„Es fängt mit mir an, es hört mit mir auf.“

So eine Verbundenheit, die werde er nicht noch einmal finden, sagt Baptiste Giabiconi, Model, Freund und Muse von Karl Lagerfeld, im letzten Drittel der Dokumentation Karl Lagerfeld – Eine Legende. Hier wiederholt sich eine Empfindung Lagerfelds. Dieser sollte nach dem Tod seiner großen Liebe Jacques de Baschers im Jahre 1989 ebenfalls nie wieder eine solche Verbundenheit spüren wie zu dem Dandy und Lebemann, der an der Seite Karls war als dieser nach und nach sein Imperium erschuf. Schließt sich so ein Kreis oder ist gar ein neuer, mit dem ersten verwobener, Kreis entstanden? 

Eine Marke, schon als Kind

Zu Wort kommen in dem Film von Christian Jakob neben der Journalistin und Freundin Patricia Riekel, seinen langjährigen Assistenten und Teilzeit-Vertrauten Arnaud Maillard und Sébastien Jondeau sowie bereits genanntem Baptiste Giabiconi (dessen Buch über seine Freundschaft mit Lagerfeld vor gut einem Jahr auch in Deutschland erschienen ist, unsere Besprechung folgt), auch der Unternehmensberater Peter May, der uns die Parallelen der Begabung für das Schaffen von Marken zwischen Karl Otto Lagerfeld und dessen Vater Otto Lagerfeld aufzeigt, die Lagerfeld-Biografin Raphaëlle Bacqué (Kaiser Karl) und auch der Verleger Gerhard Steidl, mit dem Lagerfeld lange eine freundschaftlich geprägte Zusammenarbeit verband (während derer man wohl beim „Sie“ blieb, was irgendwie sehr passend ist). 

Bereits zu Schulzeiten bewies Karl Lagerfeld „Attitüde” und kam stets mit Anzug und Krawatte zum Unterricht. // © unbekannt/ZDF

Zu Beginn gehen wir allerdings zurück in die Kindheit des Mannes, der als Modeschöpfer, Fotograf, Verleger, letztlich perfekt inszenierter Ikone („Ich heiße jetzt Logofeld.“) weltberühmt und zumindest an mancher Stelle auch berüchtigt werden würde. Aufgewachsen ist der 1933 geborene Karl zwar in einem gut betuchten, aber wie wir schon vielen Interviews und Bonmots entnehmen konnten, nicht gerade warmherzig geprägten Haushalt. Einem prägenden allemal. Seinen Eltern hatte er viel zu verdanken, wie wir erfahren auch seinem Vater, den Karl später in seinen Geschichten immer eher klein redete.

Dass Karl anders war als die anderen Kinder, mit denen er in Bad Bramstedt zur Schule ging und aufwuchs, berichten auch Karl Wagner und Sylvia Jahrke, immer noch ein wenig erstaunt, wohl nicht nur über die Persönlichkeit, die Lagerfeld sich später auch als „Rüstung“ (Patricia Riekel) zulegte, sondern nach wie vor über jene ausgeprägte Persönlichkeit, die er damals bereits war. In der Schule mit Hemd und Krawatte, „wie so ein Herr“, sagt Sylvia Jahrke. Karl selber war auch klar, dass er zu Höherem bestimmt war, dass es für ihn in die Welt gehen sollte. 

Der Tod und Karl Lagerfeld

So kam er in den 1950er-Jahren nach Paris, gewann einen Modewettbewerb, freundete sich mit Yves Saint Laurent an – später sollte daraus eine Konkurrenz werden (oder gar eine Feindschaft, wie Alfons Kaiser in seinem Buch Karl Lagerfeld – Ein Deutscher in Paris schreibt). Karl sollte Jacques de Bascher kennenlernen, der sein Leben bereichern und nachhaltig beeinflussen sollte. Eine aufgeladene, emotionale, symbiotische, von Liebe geprägte Beziehung, aber ohne Sex zwischen den beiden, wie Lagerfeld hervorhob. Daher konnte er auch nie eifersüchtig auf die Männergeschichten sein, die der Partybegeisterte de Bascher hatte, auch mit YSL. Andy Warhol und Karl Lagerfeld würden Freunde werden, auch weil Warhol Lagerfelds Mutter Elisabeth schätzte, die inzwischen nach dem Tod ihres Mannes in Paris bei Karl wohnte und so mondän, beflissen und selbstbewusst war, was Warhol schätzte.

Bis zuletzt hat Karl Lagerfeld gearbeitet – an neuen Kollektionen, an einer Fotoausstellung und an Buchpublikationen (mit Gerhard Steidl). // © ZDF

Seine Mutter soll Lagerfeld erst drei Wochen nach dem Ableben seines Vaters von eben jenem erzählt und weiterhin aufgetragen haben, nicht zur Beerdigung zu kommen. Diese Geschichte hatte Lagerfeld immer kolportiert und sie wird in der Dokumentation auch von Patricia Riekel so weitergegeben. Im erwähnten Buch des F.A.Z.-Redakteurs Alfons Kaiser, welches wir in den kommenden Tagen besprechen werden, belegt dieser jedoch, dass Karl sehr viel früher vom Tod seines Vaters erfahren hatte und zur Zeit der Beisetzung auch in Hamburg gewesen ist, dort allerdings nur an der anschließenden Trauergesellschaft teilgenommen hatte. 

In der Tat jedoch hatte Karl Lagerfeld zeitlebens ein schwieriges Verhältnis zu Krankheit und Tod, wie auch zu allen möglichen Sentimentalitäten. Als seine Mutter am Ende sehr krank, dement und gebrechlich war, habe er sie nicht mehr besucht. Er wollte als letztes Bild, als letzten Eindruck, nicht die schwache, dahinsiechende Frau behalten. Auch um ihre Beerdigung kümmerte sich das Paar, das sie bis zuletzt pflegte. Die einzige Ausnahme machte der Design-Tausendsassa für seinen Lebenspartner Jacques de Bascher. Diesen umsorgte er und brachte ihm sogar täglich von der Köchin zubereitete Suppe ins Krankenhaus, bis de Bascher schließlich 1989 an den Folgen seiner Aids-Erkrankung starb.

Lagerfeld: Eine neu geschaffene Legende

Lagerfeld sollte so gut wie nie über ihn sprechen, doch wie er ihn geprägt hatte, das blieb merkbar. Karl stürzte sich wieder in die Arbeit für Chanel, Fendi und Co., Claudia Schiffer trat in sein Leben und er nahm zu. Ob aus „Kummer, Stress oder Genuss, niemand weiß es genau“, verrät uns die Dokumentation. Dann nahm er ab und, einige werden sich erinnern, vermarktete prompt das dazugehörige Programm: „Die 3D-Diät“. Schließlich hatte er binnen kürzester Zeit 42 Kilogramm abgenommen, auch um in die Hosen Hedi Slimanes, des Size-Zero-Erfinders, zu passen. Lagerfeld erschuf sich neu, rundete seine Marke ab, authentisch und glaubwürdig, wie Peter May anmerkt, und ließ dazu überall vertikale Spiegel installieren, um sich seine erfolgreiche Arbeit an sich selbst immerfort ansehen zu können. 

Weiß gepuderter Zopf, Handschuhe und hochgeschlossener Kragen: Karl Lagerfeld, hier zum Ende einer Modenschau, blieb seinem Stil bis zu seinem Tod treu. // © ZDF

Karl Lagerfeld – Eine Legende macht mehr als einmal klar, dass der Titel Programm ist und immer war. Sei es dadurch, dass die Interviews zu einer weiteren Legendenbildung beitragen, wenn beispielsweise Gerhard Steidl äußert, Fotos wie Karl Lagerfeld sie machte, hätte er noch nie gesehen oder Patricia Riekel erzählt, wie Lagerfeld seiner Frisöse einen Salon gekauft hätte. Aber auch dadurch, dass so manch eine Flunkerei Karls angesprochen wird: Ob nun seine Verjüngung um fünf Jahre, das Aufhübschen seiner Biografie, wozu berühmte Menschen durchaus neigten, wie Unternehmensberater May betont, oder angehäufte (schließlich beglichene) Steuerschulden in Höhe von 40 Millionen Franc. Von manch einer nicht ganz korrekten Anekdote gar nicht mal zu reden. 

Am Ende ist es erneut Baptiste Giabiconi, der deutlich macht, dass aus dem Wunsch Lagerfelds, wenn er stürbe, wolle er verschwinden und nichts außer seinem Werk zurücklassen, nichts werden dürfte: „Man muss wissen, dass Karl mir alles gegeben hat. […] Er ist es, der mir vertraut hat. Der Erste, der mir vertraut hat. Ich verdanke ihm alles.“ Da ist er wieder, der Kreis. Und da bleibt er, der Mensch hinter der Marke, Karl Otto Lagerfeld. 

Lagerfeld und im Hintergrund ein Bild der geliebten Katze Choupette (die er von Baptiste Giabiconi geschenkt bekam).

Karl Lagerfeld – Eine Legende wurde an Lagerfelds zweitem Todestag, 19.2.2021, um 21:50 Uhr bei arte gezeigt und ist noch bis zum 9. August 2024 in der Mediathek verfügbar

Karl Lagerfeld – Eine Legende; Deutschland 2019; Regie: Christian Jakob; Sprecher: Isaak Dentler; 52 Minuten; Eine Produktion der montage+ Filmproduktion GmbH im Auftrag des ZDF in Zusammenarbeit mit arte

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