Farbkräftige Kontaktaufnahme

Immer, wenn es heißt, jemand kehre zu seinen Wurzeln zurück, klingt das irgendwie so, als könne sich die Person auch gleich unter den Baum legen. Im Falle des Malers, Filmemachers und Fotografen William Klein und seinen Painted Contacts jedoch bedeutet es eine Feier der Möglichkeiten der Malerei – verschmelzend, oder in seinen Worten: „verheiratend“ mit der Fotografie. 

Maler, Fotograf, Filmemacher

Denn, der 1928 in New York geborene Klein, vielen in der Breite bekannt vor allem für seine Mode- und Backstagefotografien wie auch seine Foto- und fotografischen Stadtreportagen, hat seine künstlerischen Anfänge durchaus in der (abstrakten) Malerei, studierte und arbeitete zeitweilig unter dem französischen Künstler Fernand Léger und konnte in den 50er-Jahren erfolgreiche Soloausstellungen aufweisen. 

William Klein, Easter Group, Harlem, New York 1955 (Painted c. 2003) // © 2020 William Klein

Dann erst wandte er sich der Fotografie zu (später auch dem Filmemachen, u. a. Dokumentarfilme über Muhammed Ali oder dem Black Panther-Aktivisten Eldridge Cleaver, aber auch Spielfilme), und, wie der 2017 verstorbene Publizist Robert Delpire in seiner Einleitung zum in diesem Frühjahr im Prestel Verlag erschienen Fotoband Painted Contacts schreibt, forderte dabei oft die Realität heraus. Ganz egal, ob er eine Menschenmenge, eine Situation auf der Straße oder eine Issey Miyake-Show fotografierte – immer arbeitete der Wahl-Pariser William Klein dabei punktgenau, so Delpire.

Spielfertigkeit der Bildarchitektur

Von welcher Wichtigkeit die Kontaktabzüge dabei sind, dürfte vielen Betrachter:innen und Interessierten nicht erst durch das Vorwort und eine abschließende Einordnung des Fotografen selbst klar sein. Ebenso kennen sicherlich viele die typischen Momente in einer Dokumentation über Fotografie oder Fotograf:innen, in denen die Kamera über Kontaktabzüge fährt, wir jene zu sehen bekommen, die es nicht in den Druck schafften, dann die engere Auswahl und schließlich die mit Fettstift markierten Abzüge, die es geschafft haben, die irgendwo Teil eines Buches, eines Berichts, einer Ausstellung und manches Mal auch Teil des kollektiven Gedächtnisses geworden sind.

So kam auch William Klein zu der Idee für seine Painted Contacts: Für eine Kurzfilmreihe setzte er genau das oben beschriebene inszenatorische Verfahren ein und dachte sich dabei: Warum nicht die Entwicklung, die die Kamera hier in Bewegung zeigt, auf einem Planum festhalten? Für einen neuen, großformatigen Blick auf die dennoch stete Beweglichkeit der Bilder? So auch die Kunst- oder in diesem Zusammenhang wohl passender: Spielfertigkeit einer anderen Bildarchitektur verdeutlichen können?

Farbige Reise in die Geschichte

Diesen Prozess zeigt er nun in knalligen Farben – rot, blau, gelb überwiegen, aber auch orange, lila, grau und türkis begegnen uns in den kräftigen, begeisterten, fetten Farbstrichen, die die Abzüge umrahmen, durchkreuzen, umkreisen, untermalen. Klein wollte die Farben – er nutzt Emaillefarbe, da sie im Gegensatz zu anderen perfekt hält und es nur einen Strich zur Abdeckung braucht – aber nicht nur verwenden, um den Entwicklungs- und Entscheidungsprozess hin zu einer Aufnahme nachvollziehbar zu machen, sondern, um durch die manches Mal wild, aber nie verloren wirkenden Pinselstriche zu jubeln. Um der Freude über das Fotografieren Ausdruck zu verleihen, diesem Fest, dass das physische Fotografieren für ihn gewesen ist, auch auf glatter Fläche zu zelebrieren.

Durchaus vermittelt der hochwertige und makellos gedruckte Band dieses Lebensgefühl und das positive Arbeitsethos auf jeder seiner 140 Seiten. Dazu ist er eine Reise nicht nur durch das Schaffen Kleins, sondern auch die (Fotografie-)Geschichte, reichen seine Aufnahmen doch von der Zeit Mitte der 50er- bis in die Nullerjahre hinein. Seine Painted Contacts setzte er dann von Mitte der 90er ebenfalls bis in den Beginn der 2000er um.

Highlights und Bandbreite

Dabei finden sich in dem Band auch legendäre Highlights bearbeitet wie das 1990 entstandene Club Allegro Fortissimo, Paris, das unvorstellbar nahe, einigermaßen erschreckende und definitiv wilde Gun 1, New York (1955), Easter Group, Harlem (1955), Ali + Bundini, Miami (1964) oder Teile von Dance Happening, Tokyo (1961). Die Art, auf die William Klein beispielsweise dieser durch seine mehrfarbige Ausgestaltung eine ganz andere Lebendigkeit, ja gar eine besondere Explosivität zuteil werden lässt, ist aufregend und sorgt beim Betrachten für Gänsehaut.

Natürlich finden sich auch viele durch Malerei erweiterte Bilder diverser Proteste, Paraden und Veranstaltungen. Ob Protest anti Le-Pen (2002), Demonstration, Paris (1994), Knights of Columbus, New York (1992), Rolling Stones Concert, Paris (1982), Democrats’ convention, Atlanta (1988), Prix de l’Arc de Triomphe, Longchamp, Paris (2000), God Is a Republican, Atlanta (1988) oder Brazilian fans, Soccer World Cup, Torino (1990), die Bandbreite ist thematisch so groß wie optisch.

Queeres Leben und Kommerz

Ebenfalls nicht ausgelassen hat William Klein in seinen Aufnahmen und ebensowenig für sein Painted Contacts-Projekt, welches 2005 erstmals in Rahmen einer großen Retrospektive im Centre Pompidou ausgestellt wurde (2017 auch bei C/O Berlin), die Act Up-Demonstrationen, im Band vertreten mit Act Up, Atlanta (1998). Auch finden sich in noch dynamischere Sphären gemalte Fotografien der Gay Prides in Paris 1999, 2000 oder 2004, wie zum Beispiel das lebendige und aufrüttelnde Nuns + devil, Gay Pride, Paris (2000).

William Klein, Nuns + Devil, Gay Pride, Paris 2000 (Painted c. 2001) // © 2020 William Klein

Der, wenn wir es so nennen wollen, sehr kommerzielle Teil von Kleins Schaffen wird in verschiedenen Backstage-Fotografien diverser Modenschauen und einiger klassischer Foto- (das famose Smoke + Veil (Vogue), Paris (1958)) und Werbeshoots abgedeckt. Ob nun 1984 bei Jean Paul Gaultier (schönen Semi-Ruhestand!), 1992 bei Christian Lacroix oder 1986 bei Miyake, der bemalte Blick hinter die Kulissen weiß zu beeindrucken. Das zum Teil mit einem gelben „Pluszeichen“ markierte Bild Alaïa + Marpessa, Paris (1986), welches das niederländische Model Marpessa Hennink Backstage auf einer Show Azzedine Alaïas zeigt, gehört sicherlich nicht nur für Fashion-Fotografie-Aficionadas und -Aficionados zu einem der Highlights des daran nicht armen Bandes.

Ein Fest, das ein Muss ist

Zu guter Letzt dürfen wir uns auch über einige nicht ganz so stille Stillleben freuen, die Stadt, Straße und Details wiedergeben, wie das, hach, so bewegungsstarke und durch es nun verschiedenfarbig umgebende Pfeile aktiv gerahmte Pigeons + Unchained, New York (1955), Water mains, New York (1955), Torn paper, New York (1963), Bus 19, London (1989) oder Look Left, London (1997). All diese Aufnahmen – und deren Einbeziehung in sein Farbprojekt – weisen William Klein noch einmal als aufmerksamen und detailverliebten Beobachter der ihn und uns umgebenden Welt aus. Insbesondere bei den Fotografien der ihm in einer Hassliebe verbundenen Geburtsstadt New York (die schmissig formulierte Kurzbiografie am Ende des Bildbandes macht übrigens große Freude, sich noch oder erstmals eingehender mit Kleins Schaffen von circa 1955 bis in die 80er-Jahre zu beschäftigen) ist das spannend zu sehen.

Wie diesen Gedanken zur Betrachtung von Painted Contacts wohl unschwer zu entnehmen sein dürfte, war es nicht nur für William Klein eine feine celebration, die Arbeiten zu schaffen, Ausstellung und Fotoband zusammenzustellen, sondern auch für den Rezensenten ein großes Fest, sich in den Aufnahmen und ihrer farbkräftigen Neugestaltung zu verlieren. Ein Muss für Freund:innen (analoger) Fotografie und zeitgenössischer Malerei. 

JW

William Klein Painted Contacts

William Klein: Painted Contacts; Vorwort: Robert Delpire; 1. Auflage, 2021; Festeinband, gebunden; 140 Seiten; 20,4 x 29,0 cm; durchgehend farbig illustriert; ISBN: 978-3-7913-8731-4; Prestel Verlag; 35,00 €

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