Diese hilflose Wut in uns

Beitragsbild: Schulsozialarbeiter Anton Leu (Ludwig Trepte) ist der einzige, der Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Johanna Stern (Lisa Bitter) auch Positives von Marlon berichtet // © SWR/Christian Koch

Mord in der Schule: Der neunjährige Marlon (Lucas Herzog) liegt tot am Boden vor einer Treppe. Zuvor folgen wir dem Jungen zu drängenden, metallischen Klängen von Dürbeck & Dohmen in die Schule hinein, begleitet von dem Kommentar, er dürfe doch gar nicht zum Schulfest, seine Anwesenheit sorgt für verstörte und verstörende Reaktionen. Im Gebäude geht er zu seinem Spind, schließt seinen Rucksack weg, hämmert an eine verschlossene Tür, schmeißt einen Prospektständer um und wendet sich uns schließlich mit einem Blick kalter und doch verzweifelter Wut zu.

Der Tod und das Sozialdrama

Nun gäbe es zwei Möglichkeiten, wie dieser mittlerweile 75. Ludwigshafener Tatort weitergehen, wie die Kommissarinnen Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Johanna Stern (Lisa Bitter) sich das Rätsel um den Tod des Neunjährigen erschließen könnten. Es könnte darum gehen, wer dieser Junge war, warum er so aggressiv war und inwieweit das zu seinem Tod geführt haben könnte. Oder es könnte um eine Umgebung und ein System gehen, das heillos überfordert ist von Kindern, die nicht der fügsamen Norm entsprechen.

Zielstrebig. Aber auch gefährlich? Marlon (Lucas Herzog) // © SWR/Christian Koch

Marlon, wie dieser von Karlotta Ehrenberg geschriebene und von Isabel Braak inszenierte Tatort heißt, folgt beiden Ansätzen, was sicherlich möglich umfassend gemeint ist, jedoch auch dazu führt, dass der Film bei aller Dramatik, allem Ärger und auch durchaus gegebener Spannung, etwas mäandert. Denn natürlich müssen auch die Sonntagskrimi-Gepflogenheiten beachtet werden, was den Spielraum ein Sozialdrama zu erzählen verkleinert.

Die Wut und die Überforderung

Dennoch fehlen hier nicht der besorgte und engagierte Sozialarbeiter, namentlich Anton Leu, der von Ludwig Trepte wirklich grandios gespielt wird, die überforderte Lehrerin, Sandra Bianchi (Juliane Fisch), der olle Hausmeister Schuster (Georg Blumreiter) und ebenso fallen Sätze wie „Je wütender ein Kind ist, desto mehr wird es weggeschoben“ oder „Worte verletzen auch.“ 

Marlon allerdings verletzte seine Mitschülerin Madita Ritter (Hanna Lazarakopoulos) körperlich. Deren Vater Oliver (Urs Jucker) notierte bereits seit geraumer Zeit alle Zwischenfälle mit Marlon sorgfältig und strebte ein Ausschlussverfahren von der Wilhelm-Busch-Grundschule an, dem wiederum Leu sich entgegenstellte, der nicht zuletzt auch über seinen Hund einen Zugang zu den Schüler*innen findet.

Marlons Eltern Gesa (Julischka Eichel) und Steffen (Markus Lerch) Janson sind tief erschüttert, verbergen aber auch nicht, dass sie Schwierigkeiten mit ihrem Sohn hatten und darüber oft uneins waren // © SWR/Christian Koch

Zu Marlon, Madita und nicht zuletzt Pit (Fin Lehmann, Lehmann nicht Kliemann!) ganz besonders; die drei bildeten ohnehin ein freundschaftliches Gespann, auch vereint in ihrer Wut – in Maditas Fall eher einer stillen, manipulativen. So meinen auch Stern und Odenthal an einer Stelle, dass Kinder natürlich auf die Erwartungen der Eltern reagieren, selber in der Erwartung, Zuwendung und Liebe zu erfahren. Insofern, da hat dann wieder der Sozialarbeiter Leu recht: „Kinder sind nicht das Problem. Sie haben eins.“ Oft fängt das bei den Eltern an. 

Der Tatort und die Psychologisierung

Hier allerdings Hut ab vor dem Buch von Karlotta Ehrenberg, dass es die sichtliche Überforderung von Marlons Eltern (Julischka Eichel, Markus Lerch) zeigt, ohne aber die Eltern vorzuführen, sie als unfähige Figürchen darzustellen. Letztlich hätten mehrere Räder ineinandergreifen müssen, was sie nicht getan haben. Angefangen damit, dass diesem Jungen einfach mal jemand hätte zuhören müssen. Was Leu tat, dem aber hörte halt auch keiner zu.

Na hoppala… // © SWR/Christian Koch

So ist das unterschwellige Thema, das diesen tragischen Tatort durchzieht also Wut und Aggression. Natürlich auch in den Figuren der Ermittlerinnen. Immer wieder wird angedeutet bis überbetont, dass auch Lena Odenthal ein schwieriges Kind gewesen sei, woraufhin Stern ihr irgendwann sagt, dass sie das gut kanalisiere: „Anstatt Mitmenschen zu malträtieren, übst du jetzt Staatsgewalt aus.“ Stern wiederum frisst Wut eher in sich rein, soll mal in eine Tasche brüllen und ist ansonsten eher passiv-aggressiv unterwegs, was wiederum Odenthal ihr mitteilt. Kein Fall ohne Stakkato-Psychologisierung der Figuren – wie erwähnt, die üblichen Gepflogenheiten. Die hier aber immerhin unterhaltsam bis bissig gepflegt werden.

Der Täter und seine Vorhersehbarkeit

Nach diversen Verdächtigungen – bei denen auch die gute Lena Odenthal schnell mal dabei ist, dem Hausmeister beinahe einen Herzinfarkt zu bescheren, um bei der Begründung ihres Verhaltens aus dem Putin-for-Dummies-Handbuch zu zitieren: „Manchmal erreicht man nichts ohne Aggression“ – und Wutausbrüchen vieler, vieler Menschen – der arme Peter Becker (Peter Espeloer) – ist der Täter dann leider sehr vorhersehbar. Allerdings, der Umgang damit und mit diesem wiederum sehr solide bis ergreifend. 

Lena und Johanna haben Anhaltspunkte, dass Hausmeister Schuster (Georg Blumreiter) in den Tod des Schülers verwickelt ist. Empört von dessen Verhalten greift Lena etwas zu energisch zu… // © SWR/Christian Koch

Der Tatort: Marlon ist eine Mischung aus gängiger Krimikost mit etwas sozialem Drama (wenn auch glücklicherweise ohne den gönnerhaften Köln-Habitus), ein, zwei Blicken über den Tatort-Tellerrand hinaus und einer durchweg überzeugenden Jungdarsteller*innen-Riege. Zudem wird das harte Thema durchaus taktvoll behandelt. 

AS

PS: Wem es möglich ist, empfehlen wir den Film allerdings in der Mediathek, da arte heute parallel in Erstausstrahlung Pedro Almodóvars Leid und Herrlichkeit zeigt, der auch nicht in der Mediathek landen wird.

PPS: An einer Stelle wird im Film über die Gewalt an der Schule berichtet und die Anmerkung „[…] der Ausländeranteil liegt unter dem Durchschnitt. Es ist also keine Problemschule.“ schüttelte den Rezensenten, vor allem, da es eine sehr realistische Darstellung gängiger Berichterstattung ist.

Arbeitsfoto: Ulrike Folkerts und Lisa Bitter bei der Probe – bei den Dreharbeiten ist keine Ulrike Folkerts verletzt worden // © SWR/Christian Koch

Tatort: Marlon läuft am 8.5.2022 um 20:25 Uhr im Ersten, um 21:45 Uhr auf one und ist anschließend für sechs Monate in der ARD-Mediathek verfügbar.

Tatort: Marlon; Deutschland 2022; Regie: Isabel Braak; Buch: Karlotta Ehrenberg; Kamera: Jürgen Carle; Musik: Dürbeck & Dohmen; Darsteller*innen: Ulrike Folkerts, Lisa Bitter, Ludwig Trepte, Lucas Herzog, Hanna Lazarakopoulos, Finn Lehmann, Julischka Eichel, Markus Lerch, Urs Jucker, Juliane Fisch, Annalena Schmidt, Peter Espeloer, Kailas Mahadevan, Daniel Wagner, Christoph Gaugler; Laufzeit ca. 88 Minuten; Eine Produktion des Südwestrundfunks für die ARD

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