Kathleen Stock kann zaubern

In „Material Girls“ bringt ihre biologistische Zauberkunst die Weiblichkeit und Männlichkeit von Transmenschen zum Verschwinden, erfindet dazu ein Kinderspiel neu, das nun heißt: „Zeigt her eure Genitalien, zeigt her eure Keimdrüsen“ und wundert sich, dass die trans*Community nicht mitspielt.

Von Nora Eckert

Wo anfangen? Vielleicht mit dem Schluss. Denn dort fand ich nach einer quälenden Lektüre von gut dreihundert Seiten einen Vorschlag, dem ich zustimmen kann: Wir brauchen verlässliche und belastbare Daten zum Thema trans*. Ich stelle mir hier eine Sozialstudie vor zu allen gesellschaftlichen, politischen, rechtlichen, medizinischen Aspekten von trans*. Dann gäbe es beispielsweise kein dummes Gerede mehr um „explodierende“ Zahlen, weil herauskäme, der trans*Anteil in der Bevölkerung ist höher als bislang angenommen. Solche Daten fehlen in England offenbar ebenso wie in Deutschland – darin stimme ich der englischen Philosophin Kathleen Stock zu. Was sie allerdings als Daten zu erfassen wünscht, entspricht in nur wenigen Fällen meinen Vorstellungen.

Ihr Fragenkatalog ist – wie im Grunde das gesamte Buch – vom Ressentiment gegen Transmenschen diktiert. Und Ressentiment versteckt sich gern hinter Ängsten (das wusste schon Friedrich Nietzsche). Sie spielen bei Stock eine entscheidende Rolle. Sie sind zugleich der Motor ihrer Obsession, den Frau-Mann-Biologismus sauber zu halten von jeglicher trans*Verunreinigung. Stock liebt es eindeutig monokulturell.

Das hindert sie nicht, immer wieder gönnerhaft zu beteuern, sie habe nichts gegen Transmenschen. Im Gegenteil, sie lehne Diskriminierung ab und trete für unsere Rechte ein. Selbstredend sind das nur die, die sie akzeptiert. Man nennt das, freundlich formuliert, ein Lippenbekenntnis. Denn warum schrieb sie dann einen Generalangriff auf unsere Identität? Ja, sie stellt damit unsere Existenz radikal in Frage, indem sie zu verstehen gibt, wir würden etwas behaupten, was wir nicht sind und nie sein können. Sie spricht von Immersion und nennt trans* ein Eintauchen in Fiktion.

Genderkritische und radikale Feministinnen und so auch Stock nennen die Aussage, Transfrauen seien Frauen und Transmänner Männer ein religiös anmutendes Mantra des von ihnen gehassten trans*Aktivismus. Ihr gegenreligiöses Mantra lautet Transfrauen sind Männer und Transmänner sind Frauen, denn unsere Genitalien sind sozusagen unser Schicksal auf Lebenszeit und machen Frau und Mann zu biologisch geschützten Markenzeichen. Mantra und Gegen-Mantra – wer hat recht? Meine Antwort lautet: die Realität.

Gewiss doch, würde jetzt Stock hocherfreut antworten, denn die anatomischen Fakten, die Frau und Mann unterscheiden, seien doch eine unbestreitbare Realität!? Richtig, aber darum geht es gar nicht. Das Problem ist vielmehr, dass Stocks Realität die trans*Realität ausblendet. Das geschieht dadurch, dass sie leugnet, was uns zu Transmenschen macht, nämlich unsere vom Körpergeschlecht abweichende weibliche beziehungsweise männliche Identität.

Klar, die anatomischen Fakten sind so unbestreitbar wie die Tatsache, dass wir Transmenschen alle mit dieser anatomischen Realität das Licht der Welt erblicken, womit unser Dilemma bekanntlich seinen Lauf nimmt. Zum Dilemma wird es, weil wir nach unseren Genitalien sortiert werden. Aber wir bringen, wie alle Menschen, noch mehr mit auf die Welt – die Geschlechtsidentität zum Beispiel. „Ich werde jedoch argumentieren, dass Gesetze und politische Maßnahmen, die auf Geschlechtsidentität basieren, nicht der richtige Weg sind.“ Eine klare Ansage und noch klarer in ihrer aggressiven Haltung ist, was sie in einem dem Band beigegebenen Interview zum Besten gibt: „Geschlechtsidentitätsideologie ist im Grunde genommen lediglich für Menschen, die bis zu einem gewissen Grad in Dummheit ausgebildet wurden.“ So sieht also ihre Sympathie für Transmenschen aus. Wir können miteinander reden, aber ich, Kathleen Stock, bestimme, was Du sagen darfst.

Die Rede ist vom „gefühlten Geschlecht“. Ja, wir fühlen unsere Identität wie alle Menschen ihre Identität fühlen, aber mit der Entschiedenheit eines Wissens. Ich nenne es unser Evidenzerlebnis. Woher haben cis-Menschen ihre Gewissheit, das zu sein, was sie leben? Aber bitte schauen Sie jetzt nicht zwischen Ihre Beine, dort finden Sie Ihr Sexualorgan, aber nicht ihre Identität. Sichtbar wird unsere Identität, indem wir sie leben. Stock reicht das Fühlen jedenfalls nicht. Sie braucht einen „Beweis“, indem wir beispielsweise unsere Genitalien dem binären Gott opfern. Anders gesagt, ein wenig annehmbarer werden wir für sie als kastrierte Männer – und dann bleiben wir immer noch verkleidete Männer, denn für Stock verfehlen wir so oder so das binäre Modell. Für sie bleiben wir ein Mangelwesen, ein Fehler im binären System.

Weil Stock nichts anderes kann, als Geschlecht genital zu denken, bleibt sie auch bei der Frage der sexuellen Orientierung genitalfixiert: Vulva liebt Vulva und Penis liebt Penis oder eben über Kreuz. Dass ein Transmann schwul und eine Transfrau lesbisch und beide auch heterosexuell sein können, bleibt für sie unvorstellbar. Eine Transfrau, die Sex mit einem cis-Mann hat, ist für sie schwul und heterosexuell nur dann, wenn eine cis-Frau ihre Sexualpartnerin ist.

Hier spricht die pure Ahnungslosigkeit in Sachen Sexualität und was sich in unseren Betten abspielt. Daraus entstehen dann Sätze wie dieser: „Müssten wir die innere Geschlechtsidentität einer Person herausfinden, bevor wir wüssten, auf wen wir stehen, würden wir recht schnell aussterben.“ Nein, sie entblödet sich nicht, so etwas von sich zu geben.

Leider gibt es bei der Geburt keinen Beipackzettel als Bedienungsanleitung fürs Leben und ebenso wenig ein geschlechtsidentitäres Zertifikat, das analytische Philosophinnen à la Stock zufriedenstellen würde. Aber trans*Sein ist schließlich Realität und menschlich gesehen so gleichwertig wie das, was der Geschlechts-Binarismus für sich beansprucht. Vagina und Penis sind wie die dazugehörigen Keimdrüsen nicht die Richtschnur für menschliche Echtheit, auch wenn das von Stock & Co. behauptet wird, sondern allenfalls für die Reproduktionsfähigkeit und die ist zwar für den Fortbestand der Menschheit von Bedeutung, nicht aber für die unverwechselbare Individualität eines Menschen, also für das, was wir auch Persönlichkeit nennen.

Beim Menschsein geht es am Ende auch nicht um die Frage, ob wir die Genitalien wechseln können, was wir, bei aller chirurgischen Kunstfertigkeit, zugegebenermaßen nicht können. Ja, wir können sie nur entfernen. Aber das beantwortet wiederum nicht unsere Geschlechtlichkeit und genau das ist die Realität, die ich meine – unsere trans*Geschlechtlichkeit. Die Realität kann doch nicht weniger sein als unser Menschsein in seiner individuellen Ausprägung – oder wurde die Logik umgeschrieben? Und dazu gehört die Gleichheit der Menschen in ihrer Vielfalt. Das klingt nach der Lektüre von „Material Girls“ zwar nur noch wie ein frommer Wunsch, aber bei uns steht das im Grundgesetz und ist verbrieftes Recht, das endlich einmal eingelöst werden sollte: Gleichstellung, Gleichbehandlung und Gleichberechtigung unabhängig von unseren Merkmalen.

Doch mit dieser Wirklichkeit kommt Stock überhaupt nicht klar. Ihre Reaktionen: sie fiktionalisiert die Weiblichkeit und Männlichkeit im trans*Sein, nennt sie Einbildung, reduziert sie auf bloße Identifikation und verwechselt dabei Ursache und Wirkung, sie pathologisiert und kriminalisiert Transmenschen, um uns als Gefahr für Mädchen und Frauen zu stilisieren, als Eindringlinge in geschützte Räume. Sie wiederholt es oft genug (auch das ein Mantra) – und viele mögen es am Ende glauben und in uns potentielle Freaks und Monster sehen, die in Frauenkleider schlüpfen, um ihre perversen Sexualphantasien in Umkleiden, Frauenhäusern und Frauengefängnissen auszuleben.

Als analytische Philosophin dürfte Stock wohl dem verpflichtet sein, was einmal logischer Empirismus genannt wurde. Das Dumme, nicht jede Realität ist sichtbar und wartet in seiner Existenz schon gar nicht darauf, bis wir Menschen die richtigen Begriffe und Konzepte dafür gefunden haben, denn sie ist schon vor unserer Erkenntnis da und ein Fitzelchen Glauben gehört meistens dazu. Albert Einstein beispielsweise musste lange darauf warten, bis es einen empirischen Beweis für seine Raumzeit gab, aber sie wurde nicht von ihm „erfunden“, sondern erkannt. Die limitierte Erkenntnisfähigkeit des Menschen limitiert das, was er für die Wirklichkeit hält. Fürwahr ein alter Hut, von dem Stock wohl noch nie gehört hat?!

Die Geschlechtsidentität ist so eine Art Einstein‘sche Raumzeit, für die die Neurobiologie zuständig ist, die mit ihren Erkenntnissen leider hinterherhinkt, was die Entschlüsselung der zerebralen Geheimnisse angeht. Warum soll in unserer Zentrale für all das, was der Mensch vermag und ihm im Grunde erst zum Menschen macht, ausgerechnet die Geschlechtlichkeit ausgeklammert bleiben? Nein, das zentrale Sexualorgan sitzt zwischen den Ohren und nicht zwischen den Beinen – so eine Grundregel der Biologie. Und dann gäbe es da noch den berühmten philosophischen Satz: Nichts ist ohne Grund, warum es ist. Ja, wir werden eines Tages wissen, warum es uns gibt und wie wir zu unserem Evidenzerlebnis gelangen. 

Der Satz vom Sexualorgan zwischen den Ohren stammt von dem US-amerikanischen Biologen Milton Diamond, von dem auch die Einsicht stammt, wonach die Natur Vielfalt liebe, die unglücklicherweise von der Gesellschaft gehasst werde. Kathleen Stock liefert ein aktuelles Beispiel. Diamonds Namen suchen wir bei ihr vergeblich, obwohl sie ausgerechnet den Scharlatan John Money aus der Mottenkiste holt, der in Diamond seinen erbittertsten Gegenspieler fand. Auf Money gehen die Begriffe Geschlechtsidentität als eine „internalisierte psychologische Selbstpräsentation“ und Geschlechtsdysphorie zurück. Sollte das so zutreffen und nicht auch Harry Benjamin dabei eine Rolle spielen, so stünde Money allenfalls eine Fußnote in der Begriffsgeschichte zu. Auch hier zeigt sich, in welch antiquierter Gedankenwelt Stock unterwegs ist.

Geschlechtsidentität ist übrigens nicht dasselbe wie Gender Identity. Für Stock & Co. ist das eine wie das andere ein allergische Reaktionen auslösender Terminus, mithin der Kern der „trans*Ideologie“ und angeblich nichts weiter als eine abstruse Fiktion. Stock begnügt sich hingegen mit der Bezeichnung „Theorie der Geschlechtsidentität“, die vergeblich Anschluss an die Wirklichkeit suche. Nun fallen wir Transmenschen aber keineswegs vom Himmel, geschweige dass wir eine Wahl hätten, es zu sein. Dass wir trans* geboren werden, wird nicht einmal in Erwägung gezogen. Vielmehr gibt sich Stock ihrer Lieblings-Horrorvorstellung von der Wählbarkeit des Geschlechts hin, als ob das bei uns im Kleiderschrank hängen würde.

Stock verfährt nach der Methode, es kann nicht sein, was ihrer Meinung nach nicht sein darf und schiebt die Biologie als argumentative Firewall vor. So gründlich sie alle Modelle zur Definition von Geschlecht auch referiert, ob das nach Gameten (Keimdrüsen) oder Chromosomen oder nach dem Cluster-Modell geschieht, das sich an primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen orientiert, so landen wir erwartungsgemäß immer bei zwei verschiedenen Fortpflanzungsorganen mit weiblicher und männlicher Zuordnung. Sie vergisst keineswegs, auch das weite Feld Intergeschlechtlichkeit in Augenschein zu nehmen, um dort eine variierte oder verhinderte Binarität festzustellen. In ihrer Biologie indes existiert das Gehirn nicht.

Auf die Exklusivität der trans*Erfahrung, also dem Erkennen unseres trans*Seins, reagiert Stock pikiert. Es sei zwar plausibel, dass „lediglich Transmenschen wirklich verstehen können, wie es ist, als Transmensch in einer Welt zu leben, in der die meisten cis sind“, aber deshalb den Zugang anderen zu verwehren, sei inakzeptabel. Sie ortet in dieser Exklusivität zugleich den Nukleus unserer „Einbildung“. Aber ist nicht jede Erfahrung exklusiv? Befremdlich, wenn eine Philosophin die elementare Erkenntnis fehlt, wonach wir die Erfahrung eines anderen Menschen nicht erfahren können. Warum das so ist und welche Folgen sich im Zwischenmenschlichen daraus ergeben können, lässt sich gut in Ronald D. Laings schon etwas in die Jahre gekommenen, doch immer noch wissensreichen „Phänomenologie der Erfahrung“ nachlesen, aber ebenso bei Ludwig Wittgenstein, wo er sich über Inneres und Äußeres Gedanken macht und über die Erfahrbarkeit beziehungsweise Nicht-Erfahrbarkeit von Erfahrung.

Der Angriff auf den trans*Aktivismus bildet jedenfalls das Programm des Buches. Es ist bei ihr wie ein Zwang. Nebenbei bemerkt, bringt es mich immer wieder zum Staunen, dass eine bestimmte Sorte Feministinnen und so auch Kathleen Stock ausgerechnet Transmenschen als Feindbild entdeckt haben, als ob der Kampf nicht gegen das Patriarchat geführt werden müsste. Mir scheint das ein weiteres Indiz für ihr Ressentiment zu sein, indem sie trans* als patriarchale Verschwörung interpretieren. Es ist zumindest auffällig, dass in Stocks Buch ein Begriff wie Patriarchat praktisch nicht vorkommt.

War Stock wirklich so naiv, nicht zu ahnen, was sie mit ihrem Buch anrichtet? Auch wenn sie kürzlich der Neuen Zürcher Zeitung gestand: „Das hätte ich mir nie träumen lassen“, so kann die Provokation nur beabsichtigt gewesen sein. Sie wusste, was sie da schrieb, und die heftigen Reaktionen waren jedenfalls vorhersehbar. Wer anderen in die Suppe spuckt, muss sich nicht wundern, wenn er die Suppe anschließend im Gesicht hat.

Weil es ihr angeblich so sehr um Wirklichkeit gehe, die sie als Anwältin der Binarität mit verbissener Gründlichkeit in eine ihr genehme Form zu betonieren versucht, möchte ich ihr gerne mit zwei Philosophen antworten, die das vorbringen, was Stocks Denken nottut – ich meine Hubert Dreyfus und Charles Taylor. Man müsse einsehen, so die beiden in ihrem Buch „Die Wiedergewinnung des Realismus“, „daß die eigene Daseinsform weder die einzige noch die einzig ‚natürliche‘ ist, sondern eine unter mehreren möglichen Formen darstellt. Nun können wir zu unserer Handlungs- und Deutungsweise kein ‚naives‘ Verhältnis mehr haben, so als wäre sie zu selbstverständlich, um sie eigens zu erwähnen. Sofern das Verstehen des Anderen nicht als Verfügen über eine Wissenschaft von dem betreffenden Objekt gedeutet werden soll, sondern als Horizontverschmelzung könnte das Schlagwort wie folgt lauten: Kein Verständnis des anderen ohne ein verändertes Verstehen des Selbst.“

PS: Übersetzt hat das Ärgernis Voijn Saša Vukadinović, den wir als Sprachrohr und treu ergebenen Diener genderkritischer und radikaler Feministinnen und als Schienbeintreter gegen den trans*Aktivismus bereits kennen. Die große Freude, ausgerechnet „Material Girls“ übersetzen zu dürfen, hat ihn wohl hie und da zu sehr von einer gründlicheren Übersetzungsarbeit abgelenkt, weshalb es schon mal vorkommt, dass ein Satz grammatikalisch ins Leere läuft. Überhaupt: Ein wenig mehr Lektorat hätte den Text zwar nicht genießbarer gemacht, aber wenigstens die eine oder andere Schlamperei verhindert.

Nora Eckert ist Publizistin und Ausführender Vorstand bei TransInterQueer e. V.

Eine Leseprobe findet ihr hier

Kathleen Stock: Material Girls. Warum die Wirklichkeit für den Feminismus unerlässlich ist.; Aus dem Englischen von Vojin Saša Vukadinović; 384 Seiten; Paperback; ISBN: 978-3-89320-289-8; Edition Tiamat – Critica Diabolis 306; 26,00 €

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