Kann das weg?

Als ich während meiner Ausbildung einige Wochen in der kommunalen Abfallverwaltung Station machte, erhielt ich einen Anruf der besonderen Art. Eine Dame fragte mich mit vollem Ernst, was denn eigentlich Abfall sei, denn sie hätte einen Bescheid über „Abfallgebühren“ erhalten. Ich war etwas perplex und stotterte etwas ratlos einfach: „Naja, Abfall, also ähm, das ist halt…. Ja Müll eben.“

Noch perplexer war ich ob der Reaktion auf diese lapidare Antwort meinerseits: „Ach ja, super. Ja, dann weiß ich das und das passt dann. Vielen Dank, auf Wiederhören.“. Und sie legte auf. Mein Kollege gegenüber bekam einen Lachanfall, ich war weiterhin etwas verdattert, aber mein Leben um eine kurze Anekdote reicher.

Bei Anruf Müll

Der Dame (sie sagte noch, dass sie aus Rheinland-Pfalz käme und es ging um das Haus ihrer Mutter in Bayern) schien der Begriff „Abfall“ einfach unbekannt zu sein. Und ganz allgemein lässt sich über Abfall, Müll, Unrat oder wie auch immer mensch ihn bezeichnen mag, sagen, dass es im Auge der betrachtenden Person liegt oder von der Epoche und den Lebensumständen der Menschen abhängt, was als Müll bezeichnet wird.

Ebensolchen Zusammenhängen und Betrachtungen geht der Münchener Wissenschaftler Roman Köster in seinem Buch Müll – Eine schmutzige Geschichte der Menschheit nach. Der bei C.H. Beck erschienene Titel war bereits im letzten Jahr als österreichisches Wissenschaftsbuch nominiert und in diesem Jahr für den Deutschen Sachbuchpreis, der gestern Abend vergeben wurde. Statt Müll hat sich gestern allerdings Christina Morina mit Tausend Aufbrüche (erschienen im Siedler Verlag) durchgesetzt.

Müllhistorie

Auf etwa 320 Textseiten sowie einer überaus umfänglichen Sammlung von Endnoten spannt Köster seine Chronologie des Unrats. In drei Abschnitten und insgesamt 13 Kapiteln – zuzüglich kurzer Einleitung und Epilog – setzt er sich mit den menschlichen Hinterlassenschaften auseinander.

Von der Vormoderne und frühen menschlichen Überresten über die Urbanisierung, frühe Ansätze von Recycling und Wieder- oder Weiterverwertung geht er in das Zeitalter der Industrialisierung und zeigt unter anderem, wie die Müllabfuhr erfunden wurde, wie es um die koloniale Städtehygiene bestellt war und wie Recycling im Industriezeitalter fortentwickelt wurde. Im dritten Teil geht es um die Ära des Massenkonsums, dessen Entstehung, Innovationen in der Müllabfuhr, die heutigen Verwertungsformen und wie Recycling für manche Menschen heute als Überlebensstrategie wirkt.

Müll-tiperspektivisch

Roman Köster nimmt sich des Mülls also aus vielerlei erdenklichen Perspektiven an – wobei er eher das Narrativ bildet, denn schmutziger Protagonist ist unsere Gesellschaft. Anhand unserer Hinterlassenschaften analysiert er sehr eindrücklich, wie sich die Menschheit entwickelt hat. Fäkalien beispielsweise waren früher ein wertvolles Gut – tierische Gülle wird ja auch heute noch vielerorts zum Düngen der Felder eingesetzt (mit entsprechenden Schäden für die Böden und das Grundwasser).

Heute käme vermutlich kaum jemand auf die Idee, menschliche Fäkalien zu sammeln und für etwas Besonderes zu verwenden. Aber noch vor einigen Hundert Jahren war dies ganz anders und das beschreibt Köster ganz vortrefflich. Dies verknüpft er mit den großen Errungenschaften der Zivilisation, die nicht (nur) iPhone und Kaffeevollautomat heißen, sondern viel banaler sind, aber unser aller Leben bestimmen, wenn wir das Glück haben, über sie zu verfügen: Kanalisation, Müllabfuhr, Recyclingtonne.

Aus den Augen…

Roman Köster hebt dieses schmuddelige Thema auf ein historisch-akademisch hohes Niveau, erzählt damit eine ganz besondere Perspektive auf die Menschheit und hält uns gleichsam kritisch den Spiegel vor. Ob es die Auswirkungen der Urbanisierung auf den Umgang mit unserem Unrat sind – Ben Wilsons grandiose Studie Metropolen wird von Köster mehrfach referenziert und ist eine sehr lehrreiche Komplementärlektüre –, das allgemeine Spannungsfeld zwischen Stadt und Land, der Umgang verschiedener gesellschaftlicher Schichten mit ihren Hinterlassenschaften oder der Antrieb zum und die Methoden des Recycling, Köster offenbart uns wertvolle Perspektiven auf das, was im Zuge unseres Seins als Kollateralschaden anfällt.

Recycling – das dürfte bereits oben klar geworden sein – ist keine neue Technik, in der wir Deutsche Welt- und Europameister behaupten zu sein (auch jenseits von FußballEuropameisterschaften), sondern das sind Praktiken, die es bereits seit jeher gab und gibt. Früher waren es Lumpen, Fäkalien und Werkzeuge und heute sammeln wir Plastiktüten, Joghurtbecher, Altpapier und Biomüll. Und dennoch gilt für viele Menschen: Aus den Augen, aus dem Sinn – einmal weg, machen wir uns keine Gedanken mehr, was mit unserem Abfall geschieht.

…aus dem Sinn

Und auch wenn Köster hier den Blick seiner Leserinnen und Leser auf ein unangenehmes Thema weitet, einige Perspektiven spart auch er fast vollständig aus und das ist etwas schade. Unser Umgang mit einigen Arten des heutigen Mülls etwa und die damit verbundenen besonderen Herausforderungen werden bei ihm nur an manchen Stellen angerissen. Was beispielsweise mit dem immer größer werdenden Haufen an Atommüll passiert und wie wir mit diesem umgehen wird ebenso knapp behandelt wie die Berge an Elektroschrott oder die Tonnen von (nicht nur, aber auch mit Asbest verseuchtem) Bauschutt oder auch die Überproduktion an Kleidern, die ebenfalls in diese Kategorie fallen.

Natürlich sollten wir uns hier keine Antworten auf diese drängenden Probleme erwarten, das ist auch gar nicht der Anspruch des Buches. Und natürlich finden wir mindestens implizite Hinweise auf diese Formen des Mülls und wie wir damit umgehen – nämlich das bereits genannte Prinzip „aus den Augen, aus dem Sinn“ – Hauptsache irgendwo ablagern und idealerweise sammelt jemand noch Teile davon für die Wiederaufbereitung zusammen. Eine etwas explizitere Beschäftigung mit einzelnen Problemfeldern und -kategorien der heutigen Müllflut wäre dennoch wünschenswert gewesen.

Unser aller Müll

Dessen unbenommen ist Roman Kösters Müll jedoch ein überaus lesenswertes, wenn auch alles andere als triviales Buch. Es zeugt von wissenschaftlichem Anspruch, seine Recherche geht stark in die Tiefe und er schafft es, uns einen Blickwinkel auf unsere Gesellschaft einzunehmen, auf den wir eher ungerne einlassen – denn es stinkt, ist schmutzig und normalerweise alles andere als ästhetisch.

Nichtsdestoweniger sind wir alle für diesen Müll verantwortlich, denn unser Konsum, unser Leben und unsere Entscheidungen tragen dazu bei, dass wir jeden Tag mehr und mehr Müll produzieren. Wir tragen damit vielfach zur Verschmutzung unserer Umwelt bei, zum Fortschreiten des Klimawandels und dazu, unseren Planeten weiter auszubeuten. Dessen sollten wir uns immer wieder bewusstwerden und vielleicht auch hin und wieder unser Verhalten hinterfragen oder gar anpassen.

HMS

Eine Leseprobe findet ihr hier.

Roman Köster: Müll. Eine schmutzige Geschichte der Menschheit; Oktober 2023; 422 Seiten, mit 40 Abbildungen; Hardcover, gebunden mit Schutzumschlag; ISBN: 978-3-406-80580-6; 29,00 €

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