„Ich erwähne nie die Leute, die den größten Einfluss auf mich hatten“ 

„[…], sagte Foucault trocken“ – so steht es in Simeon Wades wildem Ritt durch ein eher wenig Raum einnehmendes LSD-Experiment, dessen akribische Vorbereitung und den Nachgang desselben während eines Kurzaufenthalts Michel Foucaults, dem „größten Denker unserer Zeit, vielleicht aller Zeiten“, im Jahre 1975 am Claremont College in Kalifornien das ekstatische Erinnerungsbuch Foucault in Kalifornien ausmachen. Hätte sich Wade an diesen Gedanken Foucaults gehalten, so hätte er seine Erinnerungen jedoch nicht zu Papier gebracht. Wäre schade gewesen.

„Der wird mal sehr berühmt werden“

Doch bevor diese gar nicht einmal so unglaubliche Geschichte 2019 in den USA und am heutigen Donnerstag auch im deutschsprachigen Raum (bei Kiepenheuer & Witsch), wunderbar fließend, energiegeladen und uns packend von Tino Hanekamp übersetzt, erscheinen konnte, vergingen diverse Jahrzehnte, starben sowohl Foucault als auch Wade – vermutlich nicht, ohne weiteres LSD im Leben – und bedurfte es der Autorin Heather Dundas. Die wiederum selber am überraschtesten von ihrem Engagement diese Story zu veröffentlichen zu wollen gewesen sein dürfte, denn schließlich „hasste [ich] ‚Theorie‘, und ich hasste Foucault, der all den Dünkel und die Arroganz der selbst ernannten akademischen Theorie zu verkörpern schien.“

Dennoch entschloss sie sich der Spur nachzugehen, als sie erfuhr, dass es eine Quelle zu geben scheint, die ein vermeintliches Zitat Foucaults bezugnehmend auf den angeblichen und unvorstellbaren LSD-Trip im Death Valley, der ihn gar dazu gebracht haben soll „eine komplette frühe Fassung seiner Geschichte der Sexualität“ zu verbrennen, aus David Maceys Buch The Lives of Michel Foucault bestätigen könnte. Ja, eine Quelle die Foucault begleitet hatte. Eine Quelle, die behauptete, mit Foucault bis zu dessen Tode 1984 befreundet gewesen zu sein. Eine Quelle, die ein Manuskript eines Buches geschrieben hatte, das den Trip beschrieb. Ein Manuskript freigegeben von Michel Foucault selbst. Alles immer unvorstellbarer!

Und doch wahr. Is’ echt so. 

Wie Dundas in ihrem Vorwort den weiteren Verlauf der Gespräche mit Simeon Wade, den sie mehrmals traf, bevor er sie das Manuskript kopieren ließ, und das Abstandnehmen von einer eigentlich geplanten garstigen Satire über jene Theoretiker-Kaste und speziell Foucault, hin zu der kommentierten Veröffentlichung des vorliegenden Bandes beschreibt, ist allein schon eine Story für sich, aus der mensch wiederum ein Buch machen könnte. Allein, dass sie am Ende jenes erwähnte Zitat, das begeistert von

„einem unvergesslichen Abend auf LSD, in sorgfältig dosierter Menge, in der Wüstennacht, mit vorzüglicher Musik, netten Leuten und etwas Chartreuse“

berichtet, verstehen und nachvollziehen kann, wie so etwas zu den wichtigsten Erfahrungen eines Menschen zählen kann, spricht Bände. Sowohl bezogen auf Foucault in Kalifornien als auch auf ihren Willen, sich selber Dingen und Themen zu öffnen. Genau wie sich auch Michel Foucault der LSD-Erfahrung öffnete – und es nicht bereuen sollte.

„Wades Text ist so schräg, wie ich es mir nur erhoffen konnte“

Das von Heather Dundas ganz richtig als Gonzo-Werk bezeichnete Buch Wades changiert zwischen Literatur und Sachbuch, ist dabei weit weg von Autofiktion. Es führt uns, nach einer Fanboy-Einleitung, mehr und mehr in die Denkschule Foucaults. Was nicht nur an einem intensiven Austausch zu favorisierten Autoren des Denkers und Gesprächen über bevorzugte Musik zwischen ihm, Simeon Wade und dessen Lebenspartner „und, nach eigener Aussage, ‚ein[em] Komponist, Homosexueller und Raucher‘“, Michael Stoneman, liegt, sondern auch an Treffen wie jenem mit einer Gruppe von im Wald lebenden Studenten, die Foucault später treffen wird.

Dabei wird, wie auch im kritischen Nachwort von Kai Sina „Saint Michel und seine Jünger. Ein Essay“ festgehalten, die „distanzlose“ Verehrung Foucaults und dessen zumeist nur scheinbar bescheidene Reaktion darauf, mehr als deutlich (Sina kommt hier auf Friedrich Nietzsches späte Schriften und das von ihm „Pathos der Distanz“ genannte „Gefühl der Rangverschiedenheit“ zu sprechen). Und doch scheint es nicht so, dass ein sich sicherlich seines Wissens und seiner Wirkung sicherer Philosoph Foucault, der als Journalist kokettiert, nur zur Bestätigung seiner Berühmtheit und Anziehung nach Claremont reist.

„Von Sartres historischen Analysen können wir nichts lernen“

Die Neugierde nicht nur auf die Erfahrung, sondern auch den Austausch ist zu spüren; das vermittelt auch die zuweilen zwar pathetische, nicht selten aber auch malerisch schöne und an passenden Punkten sehr unvermittelte Sprache Simeon Wades, die in den Beschreibungen der Artists’s Palette, vom Zabriskie Point oder der Bear-Canyon-Pfade den Zeh schon ins Nature Writing dippt, spürbar. 

Apropos – kürzlich eröffnete Nora Eckert ihre Besprechung zu Bryan Washingtons Geschichten einer Nachbarschaft mit dem Gedanken, dass man eigentlich einen Stadtplan von Houston neben sich ausgebreitet haben sollte. Bei Foucault in Kalifornien wünscht mensch sich auch, die Pfade auf einer Karte nachvollziehen zu können. Nur kommen wir dazu nicht – zu sehr weiß das Buch uns mit der Mischung aus Beschreibungen, Alltagsgeschehen und Anekdoten ergänzt um philosophischen Schlagabtausch in seinen Bann zu ziehen. Dann wird die (digitale) Karte also während der erneuten, von geneigten Leser*innen zu erwartenden Lektüre aufgerufen.

„Dem kann ich nur zustimmen“

Allein schon wegen des Austauschs Foucaults mit den Studenten von Wade lohnt sich das. Selten dürfte pointierter formuliert worden sein, wie und warum sich der philosophische Journalist, der die Vergangenheit nur erkunde, um die Gegenwart zu erkennen, mit Gefängnissen auseinandersetzt und weshalb die „dialektische Logik wirklich sehr schwach ist“. Der Teil ist auch deswegen so spannend, weil er lediglich transkribiert und nur leicht bearbeitet worden ist. 

Doch nun kurz zum eigentlichen Trip während des Trips. Foucault spricht hier mit seinen Begleitern über die Vergangenheit, wie eine erste Reaktion auf seine Homosexualität zu Entsetzen und harschen Maßnahmen führte, was ihn schlagartig erkennen ließ, „wie das System funktioniert. Ich erkannte den fundamentalen Impuls unserer Gesellschaft: Normalisierung.“

„Nein, ich kann nichts voraussehen“

Viel daran hat sich auch bald 50 Jahre später nicht geändert, möchten wir antworten. Es mag so getan werden, als würden wir nicht wenig erreicht haben – was an mancher Stelle so ist – aber nur, weil Dinge in Gesetzen festgehalten sind, sind sie noch längst nicht akzeptiert. Aktuell erleben wir das akut bei der Debatte um das geplante Selbstbestimmungsgesetz. Wir sehen es daran, dass die Wiederholung menschenverachtender Statements als Bewahrung der Normalität gehandelt wird. Wir sehen es daran, dass Ignoranz als gefälligst zu akzeptierender Status Quo angenommen zu werden hat.

Manchen dieser so auftretenden Personen möchte mensch etwas LSD und eine Flasche Grand Marnier, dazu Natur und gute Musik gönnen und womöglich mögen sie, wie Foucault während seines Trips erkennen, „[l]etzten Endes sind wir unsere Körper! Und noch irgendwas anderes.“ Erkennt das „Andere“ – Foucault bezieht sich nicht auf den Körper im Sinne einer geschlechtlichen Zuordnung, sondern auf Körperlichkeit als wesentliches Element der Philosophie und des Wirkens; Wade dazu: „Seit meiner ersten Reise ins Death Valley frage ich mich, warum die Philosophen von Platon an – und dazu noch sämtliche Theologen – so konsequent den Körper geschmäht und den Geist vergöttert haben“ -, erkennt die Macht des Diskurses und erkennt vor allem, dass ein Diskurs nicht das Abnicken der eigenen Position bedeutet. 

„Keine weiteren Fragen!“

Welche Erkenntnis also ziehen wir aus diesem durchaus rauschhaften Buch, das so viele Momente enthält, die gern festgehalten werden? Das voller Gedankenanstöße, Film-, Lektüre- und Musiktipps und selbst bei, wie ebenfalls Sina schreibt, manchmal nicht ganz freiwilligem Humor (der aber auch je nach Position und Bezug zu Foucault der Lesenden mal so, mal so wirken kann), doch voller zackigem Witz und einiger Nähe steckt.

Eben die oben genannte; aber auch jene, dass Foucault in Kalifornien neben famoser Unterhaltung auch eine kleine Schulung des Schaltens, Erinnerns und Reflektierens ist. Ebenso mag Simeon Wades Buch für manch eine*n ein perfekter Einstieg in foucault’sches Denken („Bücher sollten eine Art Bombe sein und sonst nichts. Nach der Explosion könnten die Leute daran erinnert werden, dass die Bücher einen sehr schönen Funkenregen verursacht haben.“) und eine Atittüde, die mensch entweder mag oder eben nicht. 

„Das ist, glaube ich das Erste, was wir erkennen müssen“

Der Gedanke sich von ideologischen Dogmen zu befreien dürfte nachhallen, selbst wenn Sina im seinerseits nicht ganz runden Abschlussessay schreibt, Foucault habe es nicht geschafft immerfort nach „seinen intellektuellen Prinzipen zu leben, sein Denken gradlinig in die Tat umzusetzen, wie auch immer dies konkret hätten aussehen können – dazu war selbst Foucault nicht oder zumindest nicht durchgehend in der Lage.“ 

Nun, striktes Befolgen einer Denkweise sah Foucault wohl auch nie als zielführend an und bei aller „Heiligenverehrung“, die Kai Sina im Buch von Wade ausmacht, lässt er die durchscheinenden Zweifel und die anklingende Selbstkritik Foucaults außen vor. Eine Auslassung, die Foucault ihm wohl zugestanden hätte, denn Antagonismus muss ja keinen Gegensatz bedeuten. 

AS

PS: Natürlich kommt das Buch nicht aus, ohne auch Foucaults Lederaffinität, Folsom und Co. aufzugreifen. In diesem Zusammenhang mussten wir an den wunderbaren Essay Lederszene. Ein Ort der Sehnsucht von Dirk Becker denken, der in der Reihe in*sight/out*write im Querverlag erschienen ist und den wir in Bälde besprechen werden. 

PPS: Das muss sein, denn es ist so richtig und kann als Mahnung dienen: „[Claude] Lévi-Strauss ist ein sehr konservativer Mann […]. Und manchmal benimmt er sich mies. Er schreibt zu viele Bücher, weshalb er kaum mehr aus seinem Arbeitszimmer kommt. Darum kennt er die Welt nicht. Gelehrte machen einen großen Fehler, wenn sie versuchen alles aufzuschreiben und zu veröffentlichen, was sie zu sagen haben.“

Simeon Wade: Foucault in Kalifornien. Wie der große Philosoph im Death Valley LSD nahm – eine wahre Geschichte; mit einem Vorwort von Heather Dundas und einem Essay von Kai Sina; Aus dem Amerikanischen von Tino Hanekamp; August 2022; 176 Seiten; Gebundenes Buch mit Schutzumschlag; ISBN 978-3-462-05443-9; Kiepenheuer & Witsch; 20,00 €

Unser Schaffen für the little queer review macht neben viel Freude auch viel Arbeit. Und es kostet uns wortwörtlich Geld, denn weder Hosting noch ein Großteil der Bildnutzung oder dieses neuländische Internet sind für umme. Von unserer Arbeitstzeit ganz zu schweigen. Wenn ihr uns also neben Ideen und Feedback gern noch anderweitig unterstützen möchtet, dann könnt ihr das hier via Paypal, via hier via Ko-Fi oder durch ein Steady-Abo tun – oder ihr schaut in unseren Shop. Vielen Dank!

About the author

Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.