„Spoiler Alarm“: Niemals geht er so ganz

Mensch stelle sich vor, ein geliebter Mensch stürbe. Das ist nicht schön. Das traumatisiert. Das bleibt hängen. Neulich hörte ich irgendwo, ich meine das sei in einem älteren Nürnberger aka Franken-Tatort gewesen: „Trauer ist besser als Warten.“ Da ist durchaus etwas dran. Ändert aber auch nichts am Schmerz, der zum Trauern gehört. Viele müssen sich das auch gar nicht vorstellen. Sie werden diese Erfahrung bereits durchlebt haben. Für alle anderen gilt: Glück gehabt bis hierher. 

Zum Trauerprozess gehört auch die Verarbeitung, die natürlich individuell abläuft und zu der es niemals, niemals, niemals gehören sollte, von irgendwem gesagt zu bekommen: „Das wird schon wieder.“ Halt die Fresse! Du weißt es nicht. Es hilft nicht. Es ist Mist. Dann bring doch besser einen Chardonnay mit und sei still. Jede*r verarbeitet also anders. Der in den USA sehr bekannte Journalist Michael Ausiello begann seine Phase der Verarbeitung im Grunde bereits während sein Partner, Kit Cowan, noch im Begriff war zu sterben — oder vielleicht gar zu überleben.

Schreiben, um zu verarbeiten

Er dokumentierte — einvernehmlich und nur für einen kleinen Kreis von engen Freunden — den Verlauf von dessen Krebserkrankung auf Facebook. Das führte dazu, dass einige Monate nach Kits Tod ein gemeinsamer Freund auf ihn zukam und vorschlug aus dieser tragischen Erfahrung ein Buch zu machen. So entstand also im Rahmen einer Verarbeitung, eines Umgangs mit Verlust das Buch Spoiler Alert: The Hero Dies. A Memoir of Love, Loss, and Other Four-Letter Words

„Ich hatte noch nie zuvor ein Buch geschrieben. Ich war immer noch in der Trauerphase, als ich es schrieb. In emotionaler Hinsicht war es also eine sehr traumatische Erfahrung, mich nicht nur mit den Details des Jahres auseinanderzusetzen, in dem Kit erkrankte und starb, sondern auch mit den 13 Jahren davor. Es war hart. Aber es brachte mich dazu, die außergewöhnliche Möglichkeit zu erkennen, Kits Geschichte Tausenden oder möglicherweise sogar Millionen von Menschen vorzustellen.“

Michael Ausiello im Presseheft

Dieses wunderbare, rührende, ehrliche, herzerwärmende und -zerschmetternde sowie liebevolle Buch (das erstaunlicher- und dummerweise bisher nicht auf Deutsch erschienen ist… Shame!) ist nun verfilmt worden. In den Hauptrollen als Michael Ausiello und Kit Cowan sind Jim Parsons, mit dem der echte Ausiello befreundet ist, und Ben Aldridge (zuletzt in einer anderen tragischen Beziehungsgeschichte namens Knock at the Cabin aufgetaucht) zu sehen. Die beiden füllen diese Rollen wunderbar aus und die Chemie zwischen ihnen stimmt.

Angst, sich zu erinnern

Über den von Michael Showalter fein, wenn auch recht konventionell inszenierten und von David Marshall Grant sowie Dan Savage sehr nah am Leben geschriebenen Film, der hierzulande als Spoiler Alarm ab dem heutigen Donnerstag als Limited Release im Kino zu sehen ist, soll inhaltlich gar nicht allzu viel mehr gesagt werden. Zumal das Zitat Ausiellos das alles schon gut zusammenfasst. 

Merry Christmas! Michael (Jim Parsons) und Kit (Ben Aldrdigde) // Foto: David Scott Holloway / © 2022 FOCUS FEATURES LLC. ALL RIGHTS RESERVED.

Lieber wollen wir, natürlich neben einigen Einsprengseln, mal kurz auf die Wirkung der Geschichte im Kinosaal (und sicherlich in ähnlicher Form im Heimkino) schauen. Als eine Person, die mit um die Dreißig schon einiges an Verlusten und Ängsten, sowohl im engsten als auch erweiterten Personenkreis und am eigenen Körper, zu erfahren hatte, ist Spoiler Alarm ein Film, der sich auf dieser Sorge-Schmerz-Trauer-Ebene sehr persönlich anfühlte. 

Das hat mich durchaus einige Tag beschäftigt, ja mitgenommen. Es hat keine „Wunden aufgerissen“ wie es so pathetisch heißt. Hat aber doch dazu geführt, dass ich manches noch einmal habe Revue passieren lassen. Vor allem solche Themen, die bereits ein wenig weiter zurücklagen. Das war ein hochgradig interessanter Prozess. Der mir auch aufzeigt(e), dass ein komplettes Abschließen, Hinter-Sich-Lassen so vielleicht doch nicht möglich ist (und auch nicht mit Ignoranz verwechselt werden sollte). Was nichts Schlimmes sein muss.

Freude, sich zu erinnern

Denn schließlich erinnern wir uns doch total gern an die guten Dinge, die mal weiter und mal näher zurückliegen, oder? An das erste Verlieben. Schöne Geburtstage im Familien- und/oder Freundeskreis. Das kribbelnde Kennenlernen einer möglicherweise neuen Liebe. Diese Erinnerungen bleiben schön. Auch wenn sich danach vielleicht nicht immer alles zum Guten wendet. So ist auch das etwas, das in Spoiler Alarm sehr gut funktioniert. Das erste Treffen von Michael und Kit, der erste Kuss, der zweite Kuss, die ersten Besuche in den jeweiligen Wohnungen

Das erste Treffen: Michael und Kit // Foto: Linda Källérus / © 2022 FOCUS FEATURES LLC. ALL RIGHTS RESERVED.

…denn als eine Person um die Dreißig habe ich genauso schon einiges an Liebe und Nähe gesehen und erlebt, so fühlte sich dies ebenfalls sehr persönlich an. Nicht nur weil die Verfilmung von Spoiler Alert ohne jede Ironie auf die Musik der Zeit des Kennenlernens und gemeinsamen Lebens von Michael und Kit setzt (Hey Kylie! Hey Goldfrapp! Hey Modest Mouse! Hey Robyn!), die manchen, die schon dies und das erlebt haben, aus ihrer Lebenszeit bekannt sein dürfte. Sondern auch, weil sich hier die erwähnte Chemie zwischen Parsons und Aldridge beinahe noch mehr auszahlt als in den tragischeren Momenten. 

Einander anheulen kann fast jede*r. Aber sich vor der Kamera zu verlieben, gemeinsam zu lachen, zu lieben, zu streiten, therapieren zu lassen, etc. — das ist dann womöglich doch ein wenig schwieriger. So führte mich Spoiler Alarm auch hier in die Vergangenheit und ließ mich an „alte Geschichten“ und manch wunderbares Gefühl denken, das zwar vergangen, nicht aber vergessen ist. Beinahe wie ein etwas unscharfer Traum an mancher Stelle. 

Tangiert, aber zufrieden

Wie es mit Träumen eben so ist, verändern sich diese schnell. Sie wanken, sie kippen, sie stellen sich — und uns — auf den Kopf. Führen uns an der Nase herum. Lassen uns mal weicher und mal härter landen. Wie das für die Zuschauer*innen, die sich noch auf Sally Field als Mutter Kits (Field ist so etwas ja gewohnt, mit stählernen Magnolien und so), Bill Irwin als dessen Vater, Antoni Porowski, Nikki M. James sowie Jeffery Self in Gastrollen freuen dürfen, ausgeht, das ist natürlich wieder individuell.

Kits Vater Bob (Bill Irwin), Mutter Marilyn (Sally Field), Kit und Michael im Urlaub am Strand // Credit: Linda Källérus / © 2022 FOCUS FEATURES LLC. ALL RIGHTS RESERVED.

So dürfte niemand denselben Film sehen. Wann aber ist das schon so? Okay, Jeepers Creepers: Reborn, hier sind sich wohl alle einig… Bei Spoiler Alarm aka Spoiler Alert ist aber besonders deutlich, dass es sich um einen Film handelt, der definitiv mit den Erfahrungen derjenigen, die ihn anschauen, arbeitet. Unberührt dürfte jedenfalls kaum jemand bleiben. Bei der eigenwilligen Achterbahn, die der Film ist, habe ich mich danach jedenfalls angefasst aber gut gefühlt. Wenn das mal nichts ist. 

JW

Spoiler Alarm startet am 4. Mai 2023 in den Kinos.

Spoiler Alaram; USA 2022; Regie: Michael Showalter; Drehbuch: David Marshall Grant und Dan Savage basierend auf dem Memoire Spoiler Alert: The Hero Dies von Michael Ausiello; Kamera: Brian Burgoyne; Musik: Brian H. Kim; Darsteller*innen: Jim Parsons, Ben Aldridge; Sally Field, Bill Irwin, Antoni Porowski, Nikki M. James, Jeffery Self, Tara Summers, Josh Pais, Shunori Ramanathan; Laufzeit ca. 113 Minuten; FSK 12; ab dem 4. Mai im Kino

Unser Schaffen für the little queer review macht neben viel Freude auch viel Arbeit. Und es kostet uns wortwörtlich Geld, denn weder Hosting noch ein Großteil der Bildnutzung oder dieses neuländische Internet sind für umme. Von unserer Arbeitszeit ganz zu schweigen. Wenn ihr uns also neben Ideen und Feedback gern noch anderweitig unterstützen möchtet, dann könnt ihr das hier via Paypal, via hier via Ko-Fi oder durch ein Steady-Abo tun. Oder ihr schaut in unseren Shop. Vielen Dank!

About the author