Fischgemachter Lebenswandel

Beitragsbild: Klassische alte, renovierte Stelzenhütten, rorbuer, können zumeist von Tourist*innen gemietet werden // Foto: Andre Erlich

Irgendwie musste ich an das kleine, Widerstand leistende gallische Dorf denken, als ich die Einleitung des mareverlag-Verlegers, mare-Chefredakteurs und Fotoband-Herausgebers Nikolaus Gelpke zum Band Lofoten las: „Fast am Ende, kurz vor dem Nordkap, ragt eine Inselgruppe in den wilden Nordatlantik.“ Diese Assoziation mag sich nicht allen erschließen, mir jedenfalls war sie sofort im Kopf. Sei’s drum. Der geborene Zürcher Gelpke fährt fort, dass der Nordatlantik dort, umspült „vom wärmenden Golfstrom“ gar nicht so wild sei und durchaus „ein Bad im Sommer und im Winter eisfreie Häfen und Fjorde“ ermögliche.

Willkommen auf den Lofoten – einer aus 80 Inseln bestehenden Inselgruppe, bewohnt und genutzt werden jedoch lediglich sieben, so um die 200 Kilometer nördlich des Polarkreises gelegen und die Wiege des Stockfischs und so manch anderer… nennen wir es Errungenschaften. Oder besser Entdeckungen? Entwicklungen? Autor Dimitri Ladischensky, 1972 geboren und seit 2001 bei mare, jedenfalls meint in seinem einleitenden und so informativen wie schmissigen Essay „Inseln, wie der Fisch sie schuf”, der Stockfisch sei „[i]m weitesten Sinne […] also ein Entdeckermacher.”

Zivilisation und Kitsch

Dem wollen wir nach der Lektüre und den an uns herangetragenen Informationen über Wikinger, die den Fisch aufgrund seiner Haltbarkeit für ihre Expeditionen und Eroberungszüge nutzten – und der somit „[i]m engeren Sinne der Existenzgründer der Lofoten” gewesen sei. Bauboom, Fischerei, Export, Ent- und Aufforstung, Straßen, Tunnel, drahtlose Telegrafen. Alles dank des Fisches (und wegen Gier und Geld).

„Parsa Massahi sammelt Algen bei Leknes auf Vestvågøy. Er und seine Frau Lisa betreiben einen veganen und biodynamischen Bauernhof.“ // © Andrea Gjestvang/mareverlag

Mit all diesen Entwicklungen kamen auch Künstler, die durchaus in erster Linie eine romantisierende wenn nicht gar fetischisierende Herangehensweise bei der Darstellung der Inselgruppe und der Gebirgskette, der so genannten „Lofotenwand”, wählten. Gelpke in seinem Vorwort: „Natürlich verleiten solche Szenerien zu Bildern voller Klischees und Drohnenkitsch.” Ebenso kam manch Autor, der gern dem Kitsch zugeneigt war. Wenn es auch kritische Stimmen gab.

Müll und Tran

Zu guter Letzt, irgendwie jedenfalls, kamen nun auch die Touristen und mit ihnen das Dilemma: Sicherlich ist man auf den Lofoten und einzelnen Inseln/Orten dieser vom Tourismus abhängig. Wenn jedoch die großen Wohnwagen vollgepackt mit eigenem Proviant kommen und lediglich für Gratis-Stockfisch-Proben halten, wird es schwierig. Geld lassen sie kaum welches da, dafür umso mehr Müll.

Weder Müll noch Kitsch ist dieser optisch wie inhaltlich vielfältige Band, der neben etwa achtzig Fotografien von Leben und Natur, Arbeit und Tradition, Mensch und Fisch diverse Kurztexte beinhaltet. Diese bieten mehr und mehr Kontext zum von Andrea Gjestvang während vier Reisen abgelichteten Material. So erfahren wir mehr über die umtriebigen Wikinger, die vom Golfstrom verwöhnten Lofoten oder wie es zu den recht restriktiven Alkoholgesetzen Norwegens gekommen sein dürfte (Stichwort: Tran).

Bilder und Geschichten

Wie bei den in Leinen gebundenen mare-Fotobänden üblich, gibt es auch in Lofoten im Appendix Erläuterungen zu jedem Bild, die je nach Motiv der 1981 geborenen und in Berlin und Oslo lebenden Fotografin Gjestvang (u. a. publiziert in National Geographic, Time Magazine, The New York Times, M Le Monde oder natürlich mare), entweder von persönlichen Geschichten der Menschen, vom Umfeld, Naturereignissen, Abwanderung oder der Tradition, dass das Schneiden der Kabeljauzungen fest in Kinderhand ist, erzählen.

„Zwei Jungen in Unstad, von einer alten Garage aus gesehen, an einem Julitag. Das Dorf hat 13 Einwohner und ist von Bergen umgeben. Wer aufs Meer schaut, hat im Sommer einen spektakulären Blick auf die Mitternachtssonne.“ // © Andrea Gjestvang/mareverlag

Wir lernen mit dem „Skraaven Havsulforening” einen ganzjährigen Schwimmverein sowie deren Gründerin Elin Blom kennen. Beobachten ein einsames Fischerboot, das nach Henningsvær zurückkehrt; sind beeindruckt von einer eingeschneiten Tankstelle in Vestersand auf Vestvågøy oder dürfen ein weißes Rentier bewundern und lernen dabei etwas über Zucht und Verehrung der Tiere. Treffen auf die zur Zeit der Aufnahme 94-jährige Gerd Ellingsen, die die älteste Einwohnerin Skrovas ist und deren Mann Ellingsen Seafood gründete.

Natur und Erinnerung

Es finden sich Fotografien von Kisten in Fischannahmestellen und Skreiköpfen, von Surfern und Kindern in Musikkorps-Uniformen. Hart stimmungsvolle Bilder der Gipfel der Lofotenberge, über denen die Wolken thronen oder natürlich, mensch kommt nicht drumherum, von Polarlichtern sowie Feuern und Funkenflug. Die Brücke nach Henningsvær mitsamt dramatischer „Beleuchtung, mystische[n] Klippen, tiefe[n] Täler[n] und klare[n] Seen – ‚Der Herr der Ringe‚ hätte auf den Lofoten gedreht worden sein können”, heißt es dazu passsend. Ein Brunnenhaus in Kvalnes auf Vestvågøy, ein Abendnebel im gleichen Ort oder grüne Felder in Unstad lassen Erinnerungen an Schottland oder Irland aufkommen.

(Verlassene) Nachkriegshäuser und vernagelte Fenster, Plastikblumen und eine Kopie des Gemäldes „Der Fischer” von Harry Haerendel, ein Gebetshaus oder ein Portrait von Elvis Presley, Rentierzäune und Lupinen – all das vermittelt mannigfaltige Eindrücke vom Leben auf den Lofoten. Spannend an den Bildern ist zudem, dass, selbst wenn manche in aller Stille aufgenommen zu sein scheinen und ihnen eine gewisse Ruhe inhärent ist, sie doch nie steif oder leblos wirken. Das Leben scheint, bei aller vermeintlichen Abgelegenheit, immer in Bewegung.

Lofoten von Andrea Gjestvang ist ein Band, der dazu einlädt ihn wieder und wieder zu erkunden, der seine kraftvolle Wirkung womöglich erst auf den zweiten Blick und nach eingehender Lektüre der Begleittexte entfaltet. Mit anderen Worten: Ein Text-Bildband von Dauer.

AS

Andrea Gjestvang: Lofoten; Herausgeber: Nikolaus Gelpke; mit einem Essay von Dimitri Ladischensky; Gestaltung: Anna Boucsein; September 2023; 132 Seiten, fadengeheftet, Leineneinband; ca. 80 Abbildungen; produziert mit hochpigmentierter Farbserie aniva® plus von Epple Druckfarben GmbH im 120-L/cm Feinraster; Papier: Condat matt Périgord 170 g/m2; Format: 30 x 26 cm; ISBN: 978-3-86648-730-7; mareverlag; 58,00 €

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