Zurück in der Canal Street

Die Vorfreude ist groß: Nicht mehr lang und die Neu-Neu-Konzeption einer der wohl bekanntesten queeren und vor allem schwulen Serien geht auch in Deutschland an den Start. Die 2022er-Version von Queer as Folk wird ab dem 31. Juli auf Starzplay zu sehen sein. Die Freude darüber ist nicht nur groß, weil es dieses Mal wirklich queer zuzugehen scheint oder weil der Macher von Closet Monster, Stephen Dunn, neben dem Erfinder von Queer as Folk, Russell T Davies, federführend bei dem Projekt ist, sondern weil es einfach so viele Geschichten über Queerness im 21. Jahrhundert zu erzählen gibt, dass Neues willkommen ist.

Rein ins Leben

Wenn es auch nicht neu-neu, sondern eben auf dem Klassiker basierend ist und einer Grundidee von Queerness und Schwulsein, wie Russell T Davies sie seit über zwei Dekaden in immer wieder neuen, nicht selten hervorragenden, Projekten präsentiert, folgend. Manche von uns werden sich noch an das Original erinnern, möglicherweise an ein Gefühl der Heimlichkeit beim Schauen, andere mögen von dieser britischen Version gehört, sie aber nie gesehen haben.

So oder so ist es wunderbar, dass die zehn Folgen aus zwei Staffeln, die zwischen 1999 und 2000  erstmals im Vereinigten Königreich ausgestrahlt wurden (hierzulande erst 2008, dafür konnte mensch für nicht wenig Geld die VHS-Veröffentlichungen erwerben) und Aidan Gillen (Peaky Blinders, Game of Thrones), Craig Kelly und Charlie Hunnam (Sons of Anarchy, The Lost City of Z) in den Hauptrollen zeigen, noch bis zum 29. Juli in der arte-Mediathek zu sehen sind. Dies wunderbarerweise gar in der Originalfassung (wahlweise mit deutschen Untertiteln).

Queer Drama in Manchester

Vielen ist sicherlich die amerikanische Version vertrauter, die über fünf Staffeln und 83 Folgen dem Leben einer schwullesbischen Clique in Pittsburgh folgte und dabei so unterhaltsam wie durchwachsen war. Gerade der Beginn des US-Remakes von 2000 folgt recht streng der ersten Staffel des britischen Originals: Der 15-jährige ungeoutete Nathan (Hunnam) macht zum ersten Mal die Canal Street in Manchester unsicher und trifft prompt auf den attraktiven und selbstbewussten Stuart (Gillen). Dieser lässt für die Aussicht auf einen heißen One-Night-Stand seinen besten Freund Vince (Kelly) stehen. 

Nathan (Charlie Hunnam) und seine beste Freundin Donna (Carla Henry) // © Alle Rechte vorbehalten

Die Nacht wird durch die Geburt von Stuarts Sohn unterbrochen und doch wird Nathan sich quasi unsterblich in ihn verlieben – das allerdings zum Leidwesen von dessen bester Freundin Donna (Carla Henry), wie auch dem von Vince, denn Nathan wird alsbald bei dessen Mutter Hazel (Denise Black) einziehen. Noch dazu muss er die Avancen einer heterosexuellen Kollegin (Caroline Pegg) abwehren und was er von dem Buchhalter Cameron (Peter O’Brien) halten soll, den er auf der Beerdigung eines Freundes kennenlernte, weiß er auch nicht.

Klassismus, Rassismus und Realismus

Queer as Folk beackert also fleißig die „großen“ Themen, wenn’s um nicht-heteronormatives Leben geht: das Entdecken der eigenen Sexualität, mögliche Entfremdung von Freunden und Familie, das Schaffen neuer Konstellationen, (späte) Coming-outs, internalisierte Homophobie, Homofeindlichkeit und Mobbing, Partys und mögliche bisweilen tödliche Folgen, Dating und mögliche Konsequenzen wie Liebe und Schmerz und so weiter und so fort. Ausgespart bleibt jedoch das Thema Aids/HIV, wofür die Serie auch bereits zur damaligen Zeit zurecht kritisiert wurde (zwanzig Jahre später glich Russell T Davies das quasi mit der famosen Serie It’s a Sin aus).

Gesprayte Homofeindlichkeit selbstbewusst beantwortet: Stuart (Aidan Gillen) und Vince (Craig Kelly) // © Alle Rechte vorbehalten

Allerdings schreckt sie sonst kaum vor Themen und schon gar nicht vor Härte zurück, was bei Davies, der alle zehn Folgen schrieb, auch kaum verwundert. Ebenso ist sie durchaus recht vollgepackt. Zwar liegt der Fokus hier eindeutig auf den drei jungen Männern und die meisten Nebenfiguren sind genau das und funktionieren nur in Handlungssträngen, die unbedingt mindestens einen der drei einbeziehe. Dennoch gibt es Raum für viele Probleme, die gerade in Großbritannien gesamtgesellschaftlich existieren: Klassismus und Rassismus. 

Vor allem erstgenanntes sticht immer wieder durch und kann als ein roter Faden, der nicht selten Handlungen und/oder Reaktionen auslöst, gesehen werden (ein Motiv, das Davies immer wieder aufgreift – sei’s in Cucumber, A Very English Scandal, Years and Years und zuletzt auch in It’s a Sin). Bei alldem bleibt die Serie doch auf sympathische Weise leicht, was auch an der alles in allem durchweg sympathischen Zeichnung der drei nicht ganz einfachen Hauptpersonen liegt, die die Produzent*innen einmal als Verkörperung von schwulen männlichen Archetypen bezeichneten.

Eine zeitlose Charakterstudie

Das ist nicht von der Hand zu weisen, findet sich in Stuart doch der Typ „Ich mache was ich will, wann ich will, wie ich will“, in Vince der treue, verunsicherte beste Freund, der im Schatten vermeintlich größerer Personen und seiner Ängste existiert und in Nathan der neugierige, Verunsicherung durch Übermut überspielende Springinsfeld, dem die Welt offen zu stehen scheint. Dass natürlich nicht alles so einseitig ist, zeigt sich im Lauf von Queer as Folk und vor allem in der sehr viel ernsteren zweiten Staffel deutlich. 

So sei euch das kleine Menschenuniversum, das Davies hier geschaffen hat, unbedingt ans Herz gelegt. Die etwa sechs Stunden werdet ihr nicht bereuen. Nicht zuletzt auch der Soundtrack mit wunderbar gemixten und gecoverten Pop- und Dance-Klassikern bereitet große Freude und mag auch auf’s Nachtschwärmern einstellen. 

JW

Craig Kelly, Aidan Gillen, Charlie Hunnam // © Alle Rechte vorbehalten

Queer as Folk; 2 Staffeln; UK 1999-2000; Idee & Drehbuch: Russell T Davies; Regie: Charles McDougall, Sarah Harding, Menhaj Huda; Musik: Murray Gold; Kamera: Nigel Walters; Darsteller*innen: Aidan Gillen, Craig Kelly, Charlie Hunnam, Denise Black, Andy Devine, Jason Merrells, Esther Halls, Saira Todd, Maria Doyle Kennedy, Jonathon Natynczyk, Caroline O’Neill, Antony Cotton, Caroline Pegg; 10 Folgen, ca. 31 – 46 Minuten; noch bis zum 29. Juli in der arte-Mediathek

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