„Ein richtig geiles Leben“

Ein Doppelleben könnte so etwas Schönes sein, wenn auch einfach doppelt so viel Zeit zur Verfügung stünde. Stattdessen dürfte es – ich führe selbst keines, deshalb kann ich nur mutmaßen – mit viel Stress verbunden sein: Der Grund für ein Doppelleben ist ja, dass es zwei voneinander abgetrennte Lebensbereiche gibt, die sich nicht überlappen sollen. Die Folge: permanenter Stress, Lügen, Ausreden. Wer sich so ein Leben aussucht, muss wohl etwas daraus schöpfen, denn ansonsten ist es kaum vorstellbar, wieso jemand sich diesen Belastungen aussetzt.

Anders ist es, wenn mensch in solch ein Leben gezwungen wird. Oder zumindest nicht die Kraft oder die Möglichkeit hat, das eine Leben mit dem anderen zu vereinen. So geht es vielen Personen, die ihre sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität nicht ausleben können, weil das Umfeld dies nicht zulässt. Während mensch Homo– oder Bisexualität aber oft zumindest nach außen irgendwie verbergen kann (ohne dass dies wünschenswert wäre), ist es gerade beim trans*Sein deutlich komplexer, ist diese doch oft mit dem Wunsch nach äußerlicher Veränderung hin zum „anderen“ Geschlecht verbunden.

In der „falschen Verpackung“

Ein solches Doppelleben führte Georgine Kellermann über 60 Jahre lang. Dass und wie sie ihr Leben „in der falschen Verpackung“, wie sie immer wieder zu Protokoll gibt, führte – führen musste –, erläutert sie uns in ihrer Biografie mit dem etwas sperrigen Titel Georgine – Der lange Weg zu mir selbst – Meine Befreiung als Trans*Frau nach über 60 Jahren, das im Juni bei Ullstein erschienen ist.

Als Journalist mit einem um drei Buchstaben weniger langen Namen war und ist sie vielen Menschen gerade in Nordrhein-Westfalen, aber auch darüber hinaus bekannt. Mit der Verwendung ihres Deadnames hat Kellermann, anders als die meisten Trans*Personen weniger Probleme, denn unter diesem lägen, ob ihrer beruflichen Vergangenheit im Journalismus, Tausende Werke in Archiven. Dies aus dem kulturellen Gedächtnis zu streichen, würde einem Verrat an einem Teil ihres Lebens nahekommen, so Kellermann sinngemäß gleich zu Beginn des Buches.

Die ersten Pumps

Dieses besteht aus acht Kapiteln, die lose chronologisch angeordnet sind. Geboren in einer Familie aus Ratingen bei Düsseldorf wurde Kellermann als Junge aufgezogen, wusste aber bereits früh, dass sie ein Mädchen oder vielmehr eine Frau ist. Sie erzählt von ihrer Kindheit, dem Einstieg in den und die Karriere im Journalismus, die Erlebnisse rund um die Berichterstattung aus der ganzen Welt.

Und natürlich auch ihre Geschichte als Frau im falschen Körper, die ersten Pumps, die sie sich kaufte, das erste Erlebnis mit Frauenkleidern draußen. Dazu gehört selbstverständlich ihre „Offenbarung“, wie sie von ihrem Coming-Out seit einem Fernsehtermin mit Micky Beisenherz spricht. Kellermann erzählt, wie sie für ihren letzten Arbeitstag ihre „Offenbarung“ plante, aber auch, warum daraus nichts wurde. Und sie erzählt von ihrer Wahrnehmung der queeren Community, von queerem Leben und davon, wie sie nach dem Ende ihrer beruflichen Laufbahn noch einmal eine ganz neue Lebensrealität für sich entdeckt – und zwar jenseits von Bienenzüchten oder künstlichen Hüftgelenken.

Geschichtenerzählerin

In einem Interview mit dem Deutschlandfunk Kultur gab Georgine Kellermann bei Veröffentlichung ihres Memoirs zu Protokoll, dass sie in den Journalismus gegangen sei, weil sie so gerne Geschichten erzähle. Diese Leidenschaft ist ihr bei der Lektüre von Georgine deutlich anzumerken. Die Leserinnen und Leser werden mit kleinen Anekdoten aus dem Leben einer männlich gelesenen Journalistin belohnt.

Ob es von den Trümmern des gerade eingestürzten World Trade Centers in New York ist, aus der bosnischen Frontstadt Mostar oder – ganz schnöde – irgendwo aus dem Ruhrpott, Georgine Kellermann hatte – wie sie auch bei einer Lesung ihres Buches Mitte Juni im BerlinePfefferberg Theater sagte – „ein richtig geiles Leben“ und aus diesem berichtet sie ganz ungeniert, selbst wenn sie manch Privates bewusst außen vor lässt.

Das Leben als Frau

Der Beruf und die Karriere haben ihr viel bedeutet, das macht Kellermann sehr früh klar. Aber auch Einblicke in ihr Seelenleben und ihre Identität als Frau nehmen einen großen Platz in diesem Buch ein. Sie erzählt von Problemen, die sie vor und nach ihrer „Offenbarung“ hatte und macht von diesem Punkt aus auf strukturelle Missstände in unserer Gesellschaft aufmerksam, die vor allem Trans*Personen betreffen.

Ohne belehrend zu wirken, erläutert sie ihren Leserinnen und Lesern, wie problematisch es als Person mit Trans*Identität hierzulande ist – oder zumindest bis zur Verabschiedung des Selbstbestimmungsgesetzes Mitte April dieses Jahres war –, ein „normales“ Leben zu führen. Viele Menschen, so (nicht nur) Kellermann, hätten noch nie Kontakt mit einer Trans*Person gehabt, wüssten also nicht, mit welchen Problemen diese im Alltag konfrontiert seien.

Georgine ist ihre Antwort hierauf, denn in diesem Buch erläutert sie sehr gut, wie sie in ihrem Doppelleben agieren musste, wie sie litt und welche Fragen sie sich stellen musste, die cis-Menschen einfach gar nicht in den Sinn kommen. Gerade in diesem Zusammenhang ist Georgine überaus wertvoll, gerade in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft.

Fluch und Segen

Zwei oder eigentlich drei Dinge gibt es allerdings doch, die… sagen wir verbesserungswürdig sind. Erstens ist der bereits erwähnte Hang zum Geschichtenerzählen ein Fluch und ein Segen zugleich. Ein Segen, denn die Geschichten, die Kellermann erzählt, sind anschaulich und aus ihrem Leben und lassen uns Anteil an diesem haben. Sie ziehen eine*n geradezu in sich hinein. 

Ein Fluch aber auch, denn manchmal kommen die Geschichten und Anekdoten wie aneinandergereiht daher. Erzählt sie erst noch von einer Kindheitserinnerung, geht es im nächsten Absatz direkt und ohne große Überleitung zur nächsten und so weiter. Das schafft Raum für sehr viele dieser Erinnerungen, kommt aber fast wie ein Bewusstseinsstrom daher. Diese Sprünge muss mensch mögen und vielleicht hätte dem Buch hier an mancher Stelle noch ein wenig mehr Struktur gutgetan, aber es ist und bleibt gleichsam informativ und mitreißend.

(A)soziale Medien

Mitreißend ist auch ein gutes Stichwort für den zweiten Punkt: soziale Medien und Kellermanns Haltung hierzu. Sie nämlich ist eine große Anhängerin dieser Kommunikationsnetzwerke und sie hat vollkommen recht, wenn sie sie deshalb lobt, weil sie Menschen „wie ihr“ öffentliche Sichtbarkeit und einen Raum für Aufklärung und Austausch bieten. Das stimmt, aber gerade Sichtbarkeit gäbe es dennoch auch in klassischen Medien – wobei der WDR, ihr früherer Arbeitgeber – hier auch für Sichtbarkeit sorgte und sie nach ihrer „Offenbarung“ nicht im Archiv versteckte, sondern ihr die Gelegenheit gab, als Georgine vor die Kamera zu treten.

Wie dem auch sei, soziale Medien. Der Blick, den Kellermann hierauf hat, mag vor zehn Jahren noch richtig gewesen sein, heute aber würde zumindest ich sagen, dass er doch eher romantisierend ist. Was wir heute an Hass und Hetze im Internet erleben – sie selbst übrigens auch, scheint aber sehr gut darin zu sein, dies herauszufiltern und zu ignorieren –, das passt – wie es so schön heißt – auf keine Kuhhaut. Diesen Blick auf soziale Medien kann zumindest ich nicht (mehr) teilen.

Gespalten bei Queerfeindlichkeit

Verwandt hiermit ist übrigens auch ein Punkt, bei dem ich auch stutzen musste, vor allem in jener Lesung im Pfefferberg Theater: Ich glaube, dass Kellermann die Offenheit unserer Gesellschaft an einigen Stellen überschätzt. Ja, das recht homogene Publikum dort schien mit Allies und Menschen aus der Community gut gefüllt zu sein, aber jenseits dieser Mauern und jenseits der größeren Städte ist das Publikum deutlich anders.

Maren Kroymann beklagte vor einigen Jahren die zunehmende Queerfeindlichkeit in Brandenburg und allgemein auf dem Land und es stimmt, die Wahlergebnisse – gerade unter Jüngeren – zeigen zunehmende Unterstützung für reaktionäre Kräfte wie die AfD. Georgine Kellermann scheint als Maßstab für ihr Urteil jedoch primär ihre eigenen Erfahrungen zu nehmen, was erst einmal nicht falsch ist. Aber ich sage, dass sie ist dabei möglicherweise zu sehr auf urbane Räume fixiert und zu wenig andere Lebensräume und -wirklichkeiten einbezieht.

Nach der Geschichte die Debatte

So kritisch dies nun auch klingen mag, Georgine ist ein sehr gutes, lehrreiches, informatives und eindrucksvolles Buch. Georgine Kellermann illustriert überaus plastisch, wie ihr ungewolltes Doppelleben 60 Jahre lang ihren Alltag bestimmte, auch wenn sie immer wusste, wer sie selbst war und ist. Es ist ein Fingerzeig für eine vermeintlich tolerante Gesellschaft und bringt all jenen, die eben bislang noch keinen Kontakt oder Bezug zu transsexuellen Personen hatten, dieses Leben ein wenig näher. Und dass sie in ihrem früheren Alltag ein angesehener, männlich gelesener Reporter war, der sich über seine Karriere ein gewisses Renommee erarbeitet hat, dürfte dem nur zuträglich sein. 

Dass die Leserinnen und Leser nicht in allem mit den Ansichten Georgine Kellermanns übereinstimmen müssen, versteht sich von selbst. Im Gegenteil, zu dem von ihr so geliebten Geschichtenerzählen gehört auch das anschließende Nachdenken und die Debatte darüber dazu. Das ist gut, genau hierzu ruft dieses Buch auf und eben deshalb ist es so ein wertvoller Beitrag für den öffentlichen Diskurs.

HMS

Georgine Kellermann: Georgine – Der lange Weg zu mir selbst. Meine Befreiung als trans* Frau nach über 60 Jahren; Mai 2024; 288 Seiten; Hardcover, gebunden; ISBN: 978-3-5502-023-91; Ullstein; 22,99 €

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