Der Welleneffekt des Todes

Vor einigen Monaten besprach unser Herausgeber Hans das Buch Trottel von Jan Faktor, das auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2022 zu finden war, und schrieb nach Abbruch der Lektüre auf Seite 120: „Warum? Das kann ich leider auch nicht sagen. Ich mag es nicht, zu sagen, dass das Buch ‚mich nicht erreicht hat‘, aber vermutlich ist es die Beschreibung, die noch am besten passt.“ Ähnlich erging es mir mit Dennis Coopers Erzählung God Jr., in der ein Vater den zumindest von ihm mitverschuldeten Tod seines Sohnes in gewohnt scharfkantiger Prosa verarbeitet. 

„Du bist ein betrügerischer…“

Nun ging es mir nicht so, dass ich das genau wie Coopers Die Schlampen von Raimund Varga wunderfein aus dem amerikanischen Englisch ins Deutsche übertragene und 2017 im österreichischen Luftschacht Verlag erschienene God Jr. abbrach — dazu entwickelt die Sprache einen viel zu durchdringenden Sog, verleitet der Stil zum Dranbleiben. Auf der durchaus reduzierten Handlungsebene jedoch blieb ich die knapp 150 Seiten des Romans über auf Abstand. 

Dies wiederum hatte nichts mit dem Mangel an Handlung und der Dominanz von Gedankengängen und -spielen sowie von Introspektion zu tun, wie einnehmend dies sein kann, bewies schon der finnische Autor Volter Kilpi vor bald einhundert Jahren. Eher tat ich mich schwer damit, mich auf den auf spezielle Art seinen Sohn vermissenden Vater Jim einzulassen, der zur Verarbeitung des Verlusts und der Schuld ein monströses Denkmal bauen lässt, das vom eigenen Garten auch auf den des trinkenden Nachbarn Fred übergreifen würde.

„…unzuverlässiger, egoistischer, komischer, …“

Dennis Cooper // Foto: © privat

Hierbei gibt es nun ein Problem mit der Spiele-Industrie, meint ein Unternehmen hier doch, das Design sei einem ihrer Spiele entnommen. Stammt es also von Tommy, der, genau wie seine Eltern Bette und Jim es sind, ein Pot-Head war? Ist es geistiger Diebstahl oder nur künstlerische Aneignung? Jim, der seit dem Unfall im Rollstuhl sitzt und in einer Kinder-Kostümschneiderei arbeitet, in der nur Menschen mit Behinderung angestellt sind, begibt sich im Lauf des Buches ins Spiel und erkundet im zugedröhnten Zwiegespräch mit festverankerten Figuren desselben so manche existenzielle und existenzialistische Frage

Es würde zu weit führen hier nun alle Themen anzubringen, auf die Dennis Cooper, der am morgigen Dienstag 70 Jahre wird, zu sprechen kommt, würde ebenso die auch bei mir vorhandene Wirkung manches Gedankengangs und einzelner Äußerungen schmälern. Denn natürlich verknüpft Cooper — wie bei einem guten Videospiel (jenes, das Jim im in den USA bereits 2005 erschienen God Jr. spielt, scheint eher so mittelmäßig) — Inhalt und Form, schafft eine Einheit von Sprache und Anliegen. 

„…Gott, der vorhat, sie auszutricksen.“

Dennoch bleibt den Leser*innen, oder jedenfalls diesem Leser, alles seltsam fremd. Der Tod ist tragisch, das nahende Ende der Ehe von Bette und Jim ist schade, die Selbstgeißelung Jims ungesund, das Schicksal mancher ihn umgebender Menschen desaströs — und doch bleibt mensch seltsam unbeteiligt. Allerdings mag genau dies auch zur Absicht des Autors gehören: nicht zu wissen, wie so recht umzugehen mit all dem Schlechten und Unvermeidlichen. 

Oder um einen Satz des Buches zu entleihen: Nur weil es keiner weiß und es nicht echt ist, heißt es nicht, dass es nicht wahr ist. Es findet sich vieles in dem kleinen Büchlein, nur (für mich) kein rechter Zugang, Nähe schon gar nicht. Womöglich hätte auch ich bei der Lektüre schlicht stoned oder besoffen sein sollen. Nächstes Mal dann. 

JW

PS: Wie aus dem Luftschacht Verlag nicht anders zu erwarten, ist das vom Matthias Kronfuss Studio gestaltete Buchcover ein Hingucker, ebenso überzeugt der goldene Farbschnitt. 

Dominic Cooper: God Jr.; November 2017; Aus dem amerikanischen Englisch von Raimund Varga; 144 Seiten; Hardcover; ISBN 978-3-903081-08-6; Luftschacht Verlag; 18,00 €

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