Einzigartig und mannigfaltig: Nicht nur die Falter

Beitragsbild: Das Buchcover, das einen roten Apollofalter (Foto: Heinz Schmidbauer) zeigt, auf einem nicht zum Band gehörenden Foto (von: Miguel Á. Padriñán) eines Grashüpfers.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass mit der aktuellen fünfzehnten eine sehr sehenswerte Staffel von Ich bin ein Star – Holt mich hier raus! zu Ende ging. Natürlich spielten auch dort Insekten wie so oft eine große Rolle, vor allem jene, die ähnlich wie das Moderationsteam Sonja Zietlow und Daniel Hartwich recht bissig sind. Wer von beidem nicht genug bekommen kann, also Insekten und bissigen Kommentaren, dem sei der informationsreiche Bildband Unsere einzigartige Insektenwelt – Von Verwandlungskünstlern und beschwingten Fliegern ans Herz gelegt. 

Subtile Fotojagden

Der bei Frederking & Thaler erschienene Band mit vielen wunderbaren, oft detailreichen und faszinierenden Fotografien* von Heinz Schmidbauer und informativen, zum Nachdenken anregenden und manches Mal schon romantisch anmutenden Texten sowohl von ihm als auch dem renommierten Naturwissenschaftler und Autoren Josef H. Reichholf bietet unzählige Impressionen in Bild und Text, die bei geneigten Leser:innen lange nachhalten dürften. Das beginnt beim Goldlaufkäfer und einem Zitat aus Ernst Jüngers Subtile Jagden und endet mit einer Mauerbiene beim Blütenbesuch.

Dazwischen gibt es einiges zu erleben und erfahren oder manches, womöglich noch aus der Schulzeit oder früheren Lektüren, aufzufrischen. In insgesamt zehn Kapiteln, inklusive Einführung und Making-Of, kreieren Schmidbauer und Reichholf einen teils recht detaillierten Crash-Kurs „Insektenwelt“. 

Tagpfauenauge bei der Eiablage // Foto: © Heinz Schmidbauer

In ihrer Einleitung „Insekten, die (un)bekannten Wesen“ weisen sie gleich erst einmal auf einen Fehler in einer Veröffentlichung des Deutschen Klimakonsortiums hin: In diesem hat man statt eines Insekts, ein Spinnentier abgebildet, das aus vier Beinpaaren und zwei Körperteilen besteht. Insekten hingegen bestehen aus jeweils drei Beinpaaren und Körperteilen. „So ein Fehler ist viel größer, als wenn Fisch und Heinz Schmidbauer verwechselt worden wären.“ Tja. Diesem Mangel an Wissen, oder Interesse, auch in wissenschaftlich gebildeten Kreisen, wollen sie also mit ihrem Buch entgegenwirken. Wie überhaupt der Einschätzung, dass die etwa 45 000 verschiedenen im DACH-Raum lebenden Arten irgendwie krabbeliges und manchmal kribbeliges Beiwerk wären.

Klingt kompliziert, ist auch so

Klar, wir finden Schmetterlinge hübsch und cool (bis auf jene, die vor diesen panische Angst haben, wie mindestens eine Person aus dem Bekanntenkreis des Rezensenten) und Bienen sind putzig, Marienkäfer bringen Glück und ein Hirschkäfer ist geil. Doch die Schmetterlinge als Raupen sind eklig, Bienen nerven auch irgendwann, Marienkäfer hinterlassen Flecken und Hirschkäfer sieht man eh kaum mehr, weil wer geht schon noch in den Wald, der voller Spinnen ist, die keine Insekten sind?!

Die Faszination der Herren Schmidbauer und Reichholf überträgt sich allerdings schnell auf uns Lesende, wenn sie jedes Entwicklungsstadium in einen Kontext setzen, wenn sie den Aufbau der Insekten in all den spezialisierten Facetten beschreiben, die verschiedenen Formen und Zwecke von Flügeln, Farbgestaltungen, Atmungssystemen, Rüsseln und Mundwerkzeugen oder den Komplexaugen ausführen und abbilden: „Klingt kompliziert, ist es auch, aber höchst wirkungsvoll.“

Elegante Schönheit

Das ausführlichste Kapitel widmet sich nun den Schmetterlingen, die eigentlich besser Schuppenflügler hießen, bei denen es in der Tat recht weit ins Detail geht. Seien es die Unterschiede zwischen Tag- und Nachtfaltern, das Flug- und Wanderverhalten, das bei manchen dem der Zugvögel in nichts nachsteht, wie der Distelfalter; der Tarnung zum Schutz, um eben nicht von Vögeln gefressen zu werden, auch werden die Problemschmetterlinge nicht unterschlagen. Das Kapitel zeigt die verschiedensten Raupen und die schönsten Tag- und Nachtpfauenaugen, den Himmelblauen Bläuling, die sich an Rotkleeblüten labenden Schachbrettfalter oder den umwerfenden Aurorafalter (nicht umsonst dürfte auf dieser Seite angemerkt sein, dass Dichter und Schriftsteller wie Hermann Hesse oder Vladimir Nabokov sich von der Schönheit der Schmetterlinge inspirieren ließen).

Faszinierend am Band ist auch, welche Liebe aus den Texten herauszulesen ist. So lesen wir von „Schönheit“, „Eleganz“, der „Anerkennung“ von „komplexen Lebensweisen“, „Prachtstücken“ oder „Zusammengehörigkeit“, in Bezug auf Ernst Jünger auch „Passion“ und „subtiler Schönheit“. Im Übrigen appellieren die Autoren über das Entdecken durch Beobachtung und Fotografie.

Der Gestreifte Schmalbock schnellt beim Abflug mitunter rücklings in die Luft und entfaltet die Flügel // Foto: © Heinz Schmidbauer

Im Anschluss widmen wir uns den Käfern (persönliches Highlight: der Rüssler), deren Vielfalt überrascht und deren Anpassungsfähigkeit nur folgerichtig scheint. Auch hier weisen Heinz Schmidbauer und Josef H. Reichholf wieder auf den Einfluss des Menschen auf die Natur und die „Lichtverschmutzung“ hin, den Rückgang zahlreicher Arten hierzulande. Darauf wollen wir später kurz zurückkommen. Erst einmal kommen wir zu den Fliegen, bei denen eine der wesentlichsten Informationen die sein dürfte, dass es nicht Fliegen oder Mücken sind, sondern dass Mücken Fliegen sind. Siehste mal. Auch bei Fliegen ist der Rückgang stark und es stellt sich die Frage: „Ist ein Abgesang geboten, weil die Fliege >>die Fliege macht<<?“

Die große Gefahr Mensch

Ganz so weit ist es noch nicht, da auch diese sehr anpassungsfähig sind. Auch bei ihrer Vielfalt wäre es zu schade drum, wie Bilder der Schnepfenfliege oder des Wollschwebers verdeutlichen. Übrigens auch ein Argument, das Fotograf und Autor in Unsere einzigartige Insektenwelt anführen: „Vom Schönen ergriffen zu werden, ist in unserer so extrem auf Ertrag ausgerichteten Zeit wahrscheinlich der einzige Weg, der zum Ziel führt, die Insekten zu erhalten.“ Dem zu widersprechen fällt schwer; ähnlich argumentiert auch Thomas Peschak im National Geographic-Band Wild Seas.

Wie sehr sich nicht nur der Blick auf Erträge, sondern auch der auf Ordnung auf die Natur und die Insekten auswirkt, erläutert das Buch im Kapitel zu Bienen, Hummeln und Wespen, mit dem Untertitel „Die Unentbehrlichen“ und dem dringenden Appell: „Rettet die Bienen, sie sind wichtig!“ Damit spielen sie nicht nur auf das bayerische Volksbegehren an, sondern sie thematisieren es und ebenso, wie folgenlos die Verankerung desselben im Bayerischen Naturschutzgesetz blieben. 

Kaisermantel // Foto: © Heinz Schmidbauer

Denn die Kommunen und Straßenbauämter machen weiterhin an „Straßenrändern und Böschungen, auf gemeindeeigenen Flächen, in städtischen Anlagen und an Dämmen alles kurz und klein“, „ordentlich“ solle es sein. „Es ist die Mentalität des Saubermanns, die Insekten vernichtet“, dabei seien gerade Wildbienen für uns so wichtig. Warum das so ist, was es mit der „Wespentaille“ auf sich hat, warum Hornissen eigentlich die angenehmeren und handzahmeren Zeitgenossen sind als die Gemeine oder Deutsche Wespe, dass es Kuckucksbienen, Holzbienen und ausdrucksstarke Gesichter gibt, all das zeigen die beiden begeisterten und uns begeisternden Herren in dem Kapitel auf. Wir begegnen sogar dem Konflikt Individualität versus Kollektiv, damit ist das Buch prompt gesellschaftspolitisch relevant. 

Ein Heupferd ohne Wiehern

Dass weniger gefährliche Insekten zu ihrem Selbstschutz andere als, ob durch Stachel, Gift oder Geschmack, gefährlich oder ungenießbar geltende Insekten nachahmen, diese Information durchzieht das Buch. Dennoch ist diesem Phänomen, Mimikry genannt, ein eigenes kurzes Kapitel. Hier machen sie darauf aufmerksam, dass sich dieser Nutzen allerdings in sein Gegenteil zu verkehren droht, da es bald mehr Nachahmer als Originale gäbe. So oder so, bleibt der Reiz der Farben erhalten. 

Kräftig farbig sind auch viele „Heuschrecken und ihre Verwandtschaft, die wissenschaftlich plastisch so schön Saltatoria, Hüpfer, heißen.“ Natürlich fehlt in diesem Kapitel auch ein Bild der ein Männchen verzehrenden Gottesanbeterin nicht, ebensowenig wie das Vorbild für Flip aus der Biene Maja, das Große Grüne Heupferd. Auch die jüngsten Plagen der „Sagenumwobenen“ aus den Jahren 2020 und 2021 in Ostafrika werden thematisiert und wir lernen, dass die letzte große Heuschreckenplage in Mitteleuropa in den Jahren von 1873 bis 1875 vor allem Polen und Brandenburg betraf; dass sie, etwas Schöneres, mit ihren Beinen oder Flügeln singen und dass, wieder weniger schön, der Bestand der Grillen vor allem durch Überdüngung stark zurückgeht. Buh.

Ergiebiges Säftesaugen

Weniger ärgerlich und traurig dürften wir hingegen über Rückgang der Bettwanzen, Cimex lectularius, sein, auch wenn sie sich „>>dank<< des globalen Verkehrs“ wieder ausbreiteten, wie es im Text gleichsam bissig heißt. Dennoch bringt auch das Kapitel zu Wanzen, Flöhen und Läusen mit ihren über 800 (!) Arten so einiges Interessantes, beispielsweise die parthenogenetische Fortpflanzung, also eine Jungfernzeugung, der Blattläuse, auf und auch hier begegnen wir Schönheit, ja ist so, wie ein Blick auf die Stachelwanze beweist.

Wolfsmilchschwärmer Raupe // Foto: © Heinz Schmidbauer

Kurz erwähnt wird Obskures und Kurioses, manches davon wurde bereits angesprochen, einiges wird fix angerissen, hier holpert es etwas, die Übergänge hängen und es stellt sich die Frage, ob dieser Teil nicht schlicht hätte weggelassen werden können, auch wenn es Zeit wurde, endlich dem Kakerlak zu begegnen (Hey, IBES!). Vermutlich war es so, dass Heinz Schmidbauer und Josef H. Reichholf doch das eine oder andere noch mit einbringen wollten.

So dürfen auch die wahrlich spannenden Wasserinsekten nicht fehlen, zu denen die beliebten Libellen, die weniger bekannten Steinfliegen, die für allerlei böse Sprüche herhaltenden Eintagsfliegen und die sich verpuppenden Köcherfliegen gehören. Aus Sicht der Fische und Vögel dürften diese Wasserinsekten übrigens der heißeste Scheiß sein: sie tragen keinerlei Gifte im Körper. Auch hier beschenkt und Schmidbauer wieder mit wunderbaren Fotografien, wie jener eines Close-Up-Portraits einer Azurjungfer oder einem eindrücklichen Libellen-Paarungsrad. 

Mehr Achtung, weniger Ächtung

Im abschließenden Beitrag, der wieder die Frage: „Wozu all das Krabbelgetier“ aufwirft, appellieren sie erneut an unsere Vernunft, die mögliche Erkenntnis, dass Insekten eben nicht nutzlos sind und wenn das alles nichts hilft, dann wenigsten das Verständnis gläubiger Menschen, dass auch Insekten Geschöpfe Gottes seien und sowieso schon viel länger auf dem Planeten als wir. Nun, wenn’s beim Glauben doch öfter mit der Logik zuginge, was?!

Den Wunsch der Bild- und Textautoren, dass Unsere einzigartige Insektenwelt dazu beitragen möge, dass uns bewusster wird, was durch Gifte, auch im eigenen Garten, und Co. hier zugrunde gerichtet wird, können wir für uns schon einmal als erfüllt bestätigen. Dies auch über den heutigen Tag des Artenschutzes hinaus. Dazu tragen nicht nur die großartigen Fotografien von Heinz Schmidbauer bei, sondern auch die eingängigen Texte, die Lust darauf machen, hier und dort mehr in die Tiefe zu gehen und womöglich gar eine neue Leidenschaft zu entdecken, denn schließlich seien es auch „höchst kenntnisreiche Amateure, von denen die Profis nur lernen können.“

AS

PS: Josef H. Reichholf befasste sich in seiner Doktorarbeit übrigens mit Wasserschmetterlingen. Das sind Schleimfische. Keine Schmetterlinge.

PPS: Nicht nur hier im Text, sondern auch im Buch werden Vögel immer wieder erwähnt; klar im Zusammenhang mit Insekten, von denen sie sich nun einmal ernähren. Toll sind sie sowieso. Das muss auch Heinz Schmidbauer so sehen, denn eine andere Veröffentlichung von ihm ist Ein Garten voller Vögel.

* wir hatten ursprünglich vier andere Bilder für den Beitrag ausgewählt, die aber momentan nicht verfügbar sind, das ändert sich hoffentlich noch. Die hier gezeigten Bilder sind mitnichten ungut, doch werden sie der Vielfalt und Bildmacht des Bandes nur bedingt gerecht. Zumal zwar alle gezeigten Fotografien von Heinz Schmidbauer sind, aber nicht alle so im Buch zu finden sind.

Josef H. Reichholf und Heinz Schmidbauer: Unsere einzigartige Insektenwelt – Von Verwandlungskünstlern und beschwingten Fliegern; Januar 2022; 192 Seiten; ca. 180 Abbildungen; Hardcover; Format: 22,5 x 27,1 cm; ISBN: 978-3-95416-323-6; Frederking & Thaler Verlag; 32,99 €

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