Legenden der Schlampen-Leidenschaft

Online Dating kann gefährlich sein – Tatort-Kommissarin Charlotte Lindholm kann (gemeinsam mit Udo Lindenberg) ein Lied davon singen, wollte ihr doch jüngst jemand einen Mord bei einem Date unterschieben. Jenseits dessen gibt es aber im Internet auch so manch… spezielle Seite, auf der sehr besondere erotische Fantasien artikuliert und ausgetauscht werden.

Um eine Story von einer solchen Seite geht es in Dennis Coopers Erfolgsroman Die Schlampen, der bereits 2005 erschien, in deutscher Übersetzung von Raimund Varga jedoch erst 2021 vom Luftschacht Verlag veröffentlicht wurde. Cooper verfolgt in dem wunderbar mit metallic-rosafarbenem Seitenschnitt verzierten Roman die Debatte in einem Onlineforum für männliche Escorts in Los Angeles. Die interaktive Erzählweise der an dem Posting beteiligten Akteure bringt einige Dynamik in die Story und, das überträgt Cooper wunderbar, lenkt sie vermutlich mehr, als manche Forumsteilnehmer sie für möglich gehalten hätten.

Die Brad-und-Brian-Saga

Es beginnt ganz harmlos. Das erste Kapitel besteht aus 18 Rezensionen, die sich um einen jungen Escort namens Brad drehen. Brad scheint nach übereinstimmenden Berichten eine Bombe im Bett zu sein, einen wunderschönen Hintern (der kunstvoll auch das wirklich hübsche Buchcover von Matthias Kronfuss studio ziert) zu haben und so ziemlich jeden Schmerz beim Sex mitzumachen. Nach einiger Zeit taucht ein Rezensent namens Brian auf, der nach eigenen Angaben eine Beziehung mit Brad beginnt und ihn schließlich für den ultimativen Orgasmus töten will. Diese Brian-und-Brad-Saga wird zum zentralen Mythos des Buches, auch wenn am Ende von Kapitel 1 das Forum vom Webmaster geschlossen wird.

Die funkelnden Schlampen – Coverdesign und Fotografie: Matthias Kronfuss studio

Teil 2 besteht aus mehreren Chatnachrichten, Teil 3 aus einem Forumsgespräch, das auf Teil 1 und 2 aufbaut. Brad und Brian sollen sich getrennt und Brad ein neues Leben samt Partnerin Elaine in Portland (Oregon) begonnen haben, auch um sich so mancher Ermittlung zu entziehen. Bereits in den vorherigen Teilen gab es so manch kriminellen Akt, der an dieser Stelle nun aufgegriffen wird. Einige Diskussionsteilnehmer streiten sich hier bereits um den Wahrheitsgehalt so einiger Gerüchte – Brad existiere gar nicht, Elaine vermittle unerlaubterweise heißen Mailverkehr zwischen Brad und seinen Online-Freiern –, vor allem aber über jenes, ob Brad vielleicht ein anderer, kürzlich getöteter Escort namens Kevin/Stevie sei.

Frisches Blut pulsiert

Es mischen sich immer wieder neue Teilnehmer in die Diskussion ein und ihre Aussagen widersprechen einander zunehmend. Deutliche Game Changer sind aber vor allem die Posts von thegayjournalist, der behauptet, zu dem Fall seriös zu recherchieren und vor allem den Kontakt zu Brian sucht. Dies wird im weiteren Verlauf immer wichtiger werden.

Ein E-Mail- bzw. Fax-Verkehr zwischen Brad und Brian bildet das eher kurze Kapitel 4, das die Brad-und-Brian-Saga aus Sicht des Letzteren fortzuführen scheint. Das abschließende Kapitel 5 besteht erneut aus Rezensionen, auch wieder die Brad-und-Brian-Saga aufgreifend – nun jedoch deutlich härter und gnadenloser als zu Beginn. Das vermeintliche Schicksal der beiden wird – nicht allzu erstaunlich – erst auf den letzten Seiten aufgelöst.

Gewaltig

Hui, gleich zu Beginn der Analyse ist festzuhalten: Die Schlampen ist nichts für Zartbesaitete. Hier geht es tatsächlich ordentlich zur Sache und die Phantasien der fast ausschließlich männlichen Forumsteilnehmer gehen häufig weit über das hinaus, was viele als „normal“ empfinden würden. Teils extremer SM scheint hier Standard zu sein, Schmerz und Unterwerfung natürlich eingeschlossen. Einen Partner beim Sex bewusst und vorsätzlich zu töten oder unwiderruflich körperlich zu schädigen scheint die Phantasie mancher Männer massiv anzuregen.

Ist beispielsweise eine Vergewaltigung aus der Perspektive einer Betroffenen noch der zentrale und zutiefst erschütternde Handlungsstrang in Antje Rávik Strubels mit dem Deutschen Buchpreis 2021 ausgezeichneten Roman Blaue Frau, so zeigt sich bei Brads scheinbarer Bereitschaft zu jeglicher Form von gewalttätigem, unterwürfigem SM-Sex und so einigen nacherzählten Vergewaltigungen im Buch eine ganz andere Perspektive auf hier unfreiwillig konnotierten Sex. Das soll die Gewalt nicht ansatzweise verharmlosen, doch ist eseine Sichtweise, die die Lust an der Gewalt in den Vordergrund stellt. Und, das sei erwähnt: Rape Fantasies sind ein Ding und das nicht nur für jene, die die Täterrolle einnehmen wollen.

Das Böse, es steckt offenbar im Menschen. Oder präziser im Sinne der Geschichte: Diejenigen, die hier etwas reinstecken wollen, die sind ziemlich böse. Ganz ehrlich: Jemand, der oder die der nicht-heterosexuellen Community nicht freundlich gegenübersteht, würde vermutlich in dieser Abneigung noch bestärkt. Die Schlampen ist eine einzige Artikulation von bösartigen, voyeuristischen Phantasien, von Gewalt, Drogen, Sex, Pädophilie (Hallo, Friedrich Merz, hier gibt es tatsächlich mal diesen von Ihnen vorletztes Jahr unnötig hergestellten Zusammenhang!) und überbordender sexueller Erregung. Nicht dass es das nicht auch alles unter Heterosexuellen gäbe, aber hier ist es für die schwule Community in einer Extremform dargestellt.

Anonymität im tatsächlichen Neuland

So offen kann es auch nur sein, weil die Anonymität des Internets es zulässt. Jeder und jede kann posten, was er oder sie will, vieles lässt sich nicht nachrecherchieren und verifizieren. Kommentare des Webmasters, später eine Bestätigung der Rezensionen durch Brian, sind Versuche, manche Aussage als wahr oder falsch zu identifizieren oder in einen Kontext einzuordnen, aber selbst hier ist das nicht immer möglich. Und wie angedeutet: Auch die Rolle des Journalismus wird hinterfragt.

© the little queer review

Die Frage nach Vertrauen und Vertrauenswürdigkeit und nach den Instanzen, die diese Werte und ihre Integrität überwachen, ist eine der eigentlich zentralen in Die Schlampen. Wer also wacht darüber? Wie unabhängig kann eine Behauptung überprüft werden? Wo ist vielleicht verdeckte und zweckgerichtete Manipulation im Spiel? Bereits vor mehr als 15 Jahren hat Dennis Cooper diese Fragen aufgeworfen – da gab es noch nicht einmal Twitter, das einen Donald Trump hätte sperren können.

Die wahren Systemhuren

Die Figuren von Brad und Brian werden ob ihres brachialen Zusammenwirkens zur Legende in der Community von Voyeuren und Opportunisten. Und am Ende sind es aber doch nicht die beiden, die die eigentlichen Schlampen in Dennis Coopers Roman sind. Die eigentlichen Schlampen sind die Mitglieder der Community. Denn – die vielen und zunehmenden Widersprüche in den Postings deuten es an – sie und ihre Lust sind die eigentliche Attraktion. Sie sind die Systemhuren (Hallo, Österreich!), die mit ihrer Obsession einen Markt und eine Nachfrage generieren, die umgehend bedient und ausgenutzt werden.

Dennis Cooper illustriert somit mit seinem mit dem Prix Sade und dem Lambda Literary Award für den besten Roman des Jahres ausgezeichneten Buch Die Schlampen eine Subkultur, die von und in Gewaltphantasien lebt. Er sah bereits 2005 fast schon kassandraartig voraus, welche Gefahr von der Anonymität und Manipulationsfähigkeit im Internet ausgehen kann, aber auch welch ein Marktplatz der Ideen es ist. Die Schlampen beschreibt härteste sexuelle Phantasien, führt so manchen in die Irre und gibt aber doch irgendwie allen das, was sie wollen. Ein wirklich sehr lesenswertes Buch, aber ein bisschen aufnahme- und verarbeitungsbereit und -fähig für Gewaltszenarien muss mensch dafür auf jeden Fall sein. Fluffig zartbesaitete Persönlichkeiten sollten damit besser nicht konfrontiert werden.

HMS

Eine Leseprobe findet ihr hier.

Dennis Cooper: Die Schlampen; Aus dem Amerikanischen Englisch von Raimund Varga; 1. Auflage, November 2021; 252 Seiten; Hardcover mit Folienprägungund Farbschnitt; ISBN: 978-3-9030-8149-9; Luftschaft Verlag; 24,00 €; auch als eBook erhältlich

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