Das Krebsgeschwür der Finsternis

Beitragsbild: Lucia (Varya Popovkina, vorne) und Judith Gombrecht (Julia Riedler) // © HR/Degeto/Bettina Mueller

Statt wie in den vergangenen zwei Jahren einen der bisher hervorragenden Saarland-Tatorte zu Ostern zu zeigen, gibt es in diesem Jahr am Ostersonntag eine Wiederholung des sehenswerten und klasse besetzten Furtwängler-Kasumba Tatorts National feminin und am Ostermontag einen neuen Frankfurter Tatort, in dem Janneke und Brix in das Herz, oder auch Krebsgeschwür, der Finsternis vordringen. Dass hierbei auch einmal das mögliche Opfer im Vordergrund steht und dennoch Raum bleibt, um auch andere Figuren zu zeigen, ist zu begrüßen.

Der Fisch stinkt vom Kopf her

Denn lange Zeit ist es gar nicht einmal so klar, ob das vermeintliche Opfer, Maria Gombrecht (Victoria Trauttmansdorff), auch wirklich Opfer ist oder ob sich hier nicht nur unglückliche Zufälle und manch Geheimniskrämerei verknüpfen und sie schlicht zum Fastenwandern in Frankreich ist. An diese Hoffnungen klammern sich die beiden Töchter – die hochschwangere Kristina (Odine Johne) und die klamme Theaterregisseurin Judith (Julia Riedler) mit lesbischer Beziehung – und der Ehemann Ulrich (Uwe Preuss), der nicht nur kurz vor dem Ausscheiden aus dem Beruf steht, sondern auch noch schwer an Krebs erkrankt ist. 

Diese Gombrechts: Kristina (Odine Johne, li.), Judith (Julia Riedler) und Ulrich (Uwe Preuss) // © HR/Degeto/Bettina Mueller

Zwar weisen Blutspuren und das verschwundene Auto Maria Gombrechts auf ein Verbrechen hin, doch… vieles passt einfach nicht und eine Leiche, nun die hat das Hauptkommissars-Duo Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch) leider auch nicht auf dem Tisch der Pathologie. Doch je mehr die beiden sich mit den Verhältnissen der Familie, der Situation Marias und der Kinder befassen, desto deutlicher wird: Der Fisch stinkt vom patriarchalischen Kopf her.

Ein präsentes Opfer

Wie erwähnt schafft Petra Lüschow, die sowohl das Buch schrieb als auch Regie führte, es, uns lange im Ungewissen zu lassen, wie es um das Opfer steht. Verstärkt wird das durch Telefon- und Videoaufnahmen Maria Gombrechts, Anrufe, die von Kindern und Vater bestätigt werden, Textnachrichten und so weiter. Da sich zusätzlich noch alle Familienmitglieder in ihren Sichtweisen ergänzend widersprechen, wird es für Janneke, Brix und uns noch schwieriger zu erkennen, was Wahrheit und was finstere Legende ist.

Ja, wo ist denn die Leiche? Anna Janneke (Margarita Broich) und Jonas Hauck (Isaak Dentler) // © HR/Degeto/Bettina Mueller

Dabei ist der Tatort: Finsternis neben einem Fokus auf das Opfer auch einer mit Fokus auf Lebenslügen und Verdrängungen, wie sie so präzise und bei aller Schwere doch unterhaltsam selten präsentiert werden. Wenn Lüschow über ihre Arbeiten sagt, dass im Zentrum ihrer Geschichten „ambivalente, verletzliche Figuren, die manchmal tapfer, manchmal verzweifelt kämpfen, aber nicht immer gewinnen“ stehen, kann nur gesagt werden, dass dies in diesem Tatort mehr als deutlich wird.

Kämpfe innen wie außen

„Mich beschäftigt, was uns gefangen hält, vor allem auch, wie Gewaltsysteme weitergegeben werden und uns prägen. Ich versuche dabei, emotional sehr nah an die Figuren ranzugehen, sie dabei zu beobachten, wie sie zu verdrängen suchen, auch wenn sie dem Schmerz nicht immer ausweichen können.“

Autorin und Regisseurin Petra Lüschow über ihre Arbeiten
Ein Mann, sie zu knechten? Ulrich Gombrecht (Uwe Preuss) // © HR/Degeto/Bettina Mueller

So behandelt dieser Film auch kein Thema der Stunde, sondern Menschen, wie es sie seit eh und je gibt und immer geben wird, samt all ihrer inneren und äußeren Kämpfe und seien es nur vermeintlich belanglose Neid-Fehden zwischen ungleichen Schwestern. Es müssen nun nicht immer gleich Kain und Abel sein. Beeindruckend sind hier auch die Darsteller:innen, vor allem Uwe Preuss schafft es, seiner Figur von Beginn an nicht nur etwas Undurchsichtiges, sondern auch tragisch Verzweifeltes mitzugeben. Wir wissen nicht: Ist dieser Mann gebrochen oder bricht er andere?

Todesstimmung

Diese und andere Fragen so lange im Dunkeln und uns immer wieder an eigenen Schlüssen zweifeln zu lassen, das ist durchaus ein großer Verdienst von Petra Lüschow und der zuständigen, langjährigen Redakteurin, Lili Kobbe. Passend dazu die Bilder von Jan Velten und die ausgesuchten Orte, die oftmals Isolation, Einsamkeit und Verschwiegenheit zu bedeuten scheinen.

Erstmal Pause: Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch) // © HR/Degeto/Bettina Mueller

Tatort: Finsternis ist inszenatorisch gelungen, auf der Handlungsebene verdichtet und gibt doch genug Möglichkeiten zur Entfaltung der Figuren; dazu bietet er stilles Drama und nicht wenig Spannung (wenn auch auf den Ermittlerin-in-Gefahr-Moment hätte verzichtet werden können, andererseits sorgt er für etwas Spaß im Ganzen). Ein sehr solider Film und optimal für Ostern, einer Zeit des Verrats und der Wiederkehr.

AS

PS: Ein Manko gibt es dann doch: Unsere geschätzte Fanny (Zazie de Paris) wird hier eher unbeholfen eingebunden (im Gegensatz zu Lüschows erstem Frankfurt-Tatort: Wer zögert, ist tot, der ansonsten trotz aller Ambition und ebenfalls toller Besetzung eher schwach war). Es wirkt als sei ihr irgendwann bewusst geworden, dass Fanny noch rein müsse und dann wurde fix was ergänzt. Schade.

Anna Janneke (Margarita Broich), Paul Brix (Wolfram Koch), Freder (Caspar Kaeser) und Elli ( Samirah Breuer) // © HR/Degeto/Bettina Mueller

Tatort: Finsternis läuft am Ostermontag, 18. April 2022, um 20:15 Uhr im Ersten, um 21:45 Uhr auf one und ist anschließend sechs Monate in der ARD-Mediathek verfügbar.

Tatort: Finsternis; Deutschland 2022; Buch und Regie: Petra Lüschow; Kamera: Jan Velten; Musik: Patrick Reising, Francesco Wilking, Moritz Krämer; Darstellende: Margarita Broich, Wolfram Koch, Isaac Dentler, Zazie de Paris, Uwe Preuss, Victoria Trauttmansdorff, Julia Riedler, Odine Johne, Caspar Kaeser; Laufzeit: ca. 88 Minuten; Eine Produktion des Hessischen Rundfunks für Das Erste.

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