„Es sind immer die Russen“

Beitragsbild: Rudolf Nurejew (Oleg Ivenko) ist begeistert vom kulturellen Leben der Stadt. Er genießt die Freiheit des Westens. Dieses Shirt ist übrigens der Wahnsinn (Kostüme: Madeline Fontaine) // © Jessica Forde/Foto: ARD

In der Transsibirischen Eisenbahn geboren und zeitlebens auf Reise. Oder anders: „Ich kann überall leben, ich wurde in einem Zug geboren.“ So sagt Rudolf ‚Rudi’ Nurejew (Oleg Ivenko) im Film von Ralph Fiennes, der sich neben der Kindheit in Armut nahe Ufa in der Republik Baschkortostan vor allem der jungen Jahre des Ballett-Tänzers von 1955 bis 1961, also der Zeit seiner Ausbildung am Choreografischen Institut Leningrad und erster Erfolge mit dem zugehörigen Kirov-Ballett, widmet. Dabei lässt Fiennes sich Zeit seine Hauptfigur zu zeichnen, bevor es zum Showdown auf dem Flughafen Le Bourget kommt und Nurejew der Sowjetunion entkommt.

Nachdem er sich erfolgreich und reichlich dramatisch mithilfe seiner in Paris neugewonnenen Freund:innen, dem Tänzer Pierre Lacotte (Raphaël Personnaz) und der etwas mysteriösen und sehr wohlhabenden Clara Saint (Adèle Exarchopoulos), abgesetzt hat, sagt er gegenüber der Presse jedenfalls diesen Satz. Dem geht in Nurejew: The White Crow, den arte heute Abend um 20:15 Uhr zeigt, jedoch noch einiges voraus. 

„Sie würden sich erinnern“

Dabei ist der dritte von Ralph Fiennes inszenierte Film zwar augenscheinlich eine Künstlerbiografie, auch ein Ballettfilm, im Kern jedoch ist es ein politischer Film, ein Film, der nach Freiheit ruft und die Enge meidet, das Korsett eines unterdrückerischen Regimes zu sprengen versucht. So sind nicht nur die körnigen 16mm-Bilder von Mike Eley oft weitschweifig, sondern vor allem kann der Film aus dem Jahr 2018 gerade in der heutigen Situation als raumübergreifender Weckruf verstanden werden.

Gemeinsam mit der Chilenin Clara Saint (Adèle Exarchopoulos) streift Rudolf Nurejew (Oleg Ivenko) durch Paris und erkundet die Stadt – immer verfolgt von KGB-Spionen // © Jessica Forde Foto: ARD

Während der Kalte Krieg zu Beginn der 1960er-Jahre auf seinem ersten Höhepunkt ist, schickt die Sowjetunion ihre angesehenste Tanzkompanie nach Paris, um auch dem Westen die künstlerische Überlegenheit zu demonstrieren. Heraus sticht dabei eben jener Rudolf Nurejew, der, weil er eher aufbrausend und nicht gerade dem Idealbild eines strammen Sowjetbürgers entsprechend unterwegs ist, am ersten Abend nicht tanzen durfte und Pierre Lacotte auf dessen Frage, ob er denn auf der Bühne gewesen sei, geradeheraus antwortet: „Hätte ich getanzt, würden Sie sich erinnern.“

„Geht dich überhaupt nichts an“

Das mag nun weniger sympathisch und eher nach Großmannssucht klingen, passt aber zu einem Charakter und Menschen, wie es Nurejew hier ist und eben auch war: Stürmisch, barsch, eitel, dickköpfig und durchaus von seinem Können überzeugt. Nicht zu Unrecht, wie geneigte Leser:innen es bereits wissen mögen und Interessierte es spätestens nach dem sehenswerten Film wissen dürften. 

In seiner Jugend begegnete Rudolf Nurejew (Oleg Ivenko, 2.v.r.) dem bekannten Tänzer und Ballettmeister Alexander Puschkin (Ralph Fiennes, li.). Dieser unterrichtete Nurejew und wurde zu seinem Mentor // © Jessica Forde/Foto: ARD

Zwar verzichtet Fiennes, der in seinem Film die Rolle des legendären Ballettmeisters Alexander Puschkins übernimmt, dankenswerterweise auf nahezu alle typischen Ballettfilm-Elemente (nur an einer Stelle sehen wir wundgeschundene Füße), zeigt uns aber doch ausführliche Übungs- und Tanzsequenzen, die wunderbar dynamisch und authentisch sind (auch dank der Musik von Ilan Eshkeri, zum Teil begeisternd eingespielt von Lisa Batiahsvili). Nicht nur war es ein guter Entschluss, russischsprachige Schauspieler:innen aus Russland und der Ukraine zu besetzen, sondern auch primär auf Tänzer:innen zu setzen.

Oleg Ivenko trägt die Rolle des Rudi Nurejew ganz wunderbar, die durchaus gegebene äußerliche Ähnlichkeit ist ebenfalls hilfreich; seine erratischen Momente nehmen wir ihm ebenso ab, wie seine faszinierten Streifzüge durch Paris, den Louvre und die Bars der Stadt, gern in Begleitung seiner neu gewonnenen Freund:innen – und von KGB-Agenten, die den auffälligen und aufmüpfigen jungen Tänzer zu keinem Zeitpunkt aus den Augen lassen (seine im Übrigen halten uns in ihrem Bann, es ist schier unmöglich den Ausdrücken Ivenkos zu entkommen).

„Nicht ausgehen, nicht lesen, nicht reden“

So wird er an einer Stelle von Aufpasser Strizhevsky (Aleksey Morozov) ermahnt, sich zurückzuhalten, weniger dem westlichen Lebensstil, dem Geld und Luxus zu frönen, andernfalls könnte das Konsequenzen in den heimischen Gefilden mit sich bringen. Hier mag sich den Zuschauer:innen die Frage stellen, wie klug es wohl sein kann, einem Freigeist mit guten Kontakten zum europäischen Geldadel mehr oder weniger indirekt zu drohen. Zumal einem, der sich als unpolitisch bezeichnet und es wohl auch ist.

Dennoch: Vorschriften mag er sich nicht machen lassen, dieser rebellische Tänzer, der meint, sein Können und die Öffentlichkeit würden ihn schon schützen. Ganz im Gegensatz zu seinem stoisch in sich gekehrten Meister und Mentor Puschkin, der ihn auch mit Sätzen wie „Bewegungen sind Werkzeug, kein Zweck“ fördert und dessen Frau Xenia Jurgenson (Chulpan Khamatova) sich nach einer Knöchel-Verletzung einen Ticken zu liebevoll um ihn kümmert, sucht Nurejew sich allerdings keine Nische der Existenz, sondern ist in seinem Wesen so exaltiert wie manch ein Tanz.

Der Russe Rudolf Nurejew (Oleg Ivenko) gilt heute als einer der besten Balletttänzer des 20. Jahrhunderts – ein echtes Ausnahmetalent // © Jessica Forde/Foto: ARD

Ob die sowjetischen Spitzel, die Kompanie und Co. von Nurejews Bi- oder auch Homosexualität wussten, wird im Film hingegen nicht thematisiert. Er erzählt diese auch selbstverständlich nebenbei. In einer kleinen Nebenrolle sehen wir hier Louis Hofmann als Teja Kremke mit dem Nurejew in seinen Leningrader Zeiten eine Liaison hatte und der, bei allem Willen zum Perfekten, dennoch versuchte, Nurejew etwas zu erden und nicht immerfort gegen die Institutsleitung schießen zu lassen. Mit mäßigem Erfolg. Da ist sie wieder: die explosive Schärfe dieses Energiebündels, die vor allem herausbricht, wenn er sich in seinem Arbeiten, auch an sich selbst, gestört fühlt. 

„Schönheit aus Hässlichem schaffen“

So kommentiert es denn auch der französische Tänzer Lacotte: „Die Franzosen haben das Ballett erfunden, aber die Energie kommt aus dem Osten“ – am Ende seien es also immer die Russen. An dieser Stelle deutet das Drehbuch von David Hare (The Hours, Der Vorleser, Verleugnung) auch wieder etwas an, das auf Nurejews späteres Leben weist, nämlich, dass dessen Bewegungen und die Bewegungsabläufe noch etwas hart und technisch nicht ausgereift sind – dies wird er sich später abtrainieren, auch mithilfe von Erik Bruhn, der über zwei Dekaden sein Partner sein soll.

Rudolf Nurejew (Oleg Ivenko) genießt Kunst und Kultur // © BRITISH BROADCASTING CORPORATION AND MAGNOLIA MAE FILMS/Jessica Forde

All dies sehen wir hier nicht. Nurejew: The White Crow endet kurz nachdem es geglückt ist, nicht in den sowjetischen Gulag zu kommen – Rudi sollte ohne Kompanie nach Russland zurückfliegen, hier schrillten natürlich alle Alarmglocken – und er auch seiner Clara Saint fürs Erste entschwindet. Dabei nimmt sich Fiennes auch für den Schlussakt dieser alles verändernden Lebensepisode Zeit, inszeniert sie beinahe wie einen Agententhriller, schließt sich dabei dem Narrativ an, dass der Entschluss in Frankreich zu bleiben kurzfristig getroffen worden sein muss (es scheiden sich die Geister, ob dem so war oder ob Nurejew doch bereits länger plante, in Europa zu bleiben). 

Egal, ob die Zuschauer:innen sich bisher für das Leben dieses Ausnahmetänzers und ausnehmend eigenen und egoistisch an seiner Kunst interessierten Menschen begeisterten oder nicht, ob sie ein Interesse am Ballett haben oder nicht, ob sie einen besonderen Bezug zur sowjetischen Geschichte von Unterdrückung und Enge haben oder nicht: Nurejew: The White Crow sei in jedem Fall dringend empfohlen, es ist ein fantastischer Film, der uns dazu noch wunderbar in jene Zeit holt und doch perfekt in unsere passt.

Juri Solowjow (Sergej Polunin) im Sprung (re.) und Rudolf Nurejew (Oleg Ivenko) im Hintergrund // © BRITISH BROADCASTING CORPORATION AND MAGNOLIA MAE FILMS/Larry Horricks

QR

PS: Einen guten Freund Rudolf Nurejews und ebenfalls hochangesehen Tänzer, Juri Solowjow, spielt Sergej Polunin, der seines Zeichens selber als Enfant terrible des Balletts gilt und durchaus umstritten ist. So lud ihn das Ballett der Pariser Oper 2019 wieder aus, nachdem er sich homofeindlich und sexistisch geäußert hatte; unter anderem meinte er, schwule Tänzer seien eine Peinlichkeit und bräuchten „einen kräftigen Schlag“. Die Münchener Staatsoper sah darin hingegen kein so großes Problem und verteidigte sein Engagement im Januar desselben Jahres.

Außerdem hat er auf seinem Bauch ein Kolovrat-Symbol, quasi eine Swastika, tätowiert und auf seiner Brust ein Bild Putins. Für manche Auftritte wurden und werden einige Tattoos überklebt; ebenso für diverse Aufnahmen des Bildbandes Free, für den Dame Helen Mirren ein Vorwort schrieb. Der in der Ukraine geborene schauspielernde Tänzer hat vor einiger Zeit die russische Staatsbürgerschaft angenommen. Ein wenig ironisch ist es schon, dass dieser Sergej Polunin nun den engen Freund eines zumindest bisexuellen Freigeistes spielt, der sich jeder Unterdrückung entzieht. 

Nurejew: The White Crow läuft am heutigen Mittwoch, 20. April 2022, um 20:15 Uhr als Erstausstrahlung auf arte; Wdh. Am 22.4. und 28.4. jeweils um 14:15 Uhr; ebenfalls ist er bis zum 26. April 2022 in der Mediathek verfügbar.

Nurejew: The White Crow; Großbritannien 2018; Regie: Ralph Fiennes; Drehbuch: David Hare, basierend auf „Rudolf Nureyev: The Life“ von Julie Kavanagh; Kamera: Mike Eley; Musik: Ilan Eshkeri; Darsteller*innen: Oleg Ivenko, Adèle Exarchopoulos, Chulpan Khamatova, Ralph Fiennes, Raphaël Personnaz, Sergei Polunin, Aleksey Morozov, Anastasiya Meskova, Ravshana Kurkova, Kseniya Ryabinkina, Louis Hofmann, Olivier Rabourdin; FSK 6; Laufzeit ca. 120 Minuten

Unser Schaffen für the little queer review macht neben viel Freude auch viel Arbeit. Und es kostet uns wortwörtlich Geld, denn weder Hosting noch ein Großteil der Bildnutzung oder dieses neuländische Internet sind für umme. Von unserer Arbeitstzeit ganz zu schweigen. Wenn ihr uns also neben Ideen und Feedback gern noch anderweitig unterstützen möchtet, dann könnt ihr das hier via Paypal, via hier via Ko-Fi oder durch ein Steady-Abo tun. Vielen Dank!

About the author

Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.