Gutes Pharma, böses Karma?

Kürzlich starb ein guter Freund von mir an den Folgen einer chronisch-entzündlichen neurologischen Autoimmunerkrankung, die vor vielen Jahren bei ihm diagnostiziert wurde und nun eben letztgültig zugeschlagen hat. Das war, das ist tragisch. Nicht nur, wenn es das eigene Umfeld betrifft, sondern überhaupt sind chronische Erkrankungen, die mit einer Zeituhr deren genauen Stand mensch nicht kennt, versehen sind, eine entsetzliche Sache. 

Stellen wir uns einmal vor, es gäbe ein Medikament oder eine Behandlung, die nach einem kurzen Zeitraum nicht nur Folgeschäden behandeln, sondern die Krankheit heilen würde. Wer wäre nicht bereit, hier kaum Kosten und Mühen zu scheuen, um dieses Medikament zu erhalten, gegebenenfalls auch die schwere und ungewisse Situation einer Testphase mitzumachen? Und welches Pharmaunternehmen würde nicht das erste sein wollen, das verkündet, ein solches Wundermittel auf den Markt zu bringen?

Tot im Zürichsee

Hier setzt der neue Schweizer Tatort, dem mittlerweile vierten mit dem Ermittlerinnen-Duo um die verschlossene Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher) und die forsche Tessa Ott (Carol Schüler), Risiken mit Nebenwirkungen an. Dass hier neben der „Wer war’s“-Frage natürlich noch so manch ethische, moralische, finanzielle und manche mehr gestellt wird, dürfte nicht nur für geübte Zuschauer*innen auf der Hand liegen.

Kannte das Mordopfer sehr gut: Anwalt Matteo Riva (Benjamin Gruber) // © SRF/Sava Hlavacek

Zunächst einmal aber haben wir eine Tote: Die Spitzenanwältin Corinne Perrault (Sabine Timoteo, Glass in Die Mitte der Welt) treibt recht leblos im Zürichsee vor sich rum, in den sie auf ihrem Hausboot geplumpst ist. Zunächst scheint es, als sei es Selbstmord gewesen, dass das jedoch nicht der Fall ist, stellen Ott und Grandjean, die mal eben zum Tatort gerudert war, schnell fest.

Anwälte und Zulassungen

Perrault vertrat im Namen ihrer Kanzlei Clement & Widmer das Pharmaunternehmen Argon, das in einen Rechtsstreit mit Dorit (Annina Butterworth) und ihrer Tochter Klara Canetti (Anouk Petri) verwickelt ist. Klara sitzt wegen einer seltenen Krankheit im Rollstuhl und war Probandin der Testphase für das neue Medikament Volmelia, allerdings verschlechterte sich ihr Zustand während dieser zusehends. Also klagte sie und erhofft sich nun eine solide Stange Geld. 

Befragen die Chefin der Anwaltskanzlei und Mentorin der Ermordeten, Martina Widmer (Theresa Affolter): Kommissarin Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zürcher) und Kommissarin Tessa Ott (Carol Schuler) // © SRF/Sava Hlavacek

Der Konzern und dessen Shooting-Star Dr. Regula Arnold (Laura de Weck) allerdings können diesen Prozess gerade so gar nicht gebrauchen, denn das Medikament steht kurz vor der Zulassung und Vermarktung. Als Perraults Ex-Kollege, Anwalt Matteo Riva (Benjamin Grüter), den Ermittlerinnen die Information gibt, dass sie ihr Mandat abgegeben habe und krankgeschrieben gewesen sei, fällt der Verdacht neben der Klagemutter auch auf die Wissenschaftlerin Arnold…

Pfui, böse Kapitalisten!

Das dürfte eine der längsten Handlungsbeschreibungen gewesen sein, die wir jemals zu einem Tatort verfasst haben. Dabei fehlt hier noch so manches, wie die Betroffenheit der Chefin und Staranwältin Widmer (Theresa Affolter), die auch Perraults Ziehmutter war. Eine der interessantesten Figuren in diesem Tatort von Christine Repond, irgendwo zwischen Anna Wintour und Diane Lockhart (Repond sagt übrigens im Presseheft, zuerst sei die Figur im Drehbuch von Stefanie Veith und Nina Vukovic männlich gewesen, doch schlug sie vor, dies zu ändern, denn: „Es gibt schon so viele Filme mit älteren, mächtigen Männern, und ich fand es an der Zeit, eine solche Rolle mit einer starken Frau zu erzählen.“).

Die jugendliche Zeugin kollabiert nach ihrer Aussage: Kommissarin Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zürcher) und Klara Canetti (Anouk Petri) // © SRF/Sava Hlavacek

Wie oben schon angedeutet, ist in den knapp 90 Minuten so einiges los. Nicht alles funktioniert dabei, aber doch erstaunlich vieles. Selbst die Behandlung der menschelnden Themen (Profit aus Erkrankung, gute Arbeit für böhöhöhöse Menschen und denkt mal einer an die Kinder?), bindet uns nicht zu überdeutlich auf die Nase, dass Kapitalismus böse und Ehrgeiz schlecht wären – wenn Ott auch ganz passend zu ihrer Figur Konzerne „kapitalistische Scheißwixer“ nennt und das Motiv am Ende klar was mit Geld zu tun hat.

Spannung, Humor und Frauenpower

Überraschend kommt es zu einem zweiten Mord (oder Totschlag), der eine dieser dezent hanebüchenen Wendungen, die nahezu immer völlig überraschend im letzten Tatort-Drittel kommen und nicht selten auf eine wenig stringent geführte Ermittlungsarbeit zurückzuführen sind, durchaus unterhaltsam sein lässt. Auch die Beziehung zwischen Grandjean und Ott nimmt eine weitere Hürde, wenn ihre sehr unterschiedlichen Interpretationen von Befragungen und der eigene Ehrgeiz, bei Grandjean offener zutage tretend, natürlich wieder ein wenig Konfliktpotenzial bieten. Dies jedoch weit humorvoller als speziell in den ersten zwei Filmen.

Die Polizei hat ihren Mann eingeschleust und hört mit (v. li. n. re.): Tessa Ott (Carol Schuler), Noah Löwenherz (Aaron Arens) und Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher) // © SRF/Sava Hlavacek

Ebenso freut es, dass, wie auch Regisseurin Christine Repond sagt, Zürich sehr zentral ist und beinahe wie ein weiterer Charakter wird, ohne dass Stadt- und Seebilder dominierten. Zusätzlich gibt es geballte Frauenpower, etwas, das wir natürlich ohnehin begrüßen, denn „will man die sich ändernden Realitäten in unserer Gesellschaft einbeziehen, sollte man das zumindest im Auge behalten“, so Repond.

Wir behalten in jedem Fall gern das Schweizer Team im Auge, zu dem auch noch die Staatsanwältin Anita Wegenast (Rachel Braunschweig) und der Kriminaltechniker Noah Löwenherz (Aaron Arens) gehören, zeichnen sich die Fälle doch durch große Unterschiedlichkeit und einen hohen Unterhaltungs- und Spannungswert aus. 

AS

Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zürcher) und Tessa Ott (Carol Schuler) im Schweizer Tatort // © SRF/Sava Hlavacek

Tatort: Risiken mit Nebenwirkungen läuft am 11. September 2022 um 20:15 Uhr im Ersten, um 21:40 Uhr auf one und ist anschließend für 30 Tage in der ARD-Mediathek verfügbar.

Tatort: Risiken mit Nebenwirkungen; Schweiz 2022; Regie: Christine Repond; Buch: Stefanie Veith, Nina Vukovic; Kamera: Simon Guy Fässler; Musik: Marcel Vaid; Darsteller*innen: Carol Schuler, Anna Pieri Zuercher, Rachel Braunschweig, Sabine Timoteo, Theresa Affolter, Aaron Arens, Peter Jecklin, Igor Kovač, Benjamin Grüter, Laura de Weck, Anouk Petri, Annika Butterworth; Laufzeit ca. 88 Minuten; Ein Lizenzkauf der ARD Degeto für die ARD. Produktion: SRF und Contrast Film. 

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