Vorsicht Falle!

Nicht überall, wo Transsexualität draufsteht, ist auch Transsexualität drin. Alice Schwarzer hat so eine Mogelpackung jetzt im Angebot. Sie nennt es Streitschrift und bringt damit Transmenschen in Misskredit.

Von Nora Eckert

Mit dem berühmten Kleingedruckten beginnt das knallrote Taschenbuch aus dem Verlag Kiepenheuer & Witsch. „Warum dieses Buch jetzt?“ steht darüber. Ja, das würden wir gerne wissen und erfahren sogleich: Es geht gegen das geplante Selbstbestimmungsgesetz der Ampel-Koalition (deren genauen Wortlaut wir noch gar nicht kennen) und mit dem noch in diesem Jahr das sogenannte Transsexuellengesetz abgelöst werden soll, um die seit mehr als vierzig Jahren bestehende unwürdige Behandlung von Transmenschen endlich zu beenden. Und es geht vor allem um die Rettung der Mädchen vor dem trans*Sein und vor der Selbstbestimmung. Aber warum sollen sie Mädchen bleiben, wo Schwarzer nichts lieber tut, als Geschlechterrollen zu dekonstruieren? Moniert wird jedenfalls die angeblich fehlende Debatte und versprochen wird Aufklärung.

Als ich die Lektüre der gut zweihundert Seiten beendet hatte, war die Frage, wann denn endlich die angekündigte Debatte beginne und wo sich darin die Aufklärung befinde, noch immer unbeantwortet. Stattdessen landete ich im Nachwort der Verlegerin. Und was erfahren wir von Kerstin Gleba? Genau das, was schon das Kleingedruckte versprach: „einen wichtigen Beitrag zu einer notwendigen Debatte“. Das nennt man Kreisverkehr ohne Ausfahrt.

Inzwischen war ich um zweihundert Seiten klüger. Die Beiträge im Buch konnte die Verlegerin damit nicht gemeint haben, so viel war klar. „Als Verlag verstehen wir uns als ein Forum für fortschrittliche gesellschaftliche Debatten, nicht als Sprachrohr für die eine oder andere Position. Aus der Reibung der unterschiedlichen Standpunkte ergeben sich Denkanstöße und neue Sichtweisen.“ Welches Buch, verehrte Frau Gleba, war bitte schön damit gemeint? Und wer hat sich da mit wem oder was gerieben? Und wo waren die unterschiedlichen Standpunkte und neuen Sichtweisen? Haben sie sich am Ende im Titel geirrt? Nun gut, bei Mogelpackungen ist das so – die Lüge steht vorne wie hinten drauf. Haken wir es als verlegerische und sicherlich gutgemeinte, ganz unschuldige Sprechblasen-Lyrik ab, die jedoch von der gedruckten Realität nichts weiß.

Ich jedenfalls habe in dem Band nur eine im Unisono-Chor vorgetragene Position vorgefunden und die ist auf eine hinterhältige Weise mal mehr, mal weniger transfeindlich, auch wenn stets betont wird, man habe nichts gegen „echte“ Transsexuelle (schon da beginnt die Frechheit), denn die leiden ja wirklich und sind echt psychisch krank. Oh je, wie krank die sind! Ist das nicht erst recht transfeindlich? Das sollte mir mal jemand aus dem erlauchten Kreis von Angesicht zu Angesicht sagen.

Die 18 Beiträge, von denen knapp die Hälfte recycelte Texte aus der Zeitschrift EMMA darstellen, bilden einen Parcours durch ein Gestrüpp von Widersprüchen, Falschinformationen, Begriffsverwirrungen, Halb- und Unwissen. Neben Alice Schwarzer geriert sich vor allem die EMMA-Redakteurin Chantal Louis als trans*Expertin. Hinzu kommen so berühmt-berüchtigte Namen wie Alexander Korte oder Renate Försterling, die den medizinischen Standpunkt geistig kleingärtnerisch vertreten. Aber auch Transmenschen wie Till Amelung sind dabei, dem der trans*Begriff bei inflationären Selbstdefinitionen immer diffuser zu werden drohe. Dass trans* nichts Homogenes ist, vielmehr ein Spektrum von Selbstverständnissen und Lebensweisen abbildet, das ist dem Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch schon in den 1990er Jahren aufgefallen, weshalb er anerkennend vom „Transpluralismus“ sprach, und zwar als etwas Positives wie alle Individualisierung und soziale Differenzierung. Amelung mag es dagegen lieber übersichtlich.

Dann ist da noch eine Gruppe von Personen, die sich aus ihrem trans*Sein verabschiedet haben und nun als Opfer Klage führen, was ihnen eine willfährige Medizin angetan habe. Es geht also auch um das Thema Detransition, um zu illustrieren, wie unverantwortlich eine trans*affirmative Therapeut*innen-Riege insbesondere mit den armen Mädchen umgehe. Und bei den gern zitierten „explodierenden Trans-Zahlen“ (meist mit dem Hinweis verknüpft, trans* sei ein Trend) kann man sich die Verheerungen leicht ausmalen, so dürften die Herausgeberinnen die Wirkung ihrer Stimmungsmache in der Mehrheitsgesellschaft wohl kalkulieren, wie ich annehme. Die Debatte sieht dann so aus: Selbstbestimmung bei pubertierenden jungen Menschen? Niemals, so Schwarzer. Derweil lacht sich die AfD und das ganze rechte Gschwerl ins Fäustchen über all die gute Zuarbeit.

Was sich durch fast alle Beiträge zieht, das ist zum einen der ewig virulente Widerspruch, wo immer vom sozialen und biologischen Geschlecht die Rede ist, was im Englischen mit Gender und Sex bezeichnet ist, und es ist zum anderen die beharrliche Leugnung der Existenz einer Geschlechtsidentität.

Einigkeit herrscht über das kulturell Konstruierte von Gender, also dem sozialen Geschlecht, der Geschlechterrolle. Deshalb sind alle bereit, diese mit Stereotypen angefüllten Schubladen aufzulösen. So weit so gut. Für die Entmachtung der hegemonialen Heteronormativität plädieren so gut wie alle Autor*innen in dem Band und berufen sich dabei zu Recht auf den Feminismus. Da sind wir Transmenschen allerdings schon einen Schritt weiter, denn Genderfluidität im Zusammenspiel mit dem Bewusstsein der Nicht-Binarität ist für viele von uns bereits gelebter Alltag. Nur das Heiligtum der Binarität, diese patriarchale Trutzburg, darf in Gestalt des sogenannten biologischen Geschlechts nicht angetastet werden. Da verstehen Schwarzer & Co. keinen Spaß.

Gewiss, die menschliche Anatomie mit ihren Genitalien und Keimdrüsen wird niemand, der bei Verstand ist, leugnen. Das tut übrigens auch Judith Butler nicht, wie Schwarzer ihr unterstellt, nur sagt Butler, dass sich aus diesen Fakten keine Normen ableiten lassen. Genau das aber tut die patriarchal geprägte Kultur mit ihrer Materialisierung und Sexualisierung von Körpern. Schwarzer rühmt sich der Freundschaft mit Simone de Beauvoir, darum will ich gerne mit der Freundin antworten und zitiere aus deren Buch Das andere Geschlecht:

Die Frau ist in dem Maße weiblich, wie sie sich als solche empfindet. Es gibt biologisch wesentliche Gegebenheiten, die nicht ihrer gelebten Situation angehören: die Struktur der Eizelle etwa schlägt sich nicht darin nieder, während ein biologisch eher unbedeutendes Organ wie die Klitoris eine äußerst wichtige Rolle spielt. Nicht die Natur definiert die Frau: sie definiert sich selbst, indem sie die Natur in ihr Gefühlleben einbezieht.

Simone de Beauvoir

Und nun zur Geschlechtsidentität, die alle Menschen besitzen. Nur wer der Norm entspricht, kann es sich leisten, die Norm zu ignorieren und gar zu leugnen, dass es sie gibt, um hier einen Gedanken von Carolin Emcke aufzugreifen. Bei Transmenschen weicht die Geschlechtsidentität vom Körpergeschlecht ab, genau das unterscheidet uns vom Rest der Menschen. Unsere Erkenntnis mag den meisten wie ein Mysterium erscheinen, als komme da der Heilige Geist über uns. Wir werden jedoch trans* geboren – trans* ist eine pränatale Prägung. Und das ist nicht weniger biologisch wie die Genitalien und Keimdrüsen. Das Dumme ist nur, dass wir bei der Geburt nach den Genitalien sortiert werden. Aber Geschlechtsidentität ist keine Frage der Wahl, sondern die neurobiologische Grundlage unseres trans*Seins.

Dass ausgerechnet ein Mediziner wie Alexander Korte die neurobiologische Forschung übergeht, um Geschlechtsidentität für einen „problematischen Begriff“ zu erklären, verwundert. Er nennt ihn eine Fiktion, dabei brauchte er nur Nachhilfeunterricht in Biologie. Was ihn mit den anderen Autor*innen und vor allem mit Alice Schwarzer offenkundig verbindet, das ist ein großes Wünsch-Dir-was in Sachen menschlicher Natur, wobei Fakten nur gelten, solange sie das Weltbild nicht stören.

Ach so, und dann geht es ja noch um die Fragen: Was ist eine Frau? Was ist ein Mann? Die werden immerhin klar beantwortet. Liebe*r Leser*in schauen sie einfach zwischen die Beine, heben sie den Rock oder lassen die Hose fallen und lüften das in ihrem Schlüpfer verborgene Geheimnis. Und was sie dort finden – das ist entweder eine Frau (Vulva) oder ein Mann (Penis). Das erinnerte mich an den Sexualkunde-Unterricht Ende der 1960er Jahre, obschon unser alter Bio-Lehrer, genannt Billy, uns die Fortpflanzung lieber am Beispiel der Schmetterlinge erklärt hätte, so peinlich war ihm das – und das war damals absolut fortschrittlich (nein, nicht die Schmetterlinge, ja, uns so überdeutlich Penis und Vagina stellvertretend für Mann und Frau zu zeigen). Zu solchen einfachen Antworten, die nun wirklich alle kapieren – dazu braucht man keine Simone de Beauvoir und erst recht keine Judith Butler – kommen Schwarzer & Co., weil sie die Genitalien tatsächlich auch im Kopf haben. In die Gehirne würde ich gerne mal reinschauen. Ende der Debatte.

Nora Eckert ist Publizistin und Ausführender Vorstand bei TransInterQueer e. V.

PS: Nora Eckert spricht in ttt über Alice Schwarzers Buch.

Transsexualität. Was ist eine Frau? Was ist ein Mann? – Eine Streitschrift; herausgegeben von Alice Schwarzer und Chantal Louis; März 2022; 224 Seiten; Taschenbuch; ISBN: 978-3-462-00267-6; KiWi-Taschenbuch; 15,00 €; auch als eBook erhältlich

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