Die gar nicht so stumme Serenade

Liebhaber des klassischen Theaters hatten in den letzten eindreiviertel Jahren ja eher mit einer Durststrecke zu kämpfen. Lockdown, Corona-Konzepte oder auch simpler Personalmangel führten in allen Theatern zu Ausfällen, Zusammenlegungen oder gar Schließungen. Ein gern genommener Weg diesem Trend entgegenzuwirken war es, auch gerade nach den Wiederöffnungen, extrem populäre Stücke auf den Spielplan zu hieven.

Das Schleswig-Holsteinische Landestheater hat sich dankenswerterweise diesem Trend in einer Produktion entgegengestellt und mit der Operette Die stumme Serenade von Erich Wolfgang Korngold einem eher wenig beachteten Stück wieder eine Bühne gegeben. Wobei EINE Bühne dabei der falsche Ausdruck ist, denn es kann aufgrund der vielfältigen Spielstätten auf der Bühne des Theater Flensburg, aber durchaus auch Rendsburg, Neumünster oder Itzehoe sein.

DIE STUMME SERENADE Operette in zwei Akten von Erich Wolfgang Korngold / Libretto von Victor Clement unter Verwendung einer deutschen Einrichtung von Raoul Auernheimer / Gesangstexte von Bert Reisfeld und Erich Wolfgang Korngold // Auf dem Foto: Rastislav Lalinský, Amelie Müller MUSIKALISCHE LEITUNG Ingo Martin Stadtmüller; INSZENIERUNG: Kornelia Repschläger BÜHNE: Olaf Grambow KOSTÜME: Ralf Christmann CHOREOGRAFIE: Nicola Mascia MIT Jessica Eccleston, Ayelet Kagan, Amelie Müller, Małgorzata Rocławska, Eva Schneidereit; Dritan Angoni, Kai-Moritz von Blanckenburg, Paul Knäpper, Rastislav Lalinský; Schleswig-Holsteinisches Sinfonieorchester // © Schleswig-Holsteinisches Landestheater

Seit der Premiere im September erfreut sich dieses Stück durchaus der Beliebtheit des Publikums, wobei die Besucherzahlen, sicher wie in allen Häusern derzeit, höher sein könnten.

Die abstruse Handlung

Neapel, als die Welt noch in Ordnung und die patriarchale Weltordnung nicht so in Frage gestellt war: Der Bericht der Schauspieldiva Silvia Lombardi, dass ein Mann sie mitten in der Nacht in ihrem Zimmer überrascht und geküsst habe führt nahezu zu einem Aufruhr. Die Staatsgewalt nimmt gleich versuchte Entführung an, die Damenwelt ergeht sich in romantischen Vermutungen.

In derselben Nacht wurde unter dem Bett des Ministerpräsidenten eine Bombe platziert, aber der lebt ja noch – die Bombe ist nicht explodiert, so widmet sich alles gern dem Skandal und der vermeintlichen Aufklärung. Sehr zum Leidwesen des durchaus ungeliebten Politikers, der auch noch der aktuelle Verlobte von Frau Lombardi ist.

DIE STUMME SERENADE // // © Schleswig-Holsteinisches Landestheater

Aus dieser Situation heraus entwickelt sich ein, wie es das Theater beschreibt „schräg-vergnügliches Verwirrspiel um die Macht der Liebe“. Wo sie recht haben, haben sie recht.

Schräg – check, vergnüglich – check, Verwirrspiel – check

Die durchaus hanebüchene Handlung passt ganz gut zu einer Operette aus den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts. So darf man der inszenierenden Kornelia Repschläger wirklich dankbar sein, dass sie das Ganze nicht in irgendeine abstrakte Zukunft projiziert hat, sondern sich einen wirklich pfiffigen Schachzug für das Bühnengeschehen ausgedacht hat. Wir befinden uns an einem 50er Jahre Filmset und werden Zeuge, wie gerade der Film über diese Geschichte gedreht wird. Regisseur (absolute Paradedarstellung von Paul Knäpper), Klappe und Drehbuch bilden in den meisten Szenen den Rahmen und leiten so den Fokus gekonnt auf das zentrale Spielgeschehen. Dieser als wirklich klug zu bezeichnende Spielzug wird auch noch von der mutigen Kürzung des Stoffes auf eine Gesamtspielzeit von 90 Minuten unterstützt. Spielfilmlänge, kein unnötiges Gerede, glatte Entwicklung, direkt auf die verschiedenen Höhepunkte zu.

Set am Set // © Frank Hebenstreit

Die Lombardi (stimmgewaltig und ganz 50er Jahre Diva: Amelie Müller) und ein spielbegeistertes Ensemble nehmen den Zuschauer schnell mit und lassen vergessen, dass man in einem Theater sitzt. Bereits ganz am Anfang weiß Andrea Coclé (herrlich leidend und schmachtend Rastislav Lalinsky) den Voyeurismus des Publikums nur mit einem Filmplakat als Gegenspieler anzufachen und dessen Neugier dann nie ganz aus der Hand zu geben.

Ach so, genderhopping – check

Flinke Kostüm- und teilweise auch Geschlechterwechsel in der Rollenübernahme machen hier Spaß und bereiten dem geneigten Zuschauer manchen auch überraschenden Moment.

DIE STUMME SERENADE // © Schleswig-Holsteinisches Landestheater

Sowohl der Bühne von Olaf Grambow, als auch den Kostümen von Ralf Christmann gebührt ein großes Kompliment. Beide haben offensichtlich den Blick für das Große im Kleinen und vergessen nie, dass das Auge des Zuschauers eben auch mal abschweifen kann. Bis in die kleinsten Details wirken Bühne und Kostüme wie aus einem Guss. Keine Ecke lenkt das Auge des Betrachters bewußt ab. Fängt es jedoch das Schweifen an, hat er immer was Wunderbares oder Gefälliges zu sehen, seien es aufwendig gearbeitete Kostüme oder liebevoll gestaltete Kulissen.

Unter der musikalischen Leitung von Ingo Martin Stadtmüller gibt sich ein wenn auch kleines aber sehr spielfreudiges Ochestralensemble den durchaus schmissigen Melodien hin. Ein wirklich vergnügliches Gesamtkunstwerk.

Wer jetzt Lust bekommen hat, dieses geschichtlich bedeutsame Kleinod im Schleswig-Holsteinischen Landestheater zum sehen, möge sich eilen, zur Zeit stehen nur noch drei Termine im Spielplan; die nächste Aufführung findet am 25.12.2021 statt.

FH

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