Das letzte Kapitel wird aufgeschlagen

Der Begriff der „Zeitenwende“ ist seit dem Angriff Wladimir Putins auf die Ukraine in aller Munde. Und es stimmt, vermutlich stehen wir an einem solchen „Kippmoment“, als den es die Autorin Katerina Poladjan am 3. März 2022 bezeichnete, als sie gemeinsam mit jeweils zwei weiteren Autorinnen und Autoren ihr für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiertes Buch Zukunftsmusik im Literarischen Colloquium Berlin vorstellte. 

Ihr bei S. Fischer erst vor wenigen Wochen erschienener Roman spielt an einem einzigen Tag, dem 11. März 1985. Ihn zu lesen dürfte zumeist nicht viel länger als die Dauer der im Buch dargestellten Handlung in Anspruch nehmen, aber an Anspruch fehlt es der Geschichte deshalb lange nicht. Im Zentrum der Erzählung steht eine Familie aus vier Frauen, die eine Kommunalka bewohnt. Dass der Rezensent just auf dem Weg zur genannten Lesung erst in Jens Siegerts Buch Im Prinzip Russland ein Kapitel zu Kommunalkas gelesen hat, ist übrigens ein witziger Zufall des Schicksals.

Der Anfang vom Ende einer Ära

Die 21-jährige Janka lebt mit ihrer zweijährigen Tochter Kroschka, ihrer Mutter Maria und ihrer Großmutter Warwara Michailowna in dieser Zwangs-WG mit mehreren anderen Familien, wie es sie nach der Revolution von 1917 in so großen Zahlen in der Sowjetunion gab. Ebenjenes Imperium hatte am 11. März 1985 sein letztes Kapitel eingeläutet, als nämlich Michail Gorbatschow, bekannt durch seine „Bestseller“ Perestroika und Glasnost, das Amt des Generalsekretärs der Kommunistischen Partei übernahm. Sein heute oft vergessener Vorgänger Konstantin Tschernenko war am Tag zuvor gestorben, weshalb in Zeitenwende immer wieder Chopins Trauermarsch aus dem Radio erklingt.

Vom Morgengrauen bis in den späten Abend nimmt uns Poladjan mit und begleitet vor allem die vier genannten Frauen (sowie zwei Männer in „Nebenrollen“) durch den Tag. Janka, die junge Mutter, kommt von der Nachtschicht heim und blockiert das Bad. Am Abend hat sie ein Konzert, das ihr ein wenig Ruhm versprechen könnte, aber das passende Instrument fehlt noch. Kroschka mag den Kindergarten nicht, ihre Großmutter das Natur- und Völkerkundemuseum, in dem sie arbeitet, dafür umso mehr. 

Und Warwara Michailowna macht das, was alte Menschen gerne tun (hallo, Helga Beimer): Sie mischt sich in vieles ein, kümmert sich aber gleichsam um den Zusammenhalt aller und ist einem Techtelmechtel nicht abgeneigt. Wie schön war es doch, als es noch die Lindenstraße gab (die übrigens auch ab 1985 ausgestrahlt wurde, wenn auch erst erst ab Dezember).

Sieben Jahrzehnte Sozialismus hinterlassen Spuren

Über alle vier Generationen gibt es aber immer wieder ähnliche Motive: Die Töchter werden allein großgezogen, denn ihre Väter haben sich aus dem Staub gemacht oder wollen nichts von ihrem Nachwuchs wissen. Die Frauen machen das Beste daraus, trauern auf ihre Weise oder lenken sich mit den Mitbewohnerinnen oder – überwiegend – Mitbewohnern der Kommunalka ab. Über allem hängt das Schwert des Neubeginns, die Hoffnung auf eine „bessere Zukunft“, wirklich daran glauben mag aber niemand.

Denn auch das wird immer wieder deutlich: Das Leben in der Sowjetunion prägt bereits alle vier Generationen. Auch wenn nicht weiter auf viele Details der Vergangenheit eingegangen wird, so zeichnen sich doch die Spuren von fast sieben Jahrzehnten Sozialismus ab: Mangelwirtschaft, Schlange stehen, bröckelnde Fassaden sowie gegenseitige Beobachtung, Bespitzelung und Misstrauen (frei nach dem Prinzip: „Wer hat mein Kleidchen getragen?“), aber auch manche sexuelle Freiheit, die im ach so aufgeklärten Westen häufig als verpönt verschwiegen wird.

Eine eigene Kultur

Katerina Poladjan setzt ihre Figuren in Zukunftsmusik gekonnt in Szene. Wir lernen zumindest die drei erwachsenen Frauen gut kennen, ihre Eigenheiten haben wir schnell erkannt und wir empfinden gleichzeitig Sympathie und Antipathie für sie. Janka träumt von der großen Bühne, wagt es aber nicht, manch einen Sprung zu wagen. Maria läuft seit längerem ihrem Glück hinterher, welches ihr in Person ihres Mitbewohners Matwej Alexandrowitsch ein wenig aus den Händen genommen wird. Und Warwara Michailowna nimmt sich mit Bestimmtheit, was sie möchte – man gucke mal in ihren Rockbund. Insofern sind die drei Damen und ihre Generationen trotz aller Ähnlichkeit doch von großen Unterschieden geprägt.

Auch das Umfeld stimmt: Detailreiche Schilderungen – wir lernen von verschiedenen Insekten über Kochwäsche und Radiergummibrösel viel über das Innenleben der Kommunalka – ergänzen sich einer Reihe von kulturellen Anspielungen jenseits des Trauermarschs. Auch wenn es keine erschlagene Pfandleiherin gibt, Schuld und so manche Sühne hat es subtil in Katerina Poladjans Roman geschafft, so wie auch manch anderes Stück oder Motiv von Fjodor Dostojewski, Anton Tschechow oder weiteren bekannten russischen Literaten. Eine breite Kenntnis der russischen Kultur und Literatur hebt also den Unterhaltungsfaktor von Zukunftsmusik auf eine zusätzliche Ebene. Viele schöne Naturbilder und ein mit erhobenem Finger stehender Lenin unterstreichen die Inszenierung und das bevorstehende Ende des bisherigen Lebens der Menschen in der Sowjetunion.

Ode an die Zukunft

Katerina Poladjans Roman ist also eine herrliche Schilderung des beschwingten und doch beschwerlichen alltäglichen Lebens in der Sowjetunion. Dass die vier Frauen und ihre Mitbewohnerinnen und Mitbewohner an einem „Kippmoment“ stehen, ist ihnen jedoch nicht klar – woher auch? Und doch schafft es Poladjan gut, den Protagonistinnen ein Leben und eine Freude an der Zukunft einzuhauchen, wie wir sie uns und vor allem vielen Ukrainerinnen und Ukrainern dieser Tage wünschen würden – vermutlich erst einmal vergebens. 

Das Wissen um die Geschichte jedoch ist es, was uns hoffnungsfroh sein lässt: Der sowjetische Terror endete wenige Jahre nach dieser Episode, wenn auch für viele Menschen in den 1990er-Jahren eine nicht minder schwere Phase starten sollte. Die alten Fesseln jedoch, die Poladjan so schön illustriert, sollten dank der aus dem Radio strömenden Zukunftsmusik bald Geschichte sein. Und so gibt uns Katerina Poladjans gleichnamiger Roman trotz aller Schwere dieser Tage ein wenig Hoffnung.

HMS

Eine Leseprobe findet ihr hier.

Katerina Poladjan: Zukunftsmusik; Februar 2022; 192 Seiten; ISBN: 978-3-10-397102-6; S. Fischer; 22,00 €

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