Diversität statt Diskriminierung


Hinweis: Aufgrund der fortgesetzten kriegerischen Aggression Russlands und des Präsidenten Wladimir Putin gegen die Ukraine haben wir uns entschieden, unseren Redaktionsplan in weiten Teilen umzustellen. Geplante und teils angekündigte Besprechungen und Texte verschieben sich. Am morgigen Mittwoch lest ihr einen Beitrag zum russischen Sender Doschd und dessen Gründerin Natalja Sindeewa, der die letzte gegnerische Flanke zu Putin und seiner Medien-Propaganda bildet – so wandte sich kurz nach dem Einmarsch der russischen Truppen der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj über Doschd TV direkt an das russische Volk.

An diesem denkwürdigen ersten März, an dem Putin immer noch seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine führt, jährt sich zum achten Mal der Zero Discrimination Day, der 2014 erstmalig von der UNAIDS, dem Gemeinsamen Programm der Vereinten Nationen für HIV/AIDS, ausgerufen wurde, um auf systemische, kulturelle und gesellschaftliche Diskriminierung von Menschen, die mit HIV/AIDS leben, aufmerksam zu machen und gleichsam gegen diese Diskriminierung anzugehen. Mittlerweile wird der Tag auch genutzt, um auf weitere marginalisierte Gruppen aufmerksam zu machen.

Diskriminierung auch im Gesundheitswesen

„Remove laws that harm, create laws that empower“ (deutsch etwa: „Gesetze, die schaden abschaffen, Gesetze, die stärken erschaffen“), ist das starke Motto des diesjährigen Zero Discrimination Day. Ein Ansatz, der dennoch ganzheitlich gelesen werden kann, wie auch die Geschäftsführerin der AIDS Hilfe Wien, Andrea Brunner, festhält: „Abwertung und Ausgrenzung HIV-positiver Menschen dürfen nicht länger vorkommen – deshalb müssen wir gemeinsam dagegen angehen. Die Aids Hilfe Wien setzt daher anlässlich des Zero Discrimination Days in Zusammenarbeit mit anderen Organisationen und mit der Politik, auf Information, Sensibilisierung und Aufklärung, um Diskriminierung und deren Folgen zu bekämpfen“ – #wissenstattvorurteile

Kampagnenvideo zu #wissenstattvorurteile der AIDS Hilfe Wien

Laut Brunner verursache die Diskriminierung und Abwertung HIV-positiver Menschen eine weit stärkere Minderung der Lebensqualität und viel größere Probleme als die tatsächlich geringen gesundheitlichen Einschränkungen, die sich aufgrund einer HIV-Infektion unter wirksamer Therapie ergeben können. Tragischerweise beträfen die meisten Berichte über Ungleichbehandlung aus dem Jahr 2021, die an die AIDS Hilfen Österreichs herangetragen wurden, das Gesundheitswesen, also Vorfälle bei Ärzt:innen, in Kliniken, bei Zahnärzt:innen oder im Zuge von Kur- oder REHA-Aufenthalten.

Diversität als Erfolgsfaktor

Doch auch am Arbeitsplatz begegnen Menschen immer wieder Diskriminierung. Etwa wegen ihres HIV-Status, so würden laut Andrea Brunner Betroffene teils „abgewimmelt“, gemaßregelt, beschimpft, zwangsbeurlaubt oder gar gekündigt, etwas dem auch mit der Initiative #positivarbeiten entgegengewirkt werden soll. Der Pressesprecher der Deutschen Aidshilfe, Holger Wicht, sagt dazu:

„Diskriminierung und Stigmatisierung sind für Menschen mit HIV nach wie vor Teil ihres Alltags. Das heute mögliche Leben mit HIV wird ihnen oft wieder schwergemacht, weil es Vorurteile, Unwissenheit und Ignoranz gibt. Diskriminierung und Ausgrenzung können krank machen! Berührungsängsten und Benachteiligungen gilt es in allen Bereichen des täglichen Lebens entschieden entgegenzutreten und deutlich zu machen: Ein solidarisches und entspanntes Zusammenleben ist besser für alle!“

Holger Wicht, Pressesprecher Deutsche Aidshilfe

Diskriminiert werden Menschen aber auch wegen ihres Geschlechts, ihrer Ethnie, einer Behinderung oder weil sie Teil der LGBTIQ*-Community sind. Um darauf aufmerksam zu machen, gelebter Diversität ein prominentes Gesicht zu geben und Fragen zu stellen, startete das Diversitätsnetzwerk BeyondGenderAgenda in Kooperation mit der Publicis Groupe Deutschland zum heutigen Zero Discrimination Day die Kampagne #SuccessIsDiverse, die sich an deutsche Unternehmen richtet und vor allem deren überwiegend homogen aufgestellte Führungsgremien adressiert (dieses eine Foto von der Münchener Sicherheitskonferenz lässt grüßen). 

Vielfalt is Key

Kern der Kampagne sind Portraitfotos von acht Persönlichkeiten mit sehr unterschiedlichen Prägungen, Erfahrungen und Hintergründen. So lesen wir auf dem Foto der BeyondGenderAgenda-Gründerin Victoria Wagner den simplen Satz: „Schwarze Zahlen sind bunt.“ Etwas, das im Übrigen auch Jens Schadendorf in seinem Buch GaYme Changer eindrücklich erläutert und belegt hat. Die Kampagne könnte und sollte unserer Meinung nach durchaus gern über Unternehmen als Adressaten hinausgehen.

So ist unter anderem der Speaker und Autor Janis McDavid, der ohne Arme und Beine geboren wurde, Teil von #SuccessIsDiverse (siehe Titelbild) und er meint und fragt: „Wir müssen verkrustete Strukturen aufbrechen, und auch mal fragen ‚Warum gibt es bis heute niemanden irgendwo sichtbar mit einer Behinderung in der Führungsebene eines DAX-Konzerns?‘“ Sein aktuelles Buch Alle anderen gibt es schon besprechen wir übrigens in Bälde.

„German Dream statt German Angst“

Die Seriengründerin Miriam Wohlfarth (siehe Titelbild) betont Meinungsvielfalt und -freiheit: „Man muss sich reiben, aber in einer sicheren Umgebung. Jeder muss seine Meinung sagen dürfen, man muss sich auch streiten dürfen, um in der Sache anschließend einen guten Konsens zu finden.“ Die Autorin, Sozialunternehmerin und Menschenrechtsaktivistin kurdisch-jesidischer Abstammung Düzen Tekkal fordert „German Dream statt German Angst“ und der SPD-Bundestagsabgeordnete Hakan Demir weist darauf hin, dass es kein Problem des Hintergrunds, sondern ein soziales Problem sei, wenn zum Beispiel Jugendliche schlechtere Abschlüsse machten. Nicht ethnische sondern soziale Herkunft und die damit fehlende Unterstützung seien hier das Problem.

Der seit geraumer Zeit für Gleichberechtigung und Toleranz (wir würden ja das Wort Akzeptanz bevorzugen, aber nun denn…) kämpfende Moderator und Aktivist Riccardo Simonetti wird vom Spruch „Einzigartig statt 08/15“ begleitet und das sollte ohnehin ein prägendes Motto sein. Zu denken gibt er mit dem Satz: „Jeder von uns kommt im Leben an den Punkt, an dem man nicht mehr die Norm ist, an dem man nicht mehr die Mitte der Gesellschaft ist.“ Übrigens lesen wir gerade Mama, ich bin schwul. Was mein Coming-out für uns bedeutete, das er gemeinsam mit seiner Mama Anna Simonetti geschrieben hat.

Offen(e) Vorurteile abbauen

Ob also nun bezogen auf HIV/AIDS oder anderes: Durch Information und Offenheit, „umfassende Wissensweitergabe und Sensibilisierungsarbeit“, wie Andrea Brunner sagt, Vorurteile abzubauen und so Diskriminierung aber auch dem Trugschluss, „[z]u glauben, nur weil ich etwas nicht erfahre, ist es nicht existent“, wie der Werber Simon Usifo von #SuccessIsDiverse anmerkt, entgegenzuwirken, das sind die Ziele der vorgestellten Kampagnen aus Österreich und Deutschland. Selbstredend sind das Ziele, denen wir uns nicht nur zum Zero Discrimination Day anschließen möchten. 

„It is not our differences that divide us. It is our inability to recognize, accept, and celebrate those differences.“

„Es sind nicht unsere Unterschiede, die uns trennen. Es ist unsere Unfähigkeit, die Unterschiede zu erkennen, zu akzeptieren und wertzuschätzen.“

Audre Lorde

Mehr zur Kampagne der AIDS Hilfe Wien findet ihr hier, ebenso könnt ihr auf deren Homepage Diskriminierungen melden und es finden sich Informationen für Menschen mit HIV, die aus der Ukraine flüchten mussten. (Übrigens spitzt sich dem Vernehmen nach die Lage in der Ukraine in Bezug auf Medikamentenknappheit zu; gleiches gilt auch für während einer Transition von trans*-Personen benötigte Hormone. Mehr dazu natürlich in den kommenden Tagen.)

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