Innere Einkehr

Gott ist gut – meist zumindest. Manchmal spielt er aber seltsame Spiele, so wie mit dem kirchlichen Finanzbuchhalter Lechner, der in München leblos in der Bahn gefunden wird. Die Erinnerung an die erste Folge von Sankt Maik mit Daniel Donskoy wird hierbei direkt wach. Um den geht es in diesem Fall aber nicht, sondern um das Münchener Ermittlerduo Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) – Münchener Leiche, Münchener Zuständigkeit, wie wir in den ersten Minuten des recht vergnüglichen Tatort: Wunder gibt es immer wieder erfahren.

Klostercontrolling

Lechner verbrachte die letzten Tage vor seinem Tod im Kloster in Dannerberg bei den dort ansässigen sieben Nonnen samt Hausmeister Friedrich Neubauer (Aurel Manthei) und Adjutant Sandro (Samuel Benito, Das Unwort). Auch die Kirche braucht Controlling (ein Gruß geht nach Limburg, zufällig auch die Heimat von Marcel Gregory Stock) und deshalb verbrachte er die letzten Tage bei den Damen im Voralpenland. Denn auch die Kirche muss sparen (erneut: Hallo Limburg!) und besonders bei kleinen Klöstern muss immer wieder auf die Kosten geschaut werden.

Irritierend: Was wollen die zwei Gesandten aus Rom, Monsignore Martini (Rudy Ruggiero) und Signor del Fabbro (Michele Cuciuffo), fragen sich Batic und Leitmayr // Bild: BR/Roxy Film GmbH/Hendrik Heiden

Batic und Leitmayer ermitteln also vor Ort und jenseits der finanziellen Punkte gibt es noch einige andere Anhaltspunkte für Tatmotive: Die körperlichen Blessuren deuten auf eine physische Auseinandersetzung beispielsweise mit dem vorbestraften Hausmeister hin, die Blutwerte eher auf eine Vergiftung. Aber Schwester Johanna, die zu verschiedenen (Un)Heilkräutern ein Buch geschrieben hat, ist seit einer Weile weg – innere Einkehr im Mutterhaus, wie Batic und Leitmayr mitgeteilt wird. Stattdessen treiben sich zwei Herren aus dem Vatikan – Monsignore Martini (Rudy Ruggiero) und Signor del Fabbro (Michele Cuciuffo) – in einer „kircheninternen Angelegenheit“ im Kloster herum.

Die beiden Ermittler scheinen relativ schnell den Kreis der Täterinnen und Täter eingrenzen zu können – klarer Vorteil. Nur das Motiv, das ist noch im Unklaren und – welch Wunder – sie werden nicht unbedingt mit Wohlwollen begrüßt und nicht nur die Priorin Schwester Barbara (Corinna Harfouch) hat immer ein wachsames Auge auf die zwei Ermittler. Stattdessen gibt es ganz weltliche und menschliche Verhaltensweisen: Unterschriftenfälschung, Vertuschung und kulinarische Gelüste aus dem heimischen Kräutergarten. Leitmayr treibt zwischendurch sogar frische Wäsche aus dem erstaunlich gut laufenden Klosterladen auf, Respekt. Aber Schwester Angela (spitze: Ulrike Willenbacher), das sehen wir an ihren Aktiengeschäften, versteht was vom Geschäft.

Auch die Schwestern sorgen eher für Fragen als für Antworten: Schwester Angela (Ulrike Willenbacher), Schwester Julia (Christiane Blumhoff), Schwester Antonia (Maresi Riegner), Schwester Barbara (Corinna Harfouch), Schwester Klara (Constanze Becker) und Schwester Jacoba (Petra Hartung) // Bild: BR/Roxy Film GmbH/Hendrik Heiden

Katzenjammer und flotte Sprüche

Eigentlich klingt all das nicht besonders spektakulär und das ist es auch nicht. Es handelt sich eher um gute und solide kriminalistische Arbeit für die die beiden mit ihrem am See im Open Office weilenden Adjutanten Kalli Hammerschmidt bekannt sind. Dazu kommt zwar ein wenig Katzenjammer, der vor allem Batic weniger als gewünscht schlafen lässt, aber auch so manch flotter Spruch, den man vielleicht von den erfahrenen Herren erwartet („Welches Zimmer willst du – das karge oder das schlichte?“), von den Schwestern jedoch nicht unbedingt („Endlich hat das Lügen ein Ende“ – wie war das nochmal mit dem achten Gebot?).

Von Hausmeister Friedrich Neubauer (Aurel Manthei) und Hiwi Sandro (Samuel Benito) gar nicht erst zu reden! // Bild: BR/Roxy Film GmbH/Hendrik Heiden

All das spielt sich vor einer zwischen Autobahn und Bahntrasse situierten, malerischen Voralpenkulisse in alten und doch ein wenig Erhabenheit ausstrahlenden Gemäuern ab. Auch wenn die Zuschauerinnen und Zuschauer davon nicht so viel sehen, wie es vielleicht wünschenswert wäre – unsere Empfehlung: Die Verfilmung von Rita Falks Hannes spielt auch in der Region – bekommen wir doch einen guten Eindruck von der Gegend um das Inntal, in dem die Serie überwiegend gedreht wurde. Alles in allem bietet der Tatort: Wunder gibt es immer wieder solide und gar recht leichte Unterhaltung für den Sonntagabend.

HMS

PS: Nach dem heutigen Tatort dran bleiben: Es startet die neue Serie Legal Affairs um die Medienanwältin Leo Roth mit den ersten zwei Folgen – eines der Highlights des TV-Jahres. Warum das so ist, haben wir hier festgehalten.

Tatort: Wunder gibt es immer wieder läuft am 19. November um 20:15 Uhr im Ersten, um 21:45 Uhr auf one und ist anschließend sechs Monate in der ARD-Mediathek verfügbar.

Tatort: Wunder gibt es immer wieder; Deutschland, 2021; Buch: Alex Buresch, Matthias Pacht; Regie: Maris Pfeiffer; Kamera: Alexander Fischerkoesen; Musik: Richard Ruzicka; Darstellende: Mirsolav Nemec, Udo Wachtveitl, Ferdinand Hofer, Robert Joseph Bartl, Corinna Harfouch, Constanze Becker, Petra Hartung, Christiane Blumhoff, Ulrike Willenbacher, Maresi Riegner, Aurel Manthei, Samuel Benito; Laufzeit: ca. 88 Minuten; Eine Produktion von Roxy Film (Produzenten: Annie Brunner, Andreas Richter, Ursula Woerner) im Auftrag des BR.

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