und Stat (Patti Harrison) können’s auch nicht glauben… // © Courtesy of NETFLIX/NETFLIX ©2021

Das macht uns ein wenig traurig. Q-Force ist (oder war? Aber die eine Staffel ist ja noch…) herrlich verrückter, wahnsinnig queerer, manchmal etwas schiefer, wärmender, menschlicher Eskapismus mit Herz und gar ein wenig Verstand. Bei all dem Müll, der durchaus auch auf Netlfix läuft, ist es schade drum, vor allem, da zu vermuten steht, dass mangelnde Zuschauer*innenzahlen auch daherkamen, dass (Heteros) in den USA schrieben, die Serie sei nicht divers und queer genug. Erneut: Schade dumm drum.

JW

PS: Sind auch wir schuld? Wir hätten die Besprechung früher veröffentlichen können. Aber auch bei guter Reichweite, lag’s wohl doch nicht an uns.

Q-Force; eine Staffel; USA 2021; Idee: Gabe Liedman; Autor*innen: Gabe Liedman, Megan Amran, Guy Branum, Matt Rogers, Max Silvestri, Chloe Keenan, Ira Madison III, Liza Dye, Zackery Alexzander Stephens, Tim Zientek; Regie: Josh Taback, Jeanette Moreno King, Alex Salyer; Stimmen: Sean Hayes, Matt Rogers, Wanda Sykes, Patti Harrison, Gary Cole, David Harbour, Laurie Metcalf, Gabe Liedman, Stephanie Beatriz, Dan Levy, Niecy Nash, Fortune Feimster; Musik: Scott Icenogle, Lior Rosner; 10 Folge, à ca 26 Minuten; seit dem 2. September 2021 auf Netflix verfügbar

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