Öfter mal wegdriften

Keine Chance zu entkommen: Katrin König (Anneke Kim Sarnau, links) und Melly Böwe (Lina Beckmann) stellen Max (Alessandro Schuster, rechts) – zu Recht? // © NDR/Christine Schroeder

Für all jene, die durch Succession, Gossip Girl und Élite nun ein anderes, verrücktes Bild haben mögen: Mensch muss nicht filthy rich, also fürchterlich reich sein, um fürchterlich furchtbar zu sein; insbesondere nicht, was die Familie angeht. Der Rostocker Polizeiruf ist eine solide Erinnerung an diesen Fakt. 

Bukow weg, Böwe da

Florian Oeller bescherte uns als Autor den verstörend-feinen Polizeiruf 110: Sabine, der dysfunktionale Menschen in nicht weniger dysfunktionalen Familien-, Freundschafts- und Arbeitskonzepten – Ermittler:innen eingeschlossen – zeigte. In seinem neuen Polizeiruf 110: Seine Familie kann man sich nicht aussuchen wird’s etwas weniger sozial prekär, dafür aber umso asozialer oder auch inhumaner. 

Inspizieren den Tatort: Maria (Dela Dabulamanzi, links), Volker Thiesler (Josef Heynert) und Katrin König (Anneke Kim Sarnau, rechts) // © NDR/Manju Sawhney

Der Fall um den brutalen Mord an einer Mutter und ihrem vom Hals abwärts gelähmten Sohn David bildet dabei den Rahmen für diverse Abgründe, ohne dass allzu sehr psychologisiert würde. Es wird nicht das Dunkle im Menschen erkundet, sondern welche Mechanismen welche Wirkung mit sich bringen. Insofern ein sehr passender, erster Film ohne Sascha Bukow. Da eben aber alles in der Familie bleibt, die man sich nicht aussuchen kann, sieht sich Katrin König (Anneke Kim Sarnau) zwei Monate nach dem Weggang Bukows nun mit dessen Schwester Melly Böwe (Lina Beckmann) konfrontiert, die mal kurz aus Bochum kommt und mal eben Teile des Falls an sich reißt. 

Eine lange Liste an Verdächtigen

Es ist nämlich alles ziemlich kompliziert: Max (Alessandro Schuster, Das Boot – Staffel 3) ist verschwunden. Max steht auf Drogen und ist Pflegesohn von Jule (Susanne Bormann) und Holger Genth (Jörn Knebel), vermittelt hat ihn Melly, aus Gründen, die die geneigten Zuschauer:innen im Lauf des Films mitgeteilt bekommen. Die Genths wiederum sind – oder waren – eng befreundet mit der Ermordeten und ihrem Sohn, gleichsam dem besten Freund von Max. Hat Max also im Drogenrausch die beiden getötet? 

Katrin König (Anneke Kim Sarnau) ist irritiert: Wieso mischt Melly Böwe (Lina Beckmann) sich in den Fall ein? // © NDR/Christine Schroeder

Oder war es doch der Ex-Mann der Toten? Einer ihrer Liebhaber (etwas, das hier sehr nett von König eingerahmt wird, als die Kollegen da mal etwas zu blöde werden)? Oder gar jemand aus der Familie Genth, die ihr erstes eigenes Kind erwarten? Rätsel über Rätsel. Darüber hinaus fragt König sich, was die Schwester Bukows hier will, denn sie kommt nicht etwa, um ihren Dienst anzutreten, sondern als irgendwie für Max Verantwortliche. Dringt also in Königs Spielbereich ein und wird dabei noch vom Vorgesetzten Henning Röder (Uwe Preuss) unterstützt. Seine Arbeitsfamilie kann mensch sich nicht aussuchen…

Kompetenz und Empathie

Umso spannender ist es für uns, die sich entfaltende Dynamik zwischen den beiden Ermittlerinnen zu verfolgen, die ohne unnötige Garstigkeiten einander gegenüber dennoch erst einmal skeptisch sein können, ohne sich aktiv behindern zu müssen. Da arbeitet das Drehbuch sehr fein und lässt die beiden über ihre Fähigkeiten – und etwas Empathie – aneinander herankommen; dem schauen wir gern zu. 

Gehetzt: Max (Alessandro Schuster) // © NDR/Christine Schroeder

Ebenso gern sehen wir Alessandro Schuster unsicher, suchend und nach Stoff gierend durch die Gegend streifen, in eine Hütte einbrechen und unerwartete Bekanntschaft (mit einer überzeugenden Anika Mauer) schließen. Überhaupt nehmen wir seinem Max die verzweifelte und nagende Unsicherheit ab. Seine Wut gegen Melly hingegen ist etwas unmotiviert platziert, das aber ist diesem durchaus üppigen Polizeiruf durchaus zu verzeihen. 

Teigmasse und Stille Wasser

Zudem gibt es dank sicherer Regie von Stefan Kromer (Eine fremde Tochter) und die Umgebung begreifender Kamera von Carol Burandt von Kameke sehr feine Bilder. Nicht zuletzt sind es auch kleine Symbolmomente, die Verfassung und Gemengelage beschreiben: Sei es der zweierlei kritische Umgang mit Teigmasse oder schlicht die Art, wie die Pflegetochter der Genths, Emma (Paraschiva Dragus) in einem Moment Müsli isst und Wasser trinkt. Stille Wasser sind tief.

Schlimme Nachrichten für Emma (Paraschiva Dragus) und Pflegemutter Jule (Susanne Bormann, rechts) // © NDR/Christine Schroeder

Wie tief die wohl kommende Zusammenarbeit zwischen der (wieder stärker) analytischen Katrin König und der nach Bauchgefühl und mit offenem Visier agierenden Melly Böwe gehen wird, werden wir in der kommenden Zeit sehen. Definitiv ist der Einstieg hier mehr als solide und bringt durchaus Lust auf mehr. Vielleicht backen sie ja sogar mal zusammen.

AS

PS: Es gibt an sich noch einiges, das anzusprechen wäre. Dies würde aber allzu stark vorgreifen. Definitiv gibt es wie angedeutet viele Facetten zwischen den Zeilen und im Umgang zu entdecken, das ist schon schön.

PPS: Ein Motiv, das sich hier durchzieht, ist im Übrigen „Liebe ohne Leistung gibt es nicht, verdien’ sie dir“. Da sind wir wieder ganz bei Succession.

PPPS: Ob Susann Kreihe wohl bald ein Buch „Gewaltvolle Küche mit Stil“ veröffentlichen wird?

Das Polizeiruf-Team: v.l.n.r. Uwe Preuss, Lina Beckmann, Anneke Kim Sarnau, Andreas Guenther, Josef Heynert // © NDR/Christine Schroeder

Polizeiruf 110: Seine Familie kann man sich nicht aussuchen läuft am 24. April 2022 um 20:15 im Ersten, um 21:45 Uhr auf one und ist für sechs Monate in der ARD-Mediathek verfügbar.

Polizeiruf 110: Seine Familie kann man sich nicht aussuchen; Deutschland 2022; Regie: Stefan Kromer; Drehbuch: Florian Oeller; Kamera: Carol Burandt von Kameke; Musik: Cristopher Colaço, Philipp Schaeper; Redaktion: Daniela Mussgiller, Philine Rosenberg; Darsteller:innen: Anneke Kim Sarnau, Lina Beckmann, Andreas Günther, Josef Heynert, Uwe Preuss, Alessandro Schuster, Susanne Bormann, Jörn Knebel, Paraschiva Dragus, Paul Ahrens, Anika Mauer, Dela Dabulamanzi; Laufzeit ca. 89 Minuten; Eine Produktion der Filmpool fiction GmbH im Auftrag des Norddeutschen Rundfunks für Das Erste 

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