Ein Mann – Eine Orgel – Ein Ton oder auch ganz viel mehr.

Wenn Manfred Tausch am 28. Mai 2022 um 19:00 Uhr im bergischen Radevormwald seine Finger konzentriert auf die Manuale der Orgel in der katholischen St. Marien-Kirche sinken lässt, dann ist das ein queerer Facebook-Effekt. Kultur durch Facebook – Fehlanzeige? Hier keinesfalls. Kleine Ursache – große Wirkung! So wird der berühmte Organist, Solo-Künstler, Orgelprofessor und Dozent an der Universität Graz Ende Mai in Radevormwald eines der begehrten und in der Kulturszene Deutschlands sehr beachteten Improvisationskonzerte geben, die vor allem immer eines sind: Einzigartig.

Garstig vs. Gentle 

Die geneigte Leser*innenschaft erinnert sich an dieser Stelle an die letzten eigenen Erlebnisse in diesem „Social Media“ und fragt sich zu Recht, wie es dazu kommen konnte. Der Reihe nach. Ein sympathischer Berliner, nennen wir ihn Olaf K. (Name der Redaktion bekannt) sitzt im Mai 2018 über seinem Facebook Profil und ärgert sich wieder einmal über den teils rücksichtslosen Umgang in einer Gruppe für Schwule Männer. Wie schön wäre es doch, wenn es da etwas gäbe, wo es freundlicher zuginge. Wo die Männer einander mit Respekt begegnen und der Kopulationswille nicht an vorderster Front regiert. Wo mann die Gruppe aufmacht und alle respektvoll und höflich, also ganz Gentleman miteinander umgehen. Gedacht, getan. Er gründet die Gruppe „Gentle Gays“ und lädt die Freunde ein, von denen er denkt, dass sie das auch gern so hätten. Die finden die Idee toll und laden wiederum ihre Freunde ein, von denen sie denken, dass die das auch suchen.

Der Organist Tausch in seinem Element // © Manfred Tausch

Ein Manfred war auch relativ von Anfang dabei, aber der heißt Hasler und nicht Tausch. Der ist allerdings der Ehemann von Manfred Tausch (ja beide heißen Manfred). Der hat sich das alles angeschaut und seinen Gatten ein Jahr später kurzum dazu geholt. Und ja Manfred Tausch ist eine Berühmtheit und ein wahrer Künstler. Wer einmal zuhören durfte, was dieser Mann aus so einer „gewöhnlichen“ Kirchenorgel rausholt, dem stehen Mund und Ohren vor Staunen auf. Da kann die Maus sich mit Star Wars in einem Konzert wiederfinden und alle sind sich einig, ein Wahnsinn. Nicht umsonst hallen Kirchen und Konzertsäle in aller Welt nach seinen Konzerten noch minutenlang von tosendem Applaus wider.

„Aber wenn wir doch so einen tollen Künstler in der Gruppe haben, warum lassen wir den denn dann nicht mal hier auftreten?“, dachte sich Matthias Schwanz ein weiteres frühes Mitglied der Gruppe und in Radevormwald aufgrund seines Post- und Schreibwarenladens bekannt, wie ein bunter Hund. Und wieder einmal: Gedacht, getan. Vieles wollte überlegt, organisiert, bedacht und umgesetzt sein. 

Trockene Tücher und flinke Hände

Matthias konnte den Kantor der örtlichen katholische Gemeinde mit ins Boot holen und dann war der Plan in trockenen Tüchern. Noch unter den strengen Corona Regularien wurde geplant und schließlich gebucht.

Das Plakat zur Veranstaltung

Die Konzerte des großen Improvisationskünstlers Tausch sind in Deutschland, zumindest im mittleren und norddeutschen Raum eher selten. Im Süden kann man ihn mit etwas Glück eher antreffen. Der Österreicher lebt mit seinem Mann zurückgezogen in einem Anwesen bei Graz und unterrichtet an der dortigen Universität. Er gibt Meisterkurse und seine Schüler erklimmen schnell sehr hohe Stufen auf den künstlerischen Leitern dieser Welt. In aller Welt räumen seine Schüler einen Preis nach dem anderen ab. Wer noch mehr über ihn und sein künstlerisches Schaffen erfahren möchte, kann das hier tun.

Dieses hochkarätige und gleichzeitig bedeutsame queere Kulturereignis wird in Kürze sicher ausverkauft sein, sind die Plätze in einer Kirche doch bekanntlich zahlreich, aber eben auch eines: begrenzt. Karten kann mensch für 15,00 € zzgl. Versand via Mail an Karten[at]PBS-Rade.de erwerben. Wer risikofreudiger sein mag, schaut an der Abendkasse (so es noch verbliebene Plätze gibt) vorbei.

Und: Kommen wir dort auf den Scheiterhaufen?

Anmerkung: Unser Autor Frank Hebenstreit war für uns vorab vor Ort und hat sich ein Bild vom Konzertort und auch der Einstellung der katholischen Gemeinde dort zu Queerness im Gotteshaus gemacht. Ein Orgelkonzert ist bekanntlich keine Rainbow-Parade, aber das queere Bindeglied war ja hier der Auslöser, und sollte so nicht noch schlussendlich zum Stolperstein werden. 

Eindrücke aus der Kirche // Fotos: © Frank Hebenstreit

Sein Fazit: ein traumhafter Konzertort, der mit seiner wunderbaren Akustik dieses einmalige Erlebnis perfekt unterstützt. Die Gemeinde ist der Queerness gegenüber offen und geht entspannt mit ihren queeren Mitbürgern um. Nur einen Hut sollte man als Mann vielleicht nicht auflassen. Das sieht man dort dann doch nicht so gern. Aber wer braucht zum Orgelkonzert schon einen Hut. Vorfreude und offene Ohren reichen da doch vollkommen.

Frank Hebenstreit

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