Stein drauf

Irritierend. Irritierend ist es, wenn eine Geschichte, in der theoretisch alles passieren kann, in einer Gegend spielt, in der scheinbar gar nichts passiert. Die die durchschnittsbürgerliche Tristesse der Provinz mit Wald darstellt. Irritierend ist Paul, der 17-Jährige Schüler, der so frei von Eigenschaften scheint, wie die nicht näher bezeichnete Umgebung von etwas Erlebbarem. Damit ist er Projektionsfläche – für seine Familie, Mitschüler:innen, Lehrer:innen und für die Zuschauer:innen, die Trübe Wolken, dem Kinodebüt von Christian Schäfer und Glenn Büsing, zahlreich zu wünschen sind.

Geh in den Wald

Paul, prickelnd verunsichernd verkörpert vom 22-jährigen Jonas Holdenrieder, ist der Inbegriff eines Einzelgängers: Statt fortwährend mit seinen Buddies abzuhängen, begibt er sich lieber auf Schleichpfade, besucht Lost & Dark Places, derer es in der zuweilen schaurig anmutenden Waldumgebung einige gibt, lauscht lieber Gesprächen, statt sie selber zu führen, beobachtet aus dem Hintergrund und interessiert sich für alte Briefe, statt Memes zu verschicken. 

Paul (Jonas Holdenrieder) fotografiert Dala (Valerie Stoll) // © Salzgeber

Dabei scheint er eine eher emotionslose, aber immer höfliche, zuvorkommende Wand zu sein. Das führt dazu, dass seine Familie, Vater Per-Ulrich (Peter Jordan, Die Wannseekonferenz), Stiefmutter (Claudia Geisler-Bading) und Bruder Silas (Aurel Klug), bisweilen etwas gönnerhaft auf diesen Jungen schaut, den zu greifen ihr aber ebensowenig möglich ist wie uns Zuschauenden. Nur, dass wir ihn eben auch erst seit drei Minuten kennen.

Ähnlich verhält es sich mit seinen Mitschüler:innen: Der extrovertierte Max (Max Schimmelpfennig, Das Boot), sieht in Paul jemanden, der in ihm wiederum nicht nur Chaos und Clown sieht; Dala (Valerie Stoll, Eldorado KaDeWe) sieht in ihm einen potenziellen Freund, Liebhaber und Seelenverwandten; der vergeistigt-kunstsinnige Lehrer Bulwer (krass: Devid Striesow, Westwall) meint in Paul einen gleichgesinnten und talentierten jungen Mann zu erkennen, den er fördern könnte; oder der Neue, David (Valentino Fortuzzi), den Paul unter der Dusche beobachtet und der in ihm einen guten Flirt sieht.

David (Valentino Fortuzzi) begegnet Paul in der Dusche // © Salzgeber

Geh ins Ungefähre

Dabei reihen Regisseur Christian Schäfer und Autor Glenn Büsing hier nicht Begegnungsgeschichte an Begegnungsgeschichte, sondern begleiten Paul, manches Mal wie durch einen Schleier in fein durchkomponierten, aber nicht überstilisierten Bildern (Kamera: Sabine Sina Stephan) durch seinen alltäglichen Identitätskonflikt. Denn darum geht es in erster Linie in diesem Coming-of-Age-Thriller, der mit einem von einer Brücke auf das Auto Bulwers geworfenen Stein eröffnet. Später wird der neue Mitschüler – Todesursache: Steinschlag – im Wald gefunden.

„Sie haben ihm viel zu verdanken? Ihrem Vater?“ – „Du etwa deinem?“

aus Trübe Wolken

In manch einem Moment mit Lehrer Bulwer spüren wir starke Hannibal-Will-Vibes, einen unglaublichen Thrill, in anderen fragen wir uns, ob und was Paul für Dala empfinden oder über David gedacht haben könnte. Die getragene Inszenierung, der subtile Humor und der schwelgerisch und bedrohlich wabernde Ton tun ihr Übriges, um diesen Film so unbestimmt wie möglich sein zu lassen, ein „Changieren zwischen Genres“ und den „Impuls, sich nicht 100-prozentig auf etwas einzulassen“, nennt der Regisseur das im Presseheft zum Film…

…in dessen Verlauf der stille, ein wenig seltsame Paul in einer Befragung in den Fokus des Ermittlers, Herrn Stöbhaas (Sascha Nathan, Die Wannseekonferenz, diverse Tatorte), rückt. Ein Moment, der definitiv als einer der Höhepunkte von Trübe Wolken gelten kann. Dabei ist dieser Film, der wie erwähnt von einer gewissen Ziellosigkeit und auch den Fragen „Wer kann ich sein, wer möchte ich sein, wer darf ich sein?“, erzählt, ebensowenig auf einen alles bedeutenden Moment festzulegen, wie Paul dies als Täter wäre. 

Geh ins Licht

Denn aus den genannten Identitätsfragen, die, wie es Regisseur Christian Schäfer der hessenschau sagte, ihn selber als offen homosexuell lebenden Jugendlichen in seiner Schulzeit im mittelhessischen Fleisbach (dort und in der Umgebung wurde viel für den Film gedreht) umtrieben, ergeben sich neue, es ergeben sich Experimente. Paul scheint an mancher Stelle auf unterschiedliche Reaktionen zu setzen, die Menschen zu testen; es mag sich uns die Frage stellen, ob hier ein zu intelligenter Junge versauert und ausgeprägt soziopathische Züge entwickelt, ob es da keinen Zusammenhang gibt, ob er ein Suchender oder Jagender ist.

Wuuuhhh // © Salzgeber

Das jedenfalls ist eine Interpretationsmöglichkeit, derer Trübe Wolken (im Verleih von Salzgeber) jedoch viele bietet. Schlussendlich ist der Film nämlich im Grunde eine große Lücke, er kopiert zwar nicht die Planlosigkeit seiner Figuren, setzt uns aber dem vergeblichen Suchen nach konkreten Antworten aus – diese verweigern uns Schäfer und Büsing recht konsequent. Etwas, das in Anbetracht der meisten deutschen Kinoproduktionen so mutig wie sexy ist. Manch eine:r mag das interessant, spannend und anregend finden, womöglich als gesellschaftskritische, philosophisch und moral-ethisch angehauchte Denkübung mitnehmen, andere mögen mit einem eher entsetzten „WTF?!“ zurückbleiben.

„Der magische Moment, wenn sich dir die Kunst als deine eigene Wahrheit enthüllt“

aus Trübe Wolken

Doch selbst dann hätten sie mit Trübe Wolken einen fantastisch gefilmten, überwältigend gut gespielten, unvorhersehbaren und extrem stimmungsvollen Film gesehen, der allein durch das Zusammenwirken all dieser Eigenschaften, nachhallen dürfte. Stille Abgründigkeit und schattige Unsicherheit sind die Kirschen oben drauf.

AS

PS: Wir geben zu, mit uns gehadert zu haben, im Lichte des von Russland gegen die Ukraine begonnenen Krieges heute diesen oder andere Beiträge zu veröffentlichen, uns dann aber dafür entschieden, vorerst nicht wesentlich von unseren Redaktionsplänen abzuweichen. Die Entwicklung in der Ukraine, die Aggression Russlands und die Reaktionen behalten wir natürlich dennoch im Auge. #StandWithUkraine

PPS: Moritz Führmann, Ehemann der gerade vom Tatort gegangenen Anna Schudt, ist hier in einer kleinen Nebenrolle zu sehen und verkörpert alles Unangenehme in so einer Provinz-Umgebung. Super.

Trübe Wolken kommt am 24. Februar in die Kinos; Spielstätten und Zeiten findet ihr hier.

Trübe Wolken; Deutschland 2021; Regie: Christian Schäfer; Drehbuch: Glenn Büsing; Kamera: Sabine Sina Stephan; Musik: Philipp Schaeper, Christopher Colaço; Darsteller: Jonas Holdenrieder, Devid Striesow, Valerie Stoll, Peter Jordan, Claudia Geisler-Bading, Max Schimmelpfennig, Aurel Klug, Valentino Fortuzzi, Sascha Nathan, Viola Neumann, Moritz Führmann; FSK: 12; Laufzeit: ca. 104 Minuten; im Verleih von Salzgeber

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