U do fröhliche…

Beitragsbild: Ein Toter im Bett, eine Verdächtige Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) und zwei sehr spezielle Ermittelnde: Ruben Delfgau (Jens Harzer) und Jana Zimmermann (Anne Ratte-Polle) // Foto: © NDR/Frizzi Kurkhaus

Lebenslanges lernen? Die Tatort-Kommissarin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) sollte besser davon lassen. Nicht weil es für sie ohnehin keine berufliche Perspektive mehr gibt, sondern vielmehr, weil Fortbildungen für sie drohen entweder mit kurzer Restlebenszeit (Entführung im 1 000. Jubiläumstatort mit Klaus Borowski) oder lebenslänglich zu enden.

Onlinedating kann gefährlich sein

Letzteres muss sie im diesjährigen gar nicht so weihnachtlichen Tatort: Alles kommt zurück erfahren. Via Onlinedating lernt sie einen Mann kennen, mit dem sie sich für ein Schäferstündchen (-wöchlein) im noblen Hamburger Hotel Atlantic, dem Wohnort von Gaststar Udo Lindenberg, einmietet, die Fortbildung ist nur ein Vorwand für die bucklige Verwandtschaft. Treffpunkt soll das Bett in ihrem Zimmer oder ihrer Small Junior Suite sein, zuvor keine Kommunikation, Gespräche oder sonstiges.

Kollegin Charlotte Lindolm (Maria Furtwängler) aus Göttingen mischt sich in die Ermittlungen ein. Kann Ruben (Jens Harzer) ihr trauen? // © NDR/Frizzi Kurkhaus

Sie hält sich dran, „Mr. James“ liegt bereits im Bett und seine „Mrs. James“ gesellt sich wie abgesprochen zu ihm – um herauszufinden, dass er offenbar erstochen wurde. Im Bad versteckt sich eine junge Frau, ein vermeintliches Udo-Double flüchtet aus dem Zimmer. Lindholm kriegt ihn nicht zu fassen. Stattdessen bekommt sie es mit dem charmanten Ermittlerduo aus Hamburg zu tun: Anne Ratte-Polle als korrupte Polizistin Jana Zimmermann sowie ihrem neuen Kollegen Jens Harzer als Ruben Delfgau.

Zimmermann ist schon lange auf dem Kiez unterwegs, kennt manche Fallstricke, manipuliert offenbar die Ermittlungen. Delfgau hingegen oszilliert zwischen besserwisserisch, unbedarft und verführbar. Lindholm riecht den zumindest für die Zuschauerinnen und Zuschauer weihnachtlichen Braten, stellt auf eigene Faust Ermittlungen in der nicht ganz jugendfreien Szene an, denn die Ermittlungsschlinge um sie zieht sich zu. Soll ihr der Mord angehängt werden? Und wer hätte ein Motiv dafür?

Gast aus der Vergangenheit: Jonas Holdt (Lukas Zumbrock) wird befragt // © NDR/Frizzi Kurkhaus

Es ist nicht alles Eierlikör

Im Großen und Ganzen klingt das nach einer hübschen und spannenden Story. Korrupte Cops, vorbelastete und in die niedersächsische Prärie versetzte Kollegin, Ermittlungen sowohl in der Hamburger Unterwelt als auch bei der High Society im prunkvollen und – zumindest Lindholm gegenüber – nicht sehr gastfreundlichen Hotel Atlantic inklusive einer Menge Udo: Gesang, Eierlikör um Mitternacht, Udo-Doubles. Eigentlich kann da nicht viel schiefgehen, oder?

Trost im Chaos: Udo Lindenberg singt für Charlotte Lindholm // © NDR/Frizzi Kurkhaus

Leider doch ein wenig. Die erste halbe Stunde nämlich, durch die muss man sich kämpfen. Hier wird zwar etwas Handlung aufgebaut, aber im Prinzip lebt sie doch von den vermeintlich schönen Bildern rund um Hotelpracht, Außenalster und natürlich Udo. Um es vorwegzunehmen: Nein, er ist nicht der Mörder – schade, aber das wäre des Slapstick dann doch zu viel, selbst für Regisseur Detlev Buck. Aber von Slapstick oder irgendwie Unterhaltung ist die erste halbe Stunde ohnehin leider weit entfernt.

Rote Flora und grauer Panther

Erst danach nimmt die Story an Fahrt und Spannung auf. Das liegt einerseits an der passablen Leistung Furtwänglers, andererseits aber an den grotesk überzeichneten Hamburger Charakteren. Anne Ratte-Polle hat uns erst kürzlich im Dortmunder Tatort: Masken als lesbische Mutter einer Polizistin überzeugt, hier ist sie erneut „Bulle“, wieder in einer nicht unerheblichen lesbischen Beziehung, herrlich korrupt und leider zwischenzeitlich einen Ticken zu lang von der Bildfläche verschwunden.

Nur Kolleginnen? Jana Zimmermann (Anne Ratte-Polle) und Gerichtsmedizinerin Silke Karstorp (Neda Rahmanian) // © NDR/Frizzi Kurkhaus

Zum anderen sind es die männlichen Charaktere. Detlev Buck als  – jedenfalls meinem Wissensstand nach – grandios überzeichneter Zuhälter (samt seiner ähnlich charmanten Partnerin/Kollegin Uschi – Nadeshda Brennicke) und Jens Harzer als neuer Kommissar Delfgau, der „alles so machen würde wie du, Charlotte, nur anders“. Er überzeugt in seiner Art zwischen schmierig, integer, mystisch und ein wenig unbedacht fast völlig und liefert einen sehr charmanten einmaligen Sidekick für Lindholms Ermittlungen außerhalb ihrer Zuständigkeit.

Was die von Buck und Drehbuchautor Uli Brée entwickelte Story des Tatort: Alles kommt zurück also an anfänglicher Spannung vermissen lässt, das macht sie im Lauf der Serie durch überzeugende Darstellerinnen und Darsteller, schöne Bilder, eine groteske aber nicht völlige hanebüchene Story und natürlich Udo Lindenberg wieder ein wenig wett. Wer am Zweiten Weihnachtsfeiertag vielleicht noch von Braten et cetera vollgefuttert ist, sollte sich anfangs einen kleinen Wachmacher bereithalten – bitte Gläser nie unbeaufsichtigt lassen, könnte ja jemand etwas reinkippen – aber am Ende gibt es doch solide Weihnachtsunterhaltung.

Einstein (Detlev Buck) mit Muse Uschi (Jana Pallaske) // © NDR/Frizzi Kurkhaus

HMS

PS: Selbst dann lässt sich festhalten, dass auch andere Weihnachts-TV-Events wie die überwiegend starke ARD-Saga Eldorado KaDeWe oder die krass gehypte RTL-Produktion Sisi nicht vollends überzeugen. Der ab 27.12. online verfügbare ZDF-Mehrteiler Der Palast übrigens so gar nicht. Was hart überzeugt ist Legal Affairs – Highlight!

PPS: In einer feinen Gastrolle ist Kida Khodr Ramadan, der als Imam im queeren Heimatfilm der etwas anderen Art Hochwald zu begeistern wusste, zu sehen.

Tatort: Alles kommt zurück // © NDR/Frizzi Kurkhaus

Tatort: Alles kommt zurück läuft am 26. Dezember um 20:15 Uhr im Ersten, um 21:45 Uhr auf one und ist anschließend sechs Monate in der ARD-Mediathek verfügbar.

Tatort: Alles kommt zurück; Deutschland, 2021; Buch: Uli Brée; Regie: Detlev Buck; Kamera: Bella Halben; Musik: Bowen Liu, Udo Lindenberg, Johannes Kobilke; Darstellende: Maria Furtwängler, Jens Harzer, Anne Ratte-Polle, Udo Lindenberg, Detlev Buck, Nadeshda Brennicke, Kida Khodr Ramadan, Lukas Zumbrock, Neda Rahmanian, Nadja Zwanziger; Laufzeit: ca. 88 Minuten; Eine Produktion der Nordfilm GmbH und Atalante GmbH im Auftrag des Norddeutschen Rundfunks für Das Erste.

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