Sie wollen doch nur Liebe

Beitragsbild: Für das Unternehmen Planthouse Technologies hat Alice (Emily Beecham) eine neue Pflanzenart namens „Little Joe“ entwickelt, deren Duft die Menschen glücklich machen soll. Für den Erfolg ihrer Pflanze würde sie alles geben // Foto: BR/© coop99 filmproduktion/The Bureau/Essential Films

In unserer Besprechung zu Pedro Almodóvars Leid und Herrlichkeit schrieben wir, dass arte auch in diesem Jahr wieder ein ausführliches Programm im Rahmen der Filmfestspiele in Cannes auf der Palette hat. Dazu gehört auch die österreichisch-deutsch-britische Produktion Little Joe – Glück ist ein Geschäft, im Übrigen eine arte-Koproduktion, der österreichischen Regisseurin Jessica Hausner, der 2019 im Wettbewerb um die Goldene Palme unter anderem mit dem oben genannten Film sowie dem Gewinnertitel Gisaengchung aka Parasite von Bong Joon-ho konkurrierte.

Mit Antidepressiva auf die Palme

Was diese Palme anging, bleibt der Garten also leer, doch immerhin durfte die Hauptdarstellerin Emily Beecham (Into the Badlands) diese als beste Hauptdarstellerin für ihre in der Tat famose Verkörperung der ihre beiden Kinder liebenden Wissenschaftlerin Alice Woodard mit nach Hause nehmen. Ihre beiden Kinder, das sind ihr Sohn Joe (Kit Connor – Rocketman, Heartstopper) und Little Joe. Wobei Little Joe stellvertretend für eine purpurrote Blume steht, die die Botanikerin kreiert und die eine ganz besondere Wirkung hat: Bei richtiger Haltung und Zuwendung macht der Duft die Menschen glücklich, indem die Pflanze das Hormon Oxytocin freisetzt.

Als alleinerziehende Mutter ist Alices Priorität neben ihrer Arbeit ihr Sohn Joe (Kit Connor). Doch es fällt ihr schwer, Privat- und Berufsleben unter einen Hut zu bringen // Foto: BR/© coop99 filmproduktion/The Bureau/Essential Films

Gemeinsam mit ihrem Assistenten Chris (Ben Whishaw – London Spy, A Very English Scandal) wünscht sie sich, dass die Pflanze als Antidepressivum eingesetzt werden könnte; auch Planthouse Technologies, das Biotechnologie-Unternehmen, für das Alice forscht, würde sich über einen großen Erfolg zur bald anstehenden Pflanzenmesse freuen. Skeptisch hingegen ist ihre Kollegin Bella (Kerry Fox), die meint, mit der Pflanze stimme etwas nicht und überhaupt – sie gentechnisch so zu manipulieren, dass sie sich nicht vermehren könne, würde nur Unglück bringen.

Glück oder Austausch?

Little Joe, den Regisseurin Jessica Hausner gemeinsam mit ihrer langjährigen Weggefährtin Géraldine Bajard schrieb, darf durchaus als gleichzeitig unheimliche und ironisierte Allegorie auf das ständige Streben nach (Selbst-)Optimierung, Dauerlächeln und ständigem Funktionieren verstanden werden. Nicht zuletzt auch, weil die erwähnte Kollegin Bella im Film nach einem vor der Handlung liegenden Nervenzusammenbruch nicht mehr ernst genommen und von Kollegen wie Ric (Phénix BrossardBenjamin) gefoppt wird. 

Alices (Emily Beecham, 2.v.r.) Kollegen (David Wilmot, li., Phénix Brossard, 2.v.l., Ben Whishaw, re.) – ist die Pflanze Fluch oder Segen? // Foto: BR/© coop99 filmproduktion/The Bureau/Essential Films

Doch im Fokus steht natürlich die Blume, die glücklich machen soll. Dabei scheint sie etwas anderes zu tun, zumindest wirken Menschen, die mit ihren Pollen in Berührung kamen, wie ausgewechselt. Etwas, das Alice auch an Joe festzustellen beginnt, nachdem sie unerlaubterweise ein Exemplar der Blume mit nach Hause genommen hat. Es finden sich in der Mischung aus Science-Fiction, Psychothriller und Drama also auch Elemente des klassischen Körperfresser-Horror-Metiers, ohne jedoch in besondere Grausigkeiten zu verfallen.

Ganz im Gegenteil ist Little Joe ein sehr stiller, ja subtiler Film, der uns über langsame Kamerabewegungen, die Martin Gschlacht (Hochwald) eindrücklich ausführt, teils gar vom eigentlichen Geschehen weg hin zu anderen Teilen des Raumes bringt. Was ergänzt um die eindringlich-avantgardistische Musik von Teiji Ito eine konstante, aber schwer zu definierende Bedrohung ausstrahlt. Beim Schauen führt das zu einer ausgeprägten Achtsamkeit, schließlich will nichts verpasst werden. 

Am Ende so leer wie der Mensch?

Leider gibt es aber bis auf inszenatorische Finesse – die Farbgebung allein könnte uns absätzelang beschäftigen; so heben sich unter andrem Alices orangerote Haare und die rote Farbe der Blume sowie die Signalfarben ihrer Blusen vom Rest ab, so wie das Geschehen oft im Hintergrund ist, ist die Welt um sie herum es im Grunde auch – und zumindest von Beecham und Connor sehr großen darstellerischen Leistungen (Whishaw bleibt eher blass, was aber auch zur Story passt) nicht allzu viel, das direkt vom Film hängen bleibt. Sicherlich, gibt es eine Pointe, die zu Interpretations-Debatten einlädt, wie es sicherlich die ganze Thematik des Films tut. 

Alice ist überzeugt von der positiven Wirkung von „Little Joe“ // Foto: BR/© coop99 filmproduktion/The Bureau/Essential Films

Der selber allerdings bleibt hinter den Möglichkeiten, die in der Erzählung stecken, zurück. Es wäre beinahe grausam zu sagen, mit Little Joe hätten wir es mit einem typischen Fall von Style over Substance zu tun. Dafür gibt es doch zu viele kleine Momente, die uns schaudern, grinsen oder stocken lassen. Doch einen Nachhall, nun, den hat Little Joe leider auch nicht wirklich.

AS

Little Joe – Glück ist ein Geschäft ist heute Abend um 20:15 Uhr in deutscher Erstausstrahlung auf arte zu sehen und ist bis zum 17. Mai 2022 in der arte-Mediathek verfügbar.

Little Joe – Glück ist ein Geschäft; Österreich, Deutschland, Vereinigtes Königreich 2019; Regie: Jessica Hausner; Drehbuch: Géraldine Bajard, Jessica Hausner, Kamera: Martin Gschlacht; Musik: Teiji Ito; Darsteller*innen: Emily Beecham, Ben Whishaw, Kerry Fox, David Wilmot, Kit Connor, Phénix Brossard, Leanne Best, Lindsay Duncan, Sebastian Hülk, Jason Cloud; FSK: 12; Laufzeit: ca. 100 Minuten

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