Die Familie steht immer an erster Stelle

Im Sommer 2020 schrieben wir über die ersten vier Teile einer pompös-opulenten und glaubwürdigen Verfilmung des Lebens der Erzherzogin Österreichs und Königin von Ungarn und Böhmen, Maria Theresia, die von 1740 bis zu ihrem Tode 1780 regierte, die letzten 15 Jahre nach dem Tode ihres geliebten Mannes Franz I. Stephan gemeinsam mit ihrem Sohn, Joseph II., der ihr von 1780 an für zehn Jahre, bis zu seinem Tod, nachfolgen sollte.

„Für den Heiratsmarkt weniger wertvoll“

Der fünfte und letzte Teil der Reihe Maria Theresia wird am heutigen Karfreitag um 20:15 Uhr auf arte ausgestrahlt und befasst sich mit den letzten zwanzig Jahren der Regentschaft der Habsburger Fürstin; fokussiert sich dabei auf ihre strategische Heiratspolitik, schließlich diene diese dazu „einen Block aus Allianzen“ zu bilden, wie die in diesem letzten Teil von der fünffachen Romy-Preisträgerin Ursula Strauss, die gerade auch in Euer Ehren zu sehen ist, porträtierte Fürstin ihrem dezent konsternierten Gatten (in allen Teilen: Vojtěch Kotek) mitteilt. 

Ein Fest, wenn die Kinder heiraten: Franz Stephan (Vojtech Kotek) und Maria Theresia (Ursula Strauss) hoffen, dass die Ehe ihres Sohnes Joseph mit Isabella von Bourbon glücklich ist // © Ceska Televize/Stanislav Honzik/Foto: ZDF

Die Kinder sind also eine Ressource des Reiches, des Friedens und des Volkes – so sieht die fokussierte Regentin es und teilt ihre Kinder dabei auch in Kategorien von wertvoll bis weniger wertvoll ein. In einer sehr bitter bis heiteren Szene erläutert sie ihrem Mann (und uns Zuschauer:innen) mithilfe des Beraters Kollar (Maros Kramar), welches Kind aus welchem Grund an welches Haus verheiratet werden sollte (eine gewisse Maria Antonia nach Frankreich), unter der Landkarte finden sich Bilder ebendieser Kinder. Das hat etwas von: „Ich habe heute leider keinen Ehemann für dich.“ Dass sie ihre Kinder darüberhinaus liebt, daran lässt Maria Theresia keinen Zweifel aufkommen.

„Eigensinnig und stur“

Immer wieder sehen wir die Familie bei Tisch, wie über mögliche und unmögliche Eheoptionen gesprochen und dabei auch nicht selten gelästert wird, wenn auch erhaben. Ihr ältester Sohn Joseph II. (hervorragend als zum Teil veritables Arschloch verkörpert von Aaron Friesz) wehrt sich gegen die Ehe, er wolle sich um die Regierungsgeschäfte kümmern. Doch hilft es nichts: Er wird mit Isabella von Bourbon-Parma (Jana Kvantikova) verheiratet, die er schließlich begehrt, liebt. Sie ihn allerdings weniger, dafür umso mehr seine Schwester Mimmi (Sabina Rojkova), die eine so leidenschaftliche wie liebevolle Affäre mit ihrer Schwägerin beginnt.

Enttäuscht und verzweifelt: Isabella von Bourbon-Parma (Jana Kvantikova) bewusst mit den in Wien grassierenden Pocken // © Ceska Televize/Stanislav Honzik/Foto: ZDF

Das alles bleibt natürlich weder Maria Theresia, noch Franz Stephan oder dem Vertrauten und Privatsekretär Tarouca (Peter Kocis) verborgen und nötigt allen ein „sehr verhaltenes Verständnis“ ab. So ist dieser fünfte Teil durchzogen von manch politischer und menschlicher Unmöglichkeit, immer durchsetzt von feinem Sarkasmus, was gerade in manch einem Austausch von Strauss und Kotek super funktioniert. Fein anzusehen ist auch, welch neue Nuancen Ursula Strauss der Figur abgewinnt; wir erleben hier eine andere Maria Theresia als in den Teilen zuvor, in denen sie unsicher aber entschlossen von Marie-Luise Stockinger und resolut, bisweilen emotional-brutal von Stefanie Reinsperger verkörpert wurde. 

„Neben so einer Frau zu leben, …“

Leider jedoch mag in diesem wieder sehr stark ausgestatteten fünften Teil der Funke nicht so überspringen wie in den vorhergehenden. Das mag auch daran liegen, das diese sich für ähnliche Zeiträume jeweils zweimal circa einhundert Minuten nahmen und wir hier nun zwanzig durchaus bewegte Jahre (Siebenjähriger Krieg und Friedrich II. von Preußen, Marie Antoinette geht nach Frankreich, eben die Konflikte mit Joseph II. wegen dessen Reformbestrebungen in seiner Zeit als Mitregent, …) in nicht einmal zwei Stunden abgehandelt werden.

Franz Stephan (Vojtech Kotek, li.) stirbt in den Armen seines Sohnes Joseph (Aaron Friesz, re.) // © Ceska Televize/Stanislav Honzik/Foto: ZDF

So wirkt es zuweilen wie eine fixe, stakkatoartige Abhandlung von Dingen, die eben behandelt werden müssten. Dass auch Zeitverläufe nur sporadisch eingeblendet werden, stört ebenfalls (wie lange Maria Theresia beispielsweise nach dem Tod ihres Mannes weiterregierte, das wird nicht erwähnt). Auch werden die Konflikte im Inneren des Landes, das Wirken der Kirche und die Art, wie sie Aberglauben zur Festigung ihrer Macht über ihre „Schäfchen“ nutzte und derlei nur angerissen. In den vorhergehenden Teilen war Platz solche Konflikte auszuformulieren. Dafür sehen wir hier mehrmals Kinder und Schwiegertöchter an den Pocken verrecken. 

„…ist nicht immer leicht.“

Und Joseph II. trauernd, härter werdend, Mutter und Vater immer mehr ablehnend, nicht merkend, dass die meisten seiner Fähigkeiten durchaus durch diese Eltern, mit all ihren Facetten und Unzulänglichkeiten, kommen. Mutter hat recht, wenn sie sagt: „Komm, auch die Trauer hat ihrer Grenzen.“ Es sind auch solche feinen Momente, auch jene in denen Maria Theresia sich durchaus zweifelnd an sich selbst oder Vertraute wendet, die uns auf emotionaler Ebene erreichen, leider sind es wenige; es ist schlicht zu wenig Zeit. Andererseits tappt der Film auch nicht in die Langeweile-Kitsch-Falle wie die arg enttäuschende Sisi-Serie

Da wird ja niemand den Kopf verlieren: Schweren Herzens, aber voller Hoffnung für ihre Zukunft, verabschieden Maria Theresia (Ursula Strauss, 2.v.r.) und ihr Sohn Joseph (Aaron Friesz, re.) Maria Antonia (Rosaria Viola Mlckova, li.), die mit dem französischen Thronfolger verheiratet werden soll // © Ceska Televize/Stanislav Honzik/Foto: ZDF

Dennoch verdeutlicht dieses alles in allem sehenswerte, durchaus auch spannende Ende der Reihe – das wir uns dringend wünschten -, dass starke Frauen in der Politik nicht erst neu erdacht werden mussten. So sagt hier auch Friedrich II. sinngemäß, der einzige echte Mann auf einem europäischen Thron sei Maria Theresia. Und diese starke Frau wiederum erzog einen starken Mann, der schließlich die Reformen durchsetzte, die sie zu Lebzeiten aus diversen Gründen nicht durchzusetzen vermochte, etc., etc., etc., …

AS

PS: Die Musik von Roman Kariolou klingt hier schon hart nach Ramin Djawadis Game of Thrones-Klängen.

PPS: Soso, Maria Theresia liebte Schildkrötensuppe – hatte Fidel Castro da etwa ein Vorbild in ihr?

PPPS: Zu Joseph II. ist im vergangenen Jahr das Buch Der Kaiser reist inkognito: Joseph II. und das Europa der Aufklärung von Monika Czernin bei Penguin erschienen – auf dieses Inkognito-Reisen wird auch im Film mehrmals verwiesen.

Maria Theresia 5 läuft am heutigen Karfreitag um 20:15 Uhr auf arte, Wdh. Am 19.4. um 14:15 Uhr und ist bis zum 13. Juli in der Mediathek zu finden. 

Maria Theresia 5; Österreich, Tschechien 2022; Regie: Robert Dornhelm; Drehbuch: Miroslava Zlatnikova, Radek Bajgar; Musik: Roman Kariolou; Kamera: Tomáš Juříček; Darsteller: Ursula Strauss, Vojtěch Kotek, Peter Kocis, Aaron Friesz, Jana Kvantikova, Tatiana Pauhofova, David Svehlik, Sabina Rojkova, Maros Kramar, Stanislav Majer, Jindrich Zampa, Tereza Mareckova; Laufzeit ca. 113 Minuten; noch bis zum 13. Juli 2022 in der arte-Mediathek

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