2021: Es war ja nicht alles schlecht

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Jahresrückblicke und -highlights sind eine recht eigene Sache und oft auch irgendwie einfach duh (Fiete & Kefir haben natürlich dennoch einen gemacht…). Trotzdem wollten wir, nachdem wir uns von einigen Verlagsmenschen haben feine Titel der letzten Zeit vorschlagen lassen, nun einmal Menschen, die Bücher lesen und schreiben, fragen, was ihnen so im Jahr wichtig und nahe war. Sei es Gelesenes, Geschautes, Gehörtes, Gegessenes oder Gelebtes. Natürlich gab es kein Muss hier alle Felder auszufüllen.

Lassen wir also unsere bunten Stimmen zu Wort kommen, dazu sei erwähnt, dass wir nicht groß rumkuratiert haben, lediglich die Zwischenüberschriften stammen aus unserem Hause. Viel Spaß!

Kaśka Bryla – Autorin

Im Grunde bin ich ja nicht so der Highlight-Typ [Wir finden die Frage auch immer schwierig, drum haben wir sie ja anderen gestellt…, Anm. d. Red.], weshalb meine Highlights dann letztendlich eher Bücher, Filme oder Musikstücke sind, die mich über einen längeren Zeitraum oder immer wieder begleiten. All-Time-Highlights ☺

Herausforderungen, die immer gehen: Audre Lorde…

So ist es auch bei dem Buch, für das ich mich hier entscheide. Von Audre Lorde: Sister Outsider – Essays & Speeches. Auch, weil es 2021 bei Hanser auf Deutsch erschienen ist. Aus diesem Essayband habe ich das Leitzitat für meinen Roman entlehnt, an dem ich 2021 sehr intensiv gearbeitet habe.

Everything can be used

except what is wasteful

you will need

to remember this when accused of destruction.

Audre Lorde

…Frances McDormand…

Nomadland. Der einzige Film für den ich seit Beginn der Pandemie in ein geschlossenes Kino gegangen bin.

…und Musik…

Hier wird es tougher. Mit einigen ihrer Aussagen und auch sonst habe ich so meine Schwierigkeiten, aber es war in jedem Fall ihre Musik, die mich konsequent durch dieses Jahr begleitet hat. Billie Eilish.

…Essen sowieso, denn…

Keines. Es war definitiv nicht das Jahr der besonderen Restaurant-Besuche. Sadly true.

…sie alle machen Highlights feiner.

Im April 2021 kehrte die Krähe Karl, die ich im Sommer 2020 hochgezogen hatte und die im Herbst weggeflogen war, zurück und besuchte mich bis in den Sommer hinein.

Im Februar 2021 wurde ich vom Theaterkollektiv ongoing project gebeten, ein Stück für sie zu schreiben. Den Titel gab es bereits: Das verkommene Land. Auf Basis von Interviews mit allen Beteiligten und gemeinsamer Lektüre habe ich es bis Juli fertiggestellt. Im September hatte es in Leipzig Premiere. Das war großartig!

Am 14. August habe ich die fertige Manuskriptfassung meines zweiten Romans Die Eistaucher abgegeben [der Roman erscheint am 1. März 2022 im Residenz Verlag und, ihr werdet es ahnen, natürlich besprechen wir ihn, Anm. d. Red].

Kaśka Bryla wuchs zwischen Wien und Warschau auf [geht schlimmer, Anm. d. Red.] und studierte Wirtschaftswissenschaften in Wien. Außerdem studierte sie am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig und war dort an der Gründung von PS – Politisch Schreiben beteiligt. Kaśka Brylas erster Roman Roter Affe erschien im Sommer 2020 im Residenz Verlag und wurde positiv bis begeistert rezipiert. Und: Instagram.

Frank Hebenstreit – Redakteur-Bär und Hüter von Fiete Fellfreund

Es gibt nur ein #BuchdesJahres für mich: Das ist Zenjanische Asche von Raik Thorstad, erschienen im Cursed Verlag. Dieses Buch beschließt eine Fantasy Trilogie, die mit dem Buch Zenjanischer Lotus 2012 eröffnet wurde. Der Mittelband Zenjanisches Feuer erschien 2020.

Während ich beim ersten Band noch dachte „endlich mal gute queere Fantasy!“, sollte ich im Laufe der Jahre lernen, dass Thorstad ein Meister des Wortes und des Erzählens ganzer Epen ist. So steht am Anfang die Beziehung zwischen Sothorn, dem Meisterassassinen Sundas und dem Wargsollja Geryim, die beide am zenjanischen Lotus hängen. Diese Droge könnte Sothorns Leben zerstören, aber durch Geryim und die Bruderschaft, der dieser angehört, kommt er zwar nicht ganz davon los, findet jedoch einen gangbaren Weg.

Nicht ohne Schmerz

In dieser fantastischen Welt begleiten wir Sothorn und Geryim durch atemberaubende Abenteuer. Thorstad hört auch da nicht auf zu schreiben, wo es heiß wird und das ohne in die Einhandliteratur abzudriften. LOVE THAT!

Im nun 2021 erschienen dritten Teil wird Geryim in einer Mine gefangen gehalten und Sothorn und der Rest der Bruderschaft tut sich mit Fremden zusammen, um rettend einzugreifen. Dabei ahnen sie nicht, dass sie damit erst die Grundlage schaffen, dass sich Geryim endgültig seinem inneren Tier stellen muss.

Das für mich sehr schmerzhafte dritte Buch markierte so deutlich den Abschluss, dass ich es zwar einerseits UNBEDINGT lesen wollte, es aber auch höllenschwer war zum Buch zu greifen, da jede Seite eine*n unwiederbringlich näher ans Ende der Geschichte trägt. Diese Trilogie hat sich durch diesen absolut gelungenen und mir manchmal das Herz brechenden dritten Band einen klaren Platz bei meinen Alltime-Favorites eingehandelt.

Wüsten-Dance

Filmisch war für mich mit Dune der Höhepunkt des Jahres erreicht. Als bekennender Fan der Erstverfilmung mit Sting, Kyle McLachlan und Jürgen Prochnow war es fraglich, ob die Neuverfilmung da überhaupt würde heranreichen können. Andererseits wurde es schon allein deshalb spannend, weil Thimothée Chalamet den Atreidensohn gab. Durch seine Mitwirkung im oscarprämierten queeren Film Call Me by Your Name hatte er bereits auf sich aufmerksam gemacht und ich war gespannt, seine Entwicklung zu sehen.

Ich sollte nicht enttäuscht werden. Die Effekte im neuen Film waren großartig, erstaunlich und vielfach mutig, was wirklich Lust auf den zweiten Teil machte. Herr Chalamet trug den Film und hat sich wirklich gemacht. Sehr schön.

Meine musikalische Entdeckung 2021 stammt aus meinem neuen queeren Lieblingssender lulu.fm. Ob der Track dieses Jahr veröffentlicht wurde? Keine Ahnung… [wurde er… im Januar 😉; Anm. d. Red.] Aber er ist mein Hit 2021. Der DJ Christian Eberhard hat den Track „Up All Night“ mit einem treibenden Beat unterlegt, der antreibt und einfach nur zum Tanzen auffordert. Die glasklare Stimme der Sängerin Misha Miller umschmeichelt und treibt gleichzeitig voran. Sie geht gleich so prägnant ins Ohr, dass man diesen Song immer und immer wieder hören mag. Der Repeat Button wird da Dein bester Freund.

Frank mit Mann Sascha und Fiete in Brüssel // Foto: Frank Hebenstreit

Essen auf Reisen

Essen: #Endlichwiederessengehen! Ein absolutes Highlight war wirklich, als nach Monaten der Schließung eines unser Lieblingsrestaurants wieder aufmachte. Hoppes Sinnesslust aus Witten schien wie vom Erdboden verschwunden und stieg dann doch wie Phoenix aus der Asche. Und wir hatten das Glück kurz nach dem Neuanfang einen Platz zu ergattern. Das war kulinarisch wirklich ein Höhepunkt.

Was bei einer solchen Zusammenfassung keinesfalls fehlen darf: #brusselsmylove! Gleich dreimal durften wir 2021 in die belgische Hauptstadt reisen und uns von ihren queeren Vorzügen überzeugen. Dass das nicht wenige sind, davon haben wir ja schon über alle Maßen begeistert geschrieben. Sei es einfach der Kurztrip oder die Anreise extra zur Wahl des Mr. Bear Belgium oder der 32. Geburtstag der La Demence: Es gibt mehr als einen guten Anlass für einen queeren Trip nach Brüssel. Wir wollen 2022 auf jeden Fall wieder hin.

Möge 2022 für Euch belesen, gut unterhalten, gschmackig bekocht und liebevoll begleitet sein. In diesem Sinne, geht raus und genießt.

Marlen Pelny – poetische Autorin und Musikerin

Alkohol und stille Gewalt

Ich habe in diesem Jahr sehr viele gute Bücher gelesen und jede einzelne Zeile wahnsinnig genossen. Am meisten beeindruckt hat mich der Roman Uns zusammenhalten von meiner Verlagskollegin Mirthe van Doornik (übersetzt von Andrea Kluitmann). 

Es ist eine ungeschönte, harte, wahnsinnig poetische, Trost spendende Familiengeschichte über das Heranwachsen zweier Schwestern, unter der Obhut ihrer alkoholkranken Mutter.

Film: The Power of the Dog von Jane Campion [unsere Besprechung folgt, Anm. d. Red.]. Ein Film, der mich bis in meine Träume begleitet und für viele intensive Gespräche gesorgt hat.

Kürbis und Musik im Kopf

Ich hab dieses Jahr ganz viel Doctorella gehört. Beide Alben. Weil sie so gut sind und ich mich frage, wie sie die noch toppen wollen. Gleichzeitig sehne ich mich nach neuem Doctorella Material. 

Essen: Kürbis aus dem Ofen, mit Honig und Thymian. Jetzt hab ich echt Hunger! [Ja, ach?!, Anm. d. Red.]

Euphorie und Kreide

Eigentlich war dieses Jahr jeder Tag ein Highlight. Denn ich hab mich immer so gefreut, dass ich gesund bin. Und jeder Sozialkontakt hat mich extrem euphorisiert. 

Besonders in Erinnerung ist mir das Picknick Konzert von Christian Löffler, bei dem ich Corona-konform auf einem mit Kreide markierten Feld, mit drei Freundinnen auf einer riesigen Wiese tanzte.

Marlen Pelny wurde 1981 in Nordhausen geboren und wuchs in der Siedlung Silberhöhe in Halle an der Saale auf. Mit der Literaturgruppe augenpost plakatierte sie seit 2001 Gedichte in Leipzig und anderen Städten. Mit Auftakt und Wir müssen nur noch die Tiere erschlagen hat sie zwei Gedichtbände veröffentlicht, mit der Band Zuckerklub vereint sie Poesie und Musik. Im Haymon Verlag ist im Sommer 2021 Marlen Pelnys erster Roman Liebe/Liebe erschienen – die Besprechung gibt es selbstredend bald bei uns zu lesen. Und natürlich: Instagram.

Rinaldo Hopf – Künstler und Co-Herausgeber von My Gay Eye / Mein schwules Auge

Armistead Maupins zeitlose Sogwirkung

Bei meinen täglichen Yogaübungen habe ich auf dem Boden liegend in der Wohnung eines Freundes ganz unten in seinem Bücherregal Tales of the City von Armistead Maupin gesehen. Ich nahm das Buch in die Hand und fing an zu lesen. Natürlich war mir die Buchreihe ein Begriff, aber ich hatte bisher noch keinen einzigen Band gelesen. Nachdem ich während des Lockdowns angefangen hatte konnte ich nicht mehr aufhören und beende gerade den letzten Band. 

Ich selbst habe seit 1976 immer wieder phasenweise in San Francisco gelebt, wo die insgesamt 9 Bände der Tales spielen (veröffentlicht zwischen 1978 – 2017). In den Büchern habe ich viel von meiner eigenen Biografie wiedergefunden, mein eigenes Coming Out in San Francisco, Jobs aller Art vom Parkplatzwächter bis zum Restaurator, Buchläden, Spiritualität, Partys, Freundschaften, Stadtviertel, Kneipen, Cruising und die schwierige Konfrontation mit Aids… Aber auch, wer noch nie in San Francisco war, kann in Armisteads sehr lebendigen Schilderungen und Dialogen Zeitgeschichte und Entwicklungen unserer internationalen queeren Kultur hautnah miterleben, denn tatsächlich wurde an der Kalifornischen Küste sehr vieles zum ersten Mal ausprobiert.

Rinaldo Hopf in seiner Ausstellung „Pleasure Park“ in der Tom of Finland Foundation in Los Angeles // Foto: Courtesy of The Advocate

Unvergessen: Olympia Dukakis

Tales of the City als Miniserie von 2019 auf Netflix.
Natürlich interessierte es mich, wie die Bücher filmisch umgesetzt wurden. Es war gut, die Filme erst nach bzw. gleichzeitig mit der Lektüre anzuschauen – ich fand sie brillant und sehr zeitgemäß (sie basieren auf den letzten Bänden der Buchreihe, die in den 2010er Jahren spielen). Die in diesem Jahr verstorbene Schauspielerin Olympia Dukakis verkörpert die zentrale Figur der transsexuellen Anna Madrigal perfekt [die Version ist eine Fortsetzung der Miniserien aus den Jahren 1998 und 2001, Anm. d. Red.].

Poppig französisch und Lachs mit Rosmarin


Ich höre z. Z. sehr viel aktuelle französische Popmusik. Die neueste Entdeckung sind zwei Duos mit süchtig machenden Ohrwürmern, Brigitte („À bouche que veux-tu“) und Carrousel („Fin juillet début août“). Einfach mal auf YouTube schauen [sehr tolle Musik, Anm. d. Red.].
An Weihnachten hatten wir Lachs auf einem Bett von Rosmarinzweigen im Backofen – das ganze Haus roch irrsinnig appetitlich und so hat es auch geschmeckt. Dazu gab es Butterkartoffeln und Brechbohnen im Speckmantel.

Kreativ-toskanisch

Mein Mann Fox und ich sind dabei, ein Haus in einem Künstlerdorf in der Toscana zu kaufen. Das Dorf ist sehr ursprünglich und wunderschön, hoch über der Küstenebene der Versilia gelegen. Vom Haus aus sieht man sowohl das Meer als auch die steilen Carrara-Berge. Auf die Idee kamen wir durch die Familie McBride – der berühmte amerikanische Fotograf Will McBride hat dort in den 60er Jahren ein Anwesen erworben und viele Jahre bewohnt und dort etliche seiner besten Fotoserien gemacht. Mit einem seiner Söhne und seinem Partner haben wir uns angefreundet. Es ist für uns ein aufregender Neubeginn und wir können es kaum erwarten, das Haus im kommenden Frühjahr einzurichten und einzuweihen.

Rinaldo Hopf wurde 1955 in Freiburg im Breisgau geboren und lebt mit seinem Mann überwiegend in Berlin, hält sich aber auch häufig in Los Angeles (auch ganz im Sinne des Social Distancing) und der Toskana auf. Seit der dritten Ausgabe von Mein schwules Auge ist er Mit-Herausgeber der im konkursbuch Verlag Claudia Gehrke erscheinenden Reihe.

Anna Hájková – Historikerin und Autorin

Herausfordernde Lektüre

Diesen Juli habe ich Marlon James‘ zweites Buch The Book of the Night Women gelesen; leider ist es noch nicht auf Deutsch erschienen. Das historische Roman behandelt die Sklavereigesellschaft in der britischen Kolonie Jamaika um 1800. Die Protagonistin, Lilith, ist eine eigensinnige heranwachsende schöne Frau, die sich danach sehnt, als Haussklavin „Karriere“ zu machen. Sie bildet sich einiges darauf ein, durch ihren weißen Vater, den man an seinen grünen Augen erkennt, „besser“ zu sein als die anderen versklavten Menschen. Dabei wurde sie in einer Vergewaltigung empfangen, ihr Vater ist der brutale Aufseher.

Der Roman erzählt mit großer Empathie, Humor und Aufmerksamkeit von brutaler Gewalt und alltäglichem Wahnsinn, die auf den Zuckerplantagen herrschten. Es zeigt, wie die Besitzer*innen in den Wahnsinn getrieben werden (und dabei immer brutaler mit versklavten Menschen umgehen). Die Perspektive ist immer die der versklavten Menschen, deren Leben von fürchterlicher physischer wie psychischer Gewalt geprägt wird, die aber nie aufhören, das Leben zu ihrem eigenen zu machen und Widerstand zu leisten. Das klingt nun etwas didaktisch, aber der Roman ist eine fantastische Leistung, er ist packend, atmosphärisch, humorvoll, ambivalent und erschreckend. Ich sollte anmerken, dass es viele Gewaltszenen (inklusive sexueller Gewalt) gibt, diese sind aber nie pornographisch oder selbstgerecht. Ich hatte beim Lesen den Eindruck, diese Szenen müssen so sein, denn so war das Leben auf den Plantagen. Von James ist bekannt, dass er, als schwuler Autor, Jamaika verließ, um weiter frei leben und schreiben zu können. Die queere Perspektive ist vielfach in dem Roman erkennbar, in der Komplexität der freien und versklavten Schwarzen Menschen mit den Sklavenhaltern, in der hierarchischen Liebesbeziehung, die Lilith mit dem neuen irischen Aufseher hat. Ein großes Buch, das mich sehr beeindruckte.

Scharfe Sinne

Essen: eine lustige Geschichte aus der Pandemie. Ich kann kaum Scharfes essen. Im August hatte ich Covid, mein Geschmacksinn hat dadurch gelitten. Das merkte ich u. a. daran, dass ich die sonst für mich kaum genießbaren „normalen“ Speisen von indischen Restaurants eine ganze Weile essen konnte. Und dann kam der Tag, an dem ich nach zwei Bissen die Gabel wieder beiseitelegen musste. Mein Geschmacksinn war zurück, vorbei war es mit dem guten indischen Essen und Jollofreis.

Mein persönliches Highlight – ich hatte mehrere – ich bin dankbar und privilegiert, wie gut, nachhaltig und global meine erste Monographie The Last Ghetto aufgenommen wird. Aber the little queer review muss ich danken, wie systematisch, klug und wohlwollend sie mein Büchlein Menschen ohne Geschichte sind Staub rezensiert haben (zudem sich die sonstigen Feuilletons zu dem Buch komplett ausgeschwiegen haben). Ich kannte TLQR bisher nicht und ich habe mir ein Loch in den Bauch gefreut. 

Anna Hájkova ist in Prag geboren und studierte Neuere Geschichte unter anderem an der Humboldt-Universität zu Berlin. Mit dem Schwerpunkt Europäische Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts forscht und publiziert die in London lebende Professorin (University of Warwick) zur jüdischen Alltagsgeschichte im Holocaust. Im Wallstein Verlag ist im Rahmen der Hirschfeld-Lectures ihr Band Menschen ohne Geschichte sind Staub erschienen. Ihre Studie zum Leben im Theresienstädter Ghetto, The Last Ghetto – An Everyday History of Theresienstadt, liegt seit Anfang 2021 in englischer Sprache vor. Es lohnt sich, ihrem interessanten und vielseitigen Twitter-Account zu folgen.

Holger Doetsch – Autor, Publizist und Dozent

Hervé Guibert (1955 – 1991) hatte AIDS. Er war ein französischer Romancier, Drehbuchautor (für „Der verführte Mann“ erhielt Guibert zusammen mit Patrice Chéreau 1984 den Filmpreis César, eine Art französischer Oscar) und Fotokritiker bei Le Monde. Guiberts literarischer Nachlass, hier vor allem Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat [der August Verlag hat das Buch in diesem Jahr in Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel neu aufgelegt, Anm. d. Red.], sowie nachfolgend Mitleidsprotokoll, ist eine Selbstenthüllung über den Verlauf der Krankheit. Ein Werk „von zärtlicher Grausamkeit und grausamer Zärtlichkeit“, wie es einst Ulrich Weinzierl in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sehr treffend beschrieben hat. Guiberts Bücher sorgten nicht nur in Frankreich für einen handfesten Skandal.

Die „Lustseuche“

Geradezu sarkastisch beschreibt er nämlich darin rücksichtslos sein Leiden, kehrt im wahrsten Sinne des Wortes den Zerfall im Körper nach aussen. Er beschreibt seine Abzesse im Hals, den Zerfall der weissen Blutkörperchen, die grauenhaften Behandlungen in schäbigen Krankenhäusern: „1990 bin ich fünfundneunzig Jahre alt, dabei bin ich 1955 geboren“, sagte er in einem Interview mit Bernard Pivot, dessen Literatursendung Apostrophes damals massgeblich war. Den Geschlechtsverkehr mit einem ebenfalls an AIDS erkrankten Mann, den Guibert im Le Keller, einer Fetischbar in Paris, kennengelernt hat, beschreibt er als die Begegnung zweier „sodomitischer Skelette“. Bei alledem zieht Guibert seinen wohl besten Freund ins Geschehen hinein, „Muzil“, in dem man schnell den Philosophen Michel Foucault erkennt, der 1984 nicht an Krebs verstarb, wie es seine wohl peinlich berührte Familie damals offiziell verlauten liess, sondern, wie Guibert, an AIDS.

Dieses Outing eines bis heute weltberühmten Philosophen und die Beschreibung der Krankheit. Ist das pietätlos? Nein. Guibert verleiht in Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat (und auch in Mitleidsprotokoll) dem Elend eine Fassung, und skandalös, so schrieb es der SPIEGEL, ist allenfalls Hervé Guiberts Nähe zum Tod. Warum man Guibert auch heute noch lesen sollte? Er geißelt mithilfe seines Werks zum einen die Verlogenheit beim Umgang mit AIDS, die nicht wenige Medien als „Lustseuche“ abtaten, aber auch die Gier der Pharmaindustrie. Das bleibt aktuell. Hervé Guibert starb am 27. Dezember 1991 mit gerade einmal 36 Jahren an den Folgen eines Suizidversuchs in einem Hospital nahe Paris.

Liebe! Stärke! Mitgefühl!

Acht Schwule treffen sich in einer abgelegenen viktorianischen Villa nahe New York, um dort den Sommer ihres Lebens zu verbringen. Das Haus gehört dem erfolgreichen Dramaturgen Gregory und seinem Mann Bobby, der blind ist. Der vermeintliche Sommer des Lebens entwickelt sich indes zu einem Gefühlsdebakel, scheinbar glückliche Beziehungen stellen sich zunehmend als gegenseitige Belastung dar, sind zum Teil sogar toxisch, und vor allem der junge und schöne Ramon (Randy Becker, im wahren Leben leider, leider heterosexuell) stellt in seinem Treiben (!) alles auf den Kopf. Wie dem auch sei: ihre Gespräche sind tiefgründig, man hat das Gefühl, man sitzt mit ihnen bei alledem zu Tische.

Unser Autor an Hervé Guiberts Schreibtisch im Kloster Santa Caterina auf Elba. Hier vollendete er unter anderem Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat und Mitleidsprotokoll // Foto: Dirk Falkenberg

Mal sind sie witzig (vor allem dann, wenn die Männer ihre eigene Homosexualität auf die Schippe nehmen), es geht um Freundschaft, (Selbst)Hass, Eifersucht, Verzweiflung und Nähe. Ängste brechen sich dabei ihre Bahnen, vor allem die Angst vor AIDS, 1996/1997, als dieser wunderbare Film entstand, kam diese Diagnose, man möge sich bitteschön daran erinnern, nicht selten einem Todesurteil gleich. Zum Ende (Vorsicht: Spoiler!) verkleiden sich alle als Schwan, sie haken sich unter und tanzen Ballett. Eine Metapher dies dafür, dass, egal was auch geschehen mag, diese acht Männer an einem Strang ziehen werden. Das ist, ja, so etwas gibt es durchaus, kitschig und wundervoll zugleich. Dieser Film (Drehbuch: Terrence McNally, Regie: Joe Mantello) berührt zutiefst. 

Holger Doetsch lebt in Berlin und hat unter anderem die Romane Elysander, Ein lebendiger Tag und zuletzt Das Lächeln der Khmer veröffentlicht.

Marlon Brand aka Books are gay as fuck

Gunther Geltinger – Mensch Engel

Das Gesamtwerk eines Autors in der umgekehrten Reihenfolge zu lesen, birgt immer die Gefahr, am Ende der Lesereise vom Debüt enttäuscht zu werden. Glücklicherweise erging es mir mit dem 2008 erschienenem Roman Mensch Engel von Gunther Geltinger nicht so. Mit einer immensen Sprachgewalt versteht Geltinger es wie auch in Moor (2013) und in Benzin (2019), die innersten Zusammenhänge seiner Figuren aus den Tiefen des Bewusstseins an die Oberfläche zu holen.

Wer sich für deutschsprachige queere Literatur interessiert, sollte einen Blick auf die 2021 erschienene Anthologie Quertext: An Anthology of Queer Voices from German-Speaking Europe werfen, in der unter anderem Gunther Geltinger, Angela Steidele, Jürgen Bauer und viele weitere Autor*innen vertreten sind.

Zsófia Bán – Abendschule: Fibel für Erwachsene

Auch in Zsófia Báns Abendschule geht es um Sprache bzw. um den Versuch mit Sprache einen Ausdruck für das Unsagbare zu finden. In Form einer Fibel, die thematisch in unterschiedliche Schulfächer aufgeteilt sind, erzählt die Autorin Geschichten, die in ihrer Themenvielfalt vollkommen unterschiedlich sind und über die Grenzen Ungarns hinausreichen. Das ist verspielt, skurril, banal, ernst und vor allem: nie langweilig. 

Auch in Anbetracht der politischen Situation für queere Menschen in Ungarn lohnt es sich, eine Autorin wie Zsófia Bán zu lesen.

Pier Vittorio Tondelli – Getrennte Räume

In Deutschland ist Pier Vittorio Tondelli in Vergessenheit geraten, entsprechend schwer ist es, an eine Ausgabe von Getrennte Räume (1993) zu kommen – empfehlen möchte ich das Buch trotzdem.

Die Geschichte beginnt mit dem Ende: Der Geliebte Thomas stirbt mit gerade einmal 25 Jahren an AIDS. Ausgehend von diesem Verlust erzählt der Roman von der Liebe der beiden Männer, die von dem Ideal der Getrennten Räume geprägt war, dem Verlangen auch in einer Beziehung ein freies und selbstbestimmtes Leben zu führen. Nachdem Thomas gestorben ist, wird Leo damit konfrontiert, was es bedeutet, als schwuler Mann allein zu sein und was dies für ihn als Menschen bedeutet.

Pier Vittorio Tondelli ist 1991 an den Folgen von AIDS gestorben und verdient es, ähnlich wie Hervé Guibert in diesem Jahr durch den August Verlag wiederentdeckt*1 zu werden. Wer dieses Jahr begeistert von Daniel Schreibers Allein gewesen ist*2, wird es auch von diesem Roman sein.

*1 Auch im Albino Verlag ist dieses Jahr ein Guibert-Buch erschienen (Verrückt nach Vincent/Reise nach Marokko – Zwei Erzählungen) und bei Salzgeber liegt der Text-Bildband Phantomparadies mit Fotografien von Hans Georg Berger vor, beide Titel werden wir noch besprechen, Anm. d. Red.

*2 Unsere Besprechung folgt, Anm. d. Red.

Marlon Brand hat Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft studiert, lebt in Dortmund und ist nach eigenen Angaben natürlich gay as fuck. Bei Instagram findet ihr ihn auch.

Annette Coumont – Mit-Herausgeberin KolibriMAG

Dave und die Zivilisation

Puh, ein Buch ist eigentlich nicht genug, um zu beschreiben, was literarisch auf mich gewirkt hat. Als Sachbuch wäre da Wir konnten auch anders zu nennen. Es räumt endgültig mit dem Irrtum auf, dass wir als Zivilisation immer weiter fortschreiten. Einer der letzten Romane, der mich ziemlich aufgewühlt hat, ist DAVE von Raphaela Edelbauer, eine spannende Climate-Fiction Dystopie rund um eine KI, der sprachlich so ungewöhnlich intelligent ist und zurecht den Österreichischen Buchpreis gewonnen hat. 

Rechte Verführung und Bach’sche Meditation

Ich war nicht oft im Kino, aber der Film Je suis Karl*1 hat mich nachhaltig beeindruckt und gezeigt, dass die neue Rechte sehr smart und deswegen besonders gefährlich ist. 

Vor allem in der Winterzeit liebe ich die Klassik und da ich selbst ein wenig Klavier spiele, mag ich besonders die mitgesummten Bach-Interpretationen auf Piano von Glenn Gould – besonders die „Kunst der Fuge“. Wunderbare Meditation, die immer geht, wenn im Kopf alles durcheinanderwirbelt.

Mit kulinarischer Vielfalt…

Ich habe mich von einer Vegetarierin zu einer Fast-Veganerin entwickelt und liebe tolle vegane Kochbücher, wovon ich einige besitze. Vegane Rezepte sind eine unglaubliche Bereicherung in der Küche und des Geschmacks, wenn man sich erst einmal darauf eingelassen hat. Ansonsten bin ich eine leidenschaftliche Bäckerin, da mir Backen einfach das Gefühl von zu Hause beschert. 

…die Zukunft im Blick 

Wir sind jetzt 4 Jahre mit unserem Bücherblog KolibriMAG bei Instagram und konzentrieren uns dort auf die Themen, die wir persönlich für unser aller Zukunft am wichtigsten finden. Als Buch-Expertinnen schreiben wir auch für andere (Bücher-)Magazine und machen spannende Projekte. 

Annette Coumont

Besonders freue ich mich auf unser neuestes Projekt in 2022: books4future – eine Literaturinitiative des Deutschen Literaturfonds und der Bundesregierung, die Jugendliche über Themen rund um Nachhaltigkeit zum Lesen bewegen möchte. Wir haben das Projekt selbst konzipiert und es ist ein perfekter Start für das Jahr der Jugend in 2022. Meine Partnerin Jutta Echterhoff und ich sind schon sehr gespannt, wie uns das gelingen wird und ob wir die Unterstützung erfahren, die wir hierfür benötigen.

Wir sind sehr zuversichtlich. Infos gibt es schon bei Instagram @books4future_de oder bei www.books4future.de.

Ralph Kinkel – Schauspieler mit Humor

Ich habe letztes Jahr hauptsächlich alle mir verfügbaren Streamingdienste leergeguckt – wie ich finde hat sich das auch sehr gelohnt!

Neben den all time favorites wie Sex Education und How to sell drugs online, (fast) und It’s a Sin kann ich auch Serien empfehlen, die einem vielleicht nur beim Blättern durch die Mediathek kurz ins Auge springen. 

The Great ist ganz groß!

Allez les bleus! Ralph Kinkel // Foto: © Sarah Mikeleitis

Dazu gehört die Amazon Prime-Serie The Great, in der Elle Fanning als Zarin Katharina sich den Weg zur Herrschaft Russlands und zum Titel „die Große“ bahnt. Die Folgen strotzen gleichermaßen von überspitztem Humor und feministischem Kampfesmut, sind betont nicht historisch korrekt erzählt und brillieren durch eine hervorragende Besetzung. The Great war für mich eine der größten Serien-Überraschungen 2021 [für uns auch, wollt ihr wissen was noch kommt? Richtig, eine Besprechung, Anm. d. Red.].

Für alle Comedyfans kann ich zusätzlich Superstore dringend empfehlen – seit kurzem ist Staffel 6 in Deutschland auf Netflix verfügbar und befasst sich diesmal intelligent, kritisch und gleichzeitig schreiend komisch mit Amerikas Umgang mit den Angestellten der fiktiven „Cloud Nine“-Ladenkette in Zeiten der Pandemie. 

Die Jungs auf dem Ball

Und Filmempfehlungen?

Da kommt mir sofort der mexikanische Der Ball der 41 (Originaltitel El baile de los 41) in den Sinn! Genau wie in The Boys in the Band wird hier eine fragile queere Community beleuchtet, die sich versteckt halten muss, so gut es eben geht, und trotzdem versucht im Verborgenen Lebenslust und ein Gemeinschaftsgefühl zu entfalten.

Szene aus Der Ball der 41 // © Netflix

Dies geschieht ohne Pride und Rückhalt im extrem homophoben Mexiko des frühen 20. Jahrhunderts, in anrührenden, zärtlichen und teilweise verstörenden Szenen. Anschließender Redebedarf dürfte vorprogrammiert sein, da ein Trigger den anderen jagt – nichts für kuschelige Abende! 

Folgt Ralph bei Instagram, das ist sehr unterhaltsam.

Jonas Waldoff – befreiter Autor und Redakteur

Ein Buch, das bei mir in diesem Jahr einen enormen Eindruck hinterlassen hat, ist definitiv Elias Hirschls bissige und absurd nahe Polit-Farce Salonfähig um einen namenlosen jungen Mann, der in der Nachwuchsorganisation der den 29-jährigen Kanzler Julius Varga stellenden Partei Mitte Österreichs engagiert ist. Konsequent zynisch verfolgt Hirschl das Geschehen und vor allem die Gedankengänge seines Protagonisten, der weiß: „Eine offene Körperhaltung vermittelt Souveränität!“ Viele kleine Spitzen auf den (österreichischen) Politik-Betrieb, die Slim-Fit-Generation und Mitleidsberichterstattung fehlen dabei nicht und machen die Geschichte so auch über die eigentliche Erzählung hinaus interessant. Ich weiß nicht genau warum, aber ich musste, nicht nur im Zusammenhang mit Sebastian Kurz, seit der Lektüre des Buches immer mal wieder an die Geschichte denken und irgendwie begleitet sie mich. Ich werd’ sie mir definitiv mit etwas Abstand nochmals zur Hand nehmen.

Bewegt und bedacht

© Portobello Productions/Salzgeber

Film, unbedingt und ohne lange nachzudenken: Moffie von Regisseur Oliver Hermanus erzählt von einem Erwachsenwerden in der homophoben, rassistischen und menschenverachtenden Zeit des Apartheidsregimes in Südafrika. Die wunderschönen Bilder kontrastieren die inhaltliche Schwere. Ein famoses Werk!

Puh, Essen, … das ist schwierig, zumal essen gehen ja auch in diesem Jahr kaum stattfand. Trotz Impfung und allem bin ich da sehr vorsichtig unterwegs und hab’s vermieden, fortdauernd in semi-vollen Räumen zu sitzen. Anyway – dann eben in der eigenen Küche tätig werden. Da hab ich in diesem Jahr mehr gebacken als früher und unter anderem einen Cherry Pie gemacht, der, muss ich so sagen, mir sehr gut gelungen ist. Wenn auch etwas aufwendiger, ist er das allemal wert, wunderbar saftig, kommt doch etwa ein Kilo Kirschen mit eingedicktem Saft auf den Boden und wird anschließend mit einem Teigdeckel gebacken. Sehr, sehr geil! 

Ein persönliches Highlight ist in jedem Fall die Veröffentlichung meiner (leicht gekürzten) Geschichte Poolkrabbe in Hyères in der diesjährigen Ausgabe von My Gay Eye / Mein schwules Auge – Outdoors. Schon lange eine Reihe, die ich mit großem Interesse betrachte und anschaue (übrigens auch fein: Mein lesbisches Auge, in diesem Jahr geht’s um Herkunftsorte) und natürlich ist ein in dieser kultigen und zuweilen wegweisenden Anthologie platzierter Text etwas ganz besonderes und es bestärkt mich darin, weiter zu schreiben. 

Natürlich gab’s in diesem Jahr noch einige andere Bücher, Filme und auch Serien – aber da es nun mal hieß einen Titel… Naja. Allen eine feine Zeit und ein spannendes 2022!

Hans Siglbauer – Herausgeber the little queer review

Ein Buch, das mich in diesem Jahr bewegt und berührt hat, war Pajtim Statovcis im Luchterhand Literaturverlag erschienenes Buch Grenzgänge. Die Suche nach der eigenen Identität geht häufig mit einer Flucht einher. In diesem, seinem ersten auf Deutsch übersetzten Buch, verknüpft der kosovarisch-finnische Autor ganz wunderbar diese beiden Themen auf Basis eines transsexuellen Hauptcharakters. International scheint er einer der kommenden Autoren zu sein, hierzulande jedoch ging das Buch lange unter. Umso mehr freut es mich, dass es in den letzten Wochen zunehmend Aufmerksamkeit erfahren zu scheint.

Geschichte in Ost und West

Ein Sachbuch, das nicht fehlen darf, ist Benno Gammerls ausgezeichnete Studie und Reise in die Vergangenheit mit Ermahnungen zur Gegenwart: anders fühlen: Schwules und lesbisches Leben in der Bundesrepublik. Eine Emotionsgeschichte. Der Historiker zeichnet in dieser Emotionsgeschichte über Oral History und eine diese ergänzende intensive Textrecherche das Leben schwuler und lesbischer Menschen in der alten Bundesrepublik nach. Das vielseitige Buch beeindruckt in mehrerlei Hinsicht und dient nicht zuletzt auch als Appell bei aller Unterschiedlichkeit, die individuelle Menschlichkeit im Fokus zu behalten. 

Filmisch gab es in diesem Jahr Hochs und Tiefs. Positiv heraus stach allerdings der Film Firebird, der es schafft, trotz einer – wahren – zum Scheitern verurteilten Liebesgeschichte zwischen zwei Männern (streng genommen einer MMF-Dreiecksbeziehung) auf einem Luftwaffenstützpunkt in Estland, damals Teil der UdSSR, eine liebevolle und sehr nahbare Geschichte zu erzählen. Die Besetzung ist klasse, die Inszenierung sehr fein und vor allem wirken Szenen der Liebe authentisch und lösen ein wohliges Gefühl aus. Zudem macht der Film darauf aufmerksam, dass eine mehr als repressive Politik gegen Homosexuelle oder im weiteren Sinne Queers noch nicht allzu lange her ist und insbesondere in Russland heute wieder gang und gäbe ist. 

Tanzen, liegen, futtern, lesen

Marcella Rockefeller! Super, super – hat mir und uns viel durchs Jahr geholfen. Die Musik, ein sehr schönes Gespräch mit ihr ebenso und überhaupt: Tolle Person, tolle Stimme, tolles Konzept. Und natürlich sind wir sehr angetan von der Musik in unsere QUEER SOUNDS-Playlist bei Spotify, in der auch Marcella Rockefeller nicht fehlen darf. 

Ein wirklich herausragendes kulinarisches Highlight gab es nicht, eher eine nette Anekdote. Ich hatte seit Längerem eine Matratze, die mein Bad über alle Maßen blockierte und zurück in ihr schwedisches Möbelhaus wollte. Dank Lockdown etc. ging das lange nicht, aber im April bin ich sie nach langem Warten endlich losgeworden. Zur Belohnung gab es am Abend ein Essen, das ich mir schon länger vorgenommen hatte: Spaghetti mit einer Carbonara-Sauce aus Zitrone und Haselnüssen. Ein wirklich leckeres Rezept aus dem Buch Anyone can Cook (ja, Besprechung folgt selbstverständlich).

Ein Buchblock

Ein Highlight war es definitiv, dass the little queer review als Online-Magazin Teil des diesjährigen #Buchpreisbloggen zum Deutschen Buchpreis 2021 sein durfte. Nicht nur sind wir so auch auf einige Titel aufmerksam geworden, die andernfalls eher unter unserem Radar geblieben wären, sondern wir konnten auch ein paar sehr nette und weiter bestehende Kontakte zu anderen Buchbegeisterten knüpfen. Etwas schade fanden wir es dann aber wiederum, dass der allgemeine Austausch über die Titel etwas kurz kam und der Reiz, mal die eigene Komfortzone zu verlassen, wenig ausgeprägt war (ey – wir hatten Herrn Strunks „Ficken-macht-traurig“-Parabel!). Eine Erfahrung war es in jedem Fall und dass mit Blaue Frau eines der besten Bücher seit Langem gewonnen hat, ist umso feiner. 

Wir und ihr

Es bereitet wirklich große Freude an the little queer review zu arbeiten und mit so vielen interessanten Themen und Menschen in (virtuelle) Berührung zu kommen. Im kommenden Jahr wird das Angebot noch ein wenig ausgebaut, darauf freue ich mich, freuen wir uns hier. Genauso freuen wir uns über euer Feedback und eure Vorschläge. Natürlich auch über eure Unterstützung in kalter, harter monetärer Währung – denn das Angebot kostet auch Geld, jeden Monat allein einen soliden zweistelligen Betrag für den Unterhalt der Seite mit allem was dazu gehört. Und da wir gern weiterhin werbefrei bleiben wollen würden, sind wir erst recht auf eure Wertschätzung auch in dieser Form angewiesen.

Euch allen einen schönen Jahresausklang, einen feinen Start in das neue Jahr 2022! Vielen Dank, dass ihr uns begleitet und wir freuen uns sehr auf das kommende Jahr!

Hans und eure queer-reviewer

PS: Eine Sache wollen wir nicht vergessen: diesen Aufreger um Sally Rooney und eine gar nicht so schwierige Frage. Wir haben auf ihren Boykott eines israelischen Verlags und jüdischen Lebens so reagiert und uns in der Besprechung von Und die Juden? von David Baddiel noch ein wenig damit auseinandergesetzt.

Unser Schaffen für the little queer review macht neben viel Freude auch viel Arbeit. Und es kostet uns wortwörtlich Geld, denn weder Hosting noch ein Großteil der Bildnutzung oder dieses neuländische Internet sind für umme. Von unserer Arbeitstzeit ganz zu schweigen. Wenn ihr uns also neben Ideen und Feedback gern noch anderweitig unterstützen möchtet, dann könnt ihr das hier via Paypal, via hier via Ko-Fi oder durch ein Steady-Abo tun. Vielen Dank!

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