Geladene Teilchen

Das Leben an einem Kraftwerk mag spannungsgeladen sein, aber dass es auch eine ganz eigene Art von Idylle innehaben kann, konnten wir bereits bei so manch europareisendem Fotografen lernen. Dem fügt der niederländische Film Zomer – Nichts wie raus! ein weiteres Kapitel hinzu, denn auch er spielt im steten Schatten der Kühltürme einer unwirtlichen Stromerzeugungsanlage.

Ein ganz besonderer Sommer… // © Salzgeber

Auch wenn diese omnipräsent in der Landschaft und der gesamten Geschichte steht, die eigentliche Story ist eine andere. Es ist die des jungen Mädchens Anne, ungeliebter Spitzname „die Stille“, die in einem ganz besonderen Sommer ihr eigentliches lesbisches Begehren entdeckt und so manch weiteren Ausbruch aus der Idylle mit strahlendem Kraftwerk wagt.

Umgepolt

Die Spannung nämlich, sie liegt allenthalben in der Luft. Die Mutter ist die Griesgrämigkeit in Person, der Vater wirkt unbeholfen bis uninteressiert und der etwa gleichaltrige Bruder scheint sowohl angetan von wie auch gleichgültig gegenüber seiner Schwester zu sein. In einer Clique mit etwa fünf weiteren, gleichaltrigen Jungen und Mädchen verbringen Anne und ihr Bruder einen Sommer, der wie jeder andere scheint.

Annes Bruder hat den Dorfkoller // © Salzgeber

Und doch ändert sich einiges. Sexuelles Erwachen bei den anderen Mitgliedern der Clique scheint Anne vorerst nicht zu ergreifen – zumindest nicht gegenüber den bekannten Jungs. Das ändert sich jedoch, als die hübsche Lena mit ihrer Mutter und ihrem Motorrad in den Ort zieht. Anfangs noch verwirrt ob ihrer Gefühle, nähern sich Anne und Lena nach und nach an, stoßen damit aber auch auf Reibung und Widerstände, ganz den Gesetzen von Mechanik und Elektronik entsprechend. Manch ein GAU ist durch die stetige – und nicht nur auf Anne zurückzuführende – Spannung leider am Ende nicht aufzuhalten.

Aufm Dorf, da gibt’s koa Sünd‘ – oder?

Zomer erzählt die Geschichte einer halbwegs behüteten und vielleicht auch halbwegs glücklichen Kindheit, die nun aber mit allem anderen als Zufriedenheit zu Ende geht. In der Vermittlung dieser dörflichen Gemeinschaft wird nahezu perfekt umgesetzt, was wir auch sonst leider sehr häufig in kleinen, abgeschiedenen Dörfern sehen: Jeder und jede hat Probleme, viele oder alle sehen sie, aber am Ende wird doch alles totgeschwiegen – manchmal leider wortwörtlich.

Familie ist doch das Beste…?! // © Salzgeber

Ob es eine depressive Mutter ist, der Bauernbursche, der sich zu einem sexuellen Übergriff hinreißen lässt – um das schwangere Mädchen anschließend ehelichen zu müssen (wie es dem Mädchen damit geht, fragt übrigens bezeichnenderweise niemand) – die Teenie-Mutter, die von allen belächelt wird, in der Dorfdisko Keller jedoch als einzige ihren Spaß zu haben scheint oder eben Anne, die nach und nach merkt, dass sie anders ist, hierfür aber von ihrer Clique verhöhnt und homophob angegriffen wird, das Leben auf dem Land und im Schatten des Kraftwerks ist eben vielleicht doch nicht so schön.

Es stillt so still

So kommt es, dass Zomer eine Reihe von bedrückenden, aber leider allzu häufig auch im wahren Leben vorkommenden Themen anspricht. Anne ist dabei zwar Hauptfigur, aber tatsächlich „die Stille“. In ihrer Rolle ist sie erstaunlich wortkarg, was sie aber als Erzählerin aus dem Off wieder wettmacht – ein gekonnter und wirkungsvoller Kniff von Regisseurin Colette Bothof.

Lena und Anne – gemeinsam frei // © Salzgeber

Diese Ruhe und Stille werden durch die Bilder (Kamera: Goert Giltay) und das Drehbuch (Autorin: Marjolein Bierens) unterstützt. Vielfach lassen diese die Bilder auf uns wirken, das gesprochene Wort zählt hier nicht so viel. Und auch das Kraftwerk taucht wie gesagt immer wieder als weiße und rauchende Eminenz im Hintergrund auf. Gleichzeitig führen diese Stille und die Möglichkeit zur Reflexion dazu, dass wir uns an manchen Stellen etwas verloren fühlen und uns vielleicht doch ein wenig gerafftere Bilder wünschen würden – selbst wenn zum angekündigten Höhepunkt verschiedene parallellaufende Ereignisse gekonnt und spannungsgeladen zusammengeschnitten sind.

Spannung liegt in der Luft

Zomer ist somit eine unterhaltsame und dennoch tiefgründige und bewegende Geschichte über erwachendes sexuelles Begehren, kombiniert mit der Hoffnung und Tristesse des Lebens auf dem Land. Es hält so manch dörflicher Struktur einen Spiegel vor und lässt diese so manch unschönen Auswuchs des dörflichen Mit- und oft auf Gegeneinander erkennen.

Nichts wie raus? Nichts wie raus! // © Salzgeber

Unterhaltung bietet dieser Film allemal, Gesellschaftskritik und die Möglichkeit zum Nachdenken auch – im guten wie im schlechten Sinne. Mensch wird allerdings die Energie dafür aufbringen müssen, diesen Film zu sehen. Im Mittelbau der fünften Ausgabe der Sommerreihe rbb Queer ist Zomer daher ebenso gut angesiedelt wie in der Premierenausgabe von BR Queer. Im rbb läuft der Film am 16. Juli um 23:25 Uhr, im BR lief er bereits am 7. Juli und ist noch bis Ende Juli in der Mediathek abrufbar.

HMS

Zomer – Nichts wie raus! war im Rahmen der Reihe BR QUEER am 7. Juli 2022 um 23:30 Uhr im Bayerischen Rundfunk zu sehen; der rbb zeigt ihn am Samstag, 16. Juli um 23:25 Uhr.

Zomer – Nichts wie raus!; Niederlande, 2014; Regie: Colette Bothof; Drehbuch: Marjolein Bierens; Kamera: Goert Giltay; Musik: Fons Merkies; Darsteller*innen: Sigrid ten Napel, Jade Olieberg, Ella-June Henrard, Martijn Lakemeier, Lisa Smit, Steef Cuijpers; Laufzeit: ca. 85 Minuten; niederländische Originalfassung mit deutschen Untertiteln; FSK: 12; im Verleih von Salzgeber; u. a. als VoD im Salzgeber Club verfügbar

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