„Wir haben hier Hoffnung“

Es ist hier nun nicht das erste Mal, dass es schwerfällt, eine passende Besprechung zu schreiben, ohne großartig zu spoilern, also Dinge preiszugeben, die Zuschauer*innen besser selbst entdecken sollten. Sagen (oder schreiben) lässt sich in jedem Fall, dass Wild Republic, trotz manch eines Mankos, eine absolut sehenswerte und besondere Serie ist. Fertig.

Ugh, Menschen

Aber wir wären ja nicht wir, wenn hier fertig wären. Zuvorderst muss unbedingt gesagt werden, dass die achtteilige Serie topbesetzt ist. Angefangen bei Emma Drogunova (Bonnie & Bonnie) und Merlin Rose (Aus der Haut) über Aaron Altaras (Mario, Legal Affairs), Maria Dragus und Béla Gabor Lenz zu Verena Altenberger und Franz Hartwig, der hier statt eines Killers in den Bergen einen Suchenden in diesen spielt. Achso Ulrich Tukur ist auch dabei, was aber… nun ja…

Ein Wanderung die ist schön, oder so // © WDR/Kuhn Fotografie/Luis Zeno

…damit sind wir bei dem Part, an dem die Serie, die sich um ein Resozialisierungsprogramm, das derb schief läuft und dann doch wiederum in sich funktionieren mag, dreht, schwierig wird. Es gibt so manchen Nebenschauplatz und -charakter, der schlicht nicht funktioniert. Klar sagt mensch: „Ach, wenn wir Tukur haben können, nehmen wir den.“ Aber das funktionierte schon bei der RTL+ -Produktion Faking Hitler nur bedingt (was dennoch eine unbedingt sehenswerte Nummer ist). 

Am besten ist Wild Republic, wenn es uns die Dynamik der knapp zehnköpfigen Gruppe – allesamt vorbestrafte junge Erwachsene – zeigt. Auch da mögen wir Zuschauenden uns an mancher Stelle denken: „Oh, come on!“ Aber so ist das eben; das sind Menschen, die unerwartet in eine Situation geworfen wurden, von der sie bis eben noch nichts wussten. Daraus speist sich die Faszination.

„My name `s Justin“

Now do me, do me! Justin (Béla Gabor Lenz) // © WDR/X-Filme Creative Pool/Luis Zeno Kuhn

Natürlich gibt es hier den bewusst-moralischen Anführer in der Figur Ron (Merlin Rose) und diejenige, die erst ihm und dann auch der Idee einer eigenen Gemeinschaftsgesellschaft anhängt (oder ist es gar umgedreht?), verkörpert von Emma Drogunova als Kim (und wir schrieben es schon, aber was diese Frau spielt, ist Wahnsinn). Es gibt den sensiblen Pöbler – Can (Aaron Altaras) -, die reflektierte Nazibraut – Lindi (Maria Dragus) -, die Social-Media-Person mit Last – Jessica (Camille Dombrowsky) – und den gemobbten Dicken, der dann selber mobbt – Marvin (Rouven Israel).

Einen sexy Psychopathen gibt es auch und den spielt Béla Gabor Lenz mit einer solch beeindruckenden Kälte, dass wir uns eine erweiterte „Justin Rising“-Geschichte wünschen. Nun zurück zum „Damit sind wir bei dem Part, der…“, der noch auf sich warten lässt. Die Serie, alles in allem wirklich gut geschrieben von Arne Nolting, Jan Martin Scharf, Klaus Wolfertstetter, Peer Klehmet, Jan Galli, macht, wie erwähnt, so manch unnötigen Nebenschauplatz auf. 

Ugh, mehr Menschen

Verena Altenbergers Figur Rebecca, zwischendurch vergessen und dann doch wieder eine Schlüsselrolle einnehmend, ist so ein Nebenschauplatz. Sie führt die Gruppe auf ihren Trip, der durch einen gravierenden Zwischenfall danebengeht und wird erst entführt, dann weggeschickt, dann wiedergefunden, gefangen, läuft weg, wird gefunden, bleibt, geht, … da ist viel los, das nicht hätte los sein müssen. Die Moral, oder den moralischen Gedanken, den ihre Figur vermitteln soll, hätte man auch anders integrieren können. Dessen unbenommen macht Altenberger aus den Sätzen, die gerade ihre Figur eher aufsagen muss, das Beste. Auch sie – eine der neuen Großen. 

So viele unnötige Fragen: Sellien (Franz Hartwig, rechts) scheitert am Polizisten Grasser (Gerhard Liebmann) // © WDR/X-Filme Creative Pool/Luis Zeno Kuhn

Groß ist auch die Rolle der Figur Lars Sellien (Franz Hartwig), der das ganze Programm initiiert hat und durch dessen Fortgang in die Bredouille gerät mit Rebecca verlobt ist. In sechs von acht Folgen stapft er auf dieser Basis ahnungslos und unbeholfen durch die malerische Südtiroler Bergkulisse. Er ist so die Figur Zuschauenden-Erklärer-101 (oder 151). Das frustriert bisweilen, da Wild Republic eine durchaus sehr klug geschriebene Serie ist. Wir wissen, der Mensch an sich ist dumm; dennoch – habt Vertrauen in ihn. 

„Das ist eine private Frage“

Grandios ist die Serie wiederum, wenn es darum geht, unterschwellig – oder auch mal sehr direkt – nach Wiedergutmachung zu fragen und zu erkunden: Was muss eigentlich getan werden, um sich zu rehabilitieren? Natürlich steigen diese jungen Menschen aus, eben weil sie zu sehen meinen, dass die Mehrheitsgesellschaft sie bereits abgeschrieben habe. Aber auch in der eigenen Dynamik geht es darum, auszuhandeln was getan werden sollte und muss, um sich von Fehlern zu befreien. 

Marvin beispielsweise wird gegenüber Jessica übergriffig; zurecht wird das bestraft. Doch nach der Strafe bleibt die Verletzung, bleibt der Zweifel, bleibt Antipathie. Aber ist das okay? Menschlich – sicherlich. Doch mit dem Gedanken, der die Gruppe trägt – quasi Auge um Auge, aber fair, irgendwie – nicht. Mit seiner Strafe hätte seine Schuld – nach Logik der Aussiedler – abgegolten sein müssen.

Hit me Baby one more time.. and again… and again: Can (Anand Batbileg) // © WDR/X-Filme Creative Pool/Bernd Spauke

Dass das nicht so ist, zeigt nur, dass selbst jene, die sich der Masse und deren Urteil entziehen wollen, eben doch Produkt des Ganzen sind. Prägung und so. Ron will aus seiner Prägung raus – dem Bonzen-Vater Tukur, in einer toll gespielten aber wie erwähnt vollkommen unnötigen Rolle, muss entkommen werden – und wird am Ende Opfer dieses Entkommenwollens. 

Da ist doch noch was

Wir wählen diese Worte nicht so oft, aber es gibt bei Wild Republic, hinter den famosen Bildern von Regisseure Markus Goller und Lennart Ruff und Kameramänner Christian Stangassinger und Jan-Marcello Kahl, eine Metaebene, die es sich zu erkunden lohnt. Das kann durchaus mit Frust verbunden sein, weil die letzte Konsequenz dann doch einer recht formelhaften Erzählung geopfert wird; die richtigen Fragen und Themen sind aber dennoch da.

Kim (Emma Drogunova, l) und Jessica (Camille Dombrowsky) – die Hoffnung stirbt zuletzt // © WDR/X-Filme Creative Pool/Bernd Spauke

Darüber hinaus ist der Produktionswert hoch, die Bergpanoramen wunderbar (unser Herausgeber, gebürtig aus den Bergen: „Was machen die denn im Winter?“), die Musik von Volker Bertelmann (Westwall, Ammonite) ist fantastisch und die Darsteller*innen sind es wie erwähnt auch. Apropos Westwall – nebenher gibt es eine große Umsturz-Verschwörungssituation, die natürlich für Spannung sorgt, aber auch so wirkt, als hätte mensch gemeint, die Story der „Kids“ allein würde nicht tragen.

Yay, Menschen

Was schade ist, denn das tut sie. Zu jeder und jedem – bis auf Hiro (Anand Batbileg), oder ich hab’s verpasst – gibt es eine Hintergrundgeschichte und die ist meist sehr gut und sehr vermittelbar und geben den Roten Faden für jeweils eine Folge vor. Ob die Frau, die in die Prostitution gezwungen wurde und sich dann für Menschenhandel entschied, der Junge, der rebellierte und dabei fast tötete, das Nazi-Mädchen, das den Afghanen verprügeln (oder töten?) ließ, der Junge, der es nur wieder gut machen wollte und dabei in eine Eskalationsspirale geriet: Das ist alles sehr gut gemacht, gut erzählt. Hier liegen die Stärken, nicht einer Da-Vinci-Westwall-24-Code-Geschichte.

Run, people, run // © WDR/Kuhn Fotografie/Luis Zeno

Meine Notizen sind noch viel ausführlicher, aber wie erwähnt soll hier nicht allzu sehr gespoilert werden. Definitiv ist es eine Serie, die geschaut und über die geredet werden sollte. Moral und Schuld, Vergebung und Strafe werden solide behandelt, ohne dass es – bis auf wenige Ausnahmen – wie ein Lehrvideo wirken würde und es gibt Raum, uns selber denken zu lassen. Neben Legal Affairs (und dem Pass) eine der besten deutschsprachigen Serien der letzten Zeit.

AS

PS: Ja, die zweite Zwischenüberschrift ist eine Anspielung auf Plebs. Schaut es. 

© WDR/Stephan Zwickirsch/Lailaps Pictures GmbH/X Filme Creative Pool GmbH

Wild Republic ist in der arte-Mediathek verfügbar; linear strahlt arte heute, am 26. Mai, ab 22:05 Uhr die ersten drei Folgen aus, die Folgen 4 bis 6 am 2. Juni und 7 und 8 am 9. Juni; Das Erste strahlt die Serie am 3., 10. und 17. Juni aus und alle Folgen sind ab 27. Mai auch in der ARD-Mediathek verfügbar.

Wild Republic; Deutschland 2021; Regie: Markus Goller, Lennart Ruff; Drehbuch: Arne Nolting, Jan Martin Scharf, Klaus Wolfertstetter, Peer Klehmet, Jan Galli; Kamera: Christian Stangassinger, Jan-Marcello Kahl; Musik: Volker Bertelmann; Darsteller*innen: Emma Drogunova, Merlin Rose, Maria Dragus, Béla Gabor Lenz, Rouven Israel, Aaron Altaras, Camille Dombrowsky, Verena Altenberger, Franz Hartwig, Luna Jordan, Anand Batbileg, Ulrich Tukur, Wolf Danny Homann, u. v. a.; acht Folgen jeweils ca. 48 Minuten; verfügbar in der arte– und ARD-Mediathek

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