Geopolitische Katastrophen oder Glücksmomente?

Dass Russland derzeit nicht „everybody’s darling“ in der internationalen Staatengemeinschaft ist, dürfte an den wenigsten vorbeigegangen sein – sogar in der SPD und ihr Altkanzler scheinen sie dies nach und nach zu realisieren. Seit Putin aber seinen Angriffskrieg in der Ukraine begonnen hat, sind die Beziehungen der allermeisten Staaten zu Moskau so frostig wie schon lange nicht.

Deutschland und Russland sind dabei von einer ganz besonderen Beziehung geprägt: Während sehr viele Staaten und ihre Bewohnerinnen und Bewohner Russland überwiegend entweder bewundern und verklären oder aber als Gefahr sehen, sind die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland schon seit vielen Jahren von ganz besonderer und ambivalenter Natur. Zu viel ist geschehen in der gemeinsamen Geschichte.

Ein Jahrhundert Nachbarschaft

Diese bilaterale Beziehung der letzten etwa 100 Jahre arbeitet der Greifswalder Forscher Stefan Creuzberger in seinem Buch Das deutsch-russische Jahrhundert – Geschichte einer besonderen Beziehung auf. Dieses bei Rowohlt erst im März erschienene Buch könnte aktueller kaum sein und war nicht ohne Grund für den Deutschen Sachbuchpreis 2022 nominiert.

Creuzberger nimmt seine Leserinnen und Leser dabei mit durch einen dreimaligen Ritt durch die deutsch-russische Geschichte seit dem Ersten Weltkrieg, teils auch schon davor. In drei größeren und thematisch fokussierten Hauptteilen – Revolution und Umbruch, Terror und Gewalt sowie Abgrenzung und Verständigung – arbeitet sich Creuzberger durch die bewegte gemeinsame Geschichte beider Länder.

Eine Geschichte, dreimal

Für sich genommen sind diese drei Teile bereits jeweils selbst eine kleine eigene Abhandlung. Diese mögen zwar noch manche Fragen offenlassen oder geben Hinweise auf Entwicklungen, Abkommen, Entscheidungen, etc., die isoliert erst einmal nicht so bedeutsam erscheinen mögen. Aber im Gesamtpaket wird daraus eine durchaus abgeschlossene Aufarbeitung der Geschichte, nur eben aus dreierlei Perspektive.

Ein Beispiel: Ein Motiv, das immer wieder genannt wird, ist der so genannte „Rapallo-Komplex“. Im Vertrag von Rapallo normalisierten die Weimarer Republik und die Sowjetunion 1922 ihre Beziehung. Für beide Staaten war das ein wichtiger Schritt, aber auch für weitere Akteure des internationalen Systems ergaben sich hieraus gravierende Änderungen. Wird „Rapallo“ bei Creuzberger in seinem Teil „Revolution und Umbruch“ erst einmal nur erwähnt und bleibt der Begriff (ohne bereits vorhandenes Vorwissen) zunächst einmal unerklärt, folgt zu einem späteren Zeitpunkt eine gute Einordnung und – wo es ihm gegeben erscheint – eine weitere Erwähnung.

Viele – und schwierige – Themen

Auch an den Inhalten lässt sich erkennen, welch breites und gleichzeitig tiefes Wissen der Historiker hier vereint. Fast jede entscheidende Passage ist mit mehreren hochwertigen Quellen oder Archivmaterial belegt und die Breite der Themen, die es zwischen Deutschland und Russland gibt, würde vermutlich vom Saarland bis nach Wladiwostok reichen. Von bolschewistischer Revolution über wirtschaftliche Verflechtungen, von der Stalin-Note bis zum Zwei-plus-Vier-Vertrag findet sich vieles, was die deutsch-russischen Beziehungen im vergangenen Jahrhundert geprägt hat.

Auch schwierige Themen sind dabei. Ganz vorne sind hier beispielsweise eine ausführliche Analyse zu Reparationen nach dem Zweiten Weltkrieg – das Thema Restitution darf hier nicht ausgespart werden – oder auch zur Gewalt an deutschen Zivilisten in dessen Endphase zu nennen. Sexuelle Gewalt und die zielgerichtete Vergewaltigung vor allem deutscher Frauen durch Rotarmisten ist beispielsweise ein Thema, das in der Aufarbeitung der schwierigen deutsch-sowjetischen Geschichte wenig Aufmerksamkeit fand – Creuzberger verschließt hier dankenswerterweise die Augen nicht.

Schwächen im Fundament

Und doch gibt es einen Punkt, der auffällt und kritisiert werden muss und bisher eher als Stärke betrachtet wurde. Es handelt sich um die Dreiteilung seines Buchs. Wie illustriert, analysiert er in den Kategorien „Revolution und Umbruch“, „Terror und Gewalt“ sowie „Abgrenzung und Verständigung“ und das sich am Ende ergebende Werk lässt sich als großes Ganzes betrachten. Wie er allerdings auf diese Analysekategorien kommt, das legt Creuzberger gerade einmal in ein paar Zeilen offen.

Eine wirklich wissenschaftliche Herleitung oder Erarbeitung dieses Konstrukts lässt sich aber auf ein paar Zeilen nicht glaubhaft machen. Das ginge höchstens in einer journalistischen Aufarbeitung, wie der von Catherine Belton und ihrer Analyse der Clique um Wladimir Putin. Gerade von einem Historiker wäre es wünschenswert, hier noch eine tiefere Erläuterung in sein analytisches Konstrukt zu bekommen. Ja, die Kategorien ergeben Sinn, aber wieso kommt er auf diese Perspektiven? Die Antwort auf diese Frage bleibt uns Creuzberger leider schuldig, auch wenn das Ergebnis und die mehr als 550 Seiten Textteil uns inhaltlich auf jeden Fall zufriedenstellen.

Russland ist und bleibt da

Dass es sich bei Putins Einmarsch in die Ukraine nicht um eine „Spezialoperation“ sondern einen brutalen Angriffskrieg handelt, ist objektiv nicht abzustreiten. Vieles aber lässt sich in der langen und bewegten Geschichte zwischen Deutschland und Russland unterschiedlich betrachten. Für Putin war der Niedergang der Sowjetunion bekanntermaßen „die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“. Altkanzlerin Angela Merkel gab hingegen in ihrem ersten größeren öffentlichen Auftritt nach Amtsende am 7. Juni zum Besten, dass es für sie der „Glücksmoment meines Lebens“ gewesen sei.

Das Buch von Stefan Creuzberger in passender Umgebung am Sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park // Foto © the little queer review/HMS

Diese verschiedenen Auffassungen zeigen uns, wie unterschiedlich wir doch vieles betrachten können – und vieles auch sollten. Stefan Creuzberger gibt uns mit Das deutsch-russische Jahrhundert einen wichtigen Einblick in diese so schwierige Beziehung und bleibt dabei dennoch sehr ausgewogen. Er vermittelt uns Geschichte aus mehrerlei Perspektiven und genau diese Vielfalt ist es, die sein Buch trotz kleinerer Schwächen so wertvoll macht – gerade im aktuellen Diskurs.

Denn – auch hier sei die Altkanzlerin am 7. Juni sinngemäß herangezogen – Russland ist und bleibt ja da und wir können es nicht einfach ignorieren. Wir müssen uns mit ihm verständigen – also mit einem Russland nach Putin. Das heißt in Bezug auf die Ukraine alles andere als Appeasement, sondern unterstreicht vielmehr die Bedeutung, darum zu wissen, wer das Gegenüber ist, wie es tickt und welche Befindlichkeiten es hat. Und das wird auch nach dem Krieg – und nach Putin – von essenzieller Bedeutung sein.

HMS

Eine Leseprobe findet ihr hier.

Stefan Creuzberger: Das deutsch-russische Jahrhundert. Geschichte einer besonderen Beziehung; März 2022; 672 Seiten, mit Bildteil; Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen; ISBN: 978-3-498-04703-0; Rowohlt Verlag; 36,00 €

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