Ein Kaiser erzählt vom anderen

In größeren historischen Linien zu denken steht nicht nur Politikerinnen und Politikern gut zu Gesicht, auch manche Schreibende täten beispielsweise gut daran, sich hiernach zu richten. Wie wohl überhaupt Kunstschaffende sich sicherlich nichts vergeben oder vergäben, über ein kurzzeitiges „Wow!“ hinaus zu denken. Karl Lagerfeld war so jemand: „Jeder sah, dass er in größeren historischen Linien dachte als all die Menschen, die an Trends glauben.“ 

So schreibt es Alfons Kaiser, Ressortleiter „Deutschland und die Welt“ bei der F.A.Z. und seines Zeichens Mode-Spezi, in seiner im Herbst 2020 im Verlag C.H.Beck erschienen Biographie Karl Lagerfeld. Ein Deutscher in Paris (wir sind dankbar, dass der Titel nicht „Monsieur Lagerfeld geht nach Paris“ lautet). Das Buch, in dem Kaiser schreibt „[s]ein Äußeres stammte aus der Goethe-, Kaiser- und Bauhaus-Zeit, seine Arbeit wies in die Zukunft. Die unzeitgemäße Erscheinung ist seine Antwort auf seine zeitgemäße Branche“, darf ohne jede Überhöhung als die erste wirklich gründlich recherchierte Biographie Karl Lagerfelds gelten. 

Die Zeit nehmen, ein Leben zu erzählen

Alfons Kaiser und Karl Lagerfeld nach der Chanel Show während der Paris Fashion Week Womenswear; Spring/Summer 2016. Im Grand Palais am 6. Oktober 2015 in Paris, France // Foto: Rindoff/Le Segretain/Getty Images

Ein Buch, das nicht nur Bonmot an Bonmot klebt, alles um ein Geburtsdatum und Namedropping ergänzt und irgendwas mit „wahre Geschichte“ im Titel hat, sondern eines, das sich aufmacht, den Karl Otto Lagerfeld, der am 10. September 1933 als Sohn eines Kondensmilch-Fabrikanten und einer scheinbar über alles erhabenen Mutter in Hamburg geboren wurde, hinter dem „Labelfeld“, der er werden sollte, auszumachen.

Dass Alfons Kaiser selbst Lagerfeld kannte, Einblicke in dessen Leben und Arbeitsweise nehmen konnte und nicht alles nur über Dritte wahrzunehmen hatte, ist für diese erzählerisch hervorragende und inhaltlich tief gehende Biographie von großem Vorteil. Darüber hinaus gibt es natürlich reichlich Ansprechpartner:innen und Quellen, auf die Kaiser sich bei seiner Recherche stützen konnte. 

Ohne geschwätzig und langatmig unterwegs zu sein lässt der Journalist sich Zeit – ähnlich wie in der ausgezeichneten Biographie Jens Nordalms Der schöne Deutsche – Das Leben des Gottfried von Cramm – lernen wir erst einmal die Eltern und die Zeit, in die Lagerfeld geboren werden würde, kennen. Die ersten hundert Seiten widmen sich seiner Kindheit und Jugend und dem jungen Erwachsenen Lagerfeld. Sie zeigen uns Prägungen und Eigenschaften, die ihn zeitlebens begleiten sollten und geben so Erklärungen für manch eine sonst vielleicht nur als Inszenierung empfundene Verhaltensweise. Oder anders: Snob ist mensch oder eben nicht.

„Das ist wie eine Haarfarbe“

Dass Lagerfeld es dabei als Kind nicht immer leicht hatte, betont Kaiser im Unterkapitel „Demütigung“, in dem es auch um Hänseleien durch Mitschüler und Lehrer auf der Jürgen-Fuhlendorf-Schule in Bad Bramstedt geht, die dem Jungen, der „anders“ war, die Haare seltsam trug und „gekünstelt“ auftrat, galten. Einem Homosexuellen. Hier zieht Alfons Kaiser gar Didier Eribon und dessen Betrachtungen zur Schwulenfrage zur Einordnung des feindseligen Verhaltens heran.

Im Haus der Eltern, denen „nichts Menschliches fremd“ war, sei es da entspannter zugegangen, die Erkenntnis schwul zu sein, sei für Lagerfeld nach dessen eigenen Worten, so Alfons Kaiser, kein großes Problem gewesen. Wohlgemerkt in einer Zeit, in der „jahrelange Verfolgung und Ermordung von Homosexuellen durch die Nationalsozialisten“ gerade erst geschehen war und die Verfolgung durch die teils gleichen Personen auf Grundlage des Paragraphen 175 fortgesetzt wurde. Alfons Kaiser hebt an dieser Stelle das Grauen der Schwulenverfolgung hervor, nennt die Zahl von über 2000 rechtskräftigen Verurteilungen Homosexueller pro Jahr nach 1950 und meint, Sätze Lagerfelds wie „Das ist wie eine Haarfarbe, mehr nicht.“ klängen zumindest in dem Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit der Zeit verharmlosend. Eine Einschätzung, der kaum zu widersprechen sein dürfte.

Das Studio als „Entwurfs-Bordell“

Zurück zum geistreichen Snob: Diese Zuschreibung ist gar nicht einmal als negativ zu werten, es gibt eben Menschen, bei denen trägt das und es geht mit enormem Fleiß einher. Wie, das erläutert Alfons Kaiser im dritten größeren Teil des Buches, der die Zeitspanne von 1952 bis 1982 umfasst. Die Ankunft in Paris am 28. August 1952, die, wie die Zwischenkapitel lauten, „Anfänge“ und „Freunde“ – „Er mochte seine neuen Freunde, die jung und schön und erfolgreich waren wie er.“ -, der „Aufschwung“ und interessant-seltsame Episoden in „Baden-Baden“, die Arbeit für „Chloé“ und „Fendi“, er, als das erwähnte „Labelfeld“ und als der „Amerikaner“.

Karl Lagerfeld. Ein Deutscher in Paris ist angereichert mit insgesamt 58 Abbildungen; viele davon erzählen noch einmal ganz eigene Geschichten, wie jenes von 1957, das eine Strandszene in Trouville-Deauville mit Victoire Doutreleau zeigt. Ursprünglich saß dort am Strand auch Yves Saint Laurent, doch Lagerfeld retuschierte ihn später aus dem Foto.
Hier: An der Rue de l’Université: In seinem Stadtpalais lebte Karl Lagerfeld (hier 1983) wie im 18. Jahrhundert. // Foto: Pierre Perrin/Getty Images, München

Ebenso die Zeit mit und seine intensive, wenn auch nicht auf Körperlichkeit und Eifersucht basierende, Beziehung zu Jacques de Bascher, den er 1989 an die Aids-Krankheit verlieren sollte. Hier beschreibt Kaiser auch eindrücklich die Auswirkungen der so genannten „Schwulenseuche“, zählt große Namen auf, die dem HI-Virus zum Opfer fielen, wie Klaus Nomi, Michel Foucault, Halston oder Rudolf Nurejew. Dass Lagerfeld wie ein Luxus-Asket zu leben verstand, bewahrte ihn hier wohl davor, selbiges früh zu verlieren.

Lagerfeld lebt und schafft weiter, baut sich und seine Marke aus, oder viel eher beginnt dies erst einmal in den 1980er-Jahren. Sagte er doch, mit einer, wie Alfons Kaiser anmerkt, „bösen Anspielung auf den Geburtsort von [Yves] Saint Laurent: ‚In Hamburg, anders als in Oran, gibt es nichts, das weniger stilvoll ist, als seinen Namen über einer Tür zu haben.‘“ Ausschlaggebend mag hier jedoch vielleicht die lange und innige Feindschaft mit Saint Laurent gewesen sein. So oder so: Sein Name und Konterfei fanden sich bald an Gebäuden. 

Der inklusive Dandy

Etwas, das Alfons Kaiser nicht nur in diesen Lebensjahren – 1983 bis 1999 – hier aber besonders fein schafft, ist es, die Arbeitsweise Lagerfelds um sehr persönliche Momente und einiges Menschliche anzureichern. Die Anerkennung, die ehemalige Weggefährt:innen und Mitarbeiter:innen durchklingen lassen, wenn sie seine Gabe die Fähigkeiten von Leuten zu erkennen erwähnen. Oder Eric Wright, der sagt, dass Lagerfeld Leute nahm, wie sie waren. „Er war beruflich und privat inklusiv, mehr als jeder andere“, wie Wright Kaiser in einem Gespräch erzählt. Und: „Was er für mich als Schwarzen getan hat – das hat sonst niemand getan.“ 

Bei Lagerfeld, der seine Arbeit ohnehin kaum als solche ansah und „Jobs jonglierte“, wie Caroline Lebar sagt, vermengt sich das Private zwangsläufig mit dem Rest. So lebte er quasi mit den Menschen, mit denen er an verschiedenen Stationen arbeitete. Ohne sich, jedenfalls fast immer, abhängig von Auftraggebern oder Menschen zu machen. So steht ein Satz, im Buch im Zusammenhang mit Lagerfelds Flirt mit anderen Modemarken als Nadelstiche gegen dessen Haupt-Auftraggeber, wie Chanel, stehend, exemplarisch für den Dandy: „Die Botschaft: Ich bin unabhängig und stehe über den Dingen. Diese Haltung wiederum weitete seine Macht nur noch mehr aus.“

Alfons Kaiser weiß zu berichten, dass Karl Lagerfeld in seiner Wohnung drei Schreibtische hatte: einen für französische Briefe, einen für deutsche und einen für englische. Als Quelle dient hierfür die „Gero von Boehm begegnet… Karl Lagerfeld“-Sendung vom 12. September 2005. Anmerkungen, Quellen, Bildnachweis und Personenregister nehmen in dem wunderbar gestalteten Buch, das sicherlich auch dem kunstsinnigen Karl Lagerfeld gefallen hätte, noch einmal gut 50 Seiten ein.
Hier sehen wir ihn 1979 beim Zeichnen von Chloé-Entwürfen // Foto: Daniel Simon/Getty Images, München

Dass Lagerfeld sich manches traute und nicht wenig herausnahm, gehörte sicherlich ebenso zu seiner öffentlichen Persona wie wohl seinem Wesen. Zumal er dies zuweilen auf diese spröde, norddeutsche Art tat, dass nahezu jeder Wandel, jeder Sprung und jede Patzigkeit wohl aus dem Innersten gekommen sein dürfte. Oder wie Alfons Kaiser es beschreibt: „So souverän muss man erstmal sein: Er nahm die Tradition ernst und verspottete sie doch.“

Geliebte liegende Bücher

Aufgaben, Bekanntschaften und Zeit zu jonglieren: Es taugte ihm und letztlich schaffte er es noch aus jeder Leidenschaft ein Business, eine Marke zu machen. Die Fotografie war so etwas und auch, ja, seine Liebe zu Büchern (wie über den Steidl Verlag Imprint L.S.D. und seine Pariser Buchhandlung 7L Bookshop). Diese Liebe bekommt auch im Buch nicht zu wenig Raum, was wiederum seiner Anordnung von Büchern entspricht, legte er diese doch in Regale, denn so, so berichtet es uns Kaiser, verzögen sie sich nicht und Lagerfeld hatte den Kopf nicht zu drehen, wollte er die Titel auf dem Buchrücken lesen.

Darüber hinaus half ihm sein Gedächtnis bei all den, wohlgemerkt an verschiedenen Orten befindlichen, zu einem nicht unwesentlichen Teil über „seine liebste deutsche Buchhandlung“ Felix Jud bestellten, „paketeweise nach Paris geschickt[en]“ Büchern, nicht den Überblick zu verlieren. „Er kannte ihren Standort ‚im Kontext des Zimmers, in dem sie stehen‘“, wie Kaiser aus einem Interview zitiert. Diesen Satz lassen wir nun einmal wirken.

Nun treten wir mit den Jahren 2000 bis 2019 in die letzten Lebens- und Schaffensphase Lagerfelds ein. Die Zeit mit Baptiste Giabiconi, aus dessen Buch Karl et moi/Karl und ich Kaiser zitiert, mit seiner quasi rechten Hand Sébastien Jondeau, dessen Buch Ça va, cher Karl? Erinnerungen an Karl Lagerfeld im April auch in deutscher Übersetzung erscheint, und natürlich Choupette, auch hier eine intensive und nicht-sexuelle Liebe, auch hier eine Leidenschaft mit Vermarktungswert. 

Keine Mythenbildung

In jene Zeit fällt auch die von der Masse gefeierte Kollaboration mit H&M, etwas, das große Namen auch für kleinere und mittlere Geldbeutel zugänglich machte, High-meets-Fast-Fashion quasi. Das unkritisch zu betrachten fällt schwer, so tut Alfons Kaiser dies auch nicht, denn „es ist schon bemerkenswert, wie groß sein persönlicher Anteil war an der zunehmenden Erderwärmung und der Vermüllung des Planeten.“

Wie überhaupt die Biographie nicht unkritisch ist, Alfons Kaiser in Karl Lagerfeld. Ein Deutscher in Paris zu keinem Zeitpunkt nur an die Marke und die Show Lagerfeld glaubt, sondern auch in die im Schatten liegenden Ecken und Merkmale blickt, ohne dass daraus nun ein Persönlichkeits-Porno würde, eine tratschige Tell-All-Nummer. Wir Leser:innen spüren die Anerkennung, die Kaiser gegenüber Lagerfeld empfindet, dennoch glorifiziert er diesen Mann mit seiner eigenen Zeitrechnung, der „genial und großzügig, zuweilen aber auch dünnhäutig, reizbar und nachtragend“ war, nie.

„Karl For Ever“: Gedenkfeier im Grand Palais am 20. Juni 2019 – „Karl Lagerfeld erzählt einem, wie es ist zu sterben, aber das mit Humor“, zitiert Alfons Kaiser den guten Lars Eidinger. // Foto: Christophe Archambault/Getty Images, München

Über diesen Mann, diesen Schöpfer, diesen Karl Otto Lagerfeld, der am 19. Februar 2019 in Neuilly-sur-Seine starb und der „gesellig und narzisstisch, fleißig und überehrgeizig“ war, hat Alfons Kaiser eine ganz fantastische, vielseitige, angemessene, so anekdotenreiche wie würdevolle, auch kulturgeschichtlich überdurchschnittliche und nicht nur für Modebegeisterte unbedingt lesenswerte Biographie geschrieben. 

AS

PS: Die Besprechung versucht die tonale Essenz von Karl Lagerfeld. Ein Deutscher in Paris herauszuarbeiten. Daher wird hier nicht das Leben nacherzählt und nicht jede der zahlreichen im Buch auftauchenden Stimmen erwähnt. Für eine Schlaglicht-Biographie sei die Besprechung der Dokumentation Karl Lagerfeld – Eine Legende empfohlen

PPS: Bei Lektüre und Schreiben angehört: Diverse Playlists von Michel Gaubert.

Eine Leseprobe findet ihr hier.

Alfons Kaiser: Karl Lagerfeld. Ein Deutscher in Paris; September 2020; 383 Seiten, mit 58 Abbildungen; Hardcover mit Schutzumschlag; ISBN: 978-3-406-75630-6; C.H. Beck Verlag; 26,00 €; auch als eBook erhältlich

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