„Den größeren politischen Bögen begegnen“

Nach Sichtung des Films Angela Merkel – Im Lauf der Zeit hatten wir Gelegenheit mit dem Regisseur Törsten Körner über die Dokumentation zu sprechen. Dabei geht es darum, wie sich sein jüngstes Buch Die Kanzlerin am Dönerstand (unsere Besprechung lest ihr im März) und der Film ergänzen, wie Angela Merkel ihre Herkunft zum Vorwurf gemacht wurde, um Erwartungshaltungen, das Machbare und das Nötige, darum, wie die Bundeskanzlerin a. D. erinnert werden könnte und wie spannend, aber auch welchen Spannungen, die Ampel-Koalition unterworfen ist.

Keinerlei Verwechslungsgefahr

the little queer review: Einige Episoden aus Ihrem im November 2021 erschienen Buch Die Kanzlerin am Dönerstand finden sich so oder so ähnlich auch im Film Angela Merkel – Im Lauf der Zeit, manch eine Anekdote wird noch einmal anders eingerahmt. Ist das also der Film zum Buch oder das Buch zum Film? 

Torsten Körner: Man kann sicherlich sagen, dass sich Buch und Film wechselseitig ergänzen, aber weder miteinander zu verwechseln noch identisch sind. Beide haben einen ganz anderen Atem. Während das Buch in vielen kleinen Miniaturen umfänglicher erzählen kann und persönlicher und privater geworden ist, versucht der Film eher den größeren politischen Bögen und Themen zu begegnen und in etwas größeren Kapiteln diese Biografie und Karriere zu erzählen.

Angela Merkel, damals Bundesministerin für Frauen und Jugend (im Kabinett Kohl IV) in ihrem Büro, 17. Oktober 1991 // © Getty Images

the little queer review: Wann fing Ihrer Einschätzung nach eine differenziertere Wahrnehmung der Kindheit Angela Merkels an? Lange hieß es ja immer nur „diese Pfarrerstochter aus dem Osten“.

Torsten Körner: Wann man genau begann, differenzierter auf ihre Kindheit und ihr Aufwachsen in der DDR zu schauen, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen. Ich glaube grundsätzlich, ist ihr ihr Leben im Osten eher zum Vorwurf gemacht worden und häufig genug ist es für manche Autoren eher eine Angriffsfläche gewesen. In den ersten Jahren, als sie junge Ministerin war, hat sie häufiger über ihr ostdeutsches Leben gesprochen, ihre ostdeutsche Identität häufiger zum Thema gemacht und hat sich auch in ihrem Amt als Frauen- und Jugendministerin noch mehr mit ostdeutschen Themen befasst. Im Lauf der 90er-Jahre und als Umweltministerin hat Angela Merkel das Thema dann etwas zurückgestellt, weil sie gemerkt hat, dass sie damit nicht wird Karriere machen können in Gesamtdeutschland. 

„Ein buntes Menschendurcheinander“

Ich glaube man muss, und das hätte auch im Film der Fall sein können, wenn man sie verstehen will, insgesamt breiter ihre ostdeutsche Herkunft erzählen, erklären und auch die Fähigkeiten und Talente, die sie aus dem Osten und vom Waldhof, auf dem sie aufgewachsen ist, mitgebracht hat, wertschätzen [etwas, das der Film durchaus aufgreift, viel sehr Spannendes findet sich jedoch vor allem im Buch, Anm. d. Red.]. Denn mit diesen hat sie schließlich in Gesamtdeutschland Karriere gemacht und die haben nicht unerheblich dazu beigetragen, dass sie als Politikerin so erfolgreich war.

Ulrich Matthes im Interview zu Angela Merkel – Im Lauf der Zeit // © BROADVIEW TV

Dazu gehört eben mehr, als dass sie aus dem Osten kommt, dass sie aus einem christlich geprägten Elternhaus kommt. Auch, dass sie im Waldhof mit ganz unterschiedlichen Menschen mit Behinderung aufgewachsen ist. Ulrich Matthes sagt dazu im Film glaube ich, „sie ist einem bunten Menschendurcheinander aufgewachsen.“ Das hat mir gut gefallen, das hat glaube ich ihre Empathiefähigkeit und ihre Fähigkeit, sich in andere Menschen einzufühlen, gefördert und das ist sicherlich auf ihrem Weg als politisches Talent ganz wichtig gewesen.

the little queer review: Dazu, wie man Angela Merkel in der Post-Merkel-Ära in Erinnerung behalten wird, schreiben Sie im Presseheft, dass man ihr Wirken womöglich ein wenig nostalgisch verklären wird, manch falsche Entscheidung eher milde betrachtet werden wird oder werden könnte. Meinen Sie, dass das so ist, so sein wird? In einer Zeit, in der die AfD vergleichsweise stark ist, Querdenker da sind, Esoteriker und Reichsbürger sich verbinden und alle Seit’ an Seit’ gegen „die da oben“ gehen und dieser Anti-Establishment-Ton, dieser so genannte, so laut ist, ist die Zeit der Verklärung oder Abmilderung, da nicht eher vorbei? Noch verstärkt durch den Effekt, dass Leute aus der eigenen Partei ihr Bild ohnehin nicht allzu positiv geraten lassen wollen.

„Ich schaue nicht voller Nostalgie zurück“

Torsten Körner: Ich weiß gar nicht mehr genau ob und wie ich das im Presseheft formuliert habe, ob das so meine Haltung oder mein Gedanke ist, aber Herfried Münkler sagt im Film, dass „die stabilitätsverwöhnten Deutschen“ der Kanzlerin hinterhertrauern werden und man sie vermissen wird. Das kann ich mir vorstellen, selbst beurteilen kann ich es nicht. Allerdings glaube ich, dass Angela Merkel über viele Jahre eine Stabilitätsgarantin gewesen ist und viele Leute sich an diese Stabilitätsgarantin gewöhnt haben, als eine Frau und Politikerin, die ihnen die Krisen umgangssprachlich vom Hals gehalten hat. Diesem Gefühl und dieser Scheinsicherheit, dem werden die Leute hinterhertrauern. 

Fotos von Angela Merkel in einem Dönerstand, aus Angela Merkel – Im Lauf der Zeit // © BROADVIEW TV

Unter dem Eindruck der Corona-Pandemie, unter dem Eindruck der Polarisierung – Sie haben die AfD angesprochen – dass das gesellschaftliche Klima aufgeheizt ist und dass es immer aggressiver wird und man deshalb vielleicht mit einer gewissen Nostalgie auf diese 16 Jahre zurückblicken wird. Ich persönlich tue das nicht, vor uns liegt ein neuer Abschnitt, eine neue Zeit, eine neue politische Konstellation, die auch spannend ist. Gerade nach drei Mal Großer Koalition, was vielleicht für die politische Kultur des Landes nicht unbedingt segensreich war, ist diese spannungsvolle Ampel interessant, die sicherlich instabiler ist und immer wieder neu austariert werden muss. Manche Leute werden das wertschätzen, andere werden sagen: „Wie war das doch schön mit Angela Merkel und den Großen Koalitionen.“

the little queer review: Das stimmt. Wobei die ja auch nicht immer unaufgeregt und störungsfrei vor sich hindümpelten, so im Inneren. Wenn Sie Herrn Münkler mit den ganz passend so bezeichneten „stabilitätsverwöhnten Deutschen“ zitieren, dann denke ich auch an die Stimmen von Aminata Touré, Luisa Neubauer oder Nico Fried in Angela Merkel – Im Lauf der Zeit, die meinen, Merkel fehlte die Vision, es sei nur reaktive Politik gemacht worden oder eben Neubauer, die sagt: „Es ist ja relativ offensichtlich, dass Frau Merkel mit der Kraft der Krisen Politik macht“, und ebenso kritisch anmerkt: „Sie [Angela Merkel, Anm. d. Red.] sagt, dass Politik das ist, was möglich ist. Und das stimmt einfach ökologisch nicht. Ökologisch gesehen ist Politik nicht nur das, was möglich ist, sondern auch das, was notwendig ist.“ 

Ein Dilemma, uns zu knechten

Doch ist es wohl schwierig, in einer so krisengeprägten Zeit, die die Regierungszeit Merkels nun einmal war, visionär zu handeln. Vor allem in einer Umgebung wie Deutschland, die Veränderung, die sichtbar ist, primär scheut; immer wenn Veränderungswille dazu sein schien und es zum Schwur kam, war er dann doch wieder nicht da [etwas, woran auch Angela Merkel manches Mal verzweifelte, wie Ralph Bollmann in seiner Biografie Angela Merkel – Die Kanzlerin und ihre Zeit fein herausarbeitet, die Besprechung folgt, Anm. d. Red.]. Da ist es eben schwierig, das vermitteln Sie auch in ihrem Film recht gut, Anspruch und Wirklichkeit zusammenzubringen. 

Luisa Neubauer im Interview zu Angela Merkel – Im Lauf der Zeit // © BROADVIEW TV

Wenn’s von, globaler, Krise zu Krise zu Krise zu Corona geht und, das sicherlich ein Versäumnis, kein Mensch weiß, wie die Rente in ein paar Jahren finanziert werden soll, wie soll da visionäre Politik gemacht werden können? Die Betrachtung findet in den Büchern von Ralph Bollmann und Ursula Weidenfeld, jedenfalls teilweise, durchaus Platz. Das mag jedoch allgemein in der Rezeption der Kanzlerinnenschaft etwas zu kurz kommen. Meinen Sie, dass sich da die Wahrnehmung in der Beurteilung ein wenig scheiden mag? Auf der einen Seite heißt es, „wir werden sie vermissen“, auf der anderen, sie hätte visionärer unterwegs sein sollen und doch, wenn es drauf ankommt, auf Veränderung, dann heißt’s: „Ja, aber doch nicht vor meiner Haustür!“ und der Vorwurf landet wieder bei ihr.

Torsten Körner: Sie treiben sich selbst und auch mich in eine gewisse Aporie mit Ihrer Frage, die letzten Endes eine Beschreibung einer dilemmatischen Situation ist.

„Ich saß nicht im Sessel der Kanzlerin“

the little queer review: Das stimmt, aber das ist Teil der Dokumentation, diese Sichtweisen und Widersprüche finden statt und werfen diese vertrackte Fragestellung auf.

Torsten Körner: Ich teile Ihre Analyse, die keine Frage ist, sondern eine Deskription. Um sie aber zu beantworten, müsste ich mich in eine besserwisserische Metaposition begeben und das kann ich nicht und will ich nicht. Deshalb hat der Film auch keinen Off-Kommentar und ich bin auch nicht derjenige, der das rückblickend zu beurteilen hat. Ich würde auch sagen, nicht unbedingt Herr Bollmann oder Frau Weidenfeld [die das im Übrigen doch und dabei nicht immer ganz sauber und schlüssig macht, Anm. d. Red.], die aber als Tageszeitungsjournalisten noch eher; das fordert zu anderen Einsprüchen und Vorschlägen auf – was wäre besser gewesen, wenn man auf dem Sessel der Kanzlerin gesessen hätte. Da sitze ich aber nicht und habe da auch nie gesessen.

Ebenfalls im Film zu sehen: Angela Merkel in augenscheinlicher Konfrontation mit Donald Trump beim G7-Gipfel 2018 in Quebec // © picture alliance, Associated Press

Ich glaube aber, dass es sehr schwierig ist, eine Gesellschaft voranzutreiben und einen Strukturwandel zu fördern, wenn man selbst die Beharrungskräfte, wie Sie beschrieben haben, im eigenen Umfeld erlebt, im familiären Umfeld, im gesellschaftlichen Umfeld, dann bekommt bei wachem Gespür für gesellschaftlichen Wandel mit, dass das in großen Teilen gar nicht oder nur zum Teil erwünscht ist.

Wenn man dazu den Weg Angela Merkels betrachtet, sieht man, dass die einst mächtigste Frau der Welt doch in vielen Teilen eine sehr abhängige und sehr ohnmächtige Politikerin war, die von ganz vielen politischen Akteuren umstellt war, die immer ihre Macht eingeschränkt haben. Da ist das eine sehr große Frage, die Sie aufwerfen, die sich aber selbst fragend in den eigenen Katzenschwanz beißt und eine Antwort erfordert, die ich nicht geben kann. //

„Vom Ende her denken“

Es sei noch angemerkt, dass es uns hierbei nicht um eine abschließende Beurteilung von Richtig und Falsch einer Kanzlerin Angela Merkel ging, das wäre so verfrüht wie vermessen, sondern um diesen Widerspruch der Betrachtungen, der ja da ist und der auch im Film offenbar wird. Vieles wird die Geschichte, wird die Zeit zeigen. Diese spielt ohnehin eine große Rolle, denn, man kann „die Zeit natürlich als politische Ressource sehen, denn in der Politik geht es immer um Zeit und Zeithorizonte, um Zeitbudgets und tickende Uhren. Merkel, so schien es bisweilen, ist es partiell gelungen, sich dem Zeitdruck zu widersetzen und sich selbst zum Zeitmaß zu machen oder, bescheidener formuliert, den allgegenwärtigen Zeitdruck zum eigenen Vorteil umzumünzen“, so Torsten Körner in den Pressenotizen. 

Angela Merkel beim Interview mit Torsten Körner und Filmteam für den Dokumentarfilm Angela Merkel – Im Lauf der Zeit // © Bundesregierung, Steffen Kugler

So ist es auch ein interessantes Detail, das auch auf den Titel zurückgreift (oder umgedreht): Im Film sind immer wieder Elemente einer Uhr zu sehen, die schließlich an einem zentralen Ort von Angela Merkel – Im Lauf der Zeit platziert ist. So habe der Zeitbezug von Beginn an festgestanden, wie auch der Titel des Films. So habe sie oft davon gesprochen „beinahe biblisch,“ wie Körner im Presseheft anmerkt, „dass ‚alles seine Zeit habe‘ oder dass wir ‚alle in der Zeit stehen‘ und zwei ihrer häufigen Leitsprüche waren ‚In der Ruhe liegt die Kraft‘ und ‚vom Ende her denken‘. Es hatte seinen Reiz, das aufzugreifen und das Thema Zeitlichkeit offensiv zu spielen. Wie wirkt Merkel in den Zeitläufen? Wie zerrt das Gewicht der Zeit an ihr? Welchen Effekt hat es, die jüngere und ältere Merkel in eine Art ‚Zwiegespräch‘ zu bringen?“ 

Das sind in der Tat interessante Fragen, die es erlauben, die Dokumentation, die mehr als einmal sehenswert ist, nochmals anders zu betrachten. In diesem Sinne: Auf geht’s.

Angela Merkel – Im Lauf der Zeit läuft am 22. Februar um 20.15 Uhr auf arte; am 27. Februar um 21.45 Uhr im Ersten und am 6. März um 20.15 Uhr im MDR; sowie jeweils zwei Tage vorab in den Mediatheken 

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